Prolog - Teil 1
Die Küche roch nach Kaffee und verbranntem Toast.
Sarah stand am Herd und kratzte mit einem Buttermesser die schwarze Schicht von einer Scheibe Vollkorn, während hinter ihr die Kaffeemaschine ihr morgendliches Gurgeln beendete. Draußen lag Bardowick unter einem Novemberhimmel, der sich nicht entscheiden konnte, ob er grau oder hellgrau sein wollte. Samstag. Kein Wecker, kein Schichtdienst, kein Krankenhaus. Einer von diesen Tagen, an denen die Zeit sich dehnt wie warmes Wachs.
Vom Flur her das Trampeln nackter Füße auf Holzdielen. Dann ein Kichern, gedämpft, als würde jemand versuchen, leise zu sein, und grandios daran scheitern.
Lena und Jule schoben sich durch die Küchentür. Lena im übergroßen T-Shirt, das vermutlich mal Martin gehört hatte, die Haare ein mittelschweres Desaster. Jule in einem Hoodie, der so zerknautscht war, als hätte sie darin nicht nur geschlafen, sondern auch einen Nahkampf mit ihrer Bettdecke geführt. Beide trugen diesen speziellen Gesichtsausdruck, den nur Dreizehnjährige hinbekommen: eine Mischung aus tiefster Erschöpfung und der felsenfesten Überzeugung, dass die Nacht viel zu kurz gewesen war.
»Morgen«, sagte Lena und ließ sich auf einen der Stühle am Küchentisch fallen.
»Morgen«, echote Jule und nahm sich den Stuhl daneben.
Sarah drehte sich um. »Guten Morgen, ihr zwei. Gut geschlafen?«
»Mhm«, machte Lena.
»Definitionssache«, sagte Jule.
Sarah stellte den Teller mit dem geretteten Toast auf den Tisch, dazu Butter, Marmelade und eine Packung Frischkäse, die schon bessere Tage gesehen hatte. »Bedient euch. Kaffee gibt’s nicht, aber Kakao ist im Schrank.«
»Mama, wir sind dreizehn, nicht acht.«
»Richtig. Kakao ist im Schrank.«
Lena verdrehte die Augen, aber nur pro forma. Jule war schon aufgestanden und holte die Kakaodose.
Während die Mädchen sich Brote schmierten und Jule eine Schicht Nutella auftrug, die jeden Ernährungsberater in den vorzeitigen Ruhestand getrieben hätte, setzte Sarah sich mit ihrer Kaffeetasse dazu. Samstag. Die Küche warm, die Stimmen leise, das Licht gedämpft durch den Novemberhimmel.
»Ich wollte nachher nach Hamburg fahren«, sagte Sarah. »Einkaufen. Lena, du kommst mit, oder?«
»Klar.«
»Jule? Hast du Lust? Wir können dich vorher zu Hause absetzen oder du kommst einfach mit.«
Jule biss in ihr Brot, kaute, schluckte. Dann verzog sie das Gesicht zu einer Grimasse, die echtes Bedauern ausdrücken sollte und dabei so theatralisch ausfiel, dass sie das genaue Gegenteil erreichte. »Kann leider nicht. Meine Eltern foltern mich heute.«
Sarah hob eine Augenbraue. »Foltern?«
»Zimmer aufräumen.« Jule sprach die Worte aus, als handle es sich um eine mittelalterliche Bestrafungsmethode. »Angeblich sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Was übertrieben ist. Es war höchstens ein mittlerer Wirbelsturm.«
»Wann hast du denn das letzte Mal aufgeräumt?«, fragte Lena.
Jule überlegte. »So … zehn Tage?«
»Zehn Tage«, wiederholte Sarah.
»Ungefähr. Vielleicht zwölf. Wer zählt so was?«
»Deine Mutter, offenbar.«
Jule seufzte, tief und schicksalsergeben, wie nur Dreizehnjährige seufzen können. Dann hellte sich ihr Gesicht auf. »Aber wenn ich fertig bin – also, wenn ich die Folter überstanden habe –, können wir uns heute Abend wieder treffen? Zweite Übernachtungsparty?«
Lena sah zu Sarah. Der Blick, den nur Töchter beherrschen. Nicht bittend, nicht fordernd – eher eine sanfte, aber unmissverständliche Mitteilung, dass die richtige Antwort bereits feststehe.
Sarah trank einen Schluck Kaffee. »Von mir aus. Wenn Jules Eltern einverstanden sind.«
»Die sind froh, wenn ich weg bin«, sagte Jule. »Dann können sie in Ruhe meinen Brüdern das Leben schwer machen.«
»Abgemacht.«
Das Frühstück dehnte sich aus, wie Samstagmorgenfrühstücke das tun. Jule erzählte von einem Lehrer, der angeblich im Unterricht eingeschlafen war. Lena korrigierte die Geschichte auf ein realistischeres Maß – er hatte nur die Augen geschlossen, während er nachgedacht hatte –, was Jule mit der Begründung abtat, dass Schnarchen kein Zeichen von Nachdenken sei. Sarah hörte zu und genoss das Grundrauschen aus Geplapper, Besteckklappern und gelegentlichem Lachen, das eine Küche am Samstagmorgen zu dem machte, was sie war.
Martin erschien um kurz nach neun. Er trug eine Jeans, die so aussah, als gehöre sie in die Werkstatt, und ein kariertes Flanellhemd, das diese Vermutung bestätigte. In der Hand hielt er sein Handy, auf dem er etwas gelesen hatte, das ihn offenbar zufriedenstellte.
»Morgen zusammen.«
»Morgen, Papa.«
»Morgen, Herr Hartmann.«
Martin nickte Jule zu – er mochte das Mädchen, auch wenn er das nie in so vielen Worten sagen würde – und schenkte sich Kaffee ein. Dann lehnte er sich gegen die Arbeitsplatte und nahm einen Schluck.
»Ich fahre nachher auch los«, sagte er beiläufig.
Sarah sah ihn an. »Wohin?«
»Lüneburg. Hornbach.«
Ein kurzes Schweigen. Sarah legte den Kopf schief.
»Martin.«
»Was?«
»Du warst letzte Woche im Hornbach.«
»Richtig. Da haben sie aber nicht das gehabt, was ich gebraucht habe.«
»Und was brauchst du?«
Martin trank noch einen Schluck Kaffee. Seine Miene war die eines Mannes, der eine vollkommen vernünftige, praktische und in jeder Hinsicht nachvollziehbare Antwort geben würde. »Schrauben.«
»Schrauben«, wiederholte Sarah.
»Spezielle Schrauben. Edelstahl. A2-70.«
»Für die Werkstatt.«
»Für ein Projekt.«
»Ein Projekt in der Werkstatt.«
Martin sah sie an. Es war dieser Blick, den Ehepaare entwickeln, die lange genug zusammen sind, um ganze Gespräche ohne Worte zu führen. Sarah kannte diesen Blick. Er bedeutete: Ich werde in den Hornbach fahren und mit Schrauben nach Hause kommen und mit Schrauben und möglicherweise einem neuen Akkuschrauber und eventuell einer Oberfräse und vielleicht einer Werkbank, die im Angebot war.
»Ich kaufe nur Schrauben«, sagte Martin.
»Natürlich.«
»Edelstahl. Sechskant. Sonst nichts.«
»Ich glaube dir aufs Wort.«
Jule sah zwischen den beiden hin und her wie bei einem Tennisspiel. Dann beugte sie sich zu Lena und flüsterte – laut genug, dass es jeder hören konnte: »Glaubt sie ihm?«
»Nie«, flüsterte Lena zurück. »Letztes Mal hat er einen Bandschleifer mitgebracht. Davor eine Kappsäge.«
»Ich hab euch gehört«, sagte Martin.
»Das war Absicht«, sagte Lena.
Martin stellte seine Kaffeetasse ab, und um seine Mundwinkel lag etwas, das bei einem anderen Mann ein Grinsen gewesen wäre. Bei Martin war es ein minimales Zucken, das mehr sagte als jedes Lachen.
»Edelstahl«, sagte er noch einmal, als würde die Wiederholung die Sache glaubwürdiger machen.
»A2-70«, ergänzte Sarah trocken.
»Genau.«
Sarah stand auf, stellte ihre Tasse in die Spüle und küsste Martin im Vorbeigehen auf die Wange. »Viel Spaß bei deinem Schraubenkauf, Schatz.«
»Viel Spaß beim Shoppen.«
»Das ist was anderes.«
»Klar.«
Die Küche war warm. Der Kaffee dampfte. Draußen lag Bardowick unter seinem grauen Novemberhimmel, ruhig und unverändert, und die Familie Hartmann frühstückte an einem Samstag, der sich anfühlte wie alle Samstage davor und alle Samstage danach.









„Ich kaufe nur Schrauben“. Fährt los mit Sprinter UND Anhänger - wegen Schrauben. Wer kennt es nicht 😂
Der Auftakt ist wunderbar, auch wenn die Idylle offenbar nicht mehr lange anhält.
Ich liebe diese Geschichte jetzt schon, wenn mir auch klar ist, dass das Lustige bald verfliegen wird. Aber ich mag nun mal Geschichten, die aus der Sicht des Erzählers geschrieben sind, noch dazu im Imperfekt. Martin könnte eins zu eins mein Mann sein. Oder sind alle Männer so auf Baumärkte fixiert?
Dieser Satz: Mama ich bin dreizehn... Den kriege ich im Moment ständig von meinem pubertierenden Sohn zu hören🤣
Toller Einstieg👍