Died That Night
Das Erste, was ich spüre, ist Frieden.
Ein brutaler, reiner Frieden – jetzt, wo ich endgültig aufgehört habe zu atmen.
Meine Glieder treiben schwerelos, als hätte das Meer endlich beschlossen, mich nicht mehr zu ertränken, sondern zu halten. Ich fühle es bis in die Fingerspitzen, diese Leichtigkeit, die ich nie gekannt habe.
Nie.
Nicht einmal in den wenigen Sekunden, in denen ich als Kind die Augen geschlossen und so getan habe, als wäre die Welt nicht schon vor meiner Geburt gegen mich.
Mein ganzes Leben war eine einzige Last.
Verantwortung wie Ketten um meinen Hals. Vorwürfe, die sich in meine Haut gebrannt haben. Strafen für Dinge, die ich nie getan habe.
Nie Frieden. Nie Liebe. Nie eine Hand, die mich einfach nur gehalten hätte, ohne etwas zu fordern.
Und jetzt bin ich voll davon. Überschüttet. Ertränkt in etwas, das ich nicht verdiene.
Was zur Hölle ist das, das mich gerade erfüllt?
Ich fühle mich geborgen. Losgelöst. Als hätte jemand endlich die Fäden durchtrennt, an denen ich mein ganzes Leben lang gehangen habe wie eine kaputte Marionette.
Ich lasse mich umarmen. Von der Dunkelheit. Von der Wärme, die sich um mich legt wie Arme, die ich nie hatte. Erdend. Tief. Wie eine Liebe, die ich mir ein Leben lang herbeigesehnt habe und die jetzt gekommen ist, um mich abzuholen.
Endlich. Wir finden uns wieder, sie und ich.
Und der Schmerz – der verdammte Schmerz, der mir nie Luft zum Atmen gelassen hat – ist weg. Die Erwartungen sind weg. Die Sorge um eine Zukunft, die sowieso schon vor meiner Geburt in Blut und Verrat geschrieben war, ist weg. Das verzweifelte Verlangen, auszubrechen, mich gegen ein Schicksal zu wehren, das mich schon als Kind in Stücke gerissen hat – alles weg.
In dieser Dunkelheit sehe ich zwei ungleiche Augen, die mich anstarren.
Ein blaues, ein goldenes. Sein Blick. Er. In ihnen bin ich nicht mehr ich, sondern nur noch die Schwester seines Feindes, die, die so viel Leid gebracht hat, ohne es je zu wollen.
Wird er ein Leben haben ohne mich? Ohne diese Last, die ich ihm auf die Schultern gelegt habe, nur weil ich existiere?
Die Scham kommt plötzlich, scharf wie ein Schnitt. Sie brennt in mir, obwohl ich doch tot sein müsste.
Kann man hier noch etwas fühlen? In dieser ewigen Schwärze? Kann man noch Scham empfinden, wenn man stirbt? Wenn man aufgibt? Wenn niemand mehr da ist, der auf einen wartet – nicht einmal die Hölle?
Wann ist das aus meinem Leben geworden? Wann genau haben ein paar Männer sich zusammengesetzt, ihre Gläser gehoben und beschlossen, mich zu zerstören? Wann wurde ich zur Spielfigur in einem Spiel, das ich nie spielen wollte?
Ich bin so verdammt schwach. So leer. Ich will nicht mehr kämpfen. Nicht mehr weinen. Nicht mehr die Last einer Familie tragen, die mir nie etwas zurückgegeben hat außer Narben und Lügen.
Ich will einfach nur… nichts mehr sein.
Plötzlich Stimmen.
Bruchstücke. Rau. Verzerrt.
Jemand drückt auf meine Brust, hart, als wollte er mein Herz zwingen, weiterzuschlagen. Jemand presst seine Lippen auf meine – kalt, verzweifelt, voller Atem, den ich nicht mehr brauche. Finger streichen über meine Wange, zittrig, fast zärtlich.
Ich höre meinen Namen.
Geflüstert. Gebetet. Gebrochen.
„Bleib bei mir…“
Aber ich höre es nicht richtig. Es ist nur Echo. Nur das, was übrig bleibt, wenn man schon gegangen ist.
Bin ich gestorben?
Ich muss gestorben sein.
Weil das hier nicht mehr mein Körper ist. Weil der Schmerz endlich aufgehört hat, mich zu zerreißen. Weil ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht mehr fliehen will. Weil ich hierbleiben könnte. In dieser Dunkelheit.
In seinen ungleichen Augen.
In der Umarmung, die mich endlich nicht mehr loslässt.
Und doch… ein winziger, verräterischer Teil von mir flüstert:
Vielleicht ist das die grausamste Strafe von allen. Dass ich tot bin und trotzdem noch fühle.
Dass ich ihn noch spüre.
Dass ich noch immer nicht frei bin.
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Wir sind startklar, meine Lieben. 🖤
Teil 2 der Not Yours-Reihe geht weiter – und wir steigen direkt wieder ein in das Leben von Anzhela und Enea.
Es wird düsterer, psychologisch tiefer, und die Intrigen werden mehr. Machtverhältnisse, Missverständnisse und Strukturen zwingen sie dazu, sich immer wieder zu begegnen… obwohl beide noch mit dem Schmerz des Verrats kämpfen.
Ich hoffe, ihr habt auf sie gewartet.