The Serpent’s Circle - Lost Souls

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Summary

New York, 03:47 Uhr. Drei Vermisstenmeldungen. Kein Muster, das sich zeigt. Jedoch eines, das sich weigert zu verschwinden. Alessia Kane ist Reporterin. Sie schläft nicht, sie hört nicht auf, sie lässt Dinge nicht los. Das weiß sie über sich. Was sie nicht weiß: dass jemand genau das schon lange beobachtet hat. Die Frauen verschwanden ohne Spuren, ohne Abschiedsbriefe, ohne dass die Stadt es bemerkte. Jung, allein, außerordentlich schön. Niemand suchte sie wirklich. Keine Polizei. Keine Presse. Nur Alessia, die nachts in einem leeren Büro sitzt und eine Datei anlegt, die sie Lost Souls nennt. Je tiefer sie gräbt, desto klarer wird: die Frauen wurden nicht gezwungen. Das System, das dahintersteht, ist älter, größer und präziser als sie sich vorstellen konnte. Was Alessia noch nicht weiß, etwas was sie erst viel zu spät verstehen wird, ist dass Ihre Einladung längst auch für sie bereitliegt. Lost Souls ist der Auftakt zur Thriller-Serie The Serpent’s Circle - ein Buch, das unter die Haut geht, bevor man weiß, dass es schon begonnen hat.

Status
Ongoing
Chapters
10
Rating
n/a
Age Rating
16+

Die Liste

Sie saß an ihrem Schreibtisch und griff nach der Kaffeetasse.

Dann war sie woanders.

Kein Übergang. Keine Warnung. Nur - anderswo.

Kälte zuerst. Metall unter ihr, das sich durch Stoff und Haut fraß als hätte es Zeit. Ein Stuhl. Ihre Beine gespreizt und fixiert, die Handgelenke hinter ihr, jede Bewegung gegen etwas das nicht nachgab. Sie kannte diesen Raum nicht, niedrige Decke, Beton, das Neonlicht das in unregelmäßigen Abständen flackerte wie ein Herzschlag der stolpert.

Sie versuchte zu rufen.

Das Wort formte sich - Hilfe - sie spürte es im Hals, fühlte wie sich die Stimmbänder spannten. Aber was kam war nichts. Nicht Flüstern. Nicht Atem. Die Stille hatte eine Textur, als wäre die Luft selbst gegen sie. Als hätte dieser Raum gelernt, Stimmen zu schlucken.

Die Kälte des Metalls arbeitete sich weiter vor. In die Knie. In die Wirbelsäule. In den Gedanken.

Dann das Licht, ein langer Flacker, und im Flackern sah sie den Spiegel.

Groß. Wandhoch. Das Glas beschlagen an den Rändern, in der Mitte klar. Und auf der anderen Seite -

Ein Mädchen.

Blond. Jung, sehr jung, achtzehn, vielleicht neunzehn. Den Mund offen auf dasselbe Wort das nicht kam. Die Augen weit, und darin nicht Panik, sondern etwas das Alessia schwerer traf als Panik: Erkennen. Als würde das Mädchen sie schon länger kennen als diesen Moment. Als hätte es auf sie gewartet.

Sie hob die Hand.

Langsam, als kostete es alles was ihr blieb. Die Finger flach ausgestreckt, die Handfläche gegen das Glas gepresst, von der anderen Seite. Von innen.

Alessia wollte aufstehen. Wollte zum Spiegel. Wollte -

Das Licht flackerte ein letztes Mal und erlosch.

Alessia saß an ihrem Schreibtisch.

Die Kaffeetasse in der Hand. Kalt. Ihre Finger hielten sie zu fest, sie merkte es erst als der Porzellanrand in die Haut schnitt.

03:44 Uhr.

Der Bildschirm vor ihr. Die drei Namen. Das leere Büro.

Alles wie vorher.

Sie stellte die Tasse ab. Legte beide Hände flach auf den Schreibtisch.

Und sah es.

An beiden Handgelenken: schmale, gleichmäßige Druckstellen die zu verblassen begannen.

Sie drehte die Handgelenke. Betrachtete sie. Legte sie wieder flach auf den Tisch.

Wartete darauf, dass das Zittern aufhörte. Es dauerte länger als ihr lieb war. Länger als es hätte dauern dürfen für etwas das vielleicht nur eine Sekunde gedauert hatte, eine Sekunde in der sie die Augen offen hatte, am Schreibtisch saß, und trotzdem woanders gewesen war.

Sie kannte das Mädchen nicht.

Den Raum nicht. Die Kälte nicht. Das Gesicht nicht das ihr durch Glas entgegengeblickt hatte mit dieser stillen, erschreckenden Gewissheit.

Noch nicht.

Alessia öffnete ein neues Browserfenster. Tippte einen Namen.

Begann zu suchen.

Kapitel 1

Die Liste

Niemand sucht sie wirklich.

Das war der Satz der sie seit Wochen nicht schlafen ließ. Nicht die Tatsache dass diese Frauen verschwunden waren. Sondern die Stille danach.

Der Kaffee war kalt. Sie wusste das, sie hatte ihn vor einer Stunde weggestellt, oder vor zwei, sie hatte aufgehört zu zählen. Ihre Hände lagen flach auf dem Tisch. Das Zittern war weg. Fast.

Sie schaute auf die Handgelenke. Nichts mehr. Glatte Haut. Als wäre es nie gewesen.

Aber sie hatte es gespürt. Das Metall. Die Kälte. Das Mädchen auf der anderen Seite des Glases das sie angeschaut hatte als würde es sie kennen.

Sie zwang sich, den Blick auf den Bildschirm zu richten.

03:47 Uhr. Das Büro leer. New York draußen vor den Fenstern. Zwanzig Stockwerke tiefer, laut und gleichgültig wie immer, wirkte es von hier oben wie ein Film den jemand anderes schaute.

Sie scrollte zurück an den Anfang der Datei. Arbeit. Das war was sie hatte.

Drei Namen. Drei Fotos. Drei kurze Absätze die sie in den letzten sechs Wochen zusammengetragen hatte, aus Vermisstenmeldungen die in lokalen Zeitungen kaum mehr als drei Zeilen bekommen hatten, aus einem Forum das sie zufällig gefunden hatte und das zwei Tage später offline war. Und aus den Akten die Markus ihr mitgebracht hatte. Auf dem Küchentisch, vor drei Wochen, ohne ein Wort Erklärung, nur dieser eine Satz:

„I can’t go further with this. My Lieutenant won’t sign off.

Sarah Okonkwo. 24. Studentin. Zuletzt gesehen: 14. März, Lower East Side.

Priya Mehta. 22. Designerin. Zuletzt gesehen: 2. April, Midtown.

Chloe Beaumont. 26. Fotografin. Zuletzt gesehen: 28. April, Brooklyn.

Drei Frauen. Drei verschiedene Leben. Keine Verbindung. Noch.

Alessia lehnte sich zurück. Schloss die Augen. Öffnete sie wieder.

Dann griff sie zum Telefon.

Das Revier meldete sich nach dem vierten Klingeln. Eine Männerstimme, müde, gleichgültig auf eine Art die geübt wirkte.

Sie nannte ihren Namen. Ihre Zeitung. Die drei Namen.

Eine Pause. Das Klicken einer Tastatur. Dann:

„Erwachsene Personen haben das Recht ihren Aufenthaltsort nicht bekannt zu geben. Da kein Hinweis auf eine Straftat vorliegt-

„Drei Frauen. Innerhalb von sechs Wochen. Alle unter dreißig, alle zuletzt in Midtown gesehen, alle-"

„-haben wir die Meldungen aufgenommen, Ma’am. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.

Die Leitung war tot bevor sie antworten konnte.

Alessia legte das Telefon auf den Tisch. Ließ es dort.

Markus hatte dasselbe erlebt. Früher, von innen, mit Dienstmarke und Akte auf dem Tisch, und war gegen dieselbe Wand gelaufen. Was sie nicht verstand war nicht das Desinteresse. Was sie nicht verstand war die Ruhe mit der es kam. Keine Gereiztheit. Kein Unbehagen. Nur diese geübte Gleichgültigkeit, als wäre das Verschwinden junger Frauen eine Kategorie für die es bereits ein Formular gab.

Es gab etwas, sie wusste es bevor sie es benennen konnte. Ein Muster das sich noch weigerte Form anzunehmen. Wie ein Wort das man kennt aber nicht findet. Wie ein Geruch der eine Erinnerung auslöst ohne dass man weiß woher er kommt.

Sie öffnete ein neues Dokument. Tippte:

Was haben sie gemeinsam?

Starrte auf die Frage.

Dann tippte sie darunter, langsam, als würde sie denken, während die Finger sich bewegten:

Jung. Allein in der Stadt. Keine Familie in New York. Keine engen Freunde die sofort Alarm geschlagen hätten. Schön, alle drei außerordentlich schön. Keine Leichen. Keine Spuren. Keine Abschiedsbriefe.

Sie hielt inne.

Die Polizei die die Akten schloss weil erwachsene Frauen das Recht hatten zu verschwinden. Die Familien die in anderen Städten, anderen Ländern warteten und nicht wussten wie man in einem fremden Land nach jemandem suchte. Die Stadt die weiterging.

Alessia speicherte das Dokument. Nannte es: Lost Souls.

Dann öffnete sie den Polizeibericht zu Sarah Okonkwo noch einmal. Las ihn zum vierten Mal. Diesmal blieb sie an einem Detail hängen das sie bisher überflogen hatte, eine Notiz am Rand, handschriftlich von wem auch immer den Bericht bearbeitet hatte:

Zeugin erwähnt Mann ca. 45--55, gepflegt, ruhig. Hat O. in Café angesprochen. Kein weiteres.

Gepflegt. Ruhig.

Alessia schrieb die beiden Wörter in ihr Notizbuch. Umkreiste sie.

Ihr Telefon vibrierte.

Markus. Eine Nachricht:

Kommst du heute noch nach Hause?

Sie sah auf die Uhr. 03:52 Uhr. Schrieb zurück: Bald.

Legte das Telefon weg. Nahm die kalte Tasse. Trank.

Dann öffnete sie ein neues Browserfenster und begann zu suchen.

*  *  *

Außerhalb des Bürogebäudes, zwanzig Stockwerke tiefer, fuhr ein schwarzes Auto langsam an der Einfahrt vorbei. Hielt nicht an. Bog ab. Verschwand.

Der Mann am Steuer warf keinen Blick nach oben.

Er wusste bereits was er wissen musste.