Kapitel 1
Weiche Lippen berührten meine. Der Kuss war zaghaft und doch überraschend intensiv. Die Zeit schien sich zäh zu dehnen. Nein, sie verlangsamte sich spürbar!
Ich riss meine Augen auf. Über mir lag ein Unbekannter. Seine Augen waren geschlossen, während er sich in den Kuss mit einer Schlafenden verlor.
Stopp!
Die Zeit blieb stehen.
Ich löste mich von dem Kuss und atmete heftig. Mein Puls raste in meinen Ohren. Der Fremde über mir besaß markante Gesichtszüge und war schätzungsweise ein paar Jahre älter als ich. Trotzdem gab ihm das noch lange nicht das Recht, eine Fremde zu küssen. Ohne Vorwarnung, ohne um Erlaubnis zu fragen und dann auch noch, während ich schlief! Wer macht denn sowas?
Er hatte seine Hände links und rechts neben meinem Kopf abgestützt, sodass sein Gewicht nicht auf mir lastete. Geschickt fädelte ich mich unter ihm hervor, glitt aus dem Bett und brachte einige Schritte Sicherheitsabstand zwischen uns. Erst dann ließ ich die Zeit wieder in ihren normalen Fluss laufen.
Der Fremde brauchte zwei Sekunden, um zu merken, dass ich nicht mehr unter ihm lag. Er sprang auf und sah sich hektisch um. Als er mich bemerkte, starrte er mich entgeistert an.
“Was zum…? Welche Fähigkeit hast du?”
Irritiert blinzelte der Unbekannte mich an.
Ich schnaubte. Diese Frage war gerade nebensächlich.
“Die Frage ist eher, wieso du eine schlafende Person für deine niederen Triebe ausnutzt?” Zornig verschränkte ich die Arme vor der Brust.
“Niederen…”
Verblüfft zog er die Augenbrauen zusammen, bevor Misstrauen seine Züge verdunkelte.
“Du hast sehr viel Mana…”
Sein Blick glitt prüfend über mich.
Ja, das hatte ich. Es machte mich aber nicht mächtig wie andere Adaptare. Es verstärkte nur meine Hauptfähigkeit, die ich besaß, seit ich geboren wurde. Ich stieß sehr viele Pheromone aus. Diese Eigenschaft war selten, aber auch extrem schwierig zu handhaben. Es war ähnlich wie bei den Sirenen. Diese konnten ihre Fähigkeit jedoch bewusst einsetzen, während ich stetig Pheromone ausstrahlte und in den letzten Jahren hart lernen musste, sie zu unterdrücken. Genau das tat ich nun auch. Ich konnte den Ausstoß auf zehn Prozent runterschrauben, was genügte, damit die männliche Spezies nicht über mich herfiel. Leider klappte das im Tiefschlaf nicht immer fehlerfrei.
Trotzdem hatte ich bei der Anmeldung für die Eldena Akademie angegeben, dass mir das Geschlecht meines Mitbewohners egal war.
Ich wollte unbedingt in den Nachttrakt, da ich eine Nachteule war. Nach Sonnenuntergang konnte ich viel besser denken, was wahrscheinlich auch daran lag, dass meine Pheromone nachts nicht so stark wirkten. Da der Nachttrakt bei den männlichen Bewerbern heiß begehrt war, wollte ich meine Chancen auf ein Zimmer erhöhen und hatte beim Geschlecht des Zimmergenossen schweren Herzens “egal” angekreuzt.
Und diese Situation war wohl die Strafe dafür.
Nachdem ich meine Pheromone heruntergeschraubt hatte, strich sich der junge Mann vor mir durch seine dunklen, zerzausten Haare. Dieser Bad-Hair-Look stand ihm ausgezeichnet. Ich erinnerte mich an seine weichen Lippen und schüttelte den Gedanken ab, als mir Hitze ins Gesicht schoss.
Er deutete meine Verlegenheit anders und schlussfolgerte die fallende Anspannung im Raum richtig:
“Du hast so gut gerochen… Ich dachte, du bist… Aber du bist eine Lurida, richtig?”
Prüfend legte er den Kopf schief.
Ich schwieg. Wenn ich ihm das bestätigte, würde er nach zwei Minuten bereits die nächste Erkenntnis schlussfolgern. Obwohl er wie ein charmanter Sunnyboy aussah, blitzte Scharfsinn in seinen Augen. Wie ein Detektiv kam er zu dem Schluss, den ich ihm bis eben nicht bestätigen wollte:
“Und nicht nur das, du bist eine Duplar.”
Ein interessiertes Leuchten trat in seine Augen.
Verdammt. Ja, ich hatte zwei Elternteile, die Adaptare waren. Sie besaßen beide sehr starke, aber unterschiedliche Fähigkeiten. Mein Vater war selbsternannter Zauberer und reiste durch die ganze Welt, um seine Tricks vorzuführen. Meine Mutter war seine Assistentin und bezirzte das Publikum als seltene Lurida mit ihren Pheromonen. Zusammen waren sie ein unschlagbares Team. Und zeugten eine Tochter mit beiden Fähigkeiten. Eine seltene Duplar. Es war von vielen Ländern ungern gesehen, wenn Adaptare sich paarten und ein Kind zur Welt brachten, obwohl der Nachwuchs in den meisten Fällen nur eine Fähigkeit erbte.
Nur bei zwei starken Adaptaren, wie es meine Eltern waren, kam es zu der Zeugung von Duplaren. Diese wurden weltweit streng überwacht und ich musste von klein auf viele Fragen beantworten, Experimenten zustimmen und mich von vielen Wissenschaftlern analysieren lassen.
Deswegen war ich nicht begeistert, dass in den ersten Minuten, nachdem ich hier den ersten Studenten getroffen hatte, gleich dieses pikante Detail ans Licht kam. Ich hoffte nur, dass er meine zweite Hauptfähigkeit nicht so schnell herausfand. Ich fühlte mich wie ein offenes Buch und ich hasste dieses Gefühl, wenn ich es gar nicht wollte.Aber er fragte gar nicht danach. Als würde er einen Monolog führen - denn geantwortet hatte ich ihn immer noch nicht - fuhr er fort:
“Es tut mir leid. Ich hätte nie gedacht, dass meine Mitbewohnerin eine Lurida ist. Das von eben wird nie wieder vorkommen. Ich habe dich …. verwechselt. Jetzt, wo ich weiß, dass du eine Lurida bist, werde ich diesen Geruch nicht mehr falsch deuten und dich in Ruhe lassen.”
Ich betrachtete ihn verwirrt. Die meisten Männer reagierten abweisend, wenn ich sie anranzte, ihre Triebe im Zaum zu halten. Viele gaben mir sogar die Schuld und behaupteten, ich hätte sie verführen wollen. Deswegen war ich immer dankbar, dass ich auch Paps Gabe geerbt hatte. So verhinderte ich bisher erfolgreich, dass man mir zu nahe kam. Oder Schlimmeres.
Allerdings wurde ich noch nie im Schlaf überrumpelt. Ich schwankte kurz zwischen Nachsicht und Zorn, entschied mich dann aber für Ersteres.
“Ich entschuldige mich ebenfalls. Im Schlaf fällt mir die Unterdrückung meiner Pheromone schwer.”
Schuldbewusst strich ich mir eine weiße Strähne aus dem Gesicht.
“Du unterdrückst sie gerade?”
Überrascht richtete er sich wieder auf.
“Klar, das mache ich immer, wenn ich Gesellschaft habe.”
Ich zuckte leicht mit den Schultern. Nachdenklich rieb er sich das Kinn:
“Ist das nicht anstrengend?”
Ich war das gewohnt. Bisher konnte ich mich in meinem Zimmer ausruhen und die Unterdrückung aufheben. Wenn ich das nun hier dauerhaft aufrechterhalten musste, würde es enorm anstrengend für mich werden.
“Wie weit unterdrückst du es gerade?”
Neugierig trat er einen halben Schritt vor.
Ich sah ihn misstrauisch an. Wieso interessierte ihn diese Fähigkeit so sehr? Da er mich glücklicherweise nicht zu meiner Zeitfähigkeit ausquetschte, stillte ich seine Neugier:
“Im Moment strahle ich ungefähr zehn Prozent meiner Pheromone aus.”
Ich konnte förmlich sehen, wie sein Verstand arbeitete. Es besaß eine gewisse Faszination, ihn beim Nachdenken zu beobachten.
“Könntest du die Unterdrückung nochmal aufheben?”
Er sah mich bittend an.
“Ganz?”
Skeptisch zog ich eine Augenbraue in die Höhe.
“Ja.”
Er nickte fest.
Wieder wusste ich nicht, was er genau vorhatte. Da ich meine andere Fähigkeit noch in der Hinterhand hielt, erfüllte ich ihm den Wunsch. Ein leichtes Beben durchlief seinen Körper und er schloss die Augen.
Tief atmete er ein.
Wieso tat er das?
Es machte alles nur noch intensiver. Er öffnete die Augen wieder und lächelte das erste Mal. Ein gewinnendes Lächeln umspielte seine Lippen und formte ein winziges Grübchen auf seiner rechten Wange. Seine Augen leuchteten in einem klaren Grün, in dem ich mich beinahe verlor.
“Das ist okay. Du brauchst hier im Zimmer die Unterdrückung nicht. Ich schaffe das auch so.”
Ruhig sah er mich an.
Ich blinzelte verwundert. Wieso bot er das an?
Es entlastete mich enorm, bedeutete für ihn aber eine ständige Herausforderung.
“Bist du dir sicher?”
Ungläubig legte ich den Kopf schief.
“Ja. Das hier soll dein Rückzugsort sein und der meine. Ich möchte nicht, dass wir uns verstellen müssen. Das müssen wir schon in der Welt da draußen. Wir sind Adaptare und sollten uns unterstützen, anstatt uns für unsere Natur zu verurteilen. Gewollt oder nicht.” Ruhige Ehrlichkeit schwang in seinen Worten mit.
Das entsprach exakt meiner eigenen Ansicht. Tiefe Dankbarkeit machte sich in mir breit.
“Danke. Wie heißt du?”
Erleichtert ließ ich die Schultern sinken.
“Mein Name ist Aric, und deiner?”
Er trat einen Schritt näher.
“Ich bin Lucile. Schön, dich kennenzulernen, Mitbewohner.”
Ich reichte ihm die Hand.
Nach kurzem Zögern ergriff er sie, drückte sie sacht und ließ mich dann wieder los.
“Ich verschwinde mal kurz ins Bad.” Rasch wandte er sich ab und ging zur Badezimmertür.
Ohne meine Antwort abzuwarten, schloss er ab. Ich ließ meine Hand sinken und starrte auf das Holz. Das war also mein neuer Mitbewohner. Das würde definitiv interessant werden.