Auf der Flucht
MADDY
Ich zählte die blauen Flecken auf meinem Arm, während ich auf das Knarren der Haustür wartete.
Sieben neue seit letzter Woche. Drei davon waren frisch – tief violett, fast schwarz, mit einem gelblichen Rand, der verriet, dass sie erst zwei Tage alt waren. Ich kannte die Farben des Schmerzes inzwischen besser als die Farben des Himmels. Lavendel war die Farbe einer alten Verletzung, drei Wochen her. Gelb war fast verheilt. Violett bedeutete, dass es noch weh tat, wenn ich die Stelle berührte. Schwarz 9bedeutete, dass er mich wirklich hassen musste.
Nic hatte mich vorgestern Abend gegen die Kante des Badezimmerschranks gedrückt. Ich erinnerte mich an jedes Detail: sein Whiskey-Atem in meinem Gesicht, die Art, wie seine Finger sich um meinen Nacken legten – nicht um zu liebkosen, sondern um zuzudrücken. Der Aufprall meiner Wirbelsäule auf dem scharfen Holz hatte mir den Atem geraubt. Ich hatte nicht geschrien. Ich wusste längst, dass Schreien ihn nur wütender machte. Also biss ich mir auf die Zunge, schmeckte Blut und wartete, bis er fertig war.
Er war nie fertig. Er hörte nur auf, wenn er müde wurde.
Jetzt saß ich auf dem kalten Fliesenboden des Schlafzimmers. Seines Schlafzimmers, denn ich besaß nichts in dieser Wohnung. Nicht einmal die Luft, die ich atmete, gehörte mir. Er kontrollierte, wann ich essen durfte, wann ich duschen durfte, wann ich schlafen durfte. Manchmal weckte er mich mitten in der Nacht, weil er mich brauchte. Ich hatte gelernt, nicht zu fragen, was er brauchte. Ich hatte gelernt, einfach da zu sein.
Draußen hörte ich sein Auto. Ich erkannte das Geräusch schon aus der Ferne – den zu lauten Motor, die hektischen Gangwechsel, das Aufheulen des SUV, bevor er vor dem Haus zum Stehen kam. Er fuhr immer zu schnell. Er lebte immer zu schnell. Eines Tages würde er sich damit umbringen, aber ich würde nicht mehr da sein, um es zu sehen.
Die Fahrertür knallte. Seine Schritte auf dem Kiesweg waren unsicher, schwankend. Betrunken. Oder auf Koks. Manchmal beides. Ich presste die Hand auf meinen Mund, bis meine Fingerknochen weiß wurden. Mein Herz schlug so hart, dass ich dachte, er müsste es hören.
Die Mülltüte neben mir war schwarz, dick und geruchlos. Ich hatte sie vor zwei Stunden aus der Küche genommen, als er zur „Geschäftsbesprechung“ aufgebrochen war. Es war immer eine Lüge, wenn er das sagte. Er traf sich mit seinen Kumpels, um zu saufen, sich über die „Alten“ zu beschweren und zu prahlen, wie sehr er mich im Griff hatte. Meine Kleine, nannte er mich dann. Die macht alles, was ich sage.
Ich hatte nur das Nötigste in die Tüte gestopft: zwei Jeans, drei T-Shirts, einen BH, Unterwäsche. Keine Socken – dafür war kein Platz mehr. Und Maddys Teddybär. Der Bär war alt, sein Fell verknotet, eine Knopf-Auge fehlte. Meine Mutter hatte ihn mir kurz vor ihrem Tod gekauft. Ich war fünf gewesen, zu jung, um zu verstehen, dass sie nie wieder aufwachen würde. Der Bär war das Einzige, was mir wirklich gehörte.
Dreihundert Dollar. Monatelang hatte ich sie unter der Matratze versteckt, Schein für Schein. Ein paar Dollar Trinkgeld hier, ein paar dort. Ich hatte kurz in einem Diner gearbeitet, bevor Nic mir verbot, das Haus zu verlassen. Er hatte nicht direkt verboten – er hatte einfach eines Tages den Besitzer angerufen und gesagt, ich kündige. Danach hatte er mich für eine Woche nicht angesehen, weil ich „die Familie blamiert“ hätte.
Die Familie. Seine Familie war die Mafia. Ich war nur das Stück, das er sich geholt hatte.
Keine Papiere. Nic bewahrte meinen Ausweis, meine Geburtsurkunde, alles in seinem Schreibtisch auf. Im Arbeitszimmer, das er immer abschloss. Wie eine Leine. Ohne Papiere war ich niemand. Ohne Papiere konnte ich nicht fliegen, keinen Bus nehmen, nicht einmal ein Motelzimmer mieten. Aber ich hatte gehört, dass es in Texas kleinere Orte gab, in denen man für eine Weile untertauchen konnte, solange man bar bezahlte. Dreißig Stunden Busfahrt. Zweihundert Dollar für das Ticket. Hundert für die erste Woche Motel. Dann musste ich einen Job finden.
Die Haustür flog auf. Der Knall hallte durch die gesamte Wohnung.
„Maddy!“
Sein Ruf klang nicht nach Liebe. Es klang nach Besitz. Nach einer Ankündigung, dass er jetzt hier war und dass ich gefälligst bereit zu sein hatte. Ich kannte diesen Ton. Es war der Ton, der einem Gewitter vorausging. Wenn er so rief, würde gleich etwas zerbrechen. Vielleicht ein Teller. Vielleicht mein Gesicht.
„Ich weiß, dass du hier bist, Schatz.“ Seine Stimme kam aus dem Flur. Sie war schleimig, honigsüß, aber unter der Oberfläche schwang diese kalte Wut mit, die ich so gut kannte. Sie war wie ein Messer, das er hinter seinem Rücken versteckte.
Ich roch den Whiskey, noch bevor er den Flur erreichte. Es war nicht der gute Whiskey, den sein Vater trank. Es war der billige, der nach Klebstoff und Verzweiflung roch. Nic taumelte gegen die Wand, lachte leise vor sich hin. „Komm raus, Schatz. Ich hab dir was mitgebracht.“ Ein Pausenglas. Vielleicht eine Droge. Vielleicht seine Faust.
Ich stand langsam auf. Meine Beine zitterten, aber ich zwang sie, ruhig zu sein. Das Fenster hinter mir war bereits einen Spalt geöffnet – ich hatte es vor einer Stunde entriegelt, als Nic noch weg war. Der Garten lag im Dunkeln. Keine Laternen. Nur ein hoher Holzzaun und dahinter die Hinterhöfe von Los Angeles, ein Labyrinth aus Mülltonnen, Wäscheleinen und schlafenden Hunden.
Seine Hand umfasste die Türklinke.
In diesem Moment griff ich nach der Mülltüte, riss das Fenster ganz auf und warf sie hinaus. Sie landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem feuchten Gras. Dann schwang ich mich über die Brüstung – meine Hände griffen nach dem Rahmen, meine Füße suchten Halt an der Hauswand. Ich war nie sportlich gewesen. In der Schule war ich immer die Letzte, die beim Völkerball gewählt wurde. Aber die Angst macht einen stark. Sie macht einen schnell. Sie macht einen zu einem Tier, das nur noch überleben will.
„Maddy?“
Die Tür flog auf. Ich hörte, wie er den Raum betrat, hörte sein verwirrtes Schnauben, als er das leere Zimmer sah. Dann das offene Fenster.
„Maddy! Verdammt noch mal!“
Ich sprang. Die drei Meter bis zum Boden fühlten sich an wie ein Sturz in einen Abgrund. Ich landete auf den Knien, schürfte mir die Haut auf, aber ich spürte den Schmerz nicht. Ich griff nach der Mülltüte und rannte.
Hinter mir hörte ich Nic fluchend aus dem Fenster brüllen. „Du blöde Schlampe! Ich finde dich! Ich finde dich überall!“ Seine Stimme brach, wurde heiser vor Wut. Ich hörte, wie er durch die Wohnung polterte, wahrscheinlich auf der Suche nach seinen Schlüsseln. Er würde das Auto nehmen. Er würde die Straße absuchen.
Deshalb rannte ich nicht zur Straße.
Ich rannte durch den Hinterhof, kletterte über den Holzzaun – die Bretter waren morsch, ein Nagel riss mir durch das T-Shirt und hinterließ eine blutige Schramme auf meiner Schulter – und landete im nächsten Garten. Eine alte Frau schrie irgendwo, als sie mich sah, aber ich hörte nicht hin. Ich rannte weiter. Über Mülltonnen, durch Büsche, unter einer Wäscheleine hindurch, an der nasse Bettlücher hingen, die mir ins Gesicht schlugen.
Die Kälte kroch durch meine dünne Hose. Ich trug nur ein altes Paar Turnschuhe ohne Schnürsenkel – Nic hatte sie mir weggenommen, nachdem ich einmal zu lange im Park geblieben war. „Du brauchst nicht wegzulaufen“, hatte er gesagt, „du gehörst mir.“ Meine Füße schlüpften in den Schuhen hin und her, aber ich rannte trotzdem.
Meine Lungen brannten. Jeder Atemzug schmerzte. Aber ich durfte nicht aufhören. Wenn ich jetzt aufhörte, würde er mich finden. Und wenn er mich fände, würde er mich töten. Nicht sofort. Er würde mich zuerst bestrafen, stundenlang, vielleicht tagelang. Dann würde er mich vielleicht leben lassen – aber ohne Zähne, ohne Hoffnung.
Nach etwa zehn Minuten – oder vielleicht waren es zwanzig, ich hatte jedes Zeitgefühl verloren – erreichte ich eine belebtere Straße. Ein 24-Stunden-Diner warf sein grelles Neonlicht auf den Bürgersteig. Ich blieb keuchend stehen, lehnte mich gegen die Wand eines geschlossenen Ladens und wartete, bis mein Puls sich etwas beruhigte. Kein Auto in Sicht. Kein Nic.
Zum ersten Mal in sechs Monaten atmete ich frei.
Ich betrat das Diner. Die Glocke über der Tür klingelte schrill. Ein müder Kellner mit Schweißflecken auf dem Hemd sah mich an, zuckte mit den Achseln und deutete auf einen freien Platz an der Theke. Ich setzte mich, legte die Mülltüte zu meinen Füßen ab und bestellte mit heiserer Stimme einen Kaffee. Schwarz. Stark.
Die Tasse war heiß, fast zu heiß zum Anfassen. Ich umschloss sie mit beiden Händen und spürte, wie das Zittern langsam nachließ. Der Duft des Kaffees vermischte sich mit dem Geruch von altem Fett und Zigarettenrauch, der sich in die Polster der Sitze gefressen hatte. Es roch nach Freiheit.
Erst jetzt, in der Sicherheit der grellen Beleuchtung, wurde mir klar, was ich getan hatte.
Ich war geflohen.
Nach sechs Monaten. Nach hundertachtzig Tagen voller Schläge, Demütigungen und Nächten, in denen er mich genommen hatte, wie es ihm gefiel – hart, ohne Zärtlichkeit, mit Worten, die mich kleiner machten, bis ich dachte, ich würde verschwinden. Du bist nichts. Ohne mich bist du nichts. Du gehörst mir. Ich hatte diese Sätze so oft gehört, dass sie in meinem Kopf wohnten, wie ein ungebetener Gast, der nie wieder geht.
Der Kaffee brannte meine Zunge, aber ich trank trotzdem. Der Schmerz auf meiner Zunge war ein guter Schmerz. Er gehörte mir.
In meinem Kopf drehte sich alles. Wohin jetzt? Der Busbahnhof war vielleicht eine Meile entfernt. Ich hatte kein Handy – Nic hatte es mir weggenommen, nachdem er einmal eine SMS von einem ehemaligen Kollegen gesehen hatte. Er hatte das Handy zertrümmert und mich dann stundenlang angeschrien, dass ich eine Hure sei. Dabei hatte der Kollege mir nur geschrieben, ob ich einen neuen Job wolle.
Ich hatte keine Freunde. Keine Familie. Meine Mutter war tot, mein Vater hatte sich nie um mich gekümmert. Ich war allein auf der Welt, und die einzige Person, die mich haben wollte, war ein gewalttätiger Mafia-Sohn, der mich wie sein Eigentum behandelte.
Und doch. Ich war hier. Ich lebte. Ich atmete.
Der Kellner füllte meine Tasse nach. „Alles okay bei dir, Liebes?“ Seine Stimme war müde, aber nicht unfreundlich.
Ich nickte. „Ja. Alles gut.“
Die Lüge schmeckte bitter, aber ich hatte gelernt, sie zu glauben.
Draußen fuhr ein Auto vorbei. Ich zuckte zusammen, mein Herz raste wieder. Aber es war nicht Nics SUV. Es war ein alter Pickup, der langsam an der Ampel hielt. Der Fahrer sah kurz zu mir herüber, dann fuhr er weiter. Ich atmete aus.
Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Aber ich wusste eines mit absoluter Gewissheit: Ich würde nie wieder zu Nic zurückkehren. Selbst wenn ich auf der Straße sterben musste. Selbst wenn ich verhungerte. Alles war besser als seine Hände. Alles war besser als seine Nächte.
Ich trank den Kaffee aus, bezahlte mit einem zerknitterten Zehn-Dollar-Schein aus meinem Vorrat und verließ das Diner. Die Luft roch nach Regen und Diesel. Der Himmel über Los Angeles war schmutzig orange, von den Lichtern der Stadt aufgehellt. Ich band mir die Jacke enger um die Schultern – eine dünne Jeansjacke, die mir viel zu groß war – und machte mich auf den Weg zum Busbahnhof.
Die Straßen waren leer um diese Uhrzeit. Nur ab und zu ein Taxi oder ein Obdachloser, der in einer Hauseingang lag. Ich hielt den Blick geradeaus, die Mülltüte fest umklammert. Ich sah nicht zurück. Ich durfte nicht zurücksehen.
Am Busbahnhof angekommen, kaufte ich ein Ticket nach Texas. Irgendwo nach Texas. Der Schalterbeamte sah mich misstrauisch an – ein junges Mädchen mit zerrissener Hose, blauen Flecken und einer Mülltüte mitten in der Nacht – aber als ich bar bezahlte, zuckte er nur die Achseln und drückte mir den Fahrschein in die Hand. Der Bus fuhr in zwei Stunden.
Ich setzte mich auf eine der harten Plastikbänke, zog die Beine an und legte den Kopf auf meine Knie. Die Mülltüte klemmte ich zwischen meine Füße. Zwei Stunden warten. Dann dreißig Stunden Fahrt. Dann ein neues Leben.
Ich schloss die Augen und sah Nics Gesicht vor mir. Seine dunklen Augen, wenn sie kalt wurden. Sein Lächeln, wenn er mich schlug. Die Art, wie er mich an den Haaren zog, wenn ich nicht schnell genug gehorchte. Du gehörst mir, hatte er gesagt. Für immer.
Ich öffnete die Augen wieder. Eine einzelne Träne rollte über meine Wange. Ich wischte sie weg.
„Nein“, flüsterte ich in die leere Halle. „Das tue ich nicht.“
Der Bus kam pünktlich. Ich stieg ein, setzte mich ans Fenster, drückte die Mülltüte auf meinen Schoß. Als der Motor aufheulte und Los Angeles langsam hinter mir verschwand, spürte ich, wie etwas in mir zerbrach – aber auch etwas Neues wuchs. Etwas Hartes. Etwas, das nicht mehr bereit war, sich schlagen zu lassen.