Rabensicht - Fäden der Götter - Band 4

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Summary

Der Tod ist mein Schöpfer. Mein Pate. Typhus wollte mir meine Magie rauben, bevor ich sie nutzen konnte. Er lag falsch. Und er weiß nicht, wozu ich fähig bin. Ich hole mir alles zurück. Mein Geburtsrecht und mein Glück.

Status
Ongoing
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
18+

[Kapitel 1] ᛜ ζ ᛜ Mein Pate, der Tod

Dies ist Teil 4 von Nebelwolf.

Teil 1 — Nebelwolf

Teil 2 — Smaragdherz

Teil 3 — Feuerflut

Solltet ihr den vorangegangenen Teile nicht kennen, empfehle ich zumindest den ersten Teil vorher zu lesen, da die Ereignisse ineinander übergehen und die handelnden Personen in ‘Nebelwolf’ und den beiden Folgeteilen vorgestellt werden.


Naera


Gerade erst erkannte ich Hares als meinen Gefährten und nun verlor ich ihn bereits. Typhus, ein Nebelwandler, ein Blutmagier nahm ihn mir. Er riss ihm das Herz heraus und floh durch ein Portal.

Er wollte meine Magie für sich.

Er versagte.

Ich kann meine Nebelkräfte noch nicht beherrschen, doch sie führten mich in die Anderswelt, als ich mich entschied, bei dem Leichnam meines Gefährten zu bleiben statt Typhus zu verfolgen.

Ich hole mir alles zurück. Mein Geburtsrecht und mein Glück.

Denn der Tod ist mein Pate. In meiner größten Not schickte Thanatos, der Gott der Unterwelt, Herrscher über die Nebelweiten mir seinen Diener. Corvis. Ein schwarz gefiederter Vogel und treuer Wegweiser, der mich bislang begleitete und mich mit der Sicht der Erinnerung unterstützte. Bis in die Nebelwelt hinein. Die Schleier des Jenseits. Aus denen ich Hares befreien und mit mir zurückholen werde.


Das Leben hat noch ein paar Tage mehr.”

Brigitte Nave


Das Nebeltor erhebt sich aus der wallenden Ebene wie ein Versprechen.

Wie ich es wiedergefunden habe, ist mir schleierhaft. Es zählt nur, dass es dort ist. Direkt vor mir. Ich blicke über die Schulter zurück zu Thanatos, dessen Haut für einen Wimpernschlag durchscheinend wird und den Schädel darunter als lebendigen Schatten auf sein Gesicht legt.

Und dennoch lächelt er. Sonst nichts.

Ich muss mich sputen. Wer zu lange im Reich des Todes verweilt, wird ein Teil davon, verliert sich und seine Wünsche in den sanften Weiten der friedlichen Ewigkeit.

Ich dränge Hares’ Seele mit mir.

Seine Haut unter meiner ist weder kühl noch warm. Sie ist einfach. Und das ist nicht beunruhigend. Weil mein Inneres weiß, dass es an diesem sonderbaren Ort so sein soll. Sein Körper ist nicht aus Leben gemacht wie meiner. Und doch sind seine Konturen dieselben, die sie immer waren.

Wir haben nur noch wenige Schritte bis zum Übergang in die irdene Welt zurückzulegen.

Mit aller Kraft und dem Gefühl der Eile im Nacken zerre ich an seinem Arm und stolpere mit ihm vorwärts. Mit einem ungewohnt nachsichtigen Blick und einem seligen Lächeln um die Lippen lässt er sich von mir führen, auch wenn der muskelbepackte Wolfswandler den Grund für meine Unruhe nicht zu erfassen scheint.

Das Tor ist nun zum Greifen nah. Es verfügt über kein Schloss. Kein Griff. Da ist nur graues Nichts um uns herum, das beständig seine Form wandelt. Marmorpfeiler werden zu Wurzeln und umgekehrt. Mein Herz setzt einen Schlag aus, als ich uns beide in den nebelberankten Bogendurchgang bugsiere.

Zurück in die Welt der Lebenden.

Das ist es. Der Weg. Es fühlt sich richtig an. Das Ziehen an der Seele, als wir von einer Welt in die andere wechseln. Es fühlt sich an wie das Durchschreiten eines Wasserfalls. Die Kälte. Die kurze, aber brutale Atemlosigkeit, bevor die Wärme der Welt das Herz ruft und schließlich das Bewusstsein trifft.

Eben noch liegt Hares’ Hand fest in meiner. Einen tiefen Atemzug später entgleitet er mir.

Alles ist zu hell. Meine Lider sind bleischwer, als ich sie aufschlage. Ich blicke auf meine eigenen blutverkrusteten Finger und erinnere mich. Gaelan. Der Fluch in ihm. Ich habe die Schwärze in ihm vertrieben.

Aber zu welchem Preis?

Meinen Unterleib durchfährt ein stechender Schmerz. Heiß. Unerbittlich. Der metallische Geruch überrollt meine Sinne, als ein warmer Strom dort von Neuem erblüht. Zarte, innere Wärme prallt auf frostige Realität. Als wäre ich nie fort gewesen. Ich sehe an mir herunter und kann die Wunde erkennen, die mein Wächter mir im Wahn mit seinen Krallen schlug. Aber sie schließt sich nicht. Es brennt. Brennt sich durch meine Eingeweide. Ich beiße die Zähne aufeinander, unterdrücke das Wimmern.

Hares.

Ich blicke auf die reglose Gestalt meines Gefährten vor mir. Eine Hand vor meinem Bauch, beuge ich mich über ihn. Seine schwarzen Haare sind fast schulterlang und kleben an seinem Gesicht. Ich streiche eine Strähne zur Seite und sehe auf die große Wunde in seiner Brust. Sie ist unverändert.

Habe ich alles nur geträumt und war nicht in den Nebeln?

Ein Lufthauch im Nacken. Ein sanftes Wehen in unbewegter Stille lässt mich frösteln.

Er ist hier.

Seine Lider sind geschlossen, und ich lege meine Hände auf seine Brust, als könne ich sie allein durch die Berührung doch noch ungeschehen machen. Ich schließe meine Augen, summe das Lied noch einmal, lasse die Worte in mir erklingen, während ein warmes Kribbeln durch meine Finger fließt.

Heiße Tränen ergießen sich über meine Wangen, während die Melodie mich erfüllt, uns umhüllt.

*

Wenn der Mond am höchsten steht,

die Kraft in meine Hände legt,

Leib und Seele sich fest verbinden,

der Nebel seinen Weg wird finden.

Eine, was zerbrochen ist,

Mutter Mond uns nicht vergisst.

Was verloren, kann doch wiederkehren,

kann den Geist im Nu verzehren.

Achte auf das eigne Herz,

nimm nicht zu viel vom Weltenschmerz.

So leuchtest du in ihrem Glanz,

und webst Magie im Nebeltanz.

*

Seine Haut und meine Hände verschmelzen in meiner Wahrnehmung. In diesem Augenblick gibt es kein er und ich, es gibt nur die Nebel und ein wir darin.

Eine seltsame, fast schmerzhafte Wärme explodiert in meiner Brust und schießt wie flüssiges Silber durch meine Venen, direkt in meine Handflächen. Es beginnt zu prickeln — erst wie tausend feine Nadelstiche auf der Haut, dann wie ein wildes, ungezähmtes Gewitter, das sich zwischen uns entlädt. Die Hitze kriecht in Hares’ kalten Leichnam, füllt den leeren Raum, wo sein Herz schlagen sollte. Wo es auch jetzt noch liegt.

Der Nebel um uns herum verdichtet sich, beginnt im Takt meines fliegenden Pulses zu glimmen, glüht in einem weichen, hellen Licht, das uns vollkommen von der schroffen Realität abschirmt. Jeder Atemzug von mir pumpt dieses heiße, prickelnde Leben in ihn hinein, bis meine Fingerspitzen vor Energie vibrieren und die Luft um uns herum vor Hitze flirrt.

Das Lied verklingt und ich wage es nicht, meine Augen zu öffnen, spüre nur das wenige Licht des Tages, das durch die Risse in den Mauern zu uns herein fällt.

Ich höre Schritte und entfernt eine Stimme.

Noch immer bleiben meine Lider geschlossen. Eine nagende Angst greift nach meinem Herzen, als sich die Wirklichkeit wieder über mich ergießt und sich mein Körper und Empfinden von Hares’ Leib löst. Das magische Prickeln verebbt langsam, hinterlässt eine zitternde Leere.

Meine Hand ruht weiter auf seiner Brust, dort wo ihm der Quell seines Lebens entrissen wurde. Würde ich sie wegziehen, könnte die Illusion zerplatzen, dass ich ihn aus den Nebeln holte. Dass er wieder lebt. Dass er mir gehört.

Ich halte fest an meiner Vorstellung einer Zukunft mit ihm, an einem Bild der Familie, die wir hätten haben können. Eine Vision, ein Wunsch.

Die Stimme neben mir wird lauter. Viel lauter. Und deutlicher.

“Naera!“, Nyks Stimme bricht, doch da ist keine Panik, nur nacktes, ehrfürchtiges Staunen. “Danke, große Götter, danke! Was für ein Wunder...”

Als mein Körper unter der Last meiner eigenen Wunde nachgibt und ich zur Seite zu kippen drohe, sind seine starken Arme sofort da. Er fängt mich sanft auf, stützt mich und hält mich aufrecht, während sein eigener Körper vor Erleichterung zittert. “Wochenlang lagt ihr beide wie versteinert hier. Tot. Und jetzt...” Seine Stimme versagt vor Ergriffenheit.

“Hmmm ... ?“, ist alles, was ich herausbekomme. Ich wimmere. Mein Verstand klammert sich panisch an die Angst, dass Hares’ Seele den Weg zurück doch nicht gefunden hat.

Doch unter meinen Fingern geschieht das Wunder. Die Starre in seiner Haut weicht. Sie wird wärmer. Beginnt sich ganz sacht zu bewegen. Fleisch findet Fleisch, verbindet, was zusammen gehört. Ich spüre, wie das Leben in ihn zurückkriecht.

Ein Schlag.

Ein dumpfer, zaghafter Rhythmus unter meinen Handflächen. Sein Herz! Jetzt kann ich es nicht nur hören, ich kann es fühlen.

Was verloren, kann doch wiederkehren ...

Es ist wahr. Er ist zurück.

Vor Erleichterung und zu Nyks absolutem Entsetzen schluchze ich laut auf. Als ich die Augen öffne, verschwimmt meine Sicht in einem dichten Schleier aus Tränen, doch ich sehe es genau. Hares’ Brust hebt und senkt sich merklich. Der erste Atemzug seit einer Ewigkeit.

Es scheint unmöglich. Und doch ist es wahr.

Ein wildes Kribbeln entbrennt an den Stellen, an denen ich ihn berühre. Es nimmt rasant zu, entlädt sich in kleinen, elektrischen Blitzschlägen auf meiner Haut. Es ist so intensiv, dass es mich fast schmerzt, seine Augen noch geschlossen zu sehen. Ich will seinen eisblauen Blick sehen. Egal ob wütend, verwirrt oder hasserfüllt — er muss einfach nur hier sein. Bei mir.

Plötzlich erlischt die magische Wärme vollständig. Das Kribbeln versiegt und lässt meine Hände zittern, während die raue Wirklichkeit des Ganges mich wieder einholt. Nyk hält mich weiterhin fest im Arm, drückt mich sanft, um mir Halt zu geben, während sein Blick voller Staunen auf Hares ruht.

“Ganz ruhig, Naera”, flüstert er mir mit brüchiger Stimme zu und streicht mir eine schweißnasse Strähne meines weißen Haares aus dem Gesicht. “Ich bin bei dir. Du bist in Sicherheit.”

Er spürt, wie meine Kräfte schwinden, wie mein Körper unter der Last der ungeheilten Wunde bebt. Vorsichtig bettet er meinen Kopf an seine Schulter, während er eine Hand schützend auf Hares’ mühsam atmende Brust legt. Dann hebt Nyk den Kopf. Die ehrfürchtige Stille des Ganges wird von seinem Rufen durchbrochen — laut, dringlich und voller Hoffnung. Er ruft nach Dain.

Sofort reagieren meine erwachten Sinne. Ein schwerer, markanter Geruch dringt durch den dichten Tränenschleier in meine Nase und vertreibt für einen Moment die metallische Note meines eigenen Blutes. Es riecht nach nasser Erde, tiefem Wald und der wilden, ungezähmten Präsenz eines Wolfswandlers. Dain ist bereits in der Nähe. Er hat den Ruf gehört.

“Halt durch”, raunt Nyk leise, und seine Stimme ist das Einzige, was mich noch in der Realität hält. “Hilfe ist da. Wir bringen euch in Sicherheit.”

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