Kapitel 1: Die letzte Welt:
Der Regen prasselte gegen die gewaltigen Stahlplatten des Hangars, wĂ€hrend sich grelle Blitze ĂŒber den schwarzen Himmel zogen. Zwischen den alten Industrieanlagen am Rand der KĂŒste stand etwas, das niemals hĂ€tte existieren dĂŒrfen.
Die Myra.
Fast dreihundert Meter lang.
Matt schwarze AuĂenhĂŒlle.
Keine Fenster im vorderen Bereich.
Keine sichtbaren Waffen.
Nur die gewaltigen ringförmigen Gravmodule entlang des Rumpfes verrieten, dass dieses Schiff nicht gebaut worden war, um einfach nur zu fliegen.
Es war gebaut worden, um Raum selbst zu zerreiĂen.
Leo stand regungslos auf der erhöhten Wartungsplattform und blickte zu seinem Schiff hinauf. Das kalte Licht der Scheinwerfer spiegelte sich in seinen grauen Augen wider. Unter seinen HĂ€nden lagen geöffnete Steuerplatinen, holografische Anzeigen flackerten ĂŒber den metallischen Boden.
Er wirkte mĂŒde.
Nicht wegen der letzten Tage.
Wegen der letzten zwanzig Jahre.
âDie Energiekerne laufen stabilâ, sagte eine ruhige weibliche Stimme durch den Hangar.
Leo hob den Blick leicht an.
âWie stabil?â
â98,7 Prozent Leistung. Die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses beim ersten Gravsprung liegt aktuell bei nur 12 Prozent.â
Er schmunzelte trocken.
âNur zwölf Prozent.â
Die KI schwieg fĂŒr einen Moment.
âSoll ich lĂŒgen, damit die Zahl angenehmer klingt?â
Zum ersten Mal an diesem Abend erschien ein echtes LĂ€cheln auf seinem Gesicht.
âNein, Myra.â
Die Stimme verstummte wieder.
Hinter ihm öffnete sich die schwere SeitentĂŒr des Hangars zischend. Kalte Nachtluft drang herein. Schritte hallten ĂŒber den Metallboden.
Silla.
Sie trug eine dunkle Strickjacke ĂŒber einem grauen Shirt, ihre schulterlangen schwarzen Haare waren vom Regen leicht feucht. Die runde Brille spiegelte das kalte Licht der Hangarscheinwerfer wider. In ihren Armen hielt sie mehrere Datenspeicher und einen kleinen MetallbehĂ€lter.
âDie letzten Sachen sind verladenâ, sagte sie leise.
Leo nickte.
Mehr brauchten sie nicht.
Kein groĂes Zuhause.
Keine Familie.
Keine ErinnerungsstĂŒcke.
Die Erde hatte ihnen nie etwas gegeben, das sie vermissen wĂŒrden.
Silla stellte den BehÀlter vorsichtig auf die Konsole.
âWas ist das?â
âDie Fotos aus dem Heim.â
Leo blickte sie ĂŒberrascht an.
âDu hast die noch?â
âJemand musste sie behalten.â
FĂŒr einen kurzen Moment wurde es still.
Der Regen.
Das entfernte Donnern.
Das Summen der Reaktoren.
Mehr gab es nicht mehr zwischen ihnen und der Leere des Universums.
Leo trat langsam an die riesige Frontscheibe des Hangars heran. Dahinter lag das schwarze Meer. DarĂŒber der wolkenverhangene Himmel.
âWeiĂt du nochâ, sagte er ruhig, âwie wir damals auf dem Dach saĂen?â
Silla stellte sich neben ihn.
âUnd du meintest, dass dort drauĂen irgendwo ein Ort existieren muss, der besser ist als diese Welt.â
âIch lag hoffentlich nicht falsch.â
Silla sah zu ihm hoch.
âSelbst wenn dort drauĂen nichts auf uns wartetâŠâ
Ihre Stimme wurde leiser.
ââŠist es immer noch besser als hier.â
Leo antwortete nicht.
Denn tief in seinem Inneren wusste er: Es ging lÀngst nicht mehr darum, einen besseren Planeten zu finden.
Er wollte nur weg.
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Drei Stunden spĂ€ter heulten plötzlich Sirenen ĂŒber das gesamte Hafengebiet.
Rot blinkende Warnlichter tauchten den Hangar in aggressives Licht.
Myras Stimme erklang sofort.
âMehrere MilitĂ€rfahrzeuge nĂ€hern sich dem GelĂ€nde. Bewaffnete Einheiten bestĂ€tigt.â
Silla erstarrte.
âSie haben uns gefunden.â
Leo blieb ruhig.
Zu ruhig.
Vielleicht weil er diesen Moment seit Jahren erwartet hatte.
Auf den Ă€uĂeren Kameras erschienen gepanzerte Fahrzeuge. Drohnen erhoben sich in die Luft. Soldaten positionierten sich rund um den Startbereich.
Dann knackte eine Stimme ĂŒber sĂ€mtliche Lautsprecher.
âHier spricht die deutsche Verteidigungseinheit. Das Schiff Myra wird sofort beschlagnahmt. Beenden Sie alle Startvorbereitungen.â
Silla sah Leo an.
âWas machen wir jetzt?â
Er blickte nur weiter auf die Anzeigen des Schiffes.
âDas, was wir immer tun wollten.â
Er aktivierte die Hauptsysteme.
Augenblicklich begann der gesamte Hangar zu beben.
Tief im Inneren der Myra erwachten die Gravkerne.
Ein dumpfes Dröhnen erfĂŒllte die Nacht.
DrauĂen schrien Soldaten Befehle durcheinander.
Dann geschah es.
Die ringförmigen Module entlang des Schiffes begannen blau aufzuleuchten.
Die Luft selbst verzerrte sich.
Metall vibrierte.
Fenster zerbarsten.
Die Schwerkraft im Hangar brach kurzzeitig zusammen.
Mehrere Soldaten wurden zu Boden gerissen.
âWARNUNGâ, erklang Myras Stimme.
âRaumkrĂŒmmung instabil.â
Leo sprintete zum Hauptterminal.
âSchilde hochfahren! Gravfeld auf Maximum!â
âBestĂ€tigt.â
Die gewaltigen Triebwerke der Myra zĂŒndeten.
Ein ohrenbetĂ€ubender Donner erschĂŒtterte die KĂŒste.
Und dannâŠ
hob sich das Schiff langsam vom Boden.
Gigantisch.
Unaufhaltsam.
Raketen wurden abgefeuert.
Doch noch bevor sie das Schiff erreichten, wurden sie vom verzerrten Gravitationsfeld abgelenkt und ins Meer gerissen.
Silla starrte sprachlos auf die Monitore.
âLeo⊠wir schaffen das wirklichâŠâ
Er antwortete nicht.
Sein Blick lag auf dem Himmel.
Auf den Sternen hinter den Wolken.
Seit seiner Kindheit hatte er davon getrÀumt.
Jetzt lieĂ er die Erde tatsĂ€chlich zurĂŒck.
FĂŒr immer.
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Wenige Minuten spÀter durchbrach die Myra die AtmosphÀre.
Die Erde verschwand langsam unter ihnen.
Blau.
Still.
Entfernt.
Silla trat langsam nĂ€her an das groĂe Beobachtungsfenster.
âKomischâ, flĂŒsterte sie.
âWas?â
âIch dachte⊠ich wĂŒrde mehr fĂŒhlen.â
Leo verstand genau, was sie meinte.
Trauer.
Zweifel.
Angst.
Doch dort war nichts.
Nur Leere.
Und Freiheit.
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âZielplanet bestĂ€tigtâ, meldete Myra.
Ein holografisches Abbild erschien im Zentrum der BrĂŒcke.
Zwei Sonnen umkreisten ein gigantisches Planetensystem.
Eine rote Sonne.
Eine blaue Sonne.
Dazwischen:
Ein gewaltiger Planet.
Dunkelblaue Ozeane bedeckten weite Teile seiner OberflĂ€che. Riesige Kontinente zogen sich ĂŒber tausende Kilometer hinweg. Gewaltige Gebirgsketten durchschnitten die Landschaft wie Narben.
âEntfernung?â, fragte Leo.
â7,2 Millionen Lichtjahre.â
Silla atmete langsam aus.
âUnd Reisezeit?â
Myra antwortete sofort.
âDurch Nutzung des Gravitationstunnels und relativistischer Raumverzerrung betrĂ€gt die subjektive Reisezeit ungefĂ€hr 73 Jahre.â
73 Jahre.
Eine ganze Lebenszeit.
Und doch wĂŒrden sie davon kaum etwas erleben.
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Der Kryosaal lag tief im Inneren der Myra.
Blasses weiĂes Licht spiegelte sich auf den beiden Schlafkapseln.
Silla stand davor und starrte auf die glÀserne Abdeckung.
âSchon verrĂŒcktâ, sagte sie leise.
âWenn wir wieder aufwachen⊠existiert unsere Zeit nicht mehr.â
Leo trat neben sie.
âVielleicht ist das besser so.â
Sie sah ihn an.
Zum ersten Mal wirkte sie unsicher.
âUnd wenn dort nichts ist?â
Leo schwieg kurz.
Dann legte er vorsichtig seine Hand auf ihre Schulter.
âDann finden wir eben selbst einen Grund zu bleiben.â
Silla lÀchelte schwach.
âDu klingst immer noch wie damals auf dem Heimdach.â
âUnd du bist immer noch die Einzige, die mir zuhört.â
Sie lachte leise.
Dann legten sich beide in ihre Kryokapseln.
Die Systeme begannen zu zischen.
Kalte Nebelschwaden stiegen auf.
âKryoschlaf wird eingeleitetâ, meldete Myra.
âGute Reise, Leo. Gute Reise, Silla.â
Die Glasabdeckungen schlossen sich langsam.
Die letzten Bilder, die Leo sah, waren: die Sterne.
Unendlich.
Kalt.
Wunderschön.
Dann wurde alles schwarz.
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73 Jahre spÀter.
Warnlichter flackerten durch die Kryokammer.
Langsam öffneten sich die Kapseln.
Kalte Luft strömte heraus.
Leo riss hustend die Augen auf. Schmerz schoss durch seinen Körper. Seine Muskeln zitterten.
Neben ihm erwachte Silla ebenfalls schwer atmend.
FĂŒr einen Moment herrschte nur Stille.
Dann sahen sie sich an.
Und begriffen.
Sie hatten es geschafft.
Silla sprang förmlich aus der Kapsel und fiel Leo sofort um den Hals. Ihre Arme zitterten.
âWir lebenâŠâ flĂŒsterte sie mit brĂŒchiger Stimme.
âLeo⊠wir leben wirklichâŠâ
Er hielt sie fest.
Fester als jemals zuvor.
73 Jahre.
Und doch fĂŒhlte es sich an wie ein einziger Atemzug.
âWillkommen am Zielortâ, erklang Myras Stimme ruhig.
Die groĂen Sichtfenster der BrĂŒcke öffneten sich langsam.
Und dort war er.
Der Planet.
Gigantisch.
Die rote Sonne tauchte Teile der AtmosphĂ€re in dunkles Gold, wĂ€hrend auf der gegenĂŒberliegenden Seite bereits das kalte blaue Licht der zweiten Sonne ĂŒber den Ozeanen lag.
Gewaltige Wolkensysteme zogen ĂŒber die OberflĂ€che. Riesige Kontinente. Endlose Meere. Gebirge, die selbst aus dem Orbit sichtbar waren.
Silla trat sprachlos nÀher.
âMein GottâŠâ
Leo konnte nicht antworten.
Er starrte einfach nur auf die Welt vor ihnen.
Auf ihre neue Heimat.
âPlanetenscan abgeschlossenâ, meldete Myra.
Holografische Daten erschienen ĂŒber der BrĂŒcke.
> AtmosphÀre: Sauerstoffreich
Schwerkraft: 1,34-fache Erdgravitation
Durchschnittliche Tagestemperatur: 10 bis 30 Grad
Durchschnittliche Nachttemperatur: 0 bis 10 Grad
Tageszyklus: 30 Stunden
Biologische AktivitÀt: Extrem hoch
Intelligente Lebensformen: BestÀtigt
Unbekannte Energiesignaturen: Mehrere Tausend
Leo runzelte die Stirn.
âUnbekannte Energiesignaturen?â
âAnalyse unvollstĂ€ndigâ, antwortete Myra.
âDie Quelle entspricht keiner bekannten menschlichen Technologie.â
Langsam breitete sich Stille auf der BrĂŒcke aus.
Dort untenâŠ
war etwas.
Etwas Fremdes.
Etwas Lebendiges.
Und wĂ€hrend die gewaltige neue Welt langsam unter ihnen rot und blau leuchteteâŠ
begann ihre eigentliche Reise erst.








