Epilog
Emma war fünfzehn Jahre alt und lebte in einer ruhigen Kleinstadt, in der nähe von Berlin, in der jeder jeden zu kennen glaubte.
Für ihre Mitschüler war sie das stille Mädchen aus der letzten Reihe. Diejenige, die lieber ein Buch las, als auf Partys zu gehen. Diejenige, die ihre Pausen oft allein verbrachte und deren Noten fast immer zu den besten der Klasse gehörten. Niemand schenkte ihr besondere Aufmerksamkeit. Genau so mochte Emma es. Ihr kastanienbraunes Haar fiel in einem kurzen Hush Cut locker in ihr Gesicht. Ihre graugrünen Augen wirkten oft verträumt, als würden ihre Gedanken ständig irgendwo anders sein. Wenn sie las, vergaß sie die Welt um sich herum.
Geschichte, Politik, Wirtschaft, Philosophie – all das faszinierte sie weit mehr als die neuesten Trends ihrer Mitschüler. Sie wirkte wie ein ganz normales Mädchen. Doch hinter dieser unscheinbaren Fassade verbarg sich ein Geheimnis, das niemand auch nur ansatzweise erahnte. Niemand wusste, dass Emma die Schülerin eines Mannes war, dessen Name in gewissen Kreisen nur flüsternd ausgesprochen wurde. Ein Mann, dessen Entscheidungen über das Schicksal ganzer Organisationen entschieden. Ein Mann, den viele fürchteten.
Antonio Russo.
Antonio war sechsundfünfzig Jahre alt. Seine Erscheinung allein genügte oft, um einen Raum verstummen zu lassen. Sein rabenschwarzes Haar war stets sorgfältig nach hinten gekämmt. Zwischen den dunklen Strähnen zogen sich immer mehr silbergraue Linien hindurch, die ihn jedoch nicht schwächer, sondern noch beeindruckender und schärfer wirken ließen. Seine tiefbraunen Augen waren scharf und aufmerksam. Sie schienen jeden Menschen innerhalb weniger Sekunden durchschauen zu können. Wenn Antonio sprach, hörten die Menschen zu. Wenn Antonio schwieg, hörten sie noch genauer hin. In der Unterwelt galt er als einer der mächtigsten Männer des Landes. Geschäftspartner respektierten ihn. Rivalen fürchteten ihn. Feinde verschwanden oft schneller, als sie auftauchten. Doch Emma hatte nie Angst vor ihm gehabt. Vielleicht war genau das der Grund gewesen, warum Antonio sie so interessant fand.








