Kapitel 1 - LP
Holden
»Seht ihr? Sie ist echt!«, verkünde ich triumphierend und lege meinen Arm um Zoey, nachdem ich sie durch die überfüllte Wohnung von Johnny und Marla geführt habe.
Die Gesichter meiner Freunde werden von einem zum anderen immer überraschter. Doch hier steht sie – das Mädchen, von dem diese Idioten geglaubt haben, ich hätte mir die Freundschaft zu ihr nur ausgedacht. »Ihr schuldet mir allen zwanzig Dollar. Jeder von euch.«
Zoey rollt mit den Augen, streift meinen Arm ab – und in ihren Mundwinkeln zuckt ein Lächeln. Dieses halbe Lächeln sagt, dass sie genervt ist, aber auch insgeheim Spaß daran hat. Es ist derselbe Blick, den sie mir schon seit unserer Kindheit zuwirft.
»Niemand hat wirklich mit dir gewettet, Holden«, sagt Wyatt und mustert Zoey mit seinem ruhigen, abwägenden Blick. »Wir haben dir nur nicht geglaubt, dass du eine echte Social-Media-Berühmtheit kennst.«
»Ich bevorzuge Content Creator«, korrigiert Zoey trocken. Sie streckt Wyatt zuerst die Hand entgegen. »Zoey Carter. Und was auch immer Holden dir über mich erzählt hat, stimmt höchstens zur Hälfte.«
Wyatt nimmt ihre Hand und lächelt leicht. »Wyatt Howland. Das ist Romy«, sagt er und deutet auf sie, die gerade ihre dunkelblonden Haare zu einem Zopf macht.
»Die Zugezogene aus New York«, sagt Zoey und nickt. »Holden hat von dir erzählt. Er meinte, du wärst zu cool für Barre, aber du bist trotzdem geblieben.«
Romy zieht überrascht die Augenbrauen hoch. »Hat er das? Interessante Ausdrucksweise.«
»Ich bin JJ«, sagt er, ohne aus seiner Position hinter Lennon hervorzutreten, als würde sie verschwinden, wenn er eine Minute lang seinen Arm nicht um ihre Taille gelegt hat. »Und das ist Lennon.«
»Die beiden, die das Drama mögen«, bestätigt Zoey mit einem leichten Grinsen. »Holden hat quasi den Liveticker gespielt.«
JJs Miene verdüstert sich leicht, doch Lennon lacht. »Oh, du gefällst mir!«
»Johnny Reyes«, stellt er sich viel zu freundlich vor. »Das ist meine Wohnung – also, meine und Marlas.« Er deutet auf die Brünette neben sich, die Zoey ein warmes Lächeln schenkt. »Wir sind gerade eingezogen.«
»Ich bin auch neu in Barre«, fügt Marla hinzu.
»Ich bin Ryan«, stellt er sich vor und macht einen übertriebenen Knicks. »Ich bin der Einzige hier, der Holden regelmäßig ohne zu murren einen Drink spendiert.«
»Das liegt daran, dass du mich bekehren willst«, entgegne ich, woraufhin er mir dramatisch zuzwinkert. »Ein Mann darf doch träumen?«
»Und ich bin Maddox«, sagt der Letzte in der Gruppe. Es sieht fast so aus, als würde er seine bullige Statur für sie kleiner erscheinen lassen wollen. Als ob man dadurch nicht das Gefühl bekäme, dass er hobbymäßig Autos heben würde.
»Der Football-Captain«, bemerkt Zoey. »Alles klar – jetzt hab ich alle.«
Während sie lächelt, kann ich sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitet, wie sie Eindrücke sammelt und Gesichter mit den Geschichten verbindet, die ich ihr erzählt habe.
Ihr dunkles Haar fällt in Wellen über ihre Schultern und sie ist schlicht gekleidet: schwarze, viel zu weite und zerrissene Jeans, Sneaker, die fast untergehen, und ein übergroßes T-Shirt, das von einer Schulter rutscht. Aber sie hat etwas an sich, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, als wäre sie nicht ohnehin schon wichtiger für mich als alle anderen in diesem Raum.
»Also«, sagt sie und dreht sich zu mir um. »Wer ist für diese Katastrophe auf seinem Kopf verantwortlich?«
Instinktiv fahre ich mir mit der Hand durch die weißblonden Haare mit dunklen Ansätzen. »Was? Das sieht gut aus.«
Ryan hebt die Hand. »Das war ich. Ehemaliger Profi.«
»Professionell ist etwas übertrieben«, wirft Romy ein. »Wie lange hast du denn in dem Friseursalon gearbeitet? Drei Monate?«
»Vier«, korrigiert Ryan. »Und ich war sehr gefragt.«
»Wie oft musstest du das Blondieren wiederholen?«, fragt Zoey und dreht eine Strähne meiner Haare in ihren Fingern. »Die sind ziemlich kaputt.«
»Drei, aber das geht noch«, meint Ryan. »Es gibt Schlimmeres.«
»Und du fragst dich, wieso sie dir gekündigt haben?«, fragt Romy unschuldig.
»Ich habe gekündigt«, schnaubt Ryan. »Kreative Differenzen.«
»Dieses Haar hat einen Vorteil«, erklärt Zoey und betrachtet meine Haare noch etwas genauer. »Damit siehst du noch lächerlicher aus, als ich für möglich gehalten hätte.«
»Hey!«, protestiere ich. »Frauen lieben meine Haare.«
»Frauen lieben es höchstens, sich über deine Haare lustig zu machen«, korrigiert sie. »Das ist ein Unterschied.«
»Weißt du was? Ich nehme alles zurück. Du bist in Barre nicht mehr willkommen. Geh zurück, wo du herkommst.«
»Du hast mir monatelang gesagt, wie sehr du dich freust, dass ich hierherkomme«, entgegnet sie und verschränkt die Arme. »Du hast gesagt, du würdest ohne mich keinen Tag länger überleben. Und jetzt willst du mich schon loswerden?«
»Das war, bevor ich mich daran erinnert habe, was für eine Nervensäge du bist.«
Ihre Lippen zucken. »Tja. Pech für dich.«
»Wie lange kennt ihr euch eigentlich schon?«, fragt Lennon und schaut dabei amüsiert zwischen Zoey und mir hin und her.
Zoey und ich tauschen einen Blick.
»Seit Ewigkeiten«, sage ich.
»Seit ich vier war«, sagt sie gleichzeitig.
»Ich kenne dich seit deiner Geburt«, widerspreche ich.
Zoey schüttelt den Kopf. »Du warst gerade mal drei, als ich geboren wurde. Du kannst dich nicht daran erinnern, wie ich als Baby war.«
»Doch, das tue ich. Du warst winzig und laut und dein Gesicht war ganz rot, weil du ununterbrochen geschrien hast.«
»So sehen alle Babys aus, du Idiot! Das erste Mal, an das ich mich erinnere, war, als ich fünf war und von meiner Mutter gezwungen wurde, auf seinen siebten Geburtstag zu gehen. Du hast mir erzählt, du könntest dich in einen Wolf verwandeln.«
»So war das doch gar nicht«, versuche ich auszuweichen, weil ich die skeptischen Blicke der anderen sehe, die Zoey direkt als Ahnungslose erkannt haben.
»Natürlich war das so. Du hast mir mit deinem Gerede solche Angst gemacht, dass ich mich zwei Stunden lang im Schrank versteckt habe und Halloween verpasst habe.«
»Und dann hat deine Mutter mich dazu gebracht, mich zu entschuldigen. Seitdem sind wir beste Freunde«, schließe ich und lege wieder einen Arm um ihre Schultern. »Romantischer wird’s nicht, oder?«
Meine Freunde sehen alle noch immer skeptisch aus. – und vermutlich glaubt mindestens einer von ihnen, dass ich Zoey für den Auftritt hier bezahle.
»Wie auch immer«, räuspere ich mich, um sie aus ihrer Starre zu holen. »Jetzt ist sie hier, und ich bin froh darüber, denn seit ihr euch alle gefunden habt, ist es für Außenstehende wie mich extrem langweilig geworden.«
»Jetzt geht’s wieder los«, murmelt JJ.
»Nein, ich meine es ernst! Ihr seid alle in eurer kleinen Flitterwochenphase und das ist ekelhaft. Wyatt und Romy verhalten sich schon wie Rentner. JJ und Lennon haben jetzt auch endlich …«
»Vorsichtig«, warnt JJ, doch Lennon lacht nur.
»Johnny und Marla ahmen Romy und Wyatt nach«, fahre ich fort. »Und ich soll was machen? Enthaltsam leben?«
»Holden ist immer noch sauer, weil die ältere Frau, mit der er zusammen war, ihn verlassen hat«, erklärt Wyatt Zoey.
»Es ist wirklich schlimm«, sagt Lennon und drückt eine Hand auf ihre Brust. »Sollen wir nicht doch zu einem Arzt gehen?«
»Welche ältere Frau?«, fragt Zoey und schaut zu mir auf.
»Sie übertreibt«, winke ich ab. »Es war nur eine lockere Affäre mit jemandem, der etwas älter war. Sie wollte etwas Ernstes, ich nicht. Also habe ich Schluss gemacht.«
»Das hast du uns aber anders erzählt«, bemerkt Romy. »Du hast gesagt, sie fand dich zu jung und unreif.«
»Details«, erwidere ich, während ich zum Kühlschrank gehe und mir ein Bier nehme. »Der Punkt ist, es spielt keine Rolle, denn ich bin frei wie ein Vogel, während ihr alle von euren Hormonen und Gefühlen gefesselt seid.«
»So dramatisch«, seufzt Lennon. »War er schon immer so?«
»Er war schon immer etwas Besonderes«, meint Zoey mit verschränkten Armen vor der Brust. Die Art, wie sie dasteht – mit dem Gewicht auf einer Hüfte und hochgezogenen Augenbrauen – lässt sie amüsiert und skeptisch zugleich wirken.
»Sehr charmant«, bedanke ich mich bei ihr und reiche ihr ein Bier. »Wenn ich dich nicht brauchen würde, würde ich deine Sachen selbst wieder einpacken.«
»Warum brauchst du mich überhaupt?«, fragt sie und deutet mit dem Bierhals auf Maddox und Ryan.
Ryan hebt sein Bierglas, kaum dass die Flasche auf ihn zeigt. »Wir bewegen uns nicht gerade in denselben Kreisen, Schatz.«
»Und ich würde mir lieber Nadeln in die Augen stechen, als Parker dabei zu helfen, flachgelegt zu werden«, fügt Maddox trocken hinzu.
»Beruht auf Gegenseitigkeit, Coleman.«
Zoey schaut zwischen uns hin und her. »Was soll diese Feindseligkeit? Wir sind doch auf derselben Party.«
»Basketball gegen Football«, erklärt Lennon mit einem langmütigen Seufzer. »Eine uralte und erbitterte Rivalität.«
»Die Lennon noch verschlimmert hat, indem er die Seiten gewechselt hat«, fügt Romy hinzu.
»Ich bin die Schweiz«, sagt Lennon. »Neutrales Gebiet.«
»Du schläfst mit dem Feind«, murmelt Maddox und erntet von Lennon und JJ einen finsteren Blick.
»Also, Zoey«, sagt Marla, die offensichtlich das Thema wechseln will, »wie gefällt dir Barre bisher?«
Zoey zuckt mit den Schultern. »Ich bin erst seit einem Monat hier, aber es scheint eine kleine Stadt wie jede andere zu sein. Ruhig. Ein bisschen langweilig.«
»Warte … Einen Monat?«, fragt Lennon entsetzt. »Holden meinte …«
»Das ist doch egal«, unterbreche ich sie. »Ich wollte sie erst für mich.«
»Wir könnten dir die Gegend zeigen«, bietet Lennon an und versucht, mich einfach auszublenden. »Romy und ich kennen alle guten Orte!«
»Die besten Orte sind das Quinn’s Diner und … Nun ja, eigentlich nur das Diner«, gibt Romy zu.
»Genau deswegen habe ich euch nicht gesagt, wann genau sie ankommt. Sie braucht keine Führung von euch beiden«, werfe ich ein. »Ihr könnt eure Zeit als Paare genießen. Zoey gehört mir.«
»Das ist überhaupt nicht gruselig«, kommentiert JJ trocken.
»Du weißt, was ich meine«, verteidige ich mich. »Ich brauche Zoey als meinen Wingman. Die Frauen lieben sie. Wenn ich es richtig sehe, haben sogar jetzt schon ein paar süße Mädchen sie erkannt.« Ich schaue sie an und sehe, wie sich ihre Zornesfalte bildet. »Du musst nur noch ein gutes Wort für mich einlegen.«
»Du bist ein Idiot«, sagt sie schließlich. »Wo ist eigentlich die Toilette?«
»Am Ende des Flurs, erste Tür links«, antwortet Romy, bevor Marla antworten kann. »Ich zeige es dir.«
»Ich komme mit«, fügt Marla hinzu. Die drei gehen los und lassen mich zurück, der ihnen nachstarrt.
»War das jetzt ein Ja oder ein Nein?«
Als Antwort blickt Zoey über ihre Schulter zurück und zeigt mir den Mittelfinger.








