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Samtling

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Summary

In den Wäldern Greenfalls lauern Schrecken. Seit Jahrhunderten sorgen Frauen und Männer des Wächterstandes an der Grenze des Königreichs dafür, dass diese Schrecken zurückgeschlagen werden. Ich? Ich bin kein Wächter, sondern nur ein einfacher Adliger aus einem kleinen Haus. Aber ich kenne eine von ihnen. Sie wird heute in den ehrenhaften Stand erhoben. Und sie trägt einen Samtling am Revers. Ein Affront, der trotzdem kein Aufsehen erregt, hier im gefüllten Thronsaal. Der Samtling ist ein historisches Symbol des Widerstandes und er ist unser Zeichen. Für gewisse Stunden, in denen nur die Götter Zeugen unserer Fleischlichkeit sein mögen.

Status
3mo ago
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

1. Der Initiationsritus

Die weiße Blüte am Revers ihrer zeremoniellen, royalen Uniform.

Ein Samtling. Sonnenlicht, gefiltert durch die zarten Farben der Buntglas-Mosaike in den Fenstern des Thronsaals, fällt auf den hellen Stoff ihrer Uniform, auf ihr Gesicht, ihre helle Haut, ihr rotes Haar, das sie heute zu einem aufwändigen und strengen Zopfgeflecht nach hinten gebunden hat.

Die Uniform versteckt ihre Körperform. Ihren drahtigen Leib, mit dezenten Rundungen an den richtigen Stellen. Ihre Haut samt allen darauf erblassenden Zeugnissen lehrreicher Feindesbegegnungen, die sie gleich einer epochalen Odyssee absolvierte, um letztlich vom göttlichen Schicksal als legitimiert erkoren zu werden, hier und jetzt in genau diesem Moment im Sonnenlicht zu stehen.

Sie schaut mich nicht an. Nicht einmal in meine Richtung. Sie ignoriert mich. Ihr Blick starr und stoisch nach vorn gerichtet, links und rechts von ihr stehen zwei weitere Mitglieder ihrer Adelsfamilie, ebenfalls im zeremoniellen Dress. Jedoch ohne jenen Körperbau, der Befähigung zu Ruhmestaten verspricht, der Geschichten wilder Taten vermuten lässt, der gewisse Sehnsüchte in jenen weckt, die sich fremde Körper mit gewissen Blicken einverleiben.

Nein, sie wird begleitet von zwei erbärmlichen Palast-Edlen. Schmalen, blassen Hänflingen, deren einzige jämmerliche Lebenserfolge aus einem Eintrag im Buch ihres Familienstammbaums darstellen. Sie stehen auf dem dicken roten Teppich, der zum Thron führt. Der König hat sich derweil erhoben, hält eine Rede über Wagemut, Ehre und davon, dass der Dienst am Reich ein Dienst am Volke sei und gestikuliert mit seinem uralten Szepter wild in ihre Richtung. Er, der nur die orchestrierte Jagd auf Rotwild und die ränkischen Auseinandersetzungen zu Hof als seine Schlachtfelder kennt, redet weiter von Heldentaten und anderen Verheißungen des Wächterstandes. Von den Herausforderungen dieser Aufgabe und davon, dass diese drei Personen vor ihm sich trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihrer edlen Herkunft und ihren unter Beweis gestellten Kampfkünsten als gute Vorbilder auszeichnen.

Für alle Anwesenden geziemt es sich nicht, im Angesicht der Sonne und in Gegenwart des Königs auszusprechen, was naheliegt. Es werden die Schankhilfen, die Mägde und Diener sein, die sich in den Nebenräumen den Mund darüber zerreißen, wie es zwei dieser drei Personen wohl geschafft haben mögen, in den Wächterstand erhoben zu werden. Ob es eine Ehre sei, oder eine Strafe der Familie, die sie geschickt hatte. Ob es ein erkauftes Privileg wäre oder ein offener Gefallen beim hohen König, den man eingelöst hatte. Oder ein ränkischer Schachzug. Denn insbesondere unter den Dienstleuten, die der Königsfamilie näher waren als mancher Berater, war bekannt, dass insbesondere der Regent nicht frei von der Sünde des Machtmissbrauchs war.

Während die Dienerschaft zwischen den Edlen im Saal umherstrich, Getränke anboten und leere Krüge einsammelten, richteten sie verstohlene Blicke auf sie, dort in der Mitte zwischen den beiden edlen Hänflingen; würden ihre Befähigung nicht in Frage stellen; würden die Erinnerungen an ihr bezauberndes Äußeres mitnehmen in ihre Dienerkammern, um sich bei Nacht hechelnd daran zu laben.

Sie wissen es, alle Anwesenden wissen es und auch ich weiß, was das Wächtertum bedeutet. Mut, Heldentaten, Ehre und Treue verschleiern das Blut, den Schmerz, Angst und Gewalt. Das Wächtertum ist nur eines von beidem und nichts dazwischen: Sieg oder Tod.

Sieg über das, was in den Wäldern von Greenfall lauert und seit Jahrhunderten immer wieder dazu ansetzt, sich aus den dunklen, dicht bewachsenen Nebeltiefen zu befreien und Schrecken, Zerstörung und Trauer über unsere Heimat zu bringen. Es sind die Wächter, die als erste und letzte Bastion dafür einstehen, unser aller Leben zu verteidigen. Es sind die Wächter, die dabei keine glorreichen Heldentaten bestreiten. Es sind die Wächter, die entgegen dem offiziellen royalen Wort keine Inspiration für edle und einfache Menschen darstellen, sondern vielmehr ein Symbol für Verbannung, Torheit und verstrickte Konspirationen des Adels.

Samtling.

Sie begeht mit der Applikation an ihrer Uniform einen Affront, der anderen in solch einer Situation schon den Kopf gekostet hätte. Aber womöglich und ehrlich gesagt viel wahrscheinlicher wäre dies eher in alten Zeiten zu erwarten gewesen - nicht heute, nicht unter jenem König, nicht zu jenem dekadenten Zustand des Reiches. Der Tiger ist zahnlos geworden, weil er keine Zähne mehr benötigt. Die Blüte an ihrem Revers ist ein Symbol des Widerstandes. Aus längst vergangenen Zeiten.

Es zierte das Wappen der Aufständischen; eine Erinnerung an nur noch bruchstückhaft weitergetragene Geschichten über die Tage der Rebellion gegen das Königshaus. Ausgelöst durch die verachtungsvollen Lebensumstände der einfachen Arbeiter, welche diese sensiblen und aufwändig zu züchtenden Blumen unter der strengen Hand der Lehnsherren heranzogen; die Peitsche der Lohn, das Brot die Mahnung des Gehorsams. Und doch wurde auch sie im hohen Stand geboren. In einem Hause der Lehnsherren. Nur dies rettet ihr den Kopf. Oder es ist die die Unaufmerksamkeit und Anteilslosigkeit des hohen Königs, eine arrogante Blindheit gegenüber allem, was sich außerhalb seiner eigenen Palastmauern zuträgt.

Sie verstrickt sich nicht in Ambivalenzen. Sie ist geschickt mit den Worten, wie sie geschickt ist zu Pferd und an der Waffe und in Künsten, über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Die Blüte des Samtlings sei ein Konservat; ein Erbstück. Ein Objekt, geschwängert mit familialer Bedeutungsschwere, die niemals ausgetragen werden darf. So würde sie argumentieren, spräche jemand hier sie überhaupt auf diesen vermeintlichen Affront an. Geschickt argumentieren, mit klugem Kopf und geschickten Lippen.

Ja, sie ist geschickt mit ihrem Körper. Sie ist geschickt mit ihren Hüften.

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