Vom Licht Besessen: Weltverbesserer & Sein Schatten by Martina at Inkitt
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Vom Licht besessen: Weltverbesserer & seinSchatten

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Summary

​„Du hast versagt!“ ​Diese Worte sind das Echo, das Sky, den gefeierten Helden, in den Wahnsinn treibt. Auf der Jagd nach dem Dämonenkönig trifft er auf Shade – einen Spirit der Finsternis, dem der Tod in den Augen steht. Er verhungert. ​Gegen jede Vernunft und gegen alle heiligen Gesetze rettet Sky ihn. Jeden Tag. Mit seinem eigenen Mana. Ein Akt, der für Sky Pflicht ist, für Shade jedoch die reinste Qual der Abhängigkeit bedeutet. Eine toxische Symbiose aus Licht und Schatten, die ihre Seelen unwiderruflich aneinanderkettet. ​Doch für die Kirche ist Empathie für die Finsternis ein todeswürdiges Verbrechen. Sky wird zum Gejagten, während er weiterhin versucht, die Welt zu retten – und sein „Monster“ am Leben zu erhalten. ​Was keiner ahnt: Die Göttin Leafias sieht alles. Und sie ist entzückt. Sie liebt das Leiden, sie liebt die unerlaubte Nähe und das brennende Verlangen zwischen dem strahlenden Helden und dem düsteren Spirit. Während die Kirche auf Erden den Untergang der beiden plant, genießt Leafias das Drama aus dem Olymp. ​Denn für sie ist diese verbotene Liebe das schönste, blutigste Spiel der Welt. ​Ein Held auf der Flucht. Ein Spirit im goldenen Käfig. Und eine Göttin, die den Untergang der beiden am liebsten in der ersten Reihe verfolgt

Genre
Fantasy
Author
Martina
Status
Ongoing
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
18+

​Die Stille nach dem Hochmut

Die Halle des Thrones war kein Ort der Macht mehr, sondern ein Schlachthaus. Der Geruch von Ozon, verbranntem Fleisch und das beißende Aroma meiner eigenen heiligen Klinge hingen schwer in der Luft wie ein schlechtes Omen. Ich stand auf, meine Beine zitterten unter der Last der Rüstung, die mittlerweile mehr Schutt als Schutz war. Mein Umhang, einst das Symbol meiner unangefochtenen Herrschaft, war zerfetzt und staubbedeckt. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde ich scharfe Scherben schlucken. Die Stille war das Schlimmste – eine Stille, die nur von dem unheilvollen Summen der sterbenden Bindungen unterbrochen wurde.

Ich sah zu, wie der Dämonenkönig vor mir in den Trümmern kniete. Er wand sich, als würde er von unsichtbaren Fesseln zerrissen. Er schrie – ein heiserer, animalischer Laut, der durch den ganzen Saal hallte. Ich beobachtete ihn misstrauisch, meine Finger krampften sich in die Splitter meines Schwertes. Er krümmte sich, als würde etwas von innen nach außen aus ihm herausbrechen. Sein Körper bäumte sich auf, die Rüstung knarrte unter einer unnatürlichen Spannung. Es war kein kontrollierter Schmerz, sondern eine Zerstörung. Sein ganzer Körper zitterte unter einer Agonie, die ich nicht einmal bei meinen schlimmsten Gegnern gesehen hatte.

Ich zögerte nicht. Ich musste das beenden, bevor er sich wieder fing. Mit einem Urschrei der Überzeugung stürmte ich vor. Ich wollte sein Herz, den letzten Punkt seiner Existenz. Ich hob meine heilige Klinge, mein ganzes Gewicht hinter einem Stoß, der darauf ausgelegt war, die Realität selbst zu spalten.

Ich sah die Klinge kommen – ein blinder Blitz aus reinem Licht. Doch in dem Augenblick, als die Spitze sein Herz durchbohren sollte, geschah das Unvorhersehbare.

Es war eine Barriere aus purer, violetter Leere. Sie explodierte vor seiner Brust, so hell, dass es mir den Atem raubte. Die Klinge traf auf diese Wand – nicht mit einem metallischen Klang, sondern mit einem hässlichen, kreischenden Geräusch von brechender Realität. Die Wucht schleuderte mich zurück, durch drei massive Steinsäulen hindurch, bis ich schwer atmend im Schutt liegen blieb. Meine Klinge zersplitterte in tausend Scherben.

Ich taumelte, keuchend, während ich zusah, wie er aufstand. Er wirkte nicht mehr wie ein sterbender König. Er wirkte neu geschmiedet, getränkt in eine Essenz, die ich nicht kannte. Die violetten Risse an seiner Brust begannen zu glühen.

Ich starrte ihn aus den Trümmern an, meine Hände blutig von den Splittern meines eigenen Schicksals. „Das ist unmöglich“, presste ich hervor. „Ich habe sie alle vernichtet! Ich habe das Licht in jede Fuge dieser Halle getragen. Du solltest leer sein. Ein Gott ohne Anker ist nur ein Leichnam.“

Er blieb stehen, sein Atem ein unnatürliches, violettes Flimmern. Er trat einen Schritt vor, und die Dunkelheit, die ihn umgab, verschlang das letzte Leuchten meines zerbrochenen Schwertes. „Du hast sie nicht vernichtet, kleiner Held“, antwortete er, seine Stimme ein unnatürlicher Widerhall, der die Wände erzittern ließ. „Du hast sie nur nach Hause geschickt. Du hast mich vervollständigt. Du hast den Fehler begangen, den Anker zu vergessen, der sich am tiefsten im Schatten verborgen hielt. Dein Licht war so hell, dass du Envy direkt vor deinen Augen übersehen hast.“

Envy.

Das Wort traf mich wie ein physischer Schlag. In meinem Kopf rasten die Seiten der Archive, die ich auswendig gelernt hatte. Sie waren wahr. Sie waren immer wahr gewesen. Und sie waren alle hier gewesen, in diesem Schloss.

Ich erinnerte mich an den Kampf gegen Pride im Spiegelsaal des Ostflügels. Er war eine Naturgewalt gewesen, eine goldene Rüstung, die Licht reflektierte und jeden meiner Angriffe mit doppelter Wucht zurückwarf. Ich hatte damals geglaubt, der Sieg über ihn wäre mein ultimativer Beweis als Held gewesen. Mein Schwert hatte geglüht, ich hatte jeden Angriff mit einer Präzision pariert, die mich an meine Grenzen brachte. Als Pride unter meinem Schlag zerbarst, hatte ich geglaubt, der Stolz der Welt sei gebrochen.

Und Wrath... die vulkanischen Ebenen unter den Katakomben. Sein Zorn war keine einfache Wut gewesen; er war ein Inferno, das die Luft verzehrte. Ich hatte stundenlang gegen ihn gefochten, meine Haut war von der Hitze versengt, meine Rüstung hatte geglüht. Ich hatte ihn in einem finalen Duell bezwungen, in dem jeder Treffer eine Explosion aus purer Gewalt war. Ich hatte mich damals wie ein Gott gefühlt, unverwundbar in meinem Eifer.

Ich hatte sie alle nacheinander ausradiert. Hochmut, Zorn, Völlerei, Habgier, Wollust, Trägheit. Ich hatte mich wie im Rausch gefühlt – jeder Sieg hatte mein Licht heller brennen lassen. Ich hatte sie besiegt, eine nach der anderen.

Und doch… ich hatte nur sechs gezählt.

Wie konnte ich so blind sein? Ich war so berauscht von meinem eigenen Fortschritt, so besessen von dem Gedanken, dass ich als derjenige in die Geschichte eingehen würde, der den Dämonenkönig entthront hatte, dass ich bei sechs stehen geblieben war. Ich hatte die Zahl sieben aus den Legenden gekannt, aber ich hatte in meiner Arroganz nicht einmal hinterfragt, warum nach dem Sieg über den sechsten alles so… still war. Ich hatte nicht einmal gründlich gesucht. Ich hatte das Schloss durchkämmt, die Generäle abgeschlachtet, als wäre es eine Übungsstunde, und hatte mich dann, blind vor Selbstüberschätzung, direkt auf den Thron gestürzt.

Wie ein Anfänger. Ein arroganter, naiver Anfänger, der glaubte, der Sieg wäre ein Automatismus, wenn man nur stark genug zuschlägt.

Die Wahrheit war so scharf wie die Splitter meines Schwertes: Ich hatte Envy nicht übersehen, weil er sich gut versteckt hatte. Ich hatte ihn übersehen, weil ich zu dumm war, richtig zu zählen. Ich hatte die Welt nicht gerettet, ich hatte nur das Schlachtfeld für den vorbereitet, den ich zu ignorieren wünschte, weil ich mich schon als Sieger gefeiert hatte.

Der Dämonenkönig wandte sich ab. Er sah mich nicht einmal mehr an. Er schritt aus der Halle, und jeder seiner Schritte fühlte sich an wie ein Urteil über meine gesamte Laufbahn. Er hatte nicht gegen mich gewonnen, er hatte mich einfach nur ignoriert, während ich mich an meinem eigenen, unvollständigen Sieg weidete.

Ich blieb zurück, ein Haufen aus zerbrochenem Stolz und blutigen Knochen. Mein Körper fühlte sich an wie ein Sack aus Blei. Meine Rippen waren zertrümmert, und ich spürte, wie das Leben in einer warmen, quälenden Flut aus mir herausströmte. Ich wusste, dass ich dieses Schloss nicht lebend verlassen würde. Doch während ich dort lag, drängte sich ein anderer Schmerz in mein Bewusstsein: das sanfte, beunruhigte Leuchten in meinem Inneren.

Meine Licht-Spirits.

Sie waren meine treuen Gefährten gewesen. Sie hatten mich geleitet, sie hatten mein Licht verstärkt, sie hatten mir in den dunkelsten Stunden Trost gespendet. Jetzt spürten sie meinen Tod, sie spürten, wie das Licht in meinen Venen erlosch, und ihre eigene Aura begann in Panik zu flackern. Sie waren an mich gebunden – wenn ich starb, würden sie in dem Vakuum, das mein Tod hinterließ, zerreißen. Sie würden qualvoll in der Dunkelheit verblassen.

„Nein“, flüsterte ich, während ich mich mühsam auf die Ellbogen stützte. Blut rann mir aus dem Mundwinkel, doch ich erzwang ein letztes, mildes Lächeln. „Das werde ich nicht zulassen.“

Mit letzter Kraft konzentrierte ich mich. Ich rief sie zu mir – kleine, leuchtende Funken, die sich um meine blutigen Hände sammelten. Sie waren so rein, so unschuldig. Ich konnte sie nicht mit mir in den Abgrund ziehen.

„Es ist Zeit“, hauchte ich. „Ihr seid frei.“

Ich öffnete die Bindung. Es war kein technischer Prozess, es war ein Akt der Hingabe. Ich ließ die Fäden der Macht los, die mich an diese Welt ketteten. Einer nach dem anderen lösten sich die Spirits von mir. Sie zögerten, sie schienen an mir haften bleiben zu wollen, doch ich drängte sie sanft fort. „Geht. Sucht euch ein neues Licht. Die Welt braucht euch mehr als einen gefallenen Helden.“

Als der letzte von ihnen sich löste und wie ein kleiner, strahlender Stern in die Schatten des Saals entschwebte, spürte ich eine seltsame Leichtigkeit. Der Schmerz war immer noch da, doch die Last der Verantwortung war von mir abgefallen. Ich war nun kein Held mehr. Ich war nur noch ein Mensch, der in einer kaputten Welt auf sein Ende wartete.

Der Weg aus dem Schloss war eine endlose Prozession durch das Grauen. Jeder Korridor, den ich passierte, war ein Spiegelbild meiner eigenen Hybris. Überall lagen die Überreste derer, die ich im Namen des Lichts erschlagen hatte. Die Leichen der sechs Generäle, die ich als Trophäen meines Erfolgs angesehen hatte, wirkten nun wie Mahnmale meiner Unfähigkeit. Ich stolperte an den Überresten von Pride vorbei, dessen goldenes Blut noch immer die Wände zierte, und sah in dem staubigen Spiegel daneben nicht den strahlenden Retter, sondern einen gebrochenen Jungen in einer Rüstung, die viel zu groß für ihn war. Ich fühlte mich so sterblich wie ein einfacher Bauer, so verletzlich wie die Zivilisten, die ich so oft vor den Dämonen in Sicherheit gebracht hatte. Jedes Mal, wenn ich einen Schritt machte, durchzuckte mich ein neuer Schmerz. Meine Rüstung war schwer, jedes Metallteil ein Gewicht, das mich zurück in den Boden ziehen wollte. Ich ließ das Schloss hinter mir – nicht weil ich hoffte zu überleben, sondern weil ich meinem eigenen Tod noch einmal ein Stück Würde abringen wollte.

Draußen empfing mich die Nacht. Das Ödland war kalt, unendlich und gleichgültig. Ich taumelte durch den Staub, das Schloss hinter mir wurde kleiner, ein dunkler Klumpen in einer Welt, die sich gerade für immer verändert hatte. Ich hatte keine Richtung, kein Ziel, nur noch den Drang, weg von hier zu kommen. Ich war der Held, der die Welt retten wollte, und nun war ich der letzte Zeuge ihres Untergangs.

Während ich durch das Ödland wankte, schien der Himmel selbst sich gegen mich zu verschwören. Die violetten Wolken, die Envy heraufbeschworen hatte, hingen tief und schwer wie ein Leichentuch über dem Horizont. Ich wusste, dass ich nicht weit kommen würde. Mein Blut färbte den grauen Sand unter mir dunkel. Doch das war in Ordnung. Ich hatte die Archive gelesen, ich hatte die Taten vollbracht, ich hatte den Rausch des Sieges genossen – und ich hatte versagt, weil ich die Augen vor der siebten Wahrheit verschlossen hatte.

Mein Licht war nicht stark genug, doch in der tiefen, grausamen Stille dieser Einöde ging ich weiter – ein Geist, der noch nicht wusste, dass er eigentlich schon lange gestorben war. Jeder Atemzug war ein Abschied, jeder Schritt ein Bekenntnis zu meiner eigenen Unzulänglichkeit. Und während die Kälte meine Glieder übernahm, hoffte ich nur noch, dass irgendwo dort draußen, jenseits dieses öden Sandes, irgendjemand jemals erfahren würde, dass ein Held nicht durch Stärke, sondern durch seine Arroganz untergeht. Ich sank in den Staub, das Schloss nur noch eine kleine Silhouette in der Ferne, und schloss die Augen. Der Kreis war geschlossen, aber nicht so, wie ich es mir erträumt hatte. Es gab kein Licht mehr, nur noch die bittere, kalte Gewissheit, dass ich den Untergang der Welt mit meiner eigenen Hand eingeläutet hatte.

Chapters
1. ​Die Stille nach dem Hochmut
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