Das Geisterfahrzeug
Das Geisterfahrzeug
In der pechschwarzen Dunkelheit, die die Straße einhüllte, standen Ali und Sajjad auf dem Gehweg, warteten auf ein Taxi oder einen Tuk-Tuk, gefangen in einem angespannten, ungewissen Moment. Der Regen prasselte heftig herab, als würde der Himmel selbst jeden Moment zusammenbrechen.
„Ich habe ein schlechtes Gefühl … Was, wenn wir einen Fehler machen?“
Sajjads Stimme war von Sorge durchdrungen. Aber Ali, der viel ruhiger wirkte, antwortete gleichgültig: „Mach dir keine Sorgen. Alles ist durchdacht. Unsere Aufgabe ist einfach – wir müssen nur den Idioten finden, der uns an unser Ziel bringt.“
„Aber … wir werden einen unschuldigen Menschen töten!“ platzte Sajjad heraus und versuchte, ruhig zu bleiben.
Ali lächelte – sein Gesicht blieb im Dunkeln verborgen – und flüsterte: „Der Zweck heiligt die Mittel, Sajjad. Denk daran.“
Sajjad blickte immer wieder nervös um sich, seine Augen voller Unbehagen. Doch Ali legte beruhigend eine Hand auf seine Schulter. „Entspann dich. Der Traum, den wir verfolgen, ist alles wert – selbst wenn der Preis Blut ist. Ich habe ein scharfes Messer, und du hast auch eins, oder?“
Sajjad tastete in seine Tasche und nickte. „Es ist da.“
Ein grüner Tuk-Tuk fuhr hupend vorbei.
Aber Ali schüttelte nur den Kopf. „Altes Modell. Wir brauchen ein neues“, sagte er schlicht, als sei das eine Lebensregel.
Der Tuk-Tuk, der an ihnen vorbeigefahren war, bremste plötzlich ab und kehrte um. Der Regen peitschte gegen ihre Körper und verstärkte die Angst, die sich in ihren Herzen ausbreitete. Das Fahrzeug war nun rot, schoss durch die nassen Straßen.
Sajjad, der schwer atmete, bemerkte etwas Merkwürdiges – Schwärme von Fliegen versammelten sich an den Fenstern, wirbelten in einem unheimlichen Muster, wie ein Teil eines unlösbaren Rätsels.
„Was geht hier vor?“ flüsterte Sajjad zu sich selbst.
Ali jedoch blieb unbeeindruckt. „Konzentrier dich nicht auf die Details. Wir müssen nur bekommen, was wir wollen.“
Als der Tuk-Tuk näherkam, erkannte Sajjad etwas noch Unheimlicheres am Fahrer. Etwas Unnatürliches lastete auf ihm, sein geschwollenes Gesicht verströmte einen seltsamen Geruch. Selbst die Fliegen umkreisten ihn, als wären sie von etwas Unsichtbarem angezogen. Es war klar – das war nicht die Art von Fahrer, die man zu dieser Stunde erwartete.
Ali grinste und begrüßte ihn: „Salam Alaikum.“
Der Fahrer nickte wortlos.
Ali fuhr gelassen fort: „Wir brauchen eine Fahrt nach Grün-Khuzam. Da ist ein kaputtes Motorrad. Was wird es kosten?“
„Zehntausend“, entgegnete der Fahrer tonlos.
Ali atmete tief durch und grinste. „Abgemacht.“
Er rutschte auf den Sitz neben Sajjad, der immer unruhiger wurde, während der Tuk-Tuk langsam losfuhr – sie ihrem Schicksal entgegen.
Während sich die Straße vor ihnen ausdehnte, versuchte Sajjad, die nagende Angst zu unterdrücken, die in ihm wuchs. Er versuchte, mit dem Fahrer zu sprechen, doch der geheimnisvolle Mann schwieg. Sajjad zündete sich die zweite Zigarette an – ein vergeblicher Versuch, seine Nerven zu beruhigen. Die Regentropfen prasselten unaufhörlich gegen die Fenster, ihr Rhythmus wurde schneller, als wollten sie vor etwas Unsichtbarem warnen. Der Wind wurde plötzlich stärker und rüttelte den Tuk-Tuk heftig durch.
Sajjad starrte durch das Glas, ein Gefühl tiefer Unruhe breitete sich in seinem Inneren aus. Alles schien normal, und doch überkam ihn ein unerklärlicher Schrecken.
Dann, ohne Vorwarnung, rauschte das Radio des Tuk-Tuks von selbst los – verzerrtes Rauschen erfüllte den Raum.
Eine kalte, verzerrte Stimme erklang aus dem Lautsprecher:
„Hallo, Diebe.“
Sajjad erstarrte, sein Herz pochte wild. Alis Gesicht wurde leichenblass, als hätte er gerade vom eigenen Tod erfahren.
„Mach es aus … Mein Kopf explodiert!“, murmelte Ali angespannt.
Doch es kam keine Antwort.
Bösartiges Lachen hallte aus dem Gerät – als ob etwas sie beobachtete.
„Ich spreche von euch … Ali und Sajjad.“
Ihre Herzen schlugen schneller, ihre Adern brannten vor Anspannung. Etwas Unnatürliches geschah – etwas jenseits des Verstehens. Sajjad zitterte, während Ali Mühe hatte, seine Stimme ruhig zu halten.
„Mach es JETZT aus!“, rief Ali panisch.
Doch der Fahrer, der allem gegenüber gleichgültig zu sein schien, reagierte nicht. Ali beugte sich von seinem Sitz aus nach vorn, streckte die Hand aus, um den Aus-Knopf des Radios zu drücken.
Doch in dem Moment, in dem seine Finger ihn berührten, durchzuckte ihn ein elektrischer Schlag.
Der Fahrer fuhr einfach weiter, als ob er nichts spürte.
Sajad griff langsam nach seinem Messer, während Ali ihm einen geheimnisvollen Blick zuwarf – als planten sie etwas, das niemand sonst verstehen konnte. Dann, in einer plötzlichen, entschlossenen Bewegung, griffen sie beide den Fahrer an.
Doch die Reaktion des Fahrers war seltsam – er zuckte nicht einmal. Es war, als würde er nichts empfinden. Das Lachen aus dem Recorder wurde lauter, wilder, fast höhnisch.
„Halt den Tuk-Tuk an!“, schrie Ali, doch der Fahrer fuhr unbeirrt weiter, taub für ihre Bitten, blind für das Chaos um ihn herum.
Alis Stimme zitterte vor Panik, als er zurückwich, seine Augen hastig auf der Suche nach einem Ausweg.
„Geht es dir gut?“, fragte Sajad mit zitternder Stimme, während er eine beruhigende Hand auf Alis Arm legte.
„Ich weiß, dass ihr beiden den Tuk-Tuk stehlen wollt.“
Ali und Sajad tauschten ängstliche, verwirrte Blicke.
Sajad, bemüht, die Situation zu begreifen, fragte zögerlich: „Woher kommt diese Stimme? Ist das—“
Doch die unheimliche Stimme unterbrach ihn erneut – diesmal schärfer, drohender:
„Ihr werdet beide sterben, ihr wertlosen Bastarde.“
Alis Finger krallten sich in Sajads Arm, als flehte er stumm um Rettung. Ihre Blicke trafen sich, und in diesem stummen Austausch wussten sie – sie mussten handeln.
Ali griff in die Innentasche seines Mantels, seine Stimme wurde hart und drohend: „Weißt du überhaupt, wer wir sind?“
Gleichzeitig zog Sajad vorsichtig ein kleines Messer aus seiner Hosentasche, seine Augen fest auf den unheimlich stillen Fahrer gerichtet. Ohne ein Wort stürzten sie sich auf ihn, ihre Schreie durchbrachen die erstickende Stille.
Ali drückte seine Klinge von einer Seite gegen die Kehle des Fahrers, während Sajad es ihm von der anderen Seite gleichtat.
Doch was dann geschah, widersprach jeder Logik.
Der Fahrer bewegte sich nicht. Kein Laut kam über seine Lippen. Er saß regungslos da – wie eine leblose Statue.
Sein unheimliches Schweigen verstärkte nur ihre wachsende Angst. Dann ertönte aus dem Recorder erneut ein tiefes, bösartiges Lachen:
„Erbärmliche kleine Bastarde.“
Ali riss der Geduldsfaden. Die Spannung war unerträglich geworden.
„HALT DEN TUK-TUK JETZT AN!“, brüllte er.
Doch der Fahrer blieb unbeeindruckt, fuhr weiter, als sei nichts geschehen. Ali und Sajad warfen sich verzweifelte Blicke zu – nun eine Mischung aus Verwirrung und reiner Angst.
In einem Anfall von Wut packte Ali den Fahrer an den Haaren und drückte das Messer fester gegen seine Kehle. Er übte mehr Druck aus – mehr Kraft – bis plötzlich… sich der Kopf des Fahrers löste.
Ali erstarrte, das Blut gefror ihm in den Adern.
Der abgetrennte Kopf lag in seinen Händen, grinste mit gelben, verrotteten Zähnen und hohlen, schwarzen Augen – vollkommen leblos.
Beide Männer schrien gleichzeitig – ein Schrei, der weder menschlich noch verständlich war – ein gequältes Gemisch aus Angst und Schmerz.
Das teuflische Lachen kehrte zurück, lauter als je zuvor, hallte durch den ganzen Tuk-Tuk, als würde es ihren Schrecken verspotten.
Dann blitzte vor ihnen ein grelles, weißes Licht auf.
Das Einzige, was sie als Nächstes hörten, war das ohrenbetäubende Hupen eines Lastwagens.
Und in diesem Moment wurde klar –
Ihr Ende war gekommen.








