Schatten im Glas...
Zehn Jahre, drei Monate, vier Tage und sechsunddreißig Stunden. So lange war es her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Er konnte immer noch den Duft von Lavendel und Kakaobutter riechen, den sie so liebte. Er erinnerte sich noch genau an das sanfte Lächeln auf ihren Lippen.
Cassian Locke stand im 42. Stock von Locke Tech. Er starrte auf die Stadt hinaus, die niemals schläft. Vor fünf Jahren war seine Firma noch ein kleines Start-up wert. Er hatte daraus ein Imperium von zwanzig Milliarden Dollar erschmiedet. Regierungs-Apps, internationale Firmenkäufe – er hatte alles erreicht. Doch das alles bedeutete ihm nichts. Nichts konnte mit der Frau mithalten, die sein Herz gestohlen hatte und damit einfach weggegangen war.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach die Stille.
„Herein“, sagte er und drehte sich zu seiner Sekretärin um. Seine grauen Augen waren kalt wie Stahl. Er scannte die Mappe in ihrer Hand, während er zu seinem Schreibtisch ging. Die Tätowierung an seinem Hals bewegte sich mit ihm. Sie erinnerte an seine junge, wilde Zeit.
„Hier ist alles, Mr. Locke“, sagte Helen und legte die Mappe ab. „Jeder Deal, jeder Vertrag. Mr. Donaldson hat wegen der Gibson-Fusion angerufen. Die Vorstandssitzung ist nächste Woche. Sonst noch etwas?“
„Nein, danke“, antwortete er und schlug die Mappe auf. Sein Kiefer war angespannt, sein Blick scharf und kühl.
Er schloss die Mappe und ging wieder zum Fenster. Blaue Wolken zogen über das Grau der Stadt. Vierzig Stockwerke tiefer brummte der Verkehr von Manhattan. Die Stadt machte niemals Pause. Er auch nicht.
Die Gegensprechanlage summte. „Mr. Locke, Mr. Rockwell ist hier.“
„Schicken Sie ihn rein. Rufen Sie Vivienne an. Mittagessen im LeClerk. Halten Sie mir den Termin um 14 Uhr frei.“
„Sehr wohl, Sir.“
Helen arbeitete schon seit sechs Jahren für ihn, seit sein Vater in Rente gegangen war. Marcas Locke – man nannte ihn den „Wolf der Tech-Branche“. Cassian fand „kalt und berechnend“ passender. Sein Vater führte die Familie wie ein Unternehmen. Es gab keine Liebe und keine Gnade. Alles musste nach außen hin perfekt glänzen.
„Siehst ja mal wieder scharf aus“, dröhnte Daniel, als er durch die Glastür kam. Sein Anzug saß perfekt, aber die Krawatte fehlte wie immer. Typisch Daniel. Ein typisch britischer Dickkopf.
Cassian sah nicht von seinem Schreibtisch auf. Das Morgenlicht fiel durch die hohen Fenster seines Büros. Es glänzte auf Stahl und Glas. Das hier war ein Königreich, das auf Disziplin und Kontrolle gebaut war. Er nahm stattdessen einen langsamen Schluck von seinem Kaffee. „Von was für einem Look redest du? Oder hast du schon den ersten Schluck Scotch intus?“, fragte er kühl.
Daniel lachte laut und herzlich. Er ließ sich in den Sessel gegenüber sinken. „Komm schon, Cassian. Mir machst du nichts vor. Es geht um sie... Z. Du denkst an sie. Heute ganz besonders. Es ist ihr Geburtstag. Aber das weißt du sicher schon.“
Cassians Finger hielten inne. Dann fuhr er unbewusst den Rand seiner Kaffeetasse nach. Der Dampf stieg nach oben und vernebelte für einen Moment seine Sicht. „Ist es so offensichtlich?“, murmelte er.
„Nur für meine Adleraugen“, antwortete Daniel und lehnte sich vor. „Du kriegst diesen Blick. Als wärst du ganz woanders. Ruf sie doch an. So wie früher. ‚Hallo, Schöne. Alles Gute zum Geburtstag.‘ Ganz einfach.“
Cassian lächelte schwach, aber seine Augen blieben ernst. Erinnerungen kamen hoch. Warme Haut, ihr ansteckendes Lachen. Z hatte ihn immer durchschaut, ohne es zu versuchen. Er atmete tief aus. „Und was sage ich Vivienne?“
Er kannte die Antwort eigentlich schon.
Daniel verdrehte die Augen. „Du sagst ihr das, was du ihr immer sagst. Eine halbe Wahrheit, verpackt in eine schöne Lüge.“ Seine Stimme wurde weicher, aber er sah immer noch skeptisch aus. „Du weißt, was ich von Vivienne halte. Sie ist steif und unzuverlässig. Ihr fehlt die Wärme. Sie ist nur eine Fassade, kein echter Mensch.“
Cassian widersprach nicht. Bis zu einem gewissen Grad stimmte er jedem Wort zu. Vivienne passte perfekt in seine Welt. Sitzungssäle, Galas und Gespräche, die nur an der Oberfläche blieben. Sie war sicher. Berechenbar. Aber innerlich leer.
Z war niemals so gewesen.
Sein Handy lag mit dem Display nach unten auf dem Tisch. Es war still, aber voller Möglichkeiten. Ein einziger Anruf könnte Türen öffnen, die er mühsam zu vergessen versucht hatte. Ein einziger Anruf würde ihn an alles erinnern, was er für sein Imperium geopfert hatte.
Daniel stand auf und rückte sein Sakko zurecht. „Dir mag die halbe Stadt gehören, Kumpel. Aber tu nicht so, als wärst du kein Mensch mehr.“
Cassians Blick blieb am Handy hängen, während Daniel zur kleinen Bar am Fenster ging. Draußen pulsierte das Leben der Stadt weiter. Niemand ahnte, dass ein einziger Geburtstag die Macht hatte, die Welt und das Herz eines Milliardärs zu erschüttern.









is this the first book? in what order can I read even if they are stand alone?
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