Neue Liste erstellen
Mit deinen Freunden teilen
Lesbarkeit anpassen

Der fünfte Brief

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Ein Sohn versucht vergeblich mittels Briefen seinem Vater zu vermitteln, dass es sich bei seinem Mord um eine erlösende Tat gehandelt haben soll. Eine von Poes „Das schwatzende Herz“ inspirierte Kurzgeschichte, bei der Wahn und Realität kaum zu unterscheiden sind.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Der fünfte Brief

Mein lieber Vater!

Das ist nun schon der fünfte Brief, den ich an dich schreibe – doch bin ich dieses Mal sicher: er wird dich erreichen. Du musst wissen, ich habe Claire – deine liebe zweite Frau – nicht aus Hass oder Wut getötet – nein. Ich bin nicht dem Wahn verfallen, auch wenn du dies zurzeit als Tatsache wahrnehmen willst. Nein, lieber Vater, ich habe deine liebe Claire erlöst – von dem ekelerregenden, schleimigen, sich windenden und sich an ihrer Lebensenergie bedienenden Ding. Nein, ein Verrückter würde nicht so selbstlos und nächstenliebend handeln.

Das erste Mal fiel es mir auf, als du sie mir vorgestellt hast, deine liebe Claire. Als ihr die Sonne ins Gesicht schien, war er da. Ein dunkler Punkt, am fleischigen Weiß ihres Auges – nicht größer als ein Staubkorn. Doch als eine Wolke am Himmel die Sonne kurzzeitig verdunkelte, war er fort, der Punkt. So hat er sich verraten – mit der Flucht – der parasitäre Feind. Da war es mir gewiss: Im Auge deiner Claire, da wohnt ein Scheusal, das sich an ihr labt. Auch du musst es gesehen haben, lieber Vater – standest du doch direkt neben mir. Doch bevor ich zur Tat schreiten konnte, mit der Rettung deiner lieben Claire, musste ich ganz sicher sein, dass der Punkt der scheußliche Unhold war, für den ich ihn hielt.

Hier kam mir das Abendessen zugute, lieber Vater – ihr habt viel Alkohol getrunken. Um nachzuhelfen, habe ich etwas von Mutters alten Beruhigungsarzneien – du weißt sicher, welche – in eure Gläser fallen lassen. Du siehst, lieber Vater, ein Geisteskranker wäre nie so behutsam und bedacht vorgegangen – dessen bin ich mir sicher. Auch im Licht der Lampen über dem Esstisch sah ich ihn wieder: den Punkt, den Unhold im Auge deiner lieben Claire. Ein weiterer Beweis – aufgenommen in die mentale Akte. Du siehst lieber Vater: Gründe für mein weiteres Vorgehen gab es zur Genüge – doch muss ich mich nicht rechtfertigen, denn verrückt bin ich nicht.

Bis die Glocke nachts zur ersten vollen Stunde schlug, dauerte es, bis ihr dem Schlafen verfallen wart. Das weiß ich, denn ich habe euch beobachtet – mit meinem Kopf, welchen ich durch die halb geöffnete Türe steckte. Während der gesamten Zeit konnte ich hören, wie sich der garstige Schuft – die Made – im Kopf der lieben Claire sattfraß. Doch das war mir noch immer nicht Beweis genug, meine Tat zu rechtfertigen, denn: Ich bin gründlich und nicht unbedacht wie ein Wahnsinniger. Du siehst, lieber Vater, ich war sehr bemüht, herauszufinden, ob ich sie wirklich retten musste, deine liebe Claire.

Als ich mich eures tiefen Schlafes genug vergewissert hatte, eilte ich – denn ich hielt das schmatzende Geräusch aus Claires Kopf nicht mehr aus – an ihre Bettseite und brachte eine Taschenlampe und eine Lupe hervor, die ich für meine finale Untersuchung mitgebracht hatte. Und da war er wieder – der Parasit, der Eindringling. Im Schein der Taschenlampe und unter der Lupe konnte ich das Scheusal klar erkennen. Es war tatsächlich nicht größer als ein Staubkorn – nicht größer als die Spitze einer Nadel. Unter dem Schein des Lichts war er regungslos, als wüsste er, dass er scharf beobachtet wird. Mittlerweile war ich mit meinem Auge dem Auge von Claire – dem rechten – so nahe, dass sich unsere Wimpern berührt hätten, wäre da nicht die Lupe gewesen. Keine Bewegung – nicht einmal das schmatzende Fressen des Schuftes war zu vernehmen. Doch als ich das Licht der Taschenlampe anstellte: Ha! Da war er verschwunden. Das war der letzte Beweis für meine gedankliche Akte. Glücklich – beinahe triumphierend – in meiner richtigen Einschätzung kicherte ich innerlich. Du siehst lieber Vater: im Gegensatz zu einem Wahnsinnigen, war ich sehr bedacht in meinem Verhalten.

Nun war ich bereit zum letzten Schritt: die liebe, arme Claire zu befreien. Befreien von dem grauenerregenden Ende, welches ihr durch den Unhold – die Made – bevorstand. Also brachte ich Mutters altes Nähkästchen – gewiss weißt du welches – hervor, lieber Vater. Du siehst, anders als ein Irrer war ich vorbereitet auf meine Tat. Ich schaltete die Taschenlampe wieder ein, was meinen Verdacht bestätigte, denn der Schuft war zurückgekehrt. Als ich mit einer Stricknadel am dunklen Punkt ansetzte, kicherte ich erfreut ob meines gewissen Sieges. Als ich mit der besagten Stricknadel zustach, wand sich der parasitäre Eindringling kreischend und versuchte mir zu entkommen. Doch ich ließ nicht locker, lieber Vater, nein. Bedacht zu helfen wie ich war – anders als ein Wahnsinniger – stach ich wieder und wieder zu, bis das Gekreische erlosch und deine liebe Claire frei war von ihrer Plage.

Lass Montgomery James Combe wissen, was du von diesem Kapitel hältst!
Ich liebe es

0

Ich liebe es

Lustig

0

Lustig

Pikant

0

Pikant

Spannend

0

Spannend

Emotional

0

Emotional

Tiefgründig

0

Tiefgründig

Herzerwärmend

0

Herzerwärmend

Schockierend

1

Schockierend

Gutes Schreiben

1

Gutes Schreiben

Überzeugende Handlung

0

Überzeugende Handlung

Toller Charakter

0

Toller Charakter

Starker Dialog

0

Starker Dialog

Weitere Empfehlungen

I'd rather ask for forgiveness than to beg for persmission

themesslmarion: Also ganz tolle Geschichte! Hab mich beim lesen in den Schreibstil verliebt. Und mich auch etwas in der Geschichte verloren. Vor allem mein Zeitgefühl beim lesen.

Jetzt lesen
Die Bärenmorde von Peking

Matthias Jenke: ... und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Eine spannende, zum Teil sehr abstruse Geschichte von mordenden Schwarzbären, die sich aber erstaunlicherweise befriedigend auflöst. Sehr gut, wie die Geschichte teilweise mittels Chatnachrichten erzählt wird, sozusagen als moderner Briefroman in Echtzeit. ...

Jetzt lesen
Strangers

Emily: Ich mag, wie sich die beiden an Themen antasten. Manchmal fast schüchtern, dann herausfordernd.Dazu die offenen Fragen nach dem Reisegrund, dem Beruf und warum überhaubt die Geheimniskrämerei.Freue mich auf die nächsten Kapitel!

Jetzt lesen
Dangerous Devotion - Gefährliche Hingabe Band 1

Lisa: Ich bin total begeistert vom bildlichen Schreibstil, von der Stimmung und der detaillierten Vorbereitung auf die nächste Habdlung. Als Leser zu Tode gelangweilt von Runas altem Leben fiebert man regelrecht mit ihr mit und spürt die Erlösung, dass man selbst nichts mehr von der Tristesse lesen muss. ...

Jetzt lesen
[GER] Pitch Black – Echoes of Bleakmore

Stephan: Ok. Wo fängt man jetzt an? Vielleicht nüchtern - weil alles, was dahinter kommt, noch schwerer in Worte zu kleiden ist:Satz- und Wortbau, Grammatik und Zeichensetzung sind, wie nicht anders gewohnt, auf höchstem Niveau. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️Bei der Bewertung des Schreibstils wird es bereits für den Rezensenten...

Jetzt lesen
Schiffbrüchig unterworfen

Snejana: Es ist ein faszinierenden und spannenden Roman der dich immer wieder fesselt und man füllt sich im Lesen gefangen :)

Jetzt lesen
Redwood: Der Wolf in Dir

Susi Wortsalat: Der Schreibstil ist so verfasst, dass man einfach weiter lesen muss. Der Aufbau ist spannend und hält immer wieder die ein oder andere Überraschung erweitert.

Jetzt lesen
Neben dir

Patricia Stimpfl: Bisher sehr nett geschrieben, liest sich flüssig. Gehen einige Hintergrund Informationen, aber vielleicht stört das nur mich.

Jetzt lesen
Lotte

Martina partsch: Eine sehr spannende,psychologisch untermauerte, erotische und mysteriöse Erzählung.Mir persönlich war das Ende etwas zu mysteriös,nicht ganz nachvollziehbar.Während der Geschichte versuchte ich mich immer wieder in Edgar hinein zu versetzen,suchte den Grund seiner offensichtlichen Einsamkeit.Versuch...

Jetzt lesen