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Der Abgrund zwischen uns

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Zusammenfassung

Lucien ist das, was Beatrice nie haben durfte – wild, frei, gefährlich. Beatrice wiederum ist das, was Lucien nie kannte – Reinheit, Ehrlichkeit, Unschuld. Er ist Feuer und Stahl. Sie ist Papier und Staub. Und doch zieht sie sein Chaos an, während er in ihrer Zerbrechlichkeit etwas findet, das ihn rettet – oder vollends zerstört.

Genre:
Romance
Autor:
Elena Brite
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
79
Rating
5.0 (12 Bewertungen)
Altersfreigabe
18+

Prolog

Beatrice – London, sieben Jahre zuvor

Ich mag den Geruch hier nicht. Er ist zu sauber. So sauber, dass mir davon schlecht wird. Alles riecht nach Metall, nach diesem Desinfektionszeug, das in der Nase brennt.

Mama hält meine Hand fest. Zu fest. Ihre Finger sind kalt, obwohl sie sonst immer warm sind. Ich will etwas sagen, aber meine Stimme bleibt irgendwo in der Kehle stecken.

Der Arzt redet. Seine Lippen bewegen sich schnell, aber die Worte sind wie Nebel. "Chromosom… Defekt… Risiko… Zellteilung…"

Ich verstehe nichts. Nur das Wort Risiko. Das klingt nach etwas, was man vermeiden sollte.

Papa nickt. Er sieht nicht zu mir, sondern auf den Boden. Seine Hände zittern, obwohl er sie in den Schoß presst. "Wie lange…?" fragt er irgendwann, ganz leise.

Der Arzt antwortet, aber ich höre nur das Summen der Neonröhre über uns. Sie flackert manchmal, als wäre auch sie nervös.

Mama zieht mich näher an sich. Ich rieche ihr Parfum, das süße, teure, das sie sonst nur abends trägt. Ich flüstere: "Bin ich krank?"

Sie sagt nichts. Nur ein leises Pssst, während sie durch meine Haare streicht. Ich sehe ihre Augen. Sie glänzen.

Und dann weiß ich, auch ohne dass jemand es mir erklärt: Etwas stimmt nicht mit mir. Etwas, das nie wieder weggeht. Der Raum ist kalt. Und ich beginne zu frieren – von innen heraus.


Ich sitze auf meinem Bett und starre auf den Zettel. Mama hat ihn auf dem Küchentisch liegen lassen, zwischen Rechnungen und einer leeren Teetasse. Ich habe ihn genommen, obwohl ich weiß, dass ich das nicht sollte.

Bloom-Syndrom.

So heißt es. So heiße ich jetzt, irgendwie. Ich spreche es leise aus. Das Wort klingt schön. Wie etwas, das blüht. Aber darunter stehen andere Worte. Schwierige. Hässliche.

Kleinwuchs. Krebsrisiko. Geringe Lebenserwartung.

Ich verstehe nicht alles. Aber ich verstehe genug.

Mama weint viel in letzter Zeit. Immer, wenn sie denkt, ich schlafe. Dann steht sie im Flur und presst die Hand auf den Mund, damit Papa sie nicht hört.

Papa redet kaum noch mit mir. Er streicht mir nur über den Kopf und sagt, dass ich stark sein soll. Aber ich weiß nicht, wie man stark ist, wenn man nichts dagegen tun kann.

Heute durfte ich nicht raus. Wieder nicht.

Ich sitze am Fenster und sehe die anderen Kinder draußen im Park spielen. Sie lachen. Sie rennen. Ihre Gesichter sind rot vom Wind. Ich halte meine Hand gegen die Scheibe. Meine Haut ist durchsichtig. Mama sagt, ich darf nicht in die Sonne. "Deine Haut kann das nicht ab."

Ich denke an die Sonne, an das warme Licht auf der Haut. Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlt, wenn man es einfach… zulässt. Vielleicht tut es weh. Vielleicht nicht.

Ich greife nach meinem Notizbuch und schreibe:

Ich will die Sonne sehen, auch wenn sie mich verbrennt.

Mama ruft mich zum Abendessen. Ich klappe das Buch zu, schiebe es unter mein Kopfkissen. Wenn sie fragt, was ich schreibe, sage ich wie immer: "Nichts Wichtiges."

Aber tief in mir weiß ich — es ist alles.


Das neue Haus riecht nicht nach Zuhause. Es riecht nach neuem Holz, nach Meer, nach irgendetwas, das zu viel kostet.

Mama sagt, wir sollen froh sein, hier zu sein. "Frische Luft, Sonne, Beatrice. Das wird dir guttun." Aber sie meint: Hier kann dich niemand anstarren.

Mein Zimmer ist groß. Zu groß. Die Wände sind weiß, die Bettwäsche auch. Wenn ich laut atme, hallt es zurück. Aus dem Fenster sehe ich das Wasser der Biscayne Bay. Blau, ruhig, schön – und weit weg.

Heute ist mein Geburtstag. Vierzehn.

Papa hat mir eine Uhr geschenkt, Mama ein Buch, das ich schon gelesen habe. Sie haben den Kuchen anschneiden lassen, obwohl ich keinen Hunger hatte. Und als ich die Kerzen auspusten sollte, fiel mir kein Wunsch ein.

Ich denke an London. An Regen auf den Scheiben. An das Ticken der alten Uhr im Flur. Hier ist es immer hell. Zu hell. Ich trage lange Ärmel, selbst bei dreißig Grad. Mama sagt, das ist besser so.

Die Sonne sei gefährlich.

Aber manchmal träume ich davon, einfach hinauszugehen. Ohne Hut, ohne Sonnencreme, ohne Angst.

Ich habe unten ein Geräusch gehört. Das Tor, das sich schließt. Ich laufe zum Fenster. Ein Lieferwagen fährt davon. Niemand winkt. Niemand schaut herauf.

Ich lehne die Stirn gegen die Scheibe. Draußen ruft irgendwo jemand auf Spanisch. Die Worte sind schön. Ich verstehe sie nicht, aber sie klingen wie Freiheit.

Später sitze ich am Schreibtisch. Ich zähle die Sekunden, die meine Uhr schlägt.

Mama redet im Nebenzimmer mit einem Arzt. Ihr Ton ist ruhig, fast fröhlich. Sie sagt, es gehe mir gut. Aber was heißt das? Gut genug, um zu atmen, aber nicht genug, um zu leben?

Ich öffne das Buch, das sie mir geschenkt hat. Zwischen den Seiten steckt ein Foto – ich mit sechs Jahren, lachend im Garten, Sonnenhut, Schmetterling auf der Hand.

Ich erkenne das Mädchen kaum wieder. Ich flüstere leise: "Ich will dich wiederfinden."

Und der Raum antwortet nicht.

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