Undertaker
Lisette
Mutter sagte immer, ich solle langsamer machen und der Erde zuhören. „Jede Schwingung erzählt eine Geschichte“, hatte sie gesagt. Als ich diesen Rat das erste Mal befolgte, legte ich meine kleine Pfote auf den Boden. Ich spürte, wie das weiche Moos unter meinen Krallen nachgab, während ein Schrei durch mich hindurchhallte. Mutters Schrei.
Sie war früh an diesem Morgen abgeschlachtet worden, genau wie der Rest meines Rudels.
Das ist viele Jahre her. Aber ich brauchte meine Krallen nicht in den Boden zu graben, um ein Gespür dafür zu bekommen, was hier geschehen war.
Der beißende Geruch von Schweiß und ungewaschenem Fell ließ mir den Magen umdrehen, während ich auf Zehenspitzen den Feldweg entlangging. Dunkelrote Rinnsale sammelten sich in den Vertiefungen und Schlaglöchern. Kaputte Fensterläden hingen an ihren Angeln, Karren waren zu bloßen Splittern zerquetscht und der Boden war übersät mit weggeworfenen Weidenkörben, matschigem Obst und … Blut. So viel Blut.
An manchen Stellen war es trocken, klebrig und geronnen. Doch dort, wo es sich in tiefen Rissen oder Spalten gesammelt hatte, war es noch feucht. Aber nicht frisch. Von den Pfützen ging keine Wärme aus.
Das muss Tage her sein. Und wahrscheinlich war es ein verdammtes Massaker, dachte ich. Hoffentlich konnte der eine oder andere entkommen, bevor er hier eintraf.
Aber das auf den Boden gespritzte Blut erzählte mir eine andere Geschichte – eine hoffnungslose. Ich konnte das Echo ihres Schmerzes spüren, ohne meine Hand oder Pfote auf die Erde zu pressen. Es waren jene, die in dem Amoklauf des Königs niedergemetzelt worden waren. Das Rudel des Königs – die Grimfur Knights – praktizierte immer noch die barbarischen Bräuche des Alten Wolfs. Das hektische, schrille Kreischen, das unter den Pflastersteinen und dem Schmutz pulsierte, verriet mir, dass Ehemänner in Stücke gerissen und gefressen wurden. Und auch ihre Frauen, nachdem der König erkannt hatte, dass keine von ihnen seine Gefährtin war. Die Gefährtin, nach der er seit Jahrhunderten vergeblich das ganze Reich durchkämmt hatte.
Eine Kreatur mit einem so schwarzen Herzen verdient keine Gefährtin.
Vielleicht war König Viktor deshalb so grausam. Das Fehlen einer Gefährtin hatte ihn in den Wahnsinn getrieben. Die Gefährtin eines Wolfs ist dazu da, ihn zu beruhigen und zu leiten. Ein Wolf ohne seine Gefährtin ist verloren.
Nun ja, ein männlicher Wolf wäre verloren.
Mir blieb die Luft weg, als ich über die verschmierten Eingeweide stieg, die der Besuch des brutalen Rudels hinterlassen hatte. Därme wanden sich wie Schlangen, und Organe waren zu sehr zerfetzt, um sie noch zu identifizieren. Die blasse Leiche einer Frau mit weit aufgerissenen, eisgrauen Augen lag im Gras; ihr Gesicht war in purem Entsetzen erstarrt. Ihre Arme umklammerten ein Babykörbchen, gefüllt mit Decken und Polstern. Aber kein Baby.
Zitternd atmete ich aus und beugte mich vor, um zu schnuppern. Sie roch nach saurer Milch und Erbrochenem. Und nach diesem süßen, weichen, unverwechselbaren Geruch, den nur Babys haben.
Sie war jemandes Mutter. Wo ist ihr Baby?
Angst prickelte auf meiner Kopfhaut, aber ich untersuchte weiter den Tatort. Ein abgetrennter Arm in Erwachsenengröße lag zu meiner Rechten; die Handfläche war noch offen und die Finger gekrümmt. Weiter vorne lagen noch mehr Gliedmaßen.
Diese Bastarde. Ich tat das schon seit Jahren, aber es wurde nie leichter.
Ich runzelte die Stirn beim Anblick der Leichen der Frauen, die sie geschändet hatten. Wölfinnen und Menschen gleichermaßen. Widerwillig kniete ich mich hin und presste meine offene Handfläche auf den blutgetränkten Boden. Wum. Wum. Wum. Die Erde erzählte mir mit eindringlichen, langsamen Schlägen, dass die armen Kinder in den Wald geflohen waren, während Viktor lachte. Aber sie zeigte mir nicht, was mit dem Baby der Frau passiert war. Ich war zumindest froh, dass die Kinder nicht verstümmelt worden waren, aber ich wusste, welche Schrecken sie mitansehen mussten.
Avaline wird sie schon gefunden haben, dachte ich. Vielleicht haben sie das Baby mitgenommen. Sie wird sie beschützen.
Als sich meine Nerven langsam beruhigten, pochte Zorn in meinem Herzen und meine Hände ballten sich an meinen Seiten zu zittrigen Fäusten. Ein gutes Rudel war abgeschlachtet worden, ihre blutigen Überreste verstreut, als spielten sie keine Rolle. Ich dachte daran, wie verängstigt sie gewesen sein mussten, als ihr König über sie herfiel und sie in einem Anfall von Wahnsinn in Stücke riss.
Das Gefühl kannte ich nur zu gut. Die unerklärliche Angst, die ich selbst verspürt hatte, als er dasselbe mit meinen Eltern und dem Rest meines Rudels tat. Als Kind hatte ich mich vor Angst eingenässt und mich unter dem Bett versteckt, während ich die ganze Nacht den Schreien meines Rudels lauschte. Bis es still wurde und der letzte Wolf davonstreifte. Als der Tag anbrach, kroch ich aus meinem staubigen, dunklen Versteck hervor und zwang mich, den Blick starr nach vorne auf die Tür zu richten, damit ich die zerfleischten Körper, die unter meinen nackten Füßen matschten, nicht sehen musste.
Draußen begriff ich, dass ich allein war. Ich brach auf der Erde zusammen und lauschte ihr zum ersten Mal. Die Schreie waren so laut, so greifbar, dass ich in die Knie ging und mir die Ohren zuhielt. Welche Angst ich doch in mir trug, wissend, dass ich die Einzige war, die lebend herausgekommen war.
Als ich zum ersten Mal meine Pfote auf den Boden presste – man nannte es Rückblick – war das der Moment, in dem Viktors Name in meinem Geist auftauchte. Aber es war nicht das letzte Mal. Die Wahrheit über das, was er getan hatte, brannte jahrelang wie in einer Endlosschleife hinter meinen Augen. Jahrhunderte.
Ich blickte zum Himmel auf. Es war Morgen, das blasse Herbstblau verdrängte den letzten Rest des Mondes. Aber ich konnte ihn noch sehen. Sein uraltes, verlässliches Leuchten verblasste im Tageslicht, und ich zog meine Kraft daraus. Wärme summte in meinen Adern, meine Brust weitete sich, während ich meine Lykaner-Stärke sammelte.
Ein Wolf konnte den Mond in jeder Phase seines Zyklus anzapfen und für seine Bedürfnisse nutzen, aber bei Vollmond beugten sich alle Wölfe seinem Willen. Die Menschlichkeit fiel von uns ab, während wir uns in gewaltige Kreaturen verwandelten, bedeckt mit dickem Fell und mit scharfen Fangzähnen. Während Weibchen ihre urzeitlichen Triebe selbst unter dem Fluch des Vollmonds kontrollieren konnten, war ein Männchen ihm ausgeliefert. Er wurde wahnsinnig. Zumindest, bis er eine Gefährtin fand, die ihn erdete.
Und heutzutage gab es nicht mehr viele Wölfinnen. Besonders nicht, nachdem Viktor der Klingenbeißer sie so abschlachtete. Jede Frau, die nicht seine Gefährtin war, galt als wertlos.
Ich spannte meine Arme an, Kraft durchströmte meine Muskeln, und meine Energie erneuerte sich wie das Schlagen von Feuerstein auf Stahl. Ich schlich zum Stall und fand die Pferde wie durch ein Wunder unberührt vor. Eine Stute wieherte und trottete zurück, misstrauisch mir gegenüber, obwohl ich mich nicht in meine andere Gestalt verwandelt hatte. Sie wusste es, so wie alle Tiere es wussten. Sie konnten einen Lykaner spüren, auch ohne dass er als echter Wolf vor ihnen stand.
„Ich werde dir nicht wehtun“, sagte ich und bemitleidete die schwarze Stute, als sie den Kopf zurückwarf. Ihre Augen waren weit und von Trauma getrübt, und ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, ob sie alles mitangesehen hatte. Das Abschlachten ihres Rudels. Langsam rieb ich mich an ihrem Kopf, die Wärme ihrer Schnauze kitzelte mein Ohr. „Ich komme bei Einbruch der Nacht zurück für dich.“
Ich sah mich nach beiden Seiten um und vergewisserte mich, dass ich allein war, bevor ich aus meinen Kleidern schlüpfte. Natürlich war ich allein. Das Dorf war frei von jeglichem Leben. Die Erinnerung an die tote Mutter brannte erneut in meinem Geist, und ich konnte nicht aufhören, an ihr vermisstes Baby zu denken.
Wo bist du, Kleines?
Ich legte meine abgetragene Bluse und die Hose ordentlich zusammen und entblößte meine Haut. Ich zog mehr Kraft aus dem Mond und verwandelte mich. Meine helle Haut prickelte, als rotes Fell sie überzog. Mein Körper verdoppelte sich, während ich auf alle Viere fiel.
Und ich fing an.
Es dauerte den ganzen Tag, so wie ich es erwartet hatte, aber ich grub mit meinen Pfoten eine Grube, so tief und breit wie ein großer Teich. Dann zerrte ich die Überreste des Rudels in das Massengrab. Ich war nicht da gewesen, um sie zu beschützen, aber ich konnte ihnen zumindest ein würdiges Begräbnis bereiten. Es war mein Beruf: Bestatterin.
Sobald ich fertig war, jagte ich, aß und schlief. Ich blieb in meiner Wolfsgestalt, falls mir andere Wölfe über den Weg laufen sollten. Aber nach meiner Ruhepause verwandelte ich mich zurück in eine Frau und zog mich an.
Meine Brust hob und senkte sich, ruheloser Zorn brodelte in mir, während ich auf meiner Unterlippe kaute. Zu lange schon vergoss Viktor der Klingenbeißer Blut. Und ich konnte nicht leugnen, dass die Last, jede Tragödie mitansehen zu müssen, mich niederzudrücken begann. Ich hatte jahrelang darauf gewartet, dass ihn jemand stürzte. Aber niemand hatte es getan.
Ich fühle mich schwer. Viel zu schwer.
Viele Mondzyklen waren zwischen diesem und dem letzten Angriff vergangen. Der Ort war willkürlich gewählt, und es geschah nicht jedes Mal, aber es war immer in der Nähe des Vollmonds. Ich war von Avaline hierher geschickt worden, mit dem Auftrag, die Hinterlassenschaften aufzuräumen, die unter dem Nachthimmel verrotteten.
Ich war stolz auf meine Arbeit, darauf, mich um die Toten zu kümmern. Bestatterin war eine angesehene Position in meinem Rudel, aber ich konnte diese Sehnsucht nicht unterdrücken. Die Sehnsucht nach Rache.
Ich hatte mein ganzes Leben trainiert, meine Instinkte bei den besten Wölfinnen im Tal geschliffen und zu den Lykaner-Göttern gebetet, sowohl zu den Alten als auch zu den Neuen, und sie gefragt, was ich mit meiner Wut anfangen sollte. Der Neue Wolf sagte, ich solle Wiedergutmachung leisten. Vergeben. Das innere Biest beruhigen.
Aber der Alte Wolf… Er rief nach Blutvergießen. Er sagte, ich solle die ursprüngliche, fleischzerreißende Wut nähren. Er sehnte sich nach unserer wahren Natur. Seine Lehren interessierten mich wenig.
Wie kann Viktor solche Gräueltaten begehen? Sein eigenes Volk töten und entstellen? Wölfe? Nur weil sie nicht seine Gefährtin sind?
Außer Atem setzte ich mich auf die Fersen; der Schmutz saß dick unter meinen Nägeln. Vom Ufer aus beobachtete ich, wie kleine Fische in dem klaren Bach hinter dem Dorf schwammen.
Trotz meiner Bemühungen, die Leichen zu begraben, stank der Ort immer noch nach Tod und Gewalt. Die Läden und Häuser waren verwüstet, obwohl es so aussah, als sei nichts gestohlen worden. Nur zerstört. Ich war eine Kämpferin und eine Jägerin, aber keine Tischlerin oder Handwerkerin. Ich konnte das Dorf nicht wieder in seinen früheren Zustand versetzen.
Es spielt ohnehin keine Rolle. Niemand hat überlebt.
Außerdem lauteten Avalines Befehle streng, die Katastrophe aufzuräumen, die Toten zu begraben und nach Hause zurückzukehren.
Aber ich fühlte mich nicht… zufrieden. Es gibt eine Grenze dessen, wie viel Gemetzel ein Mensch ertragen kann, bevor ihn die Wut verschlingt.
Das Bild der toten Frau mit den grauen Augen und ihrem leeren Babybett flackerte in meinem Geist auf. Sicherlich hatten sie so etwas Unschuldigem nicht wehgetan? Ich wollte nicht einmal über die Möglichkeiten nachdenken.
Meine Zähne bohrten sich scharf in meine Unterlippe, und der metallische Geschmack von Blut füllte meinen Mund. Der Himmel verdunkelte sich, aber meine Wut wurde nicht milder. Der Mond spähte hinter den schwarzen Nachtwolken hervor. Ein abnehmender Mond. Kein Vollmond. Dennoch hielt das die Dunkelheit nicht auf, die durch meine Seele sickerte. Irgendwo, tief im umliegenden Wald, hallte der Ruf eines anderen Wolfs durch die Bäume. Ein Ruf, so unheimlich, so haarsträubend. So… einsam. Er rief etwas in mir wach und wühlte meine Emotionen noch mehr auf.
Ich bin bereit.
Ich stand auf und ging zum Stall. Die schwarze Stute schnaubte bei meiner plötzlichen Ankunft und der Kraft in meinem Schritt, aber ich nahm die Zügel in meine Hände. „Du wirst jetzt mir gehören. Und niemand wird dir jemals wieder wehtun.“
Wenn ich doch nur früher hier gewesen wäre. Vielleicht wäre dann niemandem etwas passiert.
Es war ein törichter Gedanke. Eine einzige Wölfin gegen eine Horde wahnsinniger, gefährtensloser männlicher Wölfe? Mein Magen zog sich zusammen, als ich mir das Ergebnis ausmalte. Mein Schicksal wäre dasselbe gewesen wie das der anderen, die ich begraben hatte. Zerfetzt vom Alpha-König des Lupus-Tals.
Das Rudel, dem ich angehörte, hatte ein Motto: „Begib dich nur in Gefahr, wenn es absolut unvermeidlich ist.“ Ich verstand, warum, aber ich hielt es nicht mehr aus. Dieses Zurückweichen. Das Warten, bis der Schaden angerichtet war, um dann aufzutauchen.
Kein Warten mehr.
Ich stieg auf das Pferd, und wir jagten durch den Wald. Verknotete, schwarze Zweige blieben an meiner abgewetzten Bluse hängen, und der eisige Wind schnitt in meine Haut, aber mein Herz brannte vor solchem Schmerz, dass ich es kaum bemerkte.
Viel zu lange war ich hin- und hergerissen gewesen. Zerrissen zwischen Gut und Böse. Neuem Wolf und Altem. Sanft und doch gewalttätig. fürsorglich und doch kalt.
Aber eines war gewiss:
Bei meinen Fängen, bei meinen Krallen: Viktor der Klingenbeißer wird sterben.








