Prolog
Vor 23 Tagen
Grace
Tyrees hübsches Gesicht zuckt auf dem Kissen seines Krankenbettes, während er sich qualvoll hin und her wälzt. Manchmal liegt er nur da, völlig weggetreten und komatös, aber seit einer Stunde ist er unruhig. Er wirft sich wild unter seinen Decken hin und her, stöhnt vor Schmerz und brabbelt unverständliches Zeug. Mein subduraler Übersetzer hat Schwierigkeiten, seine Worte zu entschlüsseln – vielleicht weil es nur Fragmente sind. Was auch immer er sagt, er klingt panisch und verängstigt.
Ich streiche mit einem nassen Waschlappen über seine Stirn und versuche, ihn zu beruhigen.
„Es ist gut, Tyree. Alles wird wieder gut“, säusele ich. Aber ich lüge. Ich habe ihn die letzten Tage beobachtet und er scheint nicht gesund zu werden. Wenn überhaupt, wird er mit jeder Stunde schwächer und verliert mehr den Bezug zur Realität.
Er stöhnt wieder. Seine Arme, die über der Decke liegen, verkrampfen so stark, dass ich die Muskeln unter seiner Haut regelrecht zucken sehe. Mein Gott, er muss unerträgliche Schmerzen haben.
Ich werfe einen Blick auf die Anzeige über seinem Kopf. Ich bin zwar keine Krankenschwester, aber Dr. Drayke hat mir beigebracht, die Zahlen zu lesen. Sein Fieber ist wieder gestiegen.
„Medbot, verabreiche vier Ligulas Tri-cam Neun“, weise ich an, genau wie der Arzt es mir gezeigt hat.
Doch die Medikamente scheinen nicht zu helfen. Nichts scheint zu helfen. Der Arzt ist nur sechs Meter entfernt in seinem angrenzenden Labor und mal wieder bis spät in die Nacht wach, um die Intergalactic Database nach einem Heilmittel zu durchsuchen.
Vor etwas mehr als zwei Wochen wurden ich und neun andere Frauen von der Erde entführt und als Zuchtvieh an Bord dieses Raumschiffs gebracht. Wir bekamen alle einen subduralen Übersetzer implantiert, wurden mit einem Sklavenhalsband mit Schmerz- und Tötungsfunktion ausgestattet und zusammen mit einem Alien-Gladiator in eine Zelle geworfen. Ich kannte den Namen meines Zellengenossen noch nicht, als wir unter Todesdrohungen zum Sex gezwungen wurden. Shadow war körperlich hart und emotional distanziert.
Eine Woche später stürzten wir unsere Entführer und übernahmen das Schiff. Eine eigene Kabine zu bekommen und nicht mehr mit Shadow interagieren zu müssen, war eine riesige Erleichterung. Erst da begann ich zu begreifen, dass ich die Erde nie wiedersehen würde.
Tyree und ich wurden nach dem Aufstand Freunde. Er war knapp einen Meter groß und wirkte nicht bedrohlich. Ich fühlte mich wohl bei ihm, und obwohl wir von verschiedenen Planeten kamen, fühlte es sich an, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Er war nicht nur klein; wir alle hielten „ihn“ für „sie“. Inzwischen wissen wir, dass er kein Geschlecht hatte.
Vor zwei Tagen verwandelte er sich ohne Vorwarnung in den riesigen, muskulösen Alien, der jetzt vor mir im Bett liegt. Ich vermute, sein schlechter Zustand ist die Folge des Stresses, den die Verwandlung – innerhalb von einer halben Stunde vom Wichtel zum „The Rock“ – für seinen Körper bedeutete.
In den wenigen Tagen zwischen unserer Flucht und seiner Krankheit bauten er und ich eine Freundschaft auf. Tatsächlich hatten wir ein paar „Übernachtungen“, bei denen wir zusammen im Bett Videos schauten und ein Glücksspiel spielten, das er mir beigebracht hat. Ich fühlte mich Tyree näher als jedem anderen an Bord.
Seit seiner Verwandlung beobachte ich ihn rund um die Uhr in dieser Krankenstation – ich bin nicht von seiner Seite gewichen. Ich will sichergehen, dass seine Vitalwerte nicht abstürzen, falls der Arzt beschäftigt ist oder für einen Moment weg muss.
Ich habe ein paar Grundlagen in der Pflege gelernt. Dr. Drayke kann nicht ständig hier sein, aber ich schon. Ich habe keine medizinische Ausbildung, aber seine Stirn zu kühlen und seinen Nahrungsbehälter mit Nutri-Food aufzufüllen, ist kein Hexenwerk.
Tyree beruhigt sich für einen Moment, sein massiger Körper liegt still. Das macht mir genauso viel Angst, wie wenn er sich windet. Ich blicke auf seine Vitalwerte auf dem Bildschirm. Sein Blutdruck nähert sich den gefährlich niedrigen Werten, bei denen er eine Spritze Adramin braucht. Der Doc hat mir beigebracht, auch das zu verabreichen.
Mit einem Auge auf den Med-Monitor nehme ich mein Instrument zur Hand. Ich habe es kürzlich auf dem Planeten Numa gekauft und „String Thing“ getauft. Meine Musik ist das Einzige, was ihn zu beruhigen scheint.
Seit wir unsere Freiheit gewonnen haben, fließen neue Melodien fast mühelos aus meinen Fingern. In diesem Moment improvisiere ich eine beschwingte Melodie, die wie ein altes irisches Volkslied klingt. Sie lässt mich glückliche Menschen vorstellen, die zu einem mittelalterlichen Jahrmarkt strömen. Die Akkorde sind festlich und einladend.
Das scheint eine beruhigende Wirkung auf Tyree zu haben, und sein riesiger Körper entspannt sich, die angespannten Muskeln in seinem Gesicht lockern sich. Ich höre kurz mit dem Spielen auf, um seine Laken zu glätten und sie um ihn zu schlagen. Er greift nach meiner Hand, öffnet seine leuchtend smaragdgrünen Augen und durchbohrt mich mit einem intensiven Blick.
„Grace“, seine Stimme ist nicht lauter als ein Seufzen. Dann schließt er die Lider, stöhnt und fuchtelt mit den Armen.
Seine heftigen Bewegungen befördern die Decken vom Bett auf den Boden. Ich greife hinüber, um die Seitengitter hochzuziehen, bevor er herausfällt.
„Doc!“, rufe ich, aber er antwortet nicht. Vielleicht ist er für ein kurzes Nickerchen in seine Kabine gehuscht.
Tyree ist wieder in seinem bewusstlosen Zustand, also bücke ich mich, um die Decken aufzuheben, und drehe mich dann um, um ihn zuzudecken. Ich bin völlig überrumpelt von seinem nackten, makellosen, männlichen Körper. Ich bin mitten in der Bewegung wie gelähmt. Wie kann ein Wesen nur so perfekt sein?
Ich decke ihn schnell zu und ziehe die Laken bis unter sein Kinn. Aber das Bild, das ich gerade erhascht habe, hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Ich sehe ihn vor mir, vom zerzausten blonden Haar über die starke Braue bis hin zur edlen Nase. Seine Lippen sind voll und einladend. Die schlanken Muskeln, die sich unter seiner Haut abzeichnen, gehören auf die Statue eines griechischen Gottes.
Mein Mund ist trocken nach diesem kurzen Blitzlicht aus bronzefarbener Haut und harter Muskulatur. Ich lege seine Arme auf die Decke und glätte eine nicht vorhandene Falte. Warum juckt es mich in den Fingern, die starken Adern nachzuzeichnen, die von seiner Ellbogenbeuge zum Handgelenk verlaufen?
Ich zwinge mich schließlich zurück auf meinen Stuhl, greife nach String Thing und kehre zu meiner Musik zurück. Aber dies ist nicht die fröhliche Melodie, die man auf einem Jahrmarkt spielen könnte. Dies ist ein Lied der Sehnsucht – eine Frau, die sich nach einem Geliebten sehnt, der eingezogen wurde und in den Krieg ziehen musste. Eine Frau, die ihr Verlangen nach ihrem Mann ausdrückt.
Niemand weiß, dass ich Jungfrau war, als ich in die Zelle geworfen und zum Sex gezwungen wurde. Eine freiwillige Jungfrau. Ich habe mich nie als sexuelles Wesen betrachtet. Mit fünfundzwanzig war ich sehr glücklich mit dem Gedanken, für immer Single zu bleiben. Aber genau jetzt, in diesem Moment, stelle ich diese Entscheidung mit jeder Faser meines Seins infrage. Denn dieser Alien-Mann, mit dem ich mich angefreundet habe, weckt in mir Gefühle, die ich noch nie zuvor hatte. Da ist ein tiefer, lange verborgener Teil in mir, der mehr sein will als nur ein Freund. Viel mehr.








