Kapitel 1
Regel I aus dem Roten Buch der Solomonari: Ein Sturm ist keine Naturgewalt, sondern ein lebendiges Geschöpf – blutrünstig und gewalttätig. Zeigst du ihm Angst, verschlingt er dich. Zeigst du Zögern, schlägt er dich nieder. Ein Solomonar befiehlt den Himmeln nicht durch Gebete, sondern indem er dem Tod selbst die Zügel entreißt. – Der Codex der Solomonari, Die Philophobie der Himmel
Der Himmel reißt nicht einfach auf; er stürzt über mir zusammen.
Mein Arm brennt unter der Last des ledergebundenen, scharlachroten Bandes, den ich gegen meine Brust presse, doch ich weigere mich, ihn loszulassen. Regenwasser strömt in meine Augen, eiskalt und blind machend, und vermischt sich mit dem heißen Schweiß, der mir über die Stirn läuft. Die Tropfen hämmern mit fast greifbarer Gewalt auf die Erde ein, ein Sturzbach aus Nadeln, die meine Haut durch das Seidenkleid hindurch durchbohren, das nun schwer vor Schlamm an meinen Beinen klebt.
Ein Blitz zerreißt die Luft weniger als zehn Meter entfernt.
BUMM.
Der Blitz ist so hell, dass er meine Netzhaut versengt und einen violetten Fleck in meinem Sichtfeld tanzen lässt. Die Luft riecht nach Ozon und verbranntem Holz. Eine jahrhundertealte Eiche im Schlossgarten – ein Riese, der dreihundert Jahre voller Dynastien überlebt hatte – spaltet sich mit dem gequälten Schrei berstenden Holzes genau in der Mitte und stürzt direkt über den Weg, auf dem ich gerade noch gerannt war.
Ich bleibe so abrupt stehen, dass meine Schuhsohle auf dem schmatzenden Schlamm ausrutscht.
Mein Knöchel verdreht sich in einem grotesken Winkel.
Ein Schmerz bricht in einer rein weißen Explosion hervor, die direkt in mein Gehirn schießt. Ich schreie, doch der Ton wird augenblicklich von dem Donner verschluckt, der folgt – ein kataklysmisches Grollen, das den Boden unter mir beben lässt. Ich verliere das Gleichgewicht. Meine Hände krallen verzweifelt nach etwas, an dem ich mich festhalten könnte, finden aber nichts außer regendurchtränkter Luft und zerquetschten Blättern. Ich knalle auf die Seite in den Schlamm und schlinge meine Arme um das Buch, als wäre es mein eigenes Kind.
Beweg dich, Ilinca. Beweg dich!
Mein Verstand schreit mich an.
Doch mein Körper weigert sich.
Mein Knöchel pocht in Wellen aus Feuer, während Angst meine Lungen zuschnürt. Das ist kein gewöhnliches Sommergewitter. Es ist ein apokalyptisches Unwetter, die Art, von der ich nur in den verbotenen Passagen des Roten Buches gelesen hatte. Über dem Schloss ist der Himmel nicht grau, sondern ein dreckiges Schwarz, durchzogen von unnatürlichen Streifen in Grün und Violett.
Der Sturm der Solomonari. Die Saison der verfluchten Stürme hat begonnen – die Zeit, die immer wiederkehrt und zahllose unschuldige Leben unter uns fordert.
„Wenn der Himmel grün wird, suche keinen Schutz unter Bäumen. Finde stattdessen Stein oder nackte Erde.“
Mein Gedächtnis rezitiert die Worte instinktiv und schlägt die Seiten auf, in denen ich kaum zehn Minuten zuvor auf der Marmorbank gelesen hatte, bevor das Chaos ausbrach.
„Ein grüner Himmel bedeutet, dass ein Solomonar die Kontrolle verliert. Oder dass ein Himmelsbestie provoziert wurde.“
Ein weiterer Blitz schlägt direkt ein und trifft den Brunnen im Zentrum des Schlossgartens. Die Marmorstatue zersplittert in tausende Fragmente, die wie Schrapnelle durch die Luft fliegen. Ein gezacktes Stück Stein pfeift an meinem Ohr vorbei und schneidet meine Wange auf. Ich spüre, wie warmes Blut an meinem Gesicht herabrinnt – ein brutaler Kontrast zum eisigen Regen.
Ich muss die Steingalerien des Schlosses erreichen. Sie sind fünfzig Meter entfernt. Fünfzig Meter aus Schlamm, Blitzen und Tod.
Tssssss!
Die Luft um mich herum beginnt zu zischen. Die Härchen an meinen Armen und in meinem Nacken stellen sich auf. Die statische Elektrizität ist so dicht, dass ich Metall – Kupfer – auf meiner Zunge schmecken kann.
Ein weiterer Blitz kommt. Genau hier. Genau über mir.
Die goldene Regel des Buches schreit in meinem Kopf: „Wenn die Luft gegen deine Haut zu singen beginnt, renne nicht. Wirf dich auf den Boden und werde eins mit dem Schlamm.“
Ich werfe mich mit dem Gesicht voran in die aufgeweichte Erde, vergrabe meine Stirn im wassergetränkten Boden und schirme das Rote Buch mit meinem eigenen Körper ab. Einen Bruchteil einer Sekunde später explodiert die Welt. Es fühlt sich an, als wäre kaum einen Meter entfernt eine Bombe detoniert. Die Druckwelle hebt meinen Körper vom Boden, bevor sie mich zurückschleudert und mir jeden Atemzug aus den Lungen presst. Meine Ohren klingeln mit einem schrillen, unaufhörlichen Schrei. Ich kann den Regen nicht mehr hören. Ich kann den Donner nicht mehr hören. Nur dieses wahnsinnige Klingeln... und mein eigenes Herz, das wie ein Hammer gegen einen Amboss schlägt.
Eins. Zwei. Drei. Ich zähle still und kämpfe darum, wieder Luft zu bekommen. Du lebst. Du lebst noch.
Mit qualvoller Anstrengung rolle ich mich auf den Rücken, schnappe nach Luft und spucke Schlamm und Regenwasser aus. Und dann schaue ich nach oben.
Über dem Chaos, wo sich die schwarzen Wolken wie ein höllischer Wirbel drehen, bewegt sich etwas. Etwas, das in dieser Welt nicht existieren sollte.
Es taucht aus den Wolken auf wie ein kolossaler Schatten und spaltet den Sturm in zwei Hälften. Es ist riesig. Seine Flügelspannweite muss mindestens dreißig Meter betragen. Seine Schuppen reflektieren nicht den Schein des Blitzes; sie verschlingen ihn. Es hat die Farbe von kalter Asche – ein massiver, lebensechter Drache mit kräftigen Gliedmaßen und einem Schwanz, der in gezackten Steindornen endet. Die Membranen seiner Flügel sind an mehreren Stellen zerrissen, und aus diesen Wunden tropft etwas, das wie Phosphor durch die Luft brennt.
Und auf seinem Rücken... auf seinem Rücken steht ein Mann.
Ein Mann.
Selbst aus dieser Entfernung, selbst durch den Vorhang aus Regen und Rauch, kann ich ihn sehen. Er trägt einen schwarzen Umhang, der hinter ihm peitscht wie eine zerfetzte Standarte. Er ist fest mit dem Rücken des Drachen verbunden und befehligt den Sturm.
Ein weiterer Blitz, so massiv wie der Stamm einer alten Eiche, stürzt aus der Kuppel der Wolken direkt auf sie zu. Doch der Mann weicht nicht aus. Er lehnt sich vor, hebt eine lange Lederpeitsche und fängt den Blitz ein.
Gott im Himmel... er fängt den Blitz!
Reine Elektrizität durchströmt seine Waffe und fließt in seine Arme hinab. Selbst durch den Regen sehe ich, wie sein ganzer Körper in blendend weißem Licht erstrahlt. Mein Inneres verknotet sich. Ich spüre... ich spüre einen brennenden Schmerz, der in meiner eigenen Brust ausbricht, als würde dieser Millionen-Volt-Strom durch meine eigenen Adern jagen.
Wie ist das überhaupt möglich? Ich liege auf dem Boden, vergraben im dreckigen Schlamm, während er hunderte Meter über mir ist. Und doch fühle ich jeden angespannten Muskel seines Körpers, jede Welle des Schmerzes, die durch sein Wesen reißt... Ich fühle sie. Ich fühle sie mit erschreckender Klarheit – physisch, instinktiv, niederschmetternd.
„Vladislav“, flüstere ich.
Jeder im Königreich kennt den Namen des letzten Solomonars, des Sturmbändigers.
Der aschgraue Drache stößt ein Brüllen aus – ein brutaler, baritoner Ton, so kraftvoll, dass mehrere der Schlossfenster in tausend Scherben explodieren. Die Kreatur neigt ihre Flügel in einem unmöglichen Winkel und stürzt sich direkt in das Herz des Wirbels.
Der Mann brüllt ebenfalls. Es ist der Schrei reiner Wut, des Trotzes gegen Kräfte, die älter sind als die Welt selbst. Mit einem einzigen wilden Peitschenknall schleudert er die eingefangene Energie zurück in die Wolken. Eine Explosion violetten Lichts zerreißt den Himmel und entfesselt eine sphärische Druckwelle, die die Sturmwolken in einem Radius von fast einem Kilometer zerstreut.
Für eine Sekunde – eine einzige Sekunde – bleibt der Regen in der Luft stehen. Jeder Tropfen hängt wie eine Schnur aus Kristallperlen fest.
Der Kampf zwischen Mensch und Himmel ist erschreckend schön, eine Symphonie der Zerstörung. Vladislav zehrt von seinen letzten Kräften. Ich sehe, wie er auf dem Rücken des Drachen in die Knie sackt, seine Schultern zittern vor Erschöpfung. Das Licht, das ihn umgibt, beginnt zu flackern und verblasst mit jedem Pulsieren. Er ringt den allerletzten Tropfen seiner Magie, den allerletzten Funken seines Lebens heraus, um das Ungetüm zu bändigen, das über den Himmeln wütet.
Und ich weine.
Ich weiß nicht, warum ich weine. Meine Tränen vermischen sich mit dem warmen Regen, der wieder eingesetzt hat. Ich drücke eine Hand gegen meine Brust, über mein Herz, das so heftig klopft, dass es wehtut. Meine Beine sind taub, der Schlamm verschlingt mich ganz, aber meine Augen bleiben auf ihn fixiert. Ein brennender Schmerz spaltet meinen Kopf, gefolgt von einer so tiefen Erschöpfung, dass ich das Gefühl habe, in Ohnmacht zu fallen. Es ist SEINE Erschöpfung. Sie strömt durch eine unsichtbare Verbindung in mich hinein, ein absurder und unmöglicher Zusammenhang.
„Hör auf...“, flüstere ich mit brüchiger Stimme. „Bitte, hör auf... es wird dich umbringen...“
Der Sturm beginnt Anzeichen von Kapitulation zu zeigen. Der Wirbel verlangsamt sich. Die grünen Adern, die die Wolken durchziehen, verblassen zu einem ausgewaschenen Grau. Der Himmel verliert den Kampf. Vladislav hat gewonnen.
Dann passiert etwas, das mein Herz stillstehen lässt.
Ein letzter Blitz – ein verirrter Splitter Energie, so dünn wie eine Rasierklinge – peitscht hinter einer bedrohlichen Wolke hervor. Es ist kein großer Blitz, aber er ist tückisch. Er trifft den Mann mitten im Rücken, genau in dem Moment, als er seine Deckung fallen lässt.
Ich sehe, wie sich sein Körper heftig nach hinten krümmt. Die Peitsche entgleitet seiner Hand und verschwindet im Nichts.
Der Mann rutscht ab.
Die Zeit dehnt sich in quälender Langsamkeit. Ich sehe, wie er das Gleichgewicht verliert. Ich sehe, wie er nach dem Hals des Drachen greift, doch seine Finger gleiten hilflos über die regennassen Schuppen.
Und dann... fällt er.
Er stürzt durch die offene Luft. Kein Anker. Keine Magie. Keine Verteidigung.
Ein gewaltiger, unmenschlicher Schrei reißt aus meiner Kehle. Ich presse beide Hände auf meinen Mund, meine Augen weit vor absolutem Entsetzen. Mein Herz springt mir in die Kehle und raubt mir jeden Atemzug.
„Nein!“
Die Welt bricht um mich herum zusammen. Es gibt kein Schloss mehr. Keinen Schlamm. Keinen verletzten Knöchel. Es gibt nur noch diesen Mann, der wie ein Stein vom Himmel fällt, sein schwarzer Umhang wirbelt wie gebrochene Flügel um ihn herum. Ich fühle die krankmachende Leere in meinem Magen, den unaufhaltsamen Sog der Schwerkraft, die Angst vor dem Fall – all das spiegelt sich in meinem eigenen Geist wider.
Der aschgraue Drache stößt einen Schrei herzzerreißender Verzweiflung aus.
Die Kreatur faltet ihre Flügel und stürzt sich in einem Kamikaze-Flug hinter ihm her. Sie wirbelt durch die Luft und durchschneidet die Atmosphäre mit einer solchen Geschwindigkeit, dass der Wind wie bei einem Geschoss um sie herum heult. Die Entfernung zwischen dem Mann und dem Boden schrumpft in beängstigendem Tempo.
Gerade bevor der Körper des Mannes gegen die hoch aufragenden Turmspitzen des Schlosses prallen kann, streckt der Drache eine seiner massiven Vorderklauen aus und fängt ihn in der Luft auf.
Ein dumpfer Aufprall. Ein Fang am äußersten Rand des Unmöglichen.
Der Drache reißt seine riesigen Flügel weit auf, um zu bremsen, und entfesselt einen Windstoß, der mich fast vollständig vom Weg fegt. Seine Schuppen verschlingen die Luft, und die Kreatur schafft es, ihren Flug nur wenige Meter über den Ziegeldächern zu stabilisieren. Ich sehe zu, wie er den reglosen Mann mit außerordentlicher Vorsicht in seiner Klaue hält, als würde er das zerbrechlichste Stück Glas der Welt tragen.
Mit dem bewusstlosen – oder vielleicht toten, Gott, bitte lass ihn nicht tot sein – Mann fest in seiner Klaue geschlagen, schlägt der Drache zweimal mit den Flügeln, wirbelt Wasser und Blätter in die Luft, dreht dann nach Norden ab und verschwindet schnell im dichten Nebel, der noch immer die Berge einhüllt.
Ich bleibe allein zurück.
Der Sturm lässt plötzlich nach und wird zu einem feinen Nieseln, fast unbedeutend. Der schwarze Himmel bricht auf und gibt die ersten blassen, kalten Sonnenstrahlen frei, die durch die zerrissenen Wolken dringen.
Ich bin voller Schlamm, Blut streift meine Wange und Regenwasser durchnässt jeden Zentimeter meines Körpers. Mein Knöchel schmerzt so sehr, dass ich schreien möchte. Das Rote Buch liegt neben mir, beschmutzt und durchnässt.
Doch nichts davon zählt.
Ich rolle mich auf dem zerstörten Schlossweg zusammen und schlage hilflos mit der Faust gegen den Boden. Ich weine um einen Fremden. Ich kenne ihn nicht. Ich habe sein Gesicht nie aus der Nähe gesehen.
Aber ich hatte solche Angst um ihn. Eine Angst, die so tief, so instinktiv ist, dass es sich anfühlt, als wäre ein Teil von mir zusammen mit ihm vom Himmel gefallen.
Und in meinem Geist, wie ein Echo aus einem anderen Reich, hallt Regel I des Roten Buches weiterhin spöttisch wider:
„Ein Solomonar befiehlt den Himmeln nicht durch Gebete, sondern indem er dem Tod selbst die Zügel entreißt.“
Nur heute hätte ihm der Tod fast alles entrissen.
Und ich habe jede einzelne Sekunde davon gefühlt.









Ist schön geschrieben 😊