Alles verändert sich
Seit zwei Stunden prasselt der Regen gegen die Windschutzscheibe meines Ford Ranger. Die Scheibenwischer ziehen stoisch ihre Bahnen und fügen sich dem Rhythmus des Songs aus dem Radio. Mein Blick ist auf die Fahrbahn gerichtet. Die Musik ist dank meiner rasenden Gedanken nur Hintergrundrauschen. Ich weiß nicht einmal, welcher Song gerade lief. An den davor erinnere ich mich genau so wenig.
»Nein.«
Sie hatte es voller Überzeugung ausgesprochen. Das Wort kam nicht lauter als ein Hauch über ihre Lippen und trotzdem hatte dieses eine Wort die Wucht, die einer Ohrfeige gleichkam. Es traf mich hart und unvorbereitet, als ich auf der Dachterrasse unseres Penthouse, vor ihr kniete, mit dem Ring in der Hand, den ich ihr entgegenhielt. Mein Gehirn brauchte eine ganze Weile, bis die Bedeutung des Wortes in meinen Verstand sickerte.
»Caleb, ich kann das nicht«, hatte sie gesagt und ich sah zu ihr auf, ohne etwas zu sagen. Ich sah sie an und in dem Moment, als sich eine Träne aus ihrem Auge löste - keine Träne des grenzenlosen Glücks, weil sie meinen Antrag angenommen hatte -, begriff ich.
Aurelie Duboise gab mir über den Dächern von Los Angeles einen Korb.
Vier Monate lang hatten wir uns gedatet.
Zwei Jahre waren wir ein Paar gewesen.
Und jetzt hatte sie alles beendet.
Einfach so.
»Warum nicht?«, fragte ich, als ich meine Stimme wiederfand.
»Du bist ein wunderbarer Mensch, Caleb«, begann sie leise. Mein Herz hämmerte zu schnell gegen die Rippen, während ein Kloß in meinem Hals saß. Ich sah sie an, während ihr Blick in den Nachthimmel glitt.
»Ich war mir so sicher. Die ganze Zeit, die wir zusammen waren. Ich war überzeugt, dass das mit uns funktioniert«, sie schluckte. »Und dann war ich es plötzlich nicht mehr. Weil die kamen. Weil sie jeden Tag über uns geschrieben haben. Die Bilder. Die Artikel. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass sie von uns erwarten, dass wir funktionieren.«
»Wer?«, fragte ich, kaum lauter als ein Flüstern.
Sie lächelte traurig.
»Die Presse. Die Magazine, für die wir nie mehr waren als eine weitere Titelstory.«
Sie atmete tief ein. Endlich fand ich die Kraft aufzustehen. Ich hielt den Ring zwischen den Fingern. Plötzlich fühlte er sich bleischwer an.
»Aber wir können das hinbekommen«, sagte ich leise, in der Hoffnung irgendetwas retten zu können.
»Nein, das können wir nicht Caleb.«
»Aurelie, bitte…«.
»Wir haben so lange funktioniert. Wir hatten gemeinsame Jobs, gemeinsame Termine … irgendwann gab es nur noch uns. So sehr, dass ich nicht einmal mehr weiß, wer ich selbst eigentlich bin.«
Sie hielt kurz inne.
»Ich habe das Gefühl, dass ich mich irgendwo auf diesem Weg verloren habe. Und jetzt muss ich herausfinden, wer ich bin. Wer ich ohne dich bin. Und vielleicht musst du das auch. Denn ich weiß nicht, ob all das richtig wäre. Zusammenbleiben, heiraten, obwohl wir vielleicht etwas ganz anderes wollen.«
Alles in mir wehrte sich dagegen, das Unvermeidliche zu akzeptieren, aber ich wusste, dass sie recht hatte. Mit der Serie, in der ich die Hauptrolle spielte, war über Nacht alles anders geworden. Es folgten Blockbuster, Premieren, rote Teppiche, Titelseiten auf Magazinen. Plötzlich kannte jeder meinen Namen.
Und dann lernte ich Aurelie kennen. Auf einer Premierenfeier in Beverly Hills. Wir waren beide Newcomer und es tat gut mit jemandem zu reden, dem es ähnlich ging wie mir. Jemand, der genau so überfordert damit war im Rampenlicht zu stehen, obwohl wir immer davon träumten.
Als man uns immer häufiger gemeinsam in der Öffentlichkeit sah, erklärte uns die Boulevardpresse schon bald zu Hollywoods neuem Traumpaar.
Von da an gehörte unser Leben nicht mehr uns. Plötzlich verfolgte jeder unsere Schritte, wo wir waren und mit wem.
Paparazzi vor dem Restaurant, wenn wir unserem Lieblingsitaliener einen Besuch abstatteten.
Fotos von Shoppingtouren durch L.A.
Fotos von uns am Strand, die Abendsonne im Rücken.
Wir waren überall. Auf Titelseiten, in Klatschmagazinen, in Fernsehbeiträgen. Und mit unserem Ruf als Hollywoods Traumpaar kamen die gemeinsamen Angebote.
Filme. Werbekampagnen. Fotoshootings. Auf einmal standen wir nicht nur privat Seite an Seite, sondern auch vor der Kamera.
»Es tut mir leid…«, setzte ich an und schluckte schwer, als der Kloß mir die Worte raubte.
»Das muss es nicht, Caleb. Manches haben wir uns nicht selbst ausgesucht, aber ich denke jetzt, ist es an der Zeit herauszufinden, wer ich bin. Ohne all den Lärm. Das Blitzlicht. Ohne all dem, was zu einem wir, wurde«, sagte sie. Ich spürte die Wärme ihrer Hand, als sie sie an meine Wange legte.
»Du bist ein guter Mensch. Du hast ein großes Herz. Und ich hoffe, dass diese Stadt es nie schaffen wird, dir beides zu nehmen.«
Eine ganze Woche hielt ich es in der Stadt, in unserem Penthouse aus, bevor ich mich in meinen Wagen setze und einfach losgefahren bin.
Ich habe keinen Plan. Bis vor wenigen Stunden nicht einmal ein Ziel. Jedenfalls keins, das mir bewusst gewesen wäre. Erst als ich bemerke, dass ich immer weiter nach Norden fahre, begreife ich, wohin mich mein Weg führt.
Der Regen lässt nicht nach. Nebelschwaden steigen zwischen Mischwäldern und grünen Wiesen auf. Die Straße windet sich durch die hügelige Landschaft und scheint kein Ende nehmen zu wollen.
Das grüne Ortsschild, das ich in den letzten Jahren zu selten gesehen habe, ist noch eine ganze Tagesfahrt entfernt. Mit jeder Meile komme ich Mosshaven näher. Los Angeles hingegen fährt mit, denn seit dem Abend, an dem Aurelie unsere Beziehung beendet hat, hatten wir kein Wort mehr miteinander gewechselt. Obwohl wir uns nicht im Streit trennten, bat sie mich um Zeit. Sie braucht Zeit, um sich zu sammeln, zu überlegen, wie es für sie weitergeht. Vielleicht hat sie recht und ich benötige die Zeit genau so wie sie.
Mein Blick fällt auf das Nokia 3310 in der Halterung über den Lüftungsschlitzen auf der Armatur.
Keine Nachricht.
Es fällt mir schwer, ihr nicht zu schreiben. Sonst haben wir so viele SMS getauscht. So viele, dass der Speicher regelmäßig voll war und wir alte Nachrichten löschen mussten. Heute geht keine einzige ein.
Der Speicher ist leer, in der Hoffnung es kommt doch eine Nachricht von ihr.
Das Display zeigt nur die Uhrzeit und das Datum an.
Keine Nachricht.
Kein Anruf.
Nur das Radio, das weiter dudelt.
Ich halte an einer Tankstelle irgendwo zwischen Salem und Portland.
»Ganz schönes Mistwetter haben Sie sich ausgesucht, um hier draußen unterwegs zu sein«, sagt der Tankwart und hält den Scanner auf einen Schokoriegel, den ich mir aus der Auslage genommen habe. Dann scannt er ein Fertigsandwich.
Schinken, Käse, Ei.
Nichts Besonderes.
»Ich sitze im Wagen und werde nicht nass, könnte also schlechter sein«, gebe ich zurück, ein müdes Lächeln dabei auf meinen Lippen. Ich will nicht reden. Ich will aber auch nicht unhöflich sein. Der Mann nickt und scannt die Flasche Wasser.
»Sagen Sie, gibt es in der Nähe ein Motel?«, frage ich und zücke das Portemonnaie aus meiner Hosentasche.
»In zirka fünf Meilen ist eins. Die Besitzerin heißt Elsie. Ist sauber und sie zaubert leckere Gerichte. Probieren Sie unbedingt die Lachsforelle. Sie räuchert sie selbst«, antwortet der Mann und zieht die zweite Flasche Wasser durch den Scanner.
»Ich nehme noch einen Kaffee. Schwarz, bitte«, sage ich, bevor er den Endbetrag nennen kann und er nickt.
»Sie haben Glück. Hab gerade ´ne Kanne aufgebrüht. Macht dann 130. Bar oder Karte?«
Ich öffne meinen Geldbeutel und hadere mit mir, ob ich die Kreditkarte wirklich zücken soll.
American Express Platin Card.
Mein Agent Owen hat sie für eine ausgesprochen gute Idee gehalten. In einem fast einstündigen Monolog hatte er mir die Vorteile aufgezählt und mir war kein einziger davon wichtig. Sein absolutes Totschlagargument war: »Du bewegst dich nun in anderen Kreisen, da ist das so. Nimm die Karte.«
Also nahm ich die Karte.
Ich ziehe die Karte und halte sie dem Tankwart hin.
Er sieht die Karte an, dann musterte er mich und zieht die Karte durch. Akzeptiert steht auf dem Display des Kartenlesers. Der Tankwart stellt keine Fragen und ich bin dankbar.
»Gute Fahrt«, sagt er und reicht mir die Karte wieder.
»Danke.«
»Grüßen Sie Elsie von mir und sagen Sie ihr, dass Doug Sie geschickt hat.«
»Werde ich, danke noch einmal für den Tipp.«
Der dunkle Kies knirscht unter den Reifen, als ich auf den Hof des Motels fahre. Das Motel heißt wie die Besitzerin: Elsie´s.
Das s am Ende des Schildes blinkt und flackert. Unter dem Schild leuchtet ein weiteres in einem grellen Gelb, verfügbar.
Sie scheint, wenn das Schild zuverlässig ist, freie Zimmer zu haben. Die Parkplätze sind bis auf den, den ich in Beschlag nehme frei.
Die Rezeption ist nicht besetzt, als ich eintrete. Stattdessen steht auf der Theke ein Schild mit der Aufschrift, hier klingeln. Daneben ist eine Rezeptionsklingel mit einem Sockel aus dunklem Holz platziert. Ich sehe mich noch einmal um, haue dann aber einmal auf die Klingel. Der helle Ton schwingt nach und hallt in dem Raum.
»Bin schon da, Darling. Was kann ich für dich tun?«, ruft eine Frau, die einen Karton auf ihren Armen balanciert. Mit dem Fuß stößt sie die Tür auf und hat sichtlich Mühe hindurch zukommen. Der Karton streift den Türrahmen.
Ich gehe auf sie zu.
»Darf ich?« Ich deute auf die Kiste in ihren Armen.
»Hätte nichts dagegen«, sagt sie grinsend.
Ich nehme ihr die Kiste ab.
»Stellen Sie sie auf die Theke, ich räume es gleich ein«, sagte sie. »Ich nehme an, Sie möchte ein Zimmer buchen?«
»Ja, das würde ich gerne, sofern eins verfügbar ist«, bestätige ich und stelle den Karton auf der Theke ab.
»Ach Darling, bei dem Wetter verirren sich nur die Hartgesottenen hier her«, sagt sie und greift nach einem Schlüssel, der neben weiteren an einem Schlüsselbrett hinter ihr hängt.
»Dabei ist das Wetter doch wie gemacht für Wanderer«, scherze ich.
Die Frau, die wohl Elsie ist, lacht auf.
»Und sind Sie denn zum Wandern hier?«
»Damit habe ich vor Jahren aufgehört. Bin eher auf der Durchreise«, sage ich leise. »Auf dem Weg zu einem Ort, an dem ich mal wieder durchatmen kann.«
Superschönes Kapitel. Ich war sofort in der Geschichte, nah bei Caleb
Der Einstieg ist Dir schon mal wunderbar gelungen 🥰🥰🥰