Farbe Und Asche von Angela bei Inkitt
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Farbe und Asche

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Zusammenfassung

Fünf Mitbewohner. Ein Neuanfang. Und ein Geheimnis, das besser im Dunkeln geblieben wäre. Mit dem Beginn ihres Kommunikationsdesign-Studiums soll für Maja eigentlich alles passen. Neue Stadt, neue WG, endlich ein eigenes Leben. Nur dass ihr Freund Ben von diesem neuen Leben offenbar eine ziemlich genaue Vorstellung hat - und Maja zunehmend merkt, wie wenig Platz darin für ihre eigene bleibt. Zum Glück ist ihre WG das komplette Gegenteil von vernünftig und vorhersehbar. Und dann ist da Leo. Wortkarg, tätowiert und meistens dann wach, wenn andere längst schlafen. Ihre erste Begegnung endet beinahe mit einer Glasflasche an seinem Kopf, die zweite mit der Erkenntnis, dass sie sich vermutlich besser aus dem Weg gehen sollten. Was erstaunlich schwierig wird, wenn man sich eine Küche, einen Flur und viel zu viele schlaflose Nächte teilt. Während Maja zwischen Studium und Tanz langsam wiederentdeckt, wer sie sein möchte, lebt Leo längst zwischen verschiedenen Welten. Tagsüber verdient er mit seiner Kunst sein Geld. Nachts verschwindet er. Wohin, weiß niemand. Und je näher Maja ihm kommt, desto deutlicher wird, dass hinter den Farben etwas liegt, über das Leo niemals spricht. Manche Geschichten malt man an Wände. Andere versucht man dort zu begraben. Farbe und Asche ist ein New-Adult-Roman über Kunst und Bewegung, Liebe und Abhängigkeit, über die Dinge, die wir vor anderen verbergen - und die, vor denen wir selbst nicht davonlaufen können.

Genre:
Romance
Autor:
Angela
Status:
In Arbeit
Kapitel:
12
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Maja strich den letzten Pullover glatt und schob ihn auf den Stapel im Kleiderschrank. Der Stapel neigte sich bedenklich zur Seite. Sie fing ihn mit einer Hand ab, schob zwei Shirts darunter und trat zurück. Na bitte. Wenigstens eine Sache an diesem Tag blieb dort, wo sie hingehörte. Hinter ihr standen noch zwei halb ausgepackte Kartons, drei leere stapelten sich neben der Tür. Ihre Bücher lagen in kleinen Türmen unter dem hohen Fenster, die Schreibtischlampe hatte noch keinen Platz gefunden und an den weißen Wänden hing nichts, das verriet, dass dieses Zimmer seit heute ihres war. Durch das geöffnete Fenster drang der frühe Abend herein. Stimmen stiegen von der Straße herauf, irgendwo klingelte ein Fahrrad, Reifen rauschten über den noch feuchten Asphalt. Der kurze Regenschauer vom Nachmittag hatte die Luft abgekühlt und aus dem kleinen Restaurant an der Ecke zog der Geruch von gebratenem Knoblauch zwischen den Häusern herauf. Maja kannte diese Stadt. Sie kannte die Buslinien, die kleinen Cafés, die Plätze, auf denen im Sommer bis tief in die Nacht Menschen saßen. Sie war hier aufgewachsen. Und trotzdem fühlte sich heute alles ein wenig fremd an. Vielleicht, weil sie diesmal am Ende des Tages nicht nach Hause fahren würde. Vielleicht, weil dieses Zimmer zwischen Kartons und kahlen Wänden jetzt Zuhause sein sollte. Auf der Matratze vibrierte ihr Handy. Maja drehte sich sofort um. Ben. Für den Bruchteil einer Sekunde hob sich ihr Mundwinkel. Dann öffnete sie die Nachricht. Bin heute Abend mit den Jungs verabredet. Lass uns die Tage hören. Das Lächeln verschwand. Maja las die wenigen Worte noch einmal. Keine Frage, wie der Umzug gelaufen war. Kein Brauchst du noch Hilfe? Kein Wie gefällt dir dein Zimmer? Nicht einmal die Andeutung, dass er später vielleicht noch vorbeikommen könnte. Nur die Tage. Ihr Daumen schwebte über dem Display. Sie tippte Alles klar, löschte es wieder. Schrieb Viel Spaß und löschte auch das. Schließlich sperrte sie das Handy und warf es auf die Matratze. „Die Tage", murmelte sie und wandte sich wieder dem Schrank zu. Die unterste Schublade bekam ihren Frust ab. Sie zog sie auf, obwohl längst alles darin lag, und schob sie etwas kräftiger wieder zu. Seit drei Jahren waren Ben und sie zusammen. Drei Jahre, in denen seine Wohnung irgendwann aufgehört hatte, sich fremd anzufühlen. Ihre Zahnbürste stand neben seiner, ein Teil ihrer Kleidung lag dauerhaft in seinem Schrank und sie kannte inzwischen jedes Geräusch seiner alten Kaffeemaschine. Als die Zusage für ihren Studienplatz gekommen war, hatte Maja deshalb nicht lange darüber nachgedacht, wie es weitergehen würde. Ben lebte hier. Sie würde hier studieren. Für sie hatte sich der nächste Schritt beinahe von selbst ergeben. Für ihn offenbar nicht. Wir müssen doch nicht sofort aufeinanderhocken, nur weil du jetzt hier studierst. Beim ersten Gespräch hatte er noch gelächelt. Später war aus dem Aufeinanderhocken das vernünftigere Wort Freiraum geworden. Dann hatte er ihr erklärt, eine gemeinsame Wohnung würde sie gerade zu Beginn ihres Studiums nur ablenken. Alles hatte logisch geklungen. So logisch, dass Maja sich irgendwann selbst kleinlich vorgekommen war, weil es sich trotzdem wie eine Zurückweisung angefühlt hatte. Also hatte sie aufgehört zu diskutieren und WG Anzeigen gelesen. Sie stellte sich vor den Spiegel an der Innenseite des Kleiderschranks, löste ihr Haargummi und band die langen braunen Haare noch einmal neu zusammen. Schultern zurück. Brustbein anheben. Kinn gerade. Ihr Körper kannte die Bewegung, bevor ihr Kopf sie dachte. Zwölf Jahre klassisches Ballett verschwanden nicht einfach. Nicht aus den Füßen, nicht aus ihrer Haltung und schon gar nicht aus diesem tief verankerten Reflex, selbst dann Kontrolle auszustrahlen, wenn innen gerade herzlich wenig davon übrig war. Inzwischen tanzte sie lieber Modern Dance. Barfuß, freier, manchmal kantig, manchmal wild. Nicht jede Bewegung musste schön sein. Nur ehrlich. Gerade hätte sie einiges für ein leeres Studio gegeben. Musik so laut, dass in ihrem Kopf für Ben und seine verdammten Tage kein Platz mehr blieb. Es klopfte zweimal an der offenen Tür. „Kaffee?" Maja drehte sich um. Sam stand mit zwei großen Tassen im Türrahmen. Sein pinkes Sweatshirt leuchtete zwischen den braunen Kartons wie ein absichtlich gesetzter Farbakzent, seine dunklen Locken saßen trotz des langen Tages noch erstaunlich gut. „Bitte." Er kam herein, wich einem Karton mit einem geschmeidigen kleinen Schwung aus der Hüfte aus und balancierte beide Tassen so selbstverständlich durch das Chaos, dass Maja unwillkürlich lächeln musste. Sam hatte etwas Elegantes in seinen Bewegungen. Nichts Übertriebenes oder Aufgesetztes. Es war einfach da. Die geraden Schultern, das leicht angehobene Kinn, die beiläufige Sicherheit, mit der er sich bewegte. „Ich wusste nicht, wie du ihn trinkst." Er hielt ihr eine Tasse hin. Maja sah hinein. „Schwarz?" „Ich wollte nichts riskieren." „Milch wäre okay gewesen." Sam verzog das Gesicht, als hätte sie ihm diese Information absichtlich vorenthalten. „Das müssen wir dringend besser organisieren." „Wir kennen uns seit vier Stunden." „Eben. Vier Stunden verschwendete Zeit." Maja lachte und nahm die Tasse. Sam ließ sich neben ihr auf die Matratze sinken. Sein Blick wanderte über die bereits eingeräumten Regale, die zusammengefalteten Kartons und schließlich zu ihrem Handy. „Du bist erschreckend weit. Ich hätte nach meinem letzten Umzug drei Tage aus Kisten gelebt." „Ich kann nicht schlafen, wenn überall Chaos ist." „Dann hast du dir möglicherweise die falsche WG ausgesucht." Sein Blick blieb einen Moment an ihrem Handy hängen. „Ben?" Maja nickte. „Er ist heute Abend mit Freunden unterwegs." Sam hob nur leicht eine Augenbraue. Mehr brauchte es nicht. „Sag nichts." „Ich sage nichts." „Dein Gesicht schon." „Dafür kann ich nichts. Das wurde mir so mitgegeben." Maja nahm einen Schluck Kaffee und sah zum Fenster. „Er meint, ich soll erst mal in Ruhe ankommen." Diesmal dauerte Sams Schweigen einen Moment länger. „Dann scheint er großen Wert auf Ruhe zu legen." Maja warf ihm einen Blick zu. Sam hob beschwichtigend eine Hand. „Das war alles. Versprochen. Ich kenne ihn nicht." Die Leichtigkeit verschwand dabei nicht aus seiner Stimme, trotzdem merkte Maja, dass er es ernst meinte. Er würde nachhaken, wenn sie ihn ließ. Aber eben nur dann. Das gefiel ihr. Ein dumpfes Poltern im Flur unterbrach sie. Gleich darauf schallte eine Frauenstimme durch die Wohnung. „Jona! Wenn meine grüne Kulturtasche in deinem Zimmer liegt, fliegst du allein nach Bali!" Sam schloss kurz die Augen. „Und jetzt lernst du den Rest des Irrenhauses kennen." Im Flur sah es aus, als hätte jemand versucht, den Inhalt einer halben Wohnung in zwei Koffer zu zwingen und kurz vor dem Ziel aufgegeben. Ein großer Rollkoffer lag geöffnet vor der Kommode, Schuhe standen auf der Fensterbank, eine Yogamatte lehnte an der Wand und mitten auf den alten Dielen lag ein Strohhut. Vor einem der Koffer kniete eine junge Frau mit einem dunklen, exakt geschnittenen Bob und durchsuchte eine Stofftasche. Neben ihr stand Jona mit langen, zu einem lockeren Knoten gebundenen Haaren und hielt die gesuchte grüne Kulturtasche bereits in der Hand. „Die hier?" Chloe richtete sich auf. Ihr Blick fiel auf die Tasche, dann auf ihn. „Wo war die?" „Im Bad." „Da habe ich geguckt." Jona lächelte nur. Das genügte offenbar als Antwort. Chloe nahm ihm die Tasche ab und entdeckte erst jetzt Maja. Ihre genervte Miene veränderte sich augenblicklich. „Hi. Entschuldige. Ich bin normalerweise nur halb so anstrengend." Jona hob eine Augenbraue. „Sei still", sagte Chloe, ohne ihn anzusehen. Maja musste lachen. Die nächsten Minuten verschwammen in einem angenehmen Durcheinander. Chloe redete über Bali, ihren Flug und die Tatsache, dass sie keineswegs Flugangst hatte, sondern lediglich eine vernünftige Abneigung gegen mehrere Tonnen Metall in zehn Kilometern Höhe. Jona packte währenddessen mit stoischer Ruhe Dinge zurück in den Koffer, die sie offenbar bereits zum zweiten Mal herausgenommen hatte. Sam setzte sich den Strohhut auf, bekam von Chloe einen vernichtenden Blick und erklärte, das Ding brauche dringend jemanden, der es mit Würde trage. Maja stand mittendrin und merkte irgendwann, dass sie nicht mehr darüber nachdachte, ob sie die Neue war. Die drei machten es ihr erstaunlich leicht. Es gab offensichtlich längst Insider, kleine Rituale und Geschichten, deren Anfang sie nicht kannte, aber niemand ließ sie deshalb draußen stehen. Sam zog sie ganz selbstverständlich in die Gespräche hinein, Chloe fragte nach ihrem Studium und Jona bot ihr an, nach Bali beim Aufbau des Schreibtisches zu helfen, falls das Ding bis dahin noch immer in Einzelteilen an der Wand lehnte. Als Maja Kommunikationsdesign erwähnte, wurde Chloe sofort hellhörig. „Dann haben wir jetzt endlich jemanden, der Sam erklärt, dass nicht alles gut aussieht, nur weil es teuer war." Sam nahm den Strohhut ab. „Ich nehme alles zurück, was ich jemals Nettes über dich gesagt habe." Maja grinste. „Ich fange erst nächste Woche an. Gib mir wenigstens ein Semester, bevor ich Geschmacksurteile fälle." „Zu spät", meinte Jona. „Du wohnst hier. Damit bist du automatisch zuständig." Maja ließ den Blick über die drei wandern. Vielleicht würde das tatsächlich funktionieren. Erst als die Koffer endlich geschlossen waren, fiel Chloes Blick den langen Flur hinunter. Ganz am Ende lag eine weitere Tür. Seit Maja am Nachmittag eingezogen war, hatte sie sich nicht ein einziges Mal geöffnet. „Leo weiß doch, dass wir drei Wochen weg sind, oder?" Jona nickte. „Ich hab's ihm gestern gesagt." Sam grinste. „Er hat wahrscheinlich gefragt, wann genau ihr endlich verschwindet." „Fast. Er wollte wissen, ob er danach drei Wochen das Bad für sich hat." Chloe schnaubte, aber ihr Mundwinkel zuckte. Maja folgte ihrem Blick. „Das ist also Leo?" „Wenn er nicht heimlich ausgezogen ist", sagte Sam. Es lag nichts Warnendes in seiner Stimme. Eher diese vertraute Belustigung, mit der man über jemanden sprach, dessen Eigenarten man längst kannte. „Er ist ein bisschen ruhiger als wir", erklärte Jona. „Und er braucht seine Ruhe. Wenn seine Tür zu ist, lassen wir ihn einfach." „Dafür kann er sogar ausgesprochen gesellig sein, wenn die Sterne richtig stehen", ergänzte Chloe. Sam verzog das Gesicht. „Jetzt klingt er wie ein Höhlenmensch. So schlimm ist es nicht." Offenbar gehörte Leo durchaus zu gemeinsamen Abenden, saß mit ihnen in der Küche, bestellte Pizza mit oder ließ sich von Sam zu irgendeinem Film überreden. Nur bestimmte er meistens selbst, wann es ihm genug war. Dann verschwand er eben wieder in seinem Zimmer. Niemand nahm ihm das übel. „Und glaub bloß nicht, dass er keinen Humor hat", sagte Sam. „Man merkt nur manchmal erst fünf Minuten später, dass er einen Witz gemacht hat." „Vor allem, weil er dabei guckt, als würde er gerade seine Steuererklärung machen", ergänzte Chloe. Maja lächelte und sah noch einmal zur Tür. „Was macht er eigentlich?" „Kunst", sagte Sam. Das eine Wort genügte, um ihre Aufmerksamkeit sofort wieder zu ihm zu ziehen. „Was genau?" „Vor allem Urban Art. Murals, Auftragsarbeiten. Er gibt auch Workshops." „Graffiti?" „Unter anderem." Sam sagte es vollkommen selbstverständlich. „Er ist ziemlich gut." Chloe hob eine Augenbraue. „Ziemlich?" „Ich versuche, sein Ego nicht aus der Entfernung zu füttern." „Leo hat kein Ego Problem", sagte Jona und griff nach einem der Koffer. „Der würde eher drei Stunden erklären, was an seinem eigenen Bild nicht funktioniert." Das interessierte Maja. Vielleicht mehr, als es sollte, wenn es um einen Mann ging, den sie noch nicht einmal gesehen hatte. Aber Kunst war nun einmal genau der Punkt, an dem ihre Aufmerksamkeit hängen blieb. Kommunikationsdesign war für sie nie nur die vernünftige Antwort auf die Frage gewesen, was sie studieren wollte. Sie mochte Bilder, Fotografien, Farben und Formen, mochte den Moment, in dem etwas eine Wirkung bekam, bevor man überhaupt erklären konnte, warum. Beim Tanzen war es ähnlich. Ein Körper konnte etwas erzählen, ohne ein einziges Wort zu brauchen. „Ist er gerade arbeiten?" fragte sie. Sam zuckte mit den Schultern. „Vermutlich." Mehr kam nicht. Niemand schien genau zu wissen, wo Leo sich befand, und merkwürdigerweise wirkte es trotzdem nicht, als fehle ihnen irgendeine wichtige Information. Sie hatten sich offenbar längst daran gewöhnt, dass Leo bestimmte Teile seines Lebens für sich behielt. Kurz nach Mitternacht standen Chloes und Jonas Koffer schließlich im Hausflur. Chloe überprüfte zum dritten Mal Reisepässe, Handy und Portemonnaie, während Jona bereits die Wohnungstür offen hielt. Sam lehnte daneben und beobachtete sie mit verschränkten Armen. „Wenn du jetzt noch einmal fragst, ob du deinen Pass hast, nehme ich ihn dir weg." Chloe sah ihn empört an. „Dann komme ich nicht ins Flugzeug." „Problem gelöst." Sie streckte ihm die Zunge heraus, umarmte ihn anschließend aber so fest, dass der Strohhut, den er noch immer trug, verrutschte. Jona verabschiedete sich deutlich weniger dramatisch. Dann zog er auch Maja kurz an sich. „Wenn du nach den drei Wochen noch hier wohnst, hast du den Aufnahmetest bestanden." „Welchen Aufnahmetest?" Jona deutete auf Sam. „Den." „Ich stehe direkt daneben", protestierte Sam. Chloe umarmte Maja ebenfalls. „Lass dich nicht ärgern. Von keinem von denen." Wenig später rumpelten die Koffer über die Stufen nach unten. Noch einmal hallte Chloes Stimme durchs Treppenhaus, weil sie glaubte, irgendetwas vergessen zu haben. Sam beugte sich über das Geländer, verstand offenbar kein Wort und rief schließlich zurück, sie solle es einfach in Bali kaufen. Maja lachte, bis die Haustür unten ins Schloss fiel. Danach wirkte die große Wohnung plötzlich anders. Ruhiger. Fast größer. Sam und Maja blieben noch eine Weile in der Küche. Sie räumten die zurückgelassenen Tassen weg, teilten sich den Rest einer angebrochenen Tüte Chips und standen irgendwann am offenen Fenster, während unten auf der Straße das Stimmengewirr langsam dünner wurde. Sam erzählte ihr von der Uni, von einem Professor, der eine beinahe persönliche Feindschaft gegen Zuspätkommer pflegte, und von dem Café zwei Straßen weiter, in dem sie niemals einen Cappuccino bestellen sollte, wenn ihr irgendetwas an ihrer Zukunft lag. Maja hörte ihm gern zu. Vielleicht, weil sie bei ihm nicht das Gefühl hatte, irgendetwas erklären zu müssen. Er fragte nicht noch einmal nach Ben. Er versuchte nicht, ihr einzureden, wie großartig ihr neues Leben werden würde. Er war einfach da und redete über völlig unwichtige Dinge, bis ihr erster Abend in dieser Wohnung irgendwann nicht mehr wie ein Ereignis wirkte, das sie unbedingt richtig machen musste. Als Sam zum zweiten Mal gähnte, schickte sie ihn ins Bett. „Ich muss um acht an der Uni sein", jammerte er. „Du bist Sportstudent. Lauf hin." Sam blieb mitten in der Küchentür stehen und sah sie an, als hätte sie etwas Unverzeihliches gesagt. „Und ich dachte wirklich, wir könnten Freunde werden." „Morgen vielleicht." „Unwahrscheinlich." Trotzdem grinste er, bevor er im Flur verschwand. Wenig später fiel seine Zimmertür ins Schloss. Maja blieb noch einen Moment am Küchenfenster stehen. Die Luft war kühler geworden. Auf dem Gehweg gegenüber spiegelten sich die Straßenlaternen in kleinen Pfützen. Irgendwo lachte jemand, dann verschwand eine Gruppe junger Leute um die Ecke. Sie schloss das Fenster halb und ging zurück in ihr Zimmer. Ein letzter Karton wartete dort noch auf sie. Sie räumte die Bücher daraus ins Regal, legte ihre Ladekabel in die Schreibtischschublade und schob ihre Tanzsachen unter das Bett. Ganz oben im Karton lagen zwei ihrer Skizzenbücher. Maja nahm eines heraus, strich mit dem Daumen über den abgegriffenen Einband und blätterte kurz darin. Bewegungsstudien, Gesichter, unfertige Entwürfe, Farbideen. Dinge, die meistens entstanden, wenn ihr Kopf zu voll war, um stillzusitzen. Sie legte es auf die Fensterbank. Das neue daneben. Als der Karton schließlich leer war, faltete sie ihn zusammen und stellte ihn zu den anderen. Ihr Zimmer sah noch immer fremd aus. Aber nicht mehr ganz so sehr. Das Handy lag auf der Matratze. Das Display blieb dunkel. Maja sah trotzdem hin. Ben hatte nicht mehr geschrieben. Für einen Moment überlegte sie, ihm selbst eine Nachricht zu schicken. Bin jetzt fertig. Oder vielleicht einfach Die WG ist nett. Irgendetwas, das ihm die Möglichkeit gab, nachzufragen. Ihr Daumen lag bereits auf dem Display. Dann legte sie das Handy wieder weg. Wenn Ben wissen wollte, wie ihr erster Abend gewesen war, konnte er fragen. Maja ging ins Bad, putzte sich die Zähne und zog sich anschließend in ihrem Zimmer um. Eine kurze Schlafshorts, darüber ein weiches, dunkles T Shirt, das ihr locker über die Hüften fiel. Das Haargummi zog sie aus ihren Haaren und legte es neben das Handy. Die langen Strähnen fielen ihr über die Schultern, vom ganzen Tag leicht zerzaust. Als sie schließlich unter die Decke kroch, war die Wohnung stiller geworden. Nicht vollkommen still. Dafür war das Haus zu alt und die Straße vier Stockwerke tiefer zu lebendig. Aber ruhig genug, dass sie glaubte, innerhalb weniger Minuten einzuschlafen.


Sie irrte sich. Um 01:18 Uhr lag Maja auf dem Rücken und starrte an die fremde Zimmerdecke. Irgendwo rauschte Wasser durch ein Rohr. Über ihr wurde ein Stuhl über den Boden geschoben. Ein Bus fuhr unten durch die Straße und für einen kurzen Moment wanderte sein Licht über die Wand. Maja drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. 01:46 Uhr. Wieder auf den Rücken. Ihr Kopf arbeitete sich zuverlässig durch alles, womit er sich gerade nicht beschäftigen sollte. Studienbeginn. Stundenplan. Die Sachen, die sie noch besorgen musste. Ben. Vor allem Ben. Um 02:21 Uhr nahm sie das Handy in die Hand. Keine neue Nachricht. Sie öffnete den Chat trotzdem. Seine letzten Worte standen noch immer da. Lass uns die Tage hören. Maja sperrte das Display und legte das Handy mit der Vorderseite nach unten. Um 02:43 Uhr drehte sie das Kissen um. Um 02:57 Uhr hatte sie genug. Sie schob die Decke zurück und setzte die Füße auf die kalten Dielen. Wasser. Vielleicht fünf Minuten am offenen Küchenfenster. Danach würde ihr Kopf hoffentlich endlich begreifen, dass heute nichts mehr gelöst werden musste. Sie hatte gerade die Hand an der Türklinke, als aus dem Flur ein leises metallisches Geräusch kam. Maja hielt inne. Ein Schlüssel glitt ins Schloss der Wohnungstür. Klack. Die Tür öffnete sich. Kein Licht ging an. Für einen Moment hörte sie nur das gedämpfte Rauschen der Straße hinter sich. Dann fiel die Wohnungstür beinahe lautlos zurück ins Schloss. Schritte bewegten sich durch den Flur. Gedämpft. Ruhig. Maja öffnete ihre Zimmertür ein Stück weiter. Im schwachen Licht, das durch die hohen Flurfenster fiel, bewegte sich eine dunkle Gestalt an ihr vorbei. Groß. Breite Schultern. Dunkle Kleidung. Sie verschwand in Richtung Küche. Leo, dachte Maja. Wahrscheinlich. Wer sollte es sonst sein? Trotzdem blieb sie stehen. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Wusste weder, wie groß er war, noch wie er aussah. Ein völlig irrationaler Teil ihres Gehirns erinnerte sie daran, dass Chloe und Jona weg waren und Sam schlief. Der vernünftigere Teil erinnerte sie daran, dass die Gestalt gerade mit einem Schlüssel hereingekommen war. Dann klirrte etwas aus der Küche. Metallisch. Maja sah zur schweren Glasflasche neben ihrer Matratze. „Das ist bescheuert", murmelte sie. Sie nahm sie trotzdem. Die Dielen waren kalt unter ihren nackten Füßen. Je näher sie der Küche kam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Die Tür stand einen Spalt offen. Dahinter bewegte sich ein Schatten. Wieder dieses leise metallische Klirren. Maja umfasste den Flaschenhals fester. Ihr Herz schlug inzwischen so kräftig, dass sie es bis in den Hals spürte. Noch zwei Schritte. Einer. Sie schob die Tür weiter auf. Im Halbdunkel erkannte sie nur die breite Silhouette eines Mannes, der mit dem Rücken zu ihr stand. Vermutlich Leo. Aber vermutlich war ihr in diesem Moment nicht gut genug. Maja hob die schwere Glasflasche über die Schulter. „Keine Bewegung!" Die Gestalt fuhr herum. Sein Blick traf sie und sprang sofort zu der erhobenen Flasche. Im nächsten Moment war er schon bei ihr. Eine Hand schloss sich um ihr Handgelenk, noch bevor Maja entscheiden konnte, ob sie tatsächlich zugeschlagen hätte. Er fing ihren erhobenen Arm ab und drückte ihn zur Seite. Der Schwung brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie wich zurück, bis ihr Rücken gegen die Tür stieß. „Bist du bescheuert?" Die tiefe Stimme schnitt rau durch die Dunkelheit. Maja starrte zu ihm hoch. Kein Einbrecher. Der Mann vor ihr war groß, dunkel gekleidet und offensichtlich mindestens genauso angepisst wie sie erschrocken war. Eine Hand lag noch immer fest um ihr Handgelenk, die andere hatte sich um die Flasche geschlossen, die sie ihm beinahe gegen den Kopf geschlagen hätte. „Lass mich los." Er tat es sofort. Gleichzeitig nahm er ihr die Flasche ab und stellte sie mit einem dumpfen Geräusch auf die Arbeitsplatte. Dann fuhr er sich mit einer Hand übers Gesicht und atmete hörbar aus. „Ist das deine Art, dich vorzustellen?" Maja rieb sich über ihr Handgelenk. „Ich dachte, du wärst ein Einbrecher." Sein Blick wanderte kurz zur Wohnungstür. „Mit Schlüssel." „Ja. Hab ich inzwischen auch gemerkt." Einen Moment lang sah er sie schweigend an. „Ich gehe mal davon aus, dass du die neue Mitbewohnerin bist." Maja hob eine Augenbraue. „Scharf kombiniert." Etwas zuckte in seinem Gesicht. So kurz, dass sie nicht einmal sicher war, ob es tatsächlich ein angedeutetes Lächeln gewesen war. Dann sah er sie zum ersten Mal richtig an. Sein Blick blieb an ihrem Gesicht hängen, an den langen Haaren, die ihr inzwischen wild über die Schultern fielen, und wanderte weiter. Über das weite dunkle T Shirt, unter dessen Saum gerade noch die kurze Schlafshorts hervorsah, über ihre nackten Beine bis zu den bloßen Füßen auf den kalten Fliesen. Nicht aufdringlich. Aber auch nicht flüchtig genug, dass Maja es übersehen hätte. Als sein Blick wieder oben ankam, hob sie das Kinn ein wenig. „Fertig mit der Bestandsaufnahme?" Für einen Moment blieb es still. Dann hob sich einer seiner Mundwinkel leicht. „Fast." Sein Blick wanderte demonstrativ zur Glasflasche auf der Arbeitsplatte. Maja folgte ihm und schnaubte leise. Das angedeutete Lächeln verschwand beinahe sofort wieder. Leo wirkte vor allem müde. Nicht dieses harmlose Ich könnte jetzt schlafen müde. Die Schatten unter seinen Augen saßen tief, sein Gesicht wirkte erschöpft, als hätte sein Körper längst beschlossen, dass dieser Tag vorbei war, während sein Kopf irgendwo noch hinterherhing. Er griff nach der schwarzen Tasche neben dem Tisch. Als er sie anhob, stieß darin etwas metallisch gegeneinander. Gleichzeitig streifte Maja ein schwacher Geruch, der an seinem Hoodie hing. Kalte Nachtluft, etwas Rauchiges und darunter dieser unverkennbare chemische Hauch von Sprühfarbe. Ihr Blick sank unwillkürlich zur Tasche. Sam hatte von Urban Art gesprochen. Murals. Auftragsarbeiten. Workshops. Leo bemerkte ihren Blick. Er sagte nichts. Keine Erklärung, keine Rechtfertigung. Er zog sich lediglich den Gurt über die Schulter und ging auf die Tür zu. Maja trat von selbst zur Seite. Als er an ihr vorbeikam, konnte sie die Tätowierung an seinem Unterarm noch einmal sehen, bevor der Ärmel des Hoodies darüber zurückrutschte. „Nacht", murmelte er. „Nacht." Mehr kam nicht. Leo verschwand im dunklen Flur. Seine Schritte entfernten sich über die alten Dielen. Wenige Sekunden später öffnete sich am anderen Ende eine Tür und fiel wieder ins Schloss. Maja blieb allein in der dunklen Küche zurück. Einen Moment lang sah sie in den leeren Flur, dann wanderte ihr Blick zu der Glasflasche auf der Arbeitsplatte. Na großartig. Keine zwölf Stunden in der neuen WG und sie hatte beinahe einen ihrer Mitbewohner damit niedergeschlagen. Sie nahm die Flasche, füllte sie am Wasserhahn auf und trank ein paar Schlucke. Langsam beruhigte sich ihr Herz wieder. Durch das Küchenfenster fiel das fahle Licht der Straßenlaternen herein und zeichnete blasse Streifen auf die alten Fliesen. Erst jetzt bemerkte sie wieder, wie kalt der Boden unter ihren nackten Füßen war. Sie ging zurück in den Flur. An ihrer Zimmertür blieb ihr Blick noch einmal am anderen Ende hängen. Leos Tür war geschlossen. Kein Licht drang darunter hervor. Also das war Leo. Groß, tätowiert, offenbar chronisch übermüdet und um drei Uhr morgens ungefähr so gesprächig wie eine Wand. Maja schob ihre Tür auf. Andererseits hatte sie ihn gerade mit einer Glasflasche begrüßt. Vielleicht stand es damit unentschieden. Sie kroch zurück unter die Decke, stellte die Flasche auf den Nachttisch und schloss die Augen. Diesmal dauerte es nicht mehr lange, bis die Gedanken in ihrem Kopf endlich leiser wurden. Und irgendwann, während draußen die letzten Autos über den nassen Asphalt rauschten, schlief Maja ein wenig an der See

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