PROLOG
Die Flamme der kleinen Kerze flackerte sanft im Wind, der durch das angelehnte Fenster strich. Draußen rauschte der Wald leise vor sich hin, irgendwo rief eine Eule in die Nacht. Ich zog die Decke meines Sohnes ein Stück höher und strich ihm eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn. Seine Augen waren bereits halb geschlossen, trotzdem kämpfte er tapfer gegen die Müdigkeit an. „Noch eine Geschichte?“, murmelte er verschlafen. Ein leises Lächeln legte sich auf meine Lippen. „Du hattest heute schon eine“. „Bitte. Nur noch eine“. Ich schmunzelte. „Und welche soll es sein?“. Er musste keine Sekunde überlegen. „Die mit den drei Brüdern“. Ich hob gespielt seufzend die Augenbrauen. „Schon wieder?“. Er nickte eifrig. „Die ist meine Liebste“. „Also gut“. Ich strich ihm sanft durchs Haar, wartete, bis er sich noch etwas tiefer in seine Decke gekuschelt hatte und begann schließlich mit ruhiger Stimme. „Es war einmal, vor langer, langer Zeit…“. „…ein Land, durchzogen von Magie“, murmelte er schläfrig mit. Ich lächelte. „Vielleicht solltest du sie mir erzählen“. Er schüttelte entschieden Kopf. Ich lachte und erzählte weiter. „Wesen aller Arten und Formen bevölkerten die endlosen Wälder, weiten Ebenen und schroffen Gebirge. Und auch die Menschen lebten im Einklang miteinander – fern von Krieg und Elend. Doch eines Tages brach ein jahrzehntelanger Winter über das Land ein und die Menschen verhungerten oder erfroren. In jener Zeit wurden drei Söhne aus drei Familien ausgesandt…“. „…um eine neue Heimat zu finden“, ergänzte er leise. „Ganz genau“. „Ohne Hab und Gut, durchquerten sie die verwüsteten Lande. Tausende Meilen legten sie zurück, bis sie schließlich fündig wurden. Ein Ort so schön, dass ihn einfache Worte niemals gerecht werden könnten. Dort begannen sie von Neuem. Die Jahre vergingen und die einfachen Hütten, waren einer goldenen Stadt gewichen. Euphoria“. Seine Mundwinkel hoben sich zufrieden. Ich fuhr fort. „Als der Zahn der Zeit an den drei Gründern nagte, beschlossen sie, Nachfolger zu bestimmen. Ein letztes Mal machten sie sich auf die Suche, doch niemand im ganzen Reich schien würdig, ihr Erbe anzutreten. Also trafen sie eine andere Entscheidung. Ihr eigenes Blut sollte Euphoria bewahren. Monde später gebaren drei Frauen drei Söhne. Die erste war von unvergleichlicher Schönheit, ihr Stammbaum reichte tief in die ältesten Wurzeln des Landes. Doch mit ihrem Kind kam auch ein Schatten – sie brachte den ersten menschlichen Vampir hervor. Die zweite war von sanftem Herzen und liebte die verwunschen Wälder und deren innen wohnende Natur so innig, wie kein Mensch je zu vor“. „Und die Dritte ist wie ich“, murmelte er schläfrig. Ein warmes Lächeln legte sich auf meine Lippen. „Ja“, bestätigte ich leise. „Sie war eine Gestaltwandlerin“. Ich strich ihm sanft durchs Haar und erzählte weiter. „Ihre Verbindung zu den Tieren des Landes war so eng verflochten, dass man sich erzählte, sie könne ihre Haut abstreifen, um gemeinsam mit ihnen die Jagd zu bestreiten. Als die drei Gründer spürten, dass ihre Zeit gekommen war, traten sie ihre letzte Reise an und starben in Frieden. Das Volk ehrte sie mit einem rauschendem Fest von drei Tagen und drei Nächten und errichtete im Herzen Euphorias ein gläsernes Schloss, in dem fortan ihre Söhne residieren sollten“. „Jetzt kommt der traurige Teil“, murmelte er kaum hörbar. Ich nickte. „Ja“. Meine Stimme wurde leiser. „Viele Jahre herrschte Frieden. Doch zwischen den Brüdern wuchs ein Zwist – geboren aus Blut und genährt von Gier. Der Erstgeborene, in dessen Adern das Blut der Nacht strömte, begehrte mehr als nur seinen Platz im gläsernen Schloss. Ihm genügte keine Teilhabe, kein Gleichgewicht. Den sein Hunger in ihm war größer als jedes Reich. Er wollte nicht herrschen…er wollte besitzen“. Ich spürte, wie die kleinen Finger meines Sohnes sich etwas fester um meine Hand schlossen. „Und je stärker sein Einfluss wuchs, desto mehr zerbrachen die Bande zwischen seinen Brüdern. Bis ihnen nur noch die Wahl zwischen Unterwerfung…oder Flucht blieb. Sie flohen. Einer zog in die verwunschenen Wälder des Ostens und verschrieb sich ganz dem Atem der Natur. Aus seiner Linie gingen die ersten Elben hervor. Der andere folgte dem Ruf der Tiere bis in die Wälder des Nordens. Dort, so heißt es, streifte er seine menschliche Gestalt ab und wurde nie wieder als solcher gesehen. Er war der erste Gestaltwandler. Der dritte blieb in Euphoria. Und mit ihm die Nachkommen des Blutes der Nacht. Seit jenem Tag ist das Land geteilt. Der Norden gehört den Tieren, der Osten den Elben, der Westen den Menschen und der Süden den Vampiren“. Ich verstummte. Neben mir blieb es still. Ich blickte hinunter. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Irgendwann zwischen den letzten Sätzen war er eingeschlafen. Ein warmes Lächeln legte sich auf meine Lippen. Behutsam strich ich ihm ein letztes Mal durchs Haar und küsste ihn auf die Stirn. „Schlaf gut, mein Mondkind“. Vorsichtig erhob ich mich, löschte die Kerze und blieb noch einen Moment an der Tür stehen. Ich hoffte, dass diese Geschichte für ihn niemals mehr sein würde als ein altes Märchen.
Ich würde in die Hölle kommen. Keine sonderliche Überraschung. Ich war kein guter Mensch. Wobei – dass waren die wenigsten. Viele taten Dinge, auf die sie nicht stolz waren. Sie stahlen, sie schlugen, sie betrugen – kleine Verfehlungen, die sie nachts wachhielten und tagsüber vergaßen. Dafür brannte man nicht ewig. Die Hölle war reserviert für Menschen wie mich. Für jene, die nicht aus Verzweiflung zuschlugen – sondern mit eiskaltem Verstand. Die wussten, wie zerbrechlich ein Leben war. Und wie leicht es sich beenden ließ.
~Für Monster.








