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Die Gilde der Diebe

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Zusammenfassung

Jasper und Gernot leben von dem, was andere verlieren: ein Diebstahl hier, eine flüchtige Beute dort. Jasper genießt die Freiheit und den Nervenkitzel. Gernot sehnt sich nach mehr – nach Schutz, nach einem Ort, an dem Diebe füreinander einstehen. Als sie von der Gilde der Diebe hören, brechen sie nach Vlakas auf, der Stadt des Magiers Nabril und seines schwarzen Kriegers Tiernan. Hier wollen sie ihn finden: einen sicheren Hafen für Menschen wie sie. Doch die Gilde ist kein Zufluchtsort, sondern ein Netz aus Regeln, Intrigen und Machtspielen. Und Vlakas vergisst nichts. Alte Schulden holen Jasper ein. Vertrauensbrüche und Verrat zerreißen, was gerade erst entstanden ist. Zwischen Loyalität und Überleben, zwischen der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und dem Preis der Freiheit müssen die beiden entscheiden, wem sie wirklich vertrauen können – und was sie bereit sind zu opfern. Denn in einer Stadt, in der Diebe und Mächtige gleichermaßen im Dunkeln operieren, wird aus dem Wunsch nach Sicherheit schnell ein Kampf ums nackte Überleben.

Status:
vor 4 Tagen
Kapitel:
6
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Auf der Flucht

Anfang April

“Glaubst du, sie folgen uns noch?” Gernot keuchte.

Jasper warf einen Blick zurück. Der Waldweg war leer, verlassen, gut einzusehen bis zu der letzten Kurve, die sie umrundet hatten. Links und rechts des Weges war das Unterholz dicht, Büsche hatten sich bis an den Pfad herangewagt.

“Ich weiß nicht.” Er packte Gernot am Arm und zog ihn weiter. “Sie sind hartnäckig.”

“Ja.” Gernot lachte verzweifelt. “Das sind sie.”

Sie liefen weiter, folgten dem Waldweg, hielten die Ohren gespitzt und lauschten: das Zwitschern der Vögel, hin und wieder ein leises Knacken aus dem Unterholz, das Keuchen ihres eigenen Atems. Es war knapp gewesen.

Kaum zwei Stunden zuvor waren sie auf eine Gruppe von Männern gestoßen, die auf einer kleinen Lichtung kampiert hatten. Ein kräftiger Mann mit reicher Robe, zwei Bewaffnete, die ihn zu seinem Schutz begleiteten. Sie hatten im Kreis gesessen, hatten geredet, hatten ihre Umgebung aus den Augen verloren. Ihre Pferde hatten sie an den Ästen eines nahestehenden Baumes angebunden, die Zügel so lang, dass die Tiere grasen konnten, während die Männer sich ausruhten.

Aus dem Unterholz heraus hatten Jasper und Gernot sie beobachtet; die Männer hatten ihre Nähe nicht bemerkt. Der Kräftige hatte mit tiefer, befehlsgewohnter Stimme gesprochen, die Bewaffneten hatten ihm aufmerksam gelauscht. Der Mann schien bedeutend zu sein, hatte gesprochen und gesprochen und nicht aufgehört. Jasper hatte ihm nicht wirklich zugehört; seine Worte hatten ihn gelangweilt.

Gernot hatte auf die Lichtung hinaustreten und um etwas Essen bitten wollen, aber Jasper hatte ihn zurückgehalten. Aus dem Unterholz heraus hatte er die Satteltaschen der Pferde gesehen, hatte auch ein paar Beutel entdeckt, die am Sattelhorn eines der Pferde verknotet waren. Geldbörsen. Der Mann schien reich zu sein.

“Siehst du das?“, fragte Jasper und wies auf den Sattel.

“Was?”

“Die Börsen.”

Gernot kniff die Augen zusammen. “Und?”

“Wir nehmen sie mit”, flüsterte Jasper und grinste.

Gernot warf einen Blick auf die beiden Bewaffneten und den Reichen und schüttelte den Kopf. “Nein.”

“Doch.”

Jasper schlich zur Seite, blieb im Unterholz, umrundete die Lichtung lautlos. Er war schmal von Gestalt, leichtfüßig, konnte sich schleichend bewegen wie kein Zweiter. Gernot folgte ihm, nicht ganz lautlos, aber immer noch geschickt. Sie erreichten den Baum, an dem die Pferde angebunden waren, ohne dass die Männer sie bemerkten.

Der Kräftige sprach immer noch, die Bewaffneten hörten immer noch zu. Jasper meinte zu erkennen, dass einem von ihnen die Augen zufielen, und grinste. Vielleicht war der Kräftige nicht so wichtig, wie er glaubte. Er zögerte kurz. Der Mann kam ihm bekannt vor; die Form des Gesichts, die breiten Schultern, die Haltung ... Er wischte den Gedanken beiseite.

Jasper stahl sich aus dem Unterholz, achtete darauf, dass die Pferde zwischen ihm und den Männern standen. Eines der Pferde hob träge den Kopf, schnaubte leise. Jasper erstarrte. Er lauschte in die Lichtung hinein, aber der Kräftige sprach weiter, unberührt, schien nichts bemerkt zu haben. Jasper warf einen Blick zurück zu Gernot, der sich so postiert hatte, dass er sowohl Jasper als auch die Männer sehen konnte, und Gernot schüttelte unmerklich den Kopf. Die Bewegung war kaum auszumachen, aber Jasper atmete auf. Niemand hatte etwas bemerkt.

Vorsichtig näherte er sich dem Pferd, das die Börsen am Sattelhorn trug, und legte dem Tier, sanft murmelnd, eine Hand auf den Hals. Das Pferd schnaubte noch einmal leise, ließ sich aber nicht beim Grasen stören. Jasper strich langsam über das Fell, spürte die Wärme des Tieres, spürte seine Entspannung. Dann nestelte er mit den Fingern an dem Band, das eine der Börsen am Sattelhorn hielt. Vorsichtig löste er den Knoten, nahm die Börse herunter, steckte sie in eine Tasche seiner leinenen Tunika. Die erste war geschafft.

Hinter sich hörte er ein leises Knacken, erstarrte wieder. Er warf einen vorsichtigen Blick zurück und sah Gernots Augen: weit aufgerissen, ängstlich. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Unterhaltung auf der Lichtung verstummt war.

“Verdammt”, flüsterte er.

Und dann war alles ganz schnell gegangen. Die Pferde waren unruhig geworden, als einer der Bewaffneten sich ihnen genähert hatte, und Jasper war ins Unterholz gestürmt. Wütende Schreie waren laut geworden, als er Gernot gepackt und mit sich fortgezogen hatte. Die Bewaffneten waren große Männer, das Unterholz war dicht, sie brachen nur mit Mühe durch. Jasper und Gernot hatten sich schnell einen Vorsprung verschafft, waren immer im dichten Unterholz geblieben, um eine Verfolgung zu erschweren, und waren gelaufen und gelaufen und gelaufen. Die wütenden Schreie waren leiser geworden, und nach einiger Zeit hatten sie sich keuchend hinter einem Baum ins Moos fallen lassen.

Als er wieder zu Atem gekommen war, hatte Gernot geschimpft und gezetert, aber Jasper hatte die Börse hervorgezogen, und sie hatten einen Blick hineingeworfen, und Gernot war verstummt. Einige Silbermünzen lagen darin. Genug für ein paar Wochen sorgenfreies Leben.

“Siehst du?” Jasper hatte gegrinst, Gernot hatte ihm missmutig gegen die Schulter geschlagen, dann aber leise und erleichtert gelacht.

Und dann hatten sie die Pferde gehört, und die Stimme des Kräftigen, der den Bewaffneten Befehle erteilt hatte, und sie hatten sich wieder im Unterholz verkrochen: Die Bestohlenen hatten die Suche noch nicht aufgegeben. Aber dann hatten die Stimmen sich wieder entfernt, und Jasper und Gernot hatten sich vorsichtig aus dem Unterholz herausgewühlt. Es war leichter gewesen, die Flucht auf dem Waldweg fortzusetzen.

Nun hetzten sie voran. Immer wieder hörten sie in der Ferne den Kräftigen und die beiden Bewaffneten, mal näher, mal weiter entfernt, und langsam beschlich Jasper das Gefühl, dass sie den Falschen bestohlen hatten. Selten war er jemandem begegnet, der sich einen kleinen Diebstahl so zu Herzen nahm.

Gernot stockte.

“Was?” Jasper bremste überrascht.

Gernot hob den Finger, lauschte angestrengt. Jasper lauschte ebenfalls. Stille. Die Vögel waren verstummt. Und dann ... das Trommeln von Hufen auf dem Waldboden.

“Schnell!”

Jasper packte Gernot und zog ihn zurück ins Unterholz. Gerade rechtzeitig, um ihren Verfolgern zu entgehen, die donnernd an ihnen vorübergaloppierten. Im Vorbeireiten sahen sie das Gesicht des Kräftigen; es war rot vor Zorn.

“Was für ein Kerl”, flüsterte Gernot, als die Reiter vorüber waren.

“Der muss noch viel über das Bestohlenwerden lernen”, murmelte Jasper.

Gernot starrte ihn mit großen Augen an, dann kicherte er nervös.

“Wie kann man so lange suchen?” Jasper schüttelte den Kopf. “Irgendwann reicht es.”

Gernot kicherte immer noch, obwohl er bleich war und zitterte. “Mir sowieso”, keuchte er leise und hielt sich vor Lachen den Bauch.

Auch Jasper grinste; sie waren ihren Verfolgern entgangen. Sie mussten die Augen offenhalten und durften sich in den nächsten Stunden keine Unaufmerksamkeiten erlauben, aber dann war die Sache ausgestanden. Irgendwann verloren die Bestohlenen immer das Interesse: Es war den Aufwand nicht wert.

Sie setzten ihren Weg vorsichtig fort, immer auf der Hut, immer bereit, sich wieder in die Büsche zu schlagen. Aber zwei oder drei Stunden verstrichen, ohne dass sie ihren Verfolgern noch einmal begegneten, und nach und nach entspannten sie sich. Am späten Nachmittag traten sie schließlich aus dem Wald heraus und sahen weite, grüne Felder vor sich; der Weizen würde bald schießen. Hinter den Feldern lag ein Dorf.

Jasper kniff die Augen zusammen und suchte zwischen den Häusern nach einem Wirtshaus. “Vielleicht finden wir dort eine Unterkunft.”

Gernot war unsicher, wollte lieber im Freien übernachten, aber Jasper klopfte auf die Börse, die sie den Männern gestohlen hatten. “Wir können es uns leisten, mein Freund.”

Sie passierten einige kleinere Höfe, dann erreichten sie den Dorfrand, und nicht weit vor ihnen lagen der Dorfplatz und ein Wirtshaus: Zum Schwarzen Bären. Gernot zögerte noch immer, aber Jasper packte ihn am Ärmel und zog ihn mit sich. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und sie folgten dem Lichtschein, der durch die Fenster der Herberge fiel. Jasper öffnete die Tür und sie betraten den Schankraum.

Der Schwarze Bär war gut besucht, beinahe alle Tische waren besetzt, nur zwei kleine Tische im hinteren Bereich waren noch frei.

“Setz dich”, sagte Jasper und schickte Gernot vor. “Ich kümmere mich um ein Zimmer.”

Gernot folgte der Anweisung und durchquerte den Raum, war sich offensichtlich der Blicke bewusst, die ihm folgten. Die Gäste unterbrachen ihre Unterhaltungen nicht, lärmten und aßen und tranken, betrachteten die Neuankömmlinge mit der gelangweilten Neugierde jener, die an einer vielbefahrenen Straße lebten und die Ankunft Fremder gewohnt waren.

Jasper trat an den Tresen, und der Wirt, ein großer Mann mit dickem Bauch und gerötetem Gesicht, begrüßte ihn freundlich.

“Womit kann ich dienen, junger Herr?”

“Zwei Bier für meinen Begleiter und mich.” Er griff in die Tunika und zog eine Silbermünze aus der Börse. “Etwas zu essen. Und ein Zimmer für die Nacht.”

Der Wirt nahm die Münze entgegen, prüfte sie mit den Zähnen und nickte. “Gemeinschaftsraum? Oder eigene Kammer?”

“Eine eigene Kammer.” Jasper grinste fröhlich. “Wir hatten einen langen Tag und brauchen Ruhe.”

Der Wirt nickte. “So soll es sein, junger Herr. Setzt euch zu eurem Begleiter. Das Mädchen bringt euch das Bier und etwas zu essen und macht dann die Kammer für euch bereit. Reist ihr zu Pferd?”

“Nein.” Jasper schüttelte den Kopf. “Zu Fuß.”

“Wohin des Wegs?”

Jasper wusste, dass der Mann ihm auf den Zahn fühlte. “Nach Norden. Verwandte besuchen.”

“Hier in der Gegend?”

“Nein.” Jasper schüttelte den Kopf. “Weiter nördlich. Vier oder fünf Tage noch.”

Der Wirt nickte, rief eine Magd zu sich heran, während er daran ging das Bier zu zapfen. Jasper tippte, als Zeichen des Danks, mit dem Finger an seine Schläfe und durchquerte den Schrankraum. Er setzte sich zu Gernot, der sich noch immer nervös umblickte. Hatte er den Wirt mit seiner Geschichte überzeugt? Er wusste es nicht, aber es war ihm gleichgültig. Wirte waren es gewohnt, dass man ihnen Unwahrheiten erzählte. Solange man die Zeche zahlte und nicht randalierte, war man willkommen.

“Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist”, flüsterte Gernot, als Jasper sich setzte.

Jasper sah sich um, aber niemand schien ihnen zuzuhören, also zuckte er mit den Schultern. “Wenigstens ist es warm, wir bekommen Bier und etwas zu essen und haben ein Bett für die Nacht.”

“Und wenn sie uns hier suchen?”

“Wir sind Gäste wie alle anderen”, antwortete Jasper. “Niemand wird einen Verdacht schöpfen.”

Gernot nickte, schien aber nicht überzeugt. Dann kam das Mädchen und brachte ihnen ihre Humpen und zwei hölzerne Schüsseln mit einem dicken Eintopf und einem Stück Fleisch, dazu ein Brot und ein Stück Käse. Jasper und Gernot bedankten sich und fielen ausgehungert über das Essen her. Zwischendurch prosteten sie sich mit ihren Humpen zu, und als die ersten geleert waren, ließen sie sich neue bringen und tranken weiter. Gernot war beinahe bereit, sich zu entspannen, als die Tür aufgestoßen wurde und der Kräftige in Begleitung eines seiner Bewaffneten den Schankraum betrat.

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Überzeugende Handlung

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Toller Charakter

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Starker Dialog

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Starker Dialog

1 vorherigen Kommentar anzeigen...
author

Toller Einstieg in die Geschichte. Ich bin gespannt, ob die Verfolger die beiden erkennen. Haben sie Jasper und Gernot im Wald überhaupt richtig gesehen 🤔

19 Tage
5
author

Ich kann mich den beiden nur anschließen: Der Einstieg ist klasse. Dein Schreibstil mega flüssig und lässt sich super weglesen 💪
Zu welcher Zeit spielt das ungefähr? Also wegen der Tuniken 🤔 Und wie als sind die beiden? Ich würde sie jetzt auf anfang zwanzig schätzen? Vielleicht sogar jünger.
Ich bin übrigens auch gespannt, ob die beiden wirklich erkannt wurden. Wenn Gernot jetzt nicht in Panik ausbricht hat Jasper recht: Sie sind einfach Kunden wie andere auch. Und bestimmt nicht die einzigen schmächtigen dort. Die Frage ist trotzdem: Könnte sie etwas verraten? Z.b. Ornamente auf dem Beutel? 🤔

19 Tage
5
author

Ich mag die beiden jetzt schon. Mit so wenigen Worten, Matthias, entführst du uns bereits in eine faszinierende Fantasiewelt. Ich vermute, dass die Silbermünze sie vielleicht verraten wird. Nur so ein Gefühl. 😉

5 Tage
2

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