Das Geheimversteck
So eine Scheiße … Was soll ich denn jetzt bloß machen?
Gedankenversunken saß der braunhaarige Charles an einem großen Baum nahe der Hoftreppe. Die Beine hatte er von sich gestreckt. Eine Hand lag schwer auf der schwarzen Jeanshose, während der von Tränen durchnässte Kragen des weißen T-Shirts unangenehm an seiner Haut klebte. Wie in Trance strich Charles mit zwei Fingern über das Pflaster an seiner Wange und starrte dabei ins Leere.
Seit zwei Wochen bin ich schon in diesem verdammten Waisenhaus. Alle sagen, ich hätte die Kontrolle verloren und meine Eltern getötet. Dabei kann ich mich nicht mal erinnern.
Doch die Geschichte seiner Verwandten ergab einfach viel zu viel Sinn. Charles wusste, dass ein Kontrollverlust bei Kindern keine Seltenheit war. Besonders dann, wenn ihre magischen Kräfte frisch erwacht waren, so wie bei ihm.
Selbst die Erzieher hier nennen mich nur ‚das Kind der Tragödie‘. Ich schätze, für die bin ich ebenfalls nur irgendein Monster, das sie jetzt an der Backe haben, weil mich niemand anderes will.
Sein Blick verschwamm erneut. „Warum …? Warum bin ich nicht auch in diesem Feuer gestorben?“, wimmerte er.
Aus heiterem Himmel tauchte ein Schatten über ihm auf. Charles schreckte hoch und stieß sich dabei den Hinterkopf am Baum. Er kniff ein Auge zu, rieb sich die schmerzende Stelle und schaute allmählich nach oben.
„Oh, tut mir leid! Hab ich dich erschreckt?“
Ein dürrer, weißhaariger Junge in rotem T-Shirt, brauner Hose und kurzärmeliger Lederjacke war vor ihm erschienen. Die Hände hatte er in die Hüften gestemmt. Seine roten Augen schienen förmlich zu leuchten. Breit grinsend streckte er Charles die Hand entgegen. „Ich bin Valentin. Valentin Dolor. Und wie heißt du?“
Nachdem sich Charles gerade hingesetzt hatte, betrachtete er Valentin skeptisch.
Von sowas wie Taktgefühl hat der wohl noch nie gehört. Dazu kommen die ganzen Verbände an den Armen … Scheint, als wäre er generell ziemlich ungeschickt.
Er wischte sich die Tränen weg. „Hör mal, ich wäre wirklich gerne allein.“
Valentin senkte seinen Arm und setzte sich neben ihn. „Boah, ich erinnere mich noch an meinen ersten Tag hier. Mir ging es echt beschissen. Wenn man aber bedenkt, dass du die ersten beiden Wochen gleich auf der Krankenstation verbracht hast, war dein Einstieg wohl viel härter als meiner vor zwei Jahren.“
Bei diesen Worten berührte Charles den Verband an seinem Handgelenk.
So schnell wird mich kein Erzieher mehr in die Nähe von scharfen Gegenständen lassen.
„Mein Name ist Charles. Kannst du jetzt bitte gehen?“
„Ach komm schon! Ich versuche nur, dich aufzumuntern. Ich habe selbst eine schwere Zeit hinter mir, weißt du? Hey, ich kenne da einen supertollen Geheimort. Wie wäre es, wenn ich ihn dir zeige?“
Charles schwieg.
„Jetzt hab dich doch nicht so! Das wird Spaß machen“, sagte Valentin und ergriff seine Hand.
Mit einem Ruck half er Charles auf die Beine und zerrte ihn über den Hof. Zögerlich musterte dieser seine Umgebung. Das gesamte Grundstück lag offenbar auf einer weitläufigen Grünfläche, die von einer hohen weißen Mauer begrenzt wurde. Im hinteren Teil des Hofes schloss sie einen Teil des angrenzenden Waldes ein, in dem mehrere Kinder gerade Verstecken spielten. Zu seiner Rechten bemerkte Charles, wie sie an einem beschaulichen Spielplatz vorbeikamen, der inmitten eines großen Sandkastens erbaut worden war. Dort gab es lange Rutschen, Klettergerüste, mehrere Schaukeln und sogar ein Karussell. Zahlreiche Kinder tummelten sich hier. Manche schienen im selben Alter zu sein wie Charles, während andere deutlich jünger aussahen. Bis eben hatte er kaum einen Gedanken daran verschwendet, doch nun regte sich seine Neugier.
„Valentin?“
„Was ist, Kumpel?“, fragte Valentin und blickte lächelnd über seine Schulter zu ihm.
Eine von Charles’ Augenbrauen hob sich und er löste seine Hand aus Valentins Griff.
Wir sind also schon befreundet? Na, das ging ja schnell …
„Wie alt bist du?“
„Ich bin zwölf und du?“
Was für ein Zufall.
„Scheint, als wären wir gleich alt. Und was ist mit den anderen? Wie viele Kinder sind wir eigentlich?“
Valentin hielt seinen Handrücken nach oben und spreizte alle fünf Finger. „Wir sind hier ungefähr fünfzig Kinder, von vier bis sechzehn. Bis vor kurzem war zwar noch ein Achtzehnjähriger da, aber sowas ist eher die Ausnahme. Die meisten hauen ab, sobald sie eine Ausbildung gefunden haben.“
Eventuell sollte das jetzt auch mein Ziel werden.
„Im Endeffekt halten einen die Mauern oder die Erzieher nicht wirklich auf. Wir sind ungewollte Kinder, sofern wir nicht den Luxus haben, adoptiert zu werden. Man könnte jederzeit verschwinden und kaum jemand würde Fragen stellen. Die Mauern sind auch nur wichtig, damit die Kleinen nicht verloren gehen.“
Es dauerte nicht lange, bis sie am Ende des Hofes ankamen und Charles an der weiß gestrichenen Mauer hinaufschaute. Aus nächster Nähe konnte er die Kritzeleien erkennen, die einige der Kinder hinterlassen hatten.
Fast schon künstlerisch wertvoll.
Valentin kniete sich vor ihm hin und streckte die Hände aus. Die Finger hatte er ineinander verschränkt. Kaum hatte Charles seinen Fuß hineingestellt, half ihm Valentin nach oben, sodass er den Rand der Mauer ergreifen konnte. Charles hievte sich hinauf und streckte Valentin die Hand entgegen. Dieser nahm Anlauf und erreichte sie mit einem Sprung. Wenige Sekunden später hatten es die beiden auf die breite Mauer geschafft. Staunend betrachtete Charles den Wald, der sich schier endlos vor ihm erstreckte. Das Waisenhaus wirkte beinahe wie ein weißer Edelstein, der inmitten eines grünen Meeres aus Bäumen eingelassen worden war.
„Von hier aus sollte es ungefähr zehn Minuten Fußweg sein. Ich weiß, ich spanne dich etwas auf die Folter, aber vertrau mir: Das, was ich dir zeige, wird dich umhauen!“
Seine Skepsis wollte ihn zwar immer noch nicht ganz verlassen, doch wenigstens kreisten Charles’ Gedanken mal um etwas anderes.
Dann kann ich mit ihm jetzt auch den Rest des Weges zu diesem ‚supertollen Geheimort‘ gehen.
Langsam machten sich die zwei an den Abstieg.
Unten angekommen wandte sich Valentin an Charles: „Sag mal, sind deine Magiekräfte eigentlich schon erwacht?“
Als er das hörte, musste Charles schlucken. Er hatte keine Ahnung, was er darauf antworten sollte. Seine magischen Kräfte waren äußerst gefährlich. Mit großer Wahrscheinlichkeit waren sie sogar der Auslöser des Feuers, das in seinem Zuhause ausbrach. Das Letzte, woran er sich erinnern konnte, war, dass er im Vorgarten erwachte und mit ansehen musste, wie sein Haus von Flammen verschlungen wurde. Bei dem Versuch, hineinzurennen und seinen Eltern zu helfen, verbrannte er sich an der Wange.
Dieses alles verschlingende Feuer, das den Menschen, die er am meisten auf der Welt liebte, keinen Ausweg ließ, lähmte ihn. Die bald darauf folgenden Todesschreie, der Gestank von verbranntem Fleisch und die Hoffnung, dass dies alles nur ein schlimmer Albtraum war, brannten sich in sein Gedächtnis. Wenn er die Augen schloss, wiederholte sich dieser Moment, und sobald er sie öffnete, wurde ihm klar, dass von seiner Welt nichts als Asche zurückgeblieben war. Asche und dem Wissen, dass er seine Eltern nicht retten konnte.
Plötzlich fasste ihn jemand an die Schulter.
„Alles okay, Kumpel? Hör mal, tut mir leid! Ich wollte dich nicht verärgern. Du … du zitterst ja richtig.“
Nun merkte auch Charles, dass sein ganzer Körper regelrecht bebte. Er zwang sich, tief durchzuatmen, und klatschte sich mehrmals mit den Handflächen auf die Wangen.
„Lass uns einfach weitergehen. Wie weit ist es noch?“
„Oh, ähm … ja. Natürlich, Kumpel! Keine Sorge, es sind nur noch ein paar Minuten.“
Valentin ging voraus, drehte sich aber nach einer kurzen Weile mit einem besorgten Blick zu Charles um. „Sag mal, liest du gerne Bücher?“
Der Themenwechsel kam Charles gerade recht. „Ja, könnte man so sagen. Ich mag Abenteuerromane. Du weißt schon. Diese Geschichten über Helden, die tief in einen Dungeon reisen, diesen erkunden, Schätze finden, Monster bekämpfen und Geheimnisse lüften.“
Das ist auch einer der Gründe, warum ich diesen geheimen Ort überhaupt sehen will.
„Und du?“
„Ich mag Liebesromane“, antwortete Valentin.
Beinahe schlich sich ein leichtes Schmunzeln auf Charles’ Lippen.
Passt irgendwie zu seinem Namen.
„Liebe ist etwas Besonderes. Dank ihr können wir auf völlig fremde Leute zugehen, egal, wer sie sind oder woher sie kommen. Wenn zwei Menschen dieses Gefühl teilen, verstehen sie sich auf eine Art, die sonst kaum möglich wäre. Ist das nicht wunderschön?“
„Also ist Liebe für dich das Wichtigste, weil sie die Menschen miteinander verbindet?“
Daraufhin schüttelte Valentin den Kopf. „Nein, es gibt noch ein anderes Gefühl, welches die Menschen viel enger miteinander verbindet.“
„Und das wäre?“
Auf einmal blieb Valentin stehen, verharrte eine Weile und drehte sich dann zu ihm. In seinem Gesicht spiegelten sich eine unheimliche Traurigkeit und zugleich eine tiefe Entschlossenheit wider.
„Was uns am stärksten verbindet, sind unsere dunkelsten Momente. Es ist der Schmerz, Charles.“
Diese Worte ließen Charles kurz innehalten.
Vielleicht habe ich ihn falsch eingeschätzt. Er ist zwar etwas seltsam, aber scheint ein gutes Herz zu haben.
Wenig später erreichten die Jungen den Rand einer Lichtung, auf der eine gut erhaltene, wenn auch eher zweckmäßig gebaute Holzhütte stand.
„Da wären wir. Habe ich dir zu viel versprochen? Ein echtes Geheimversteck, mitten im Wald. Ein neuer Dungeon zum Erkunden für den Helden Charles.“
Gemeinsam betraten sie die Hütte. Anders, als ihr schlichtes Äußeres vermuten ließ, war diese erstaunlich gut eingerichtet. Hinter dem Eingangsbereich mit der Garderobe entdeckte Charles auf der linken Seite des Raumes einen erloschenen Kamin. Davor lud ein gemütlich wirkendes Sofa zum Verweilen ein. Direkt daneben stand ein Tisch mit sechs Stühlen, auf dem mehrere Karten ausgebreitet waren. Weiter hinten befand sich offenbar das Badezimmer, wenn man dem Schild an der Tür Glauben schenken durfte, und links davon führte ein weit geöffneter Durchgang in die Küche. Auf der rechten Seite der Hütte stach eine schicke Bar mit mehreren Hockern, Tresen und derzeit leeren Getränkeregalen hervor. Nicht weit davon entfernt führte eine Treppe ins Obergeschoss, dessen Geländer ein pompöser Balkon zierte.
Gerade als Charles sich auf den Weg zur Treppe machen wollte, erklang die Stimme eines Mädchens: „Ich heiße euch herzlich willkommen in meinem Königreich. Die Zaubershow der unglaublichen Maya wird in wenigen Minuten beginnen. Macht es euch bequem und lasst euch von mir einen Einblick in die wundervolle Welt der Magie geben.“
Eilig sah Charles nach oben. Das eben noch leere Balkongeländer war wie aus dem Nichts von einem langhaarigen, blonden Mädchen mit großem, grauem Zauberhut, schwarzem Rollkragenpullover und Rock in derselben Farbe besetzt worden. Ihre violetten Augen und das charmante Lächeln wirkten seltsam faszinierend. Sie stützte einen Ellenbogen auf das Knie ihres überschlagenen Beins und ließ das Kinn elegant auf dem Handrücken ruhen. In der anderen Hand hielt sie derweil einen Zauberstab bereit.
„Ich wünsche euch viel Spaß“, sagte sie und richtete ihren Stab auf Charles.
„Besonders dir, Charles Libertus François.“









Spannender Einstieg, gut geschrieben. Aber in die Welt muss ich mich erst einmal einlesen.