Kapitel 1
Das Haus am schwarzen Wald
Als Elisabeth zum ersten Mal das Haus sah, regnete es.
Nicht jener leichte Regen, der die Dächer glänzen lässt und nach wenigen Minuten wieder verschwindet, sondern ein schwerer, kalter Regen, der den Himmel verdunkelte und die Welt aussehen ließ, als hätte jemand sämtliche Farben aus ihr herausgewaschen.
Der Wagen kämpfte sich langsam den schmalen Weg hinauf.
Zu beiden Seiten erhoben sich schwarze Tannen. Ihre Äste bewegten sich im Wind wie lange, dünne Finger, und wenn der Nebel zwischen den Stämmen dichter wurde, konnte Elisabeth für einen Augenblick nicht mehr erkennen, wo der Wald endete und der Himmel begann.
Sie zog ihren Mantel enger um die Schultern.
„Wie weit noch?“, fragte sie.
Der Kutscher antwortete nicht sofort.
Er war ein schweigsamer Mann, der während der gesamten Fahrt kaum ein Wort gesprochen hatte. Schließlich hob er die Augen zum Rückspiegel.
„Nicht mehr weit, gnädiges Fräulein.“
Elisabeth bemerkte, dass er dabei nicht sie ansah.
Er blickte an ihr vorbei.
Zum Wald.
Sie folgte seinem Blick.
Nichts.
Nur Bäume.
Und Nebel.
Sie wandte sich wieder dem Fenster zu.
Seit dem Tod ihrer Mutter waren sechs Wochen vergangen.
Sechs Wochen, in denen Elisabeth gelernt hatte, wie laut ein leeres Haus sein konnte.
Ihre Mutter hatte ihr nie von diesem Ort erzählt.
Nie von dem Anwesen.
Nie von der Familie ihres Vaters.
Und doch hatte man Elisabeth nach der Beerdigung einen Brief überreicht, der nur aus wenigen Zeilen bestand.
Meine liebe Elisabeth,
wenn du dies liest, bin ich nicht mehr bei dir.
Es gibt Dinge, über die ich niemals sprechen konnte. Nicht, weil ich dir nicht vertraute, sondern weil ich dich vor ihnen schützen wollte.
Nun liegt es an dir, zu entscheiden, ob du die Wahrheit kennenlernen möchtest.
Das Haus am schwarzen Wald gehört dir.
Geh dorthin.
Aber glaube nicht allem, was du dort siehst.
Darunter stand nur der Name ihrer Mutter.
Elisabeth hatte den Brief hundertmal gelesen.
Und jedes Mal hatte sie sich gefragt, warum ihre Mutter ausgerechnet in ihren letzten Tagen beschlossen hatte, ihr ein Haus zu hinterlassen, von dessen Existenz sie nie erfahren hatte.
Der Wagen hielt.
Elisabeth hob den Kopf.
Vor ihr stand eine eiserne Pforte.
Hinter ihr lag ein langer, verwilderter Garten.
Und dahinter—
das Haus.
Es war größer, als sie erwartet hatte.
Drei Stockwerke aus dunklem Stein, hohe Fenster, deren Scheiben vom Regen schwarz glänzten, und ein Dach, das von zwei schmalen Türmen eingerahmt wurde.
An der Fassade rankten sich tote Rosen empor.
Ihre Zweige waren so dicht miteinander verflochten, dass sie beinahe wie Adern aussahen.
Elisabeth stieg aus.
Der Regen traf sofort ihr Gesicht.
Sie blieb stehen.
Etwas in ihr wollte umkehren.
Nicht aus Angst.
Zumindest sagte sie sich das.
Es war eher das Gefühl, dass sie hier nicht willkommen war.
Als hätte das Haus sie erkannt.
Als hätte es auf sie gewartet.
Der Kutscher stellte ihren Koffer neben die Treppe.
„Soll ich Ihnen helfen, gnädiges Fräulein?“
Elisabeth sah zur Haustür.
„Nein.“
Sie nahm ihren Koffer selbst.
Der Mann zögerte.
„Wenn Sie mich fragen dürfen …“
„Ja?“
Er sah noch einmal zum Wald.
„Wenn Sie nachts jemanden hören, der Ihren Namen ruft, öffnen Sie die Tür nicht.“
Elisabeth lächelte schwach.
„Warum sollte jemand meinen Namen rufen?“
Der Kutscher antwortete nicht.
Er stieg wieder auf den Wagen.
„Warten Sie.“
Er hielt inne.
„Was wissen Sie über dieses Haus?“
Der Mann sah sie an.
Für einen Moment glaubte Elisabeth, er würde ihr antworten.
Doch schließlich schüttelte er nur den Kopf.
„Genug, um dort nicht zu schlafen.“
Dann fuhr er davon.
Elisabeth blieb allein zurück.
Der Regen wurde stärker.
Sie sah dem Wagen nach, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war.
Erst dann bemerkte sie, dass die Haustür offenstand.
Sie war sicher gewesen, dass sie geschlossen gewesen war.
Langsam ging sie die Stufen hinauf.
Die Tür bewegte sich im Wind.
Knarrend.
Einladend.
Oder warnend.
Elisabeth legte die Hand auf das kalte Holz.
Und trat ein.
Im Inneren roch das Haus nach Staub, altem Holz und etwas anderem.
Etwas Süßem.
Rosen.
Sie zog ihren Mantel aus und legte ihn über den Arm.
„Hallo?“
Ihre Stimme verlor sich in der Eingangshalle.
Keine Antwort.
Nur das leise Ticken einer alten Uhr.
An den Wänden hingen Gemälde.
Männer.
Frauen.
Kinder.
Alle in dunklen Kleidern.
Alle mit demselben ernsten Blick.
Elisabeth ging langsam an ihnen vorbei.
Dann blieb sie stehen.
Ein Gemälde zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.
Eine junge Frau stand darauf vor einem schwarzen Vorhang.
Sie trug ein dunkelrotes Kleid.
Ihr Haar war lang und beinahe schwarz.
Ihre Haut ungewöhnlich blass.
Aber es waren nicht ihre Kleider, die Elisabeth erschreckten.
Es waren ihre Augen.
Elisabeth trat näher.
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Die Frau auf dem Bild sah ihr ähnlich.
Nicht ein wenig.
Nicht zufällig.
Sie sah aus wie Elisabeth.
Dieselbe schmale Nase.
Dieselben Lippen.
Dieselben dunklen Augen.
Sogar die kleine Narbe über der linken Augenbraue war dort.
Elisabeth hob unbewusst die Hand zu ihrer eigenen Stirn.
„Das ist unmöglich.“
Hinter ihr knackte eine Diele.
Sie fuhr herum.
Niemand.
Die Halle war leer.
Doch als sie sich wieder dem Gemälde zuwandte, hatte sie plötzlich das seltsame Gefühl, dass die Frau auf dem Bild lächelte.
Nur ganz leicht.
Elisabeth wich zurück.
„Nein.“
Sie schloss die Augen.
Atmete tief ein.
Als sie sie wieder öffnete, war das Gesicht unverändert.
Natürlich.
Sie war müde.
Trauer, Reise, Regen.
Alles zusammen.
Sie nahm ihren Koffer und ging weiter.
Ihr Zimmer lag im zweiten Stock.
Es war größer als die gesamte Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter gelebt hatte.
Ein großes Bett mit einem dunklen Baldachin stand vor einem Fenster.
Auf dem Tisch brannten bereits zwei Kerzen.
Elisabeth blieb stehen.
Sie hatte niemanden gesehen.
„Vielleicht gibt es Bedienstete“, murmelte sie.
Doch sie wusste, dass das nicht stimmte.
Der Notar hatte ihr erklärt, dass das Haus seit Jahren unbewohnt war.
Sie trat ans Fenster.
Der Garten lag unter dem Regen.
Die Bäume bewegten sich.
Und irgendwo weit hinten, am Rand des Waldes, glaubte sie eine Gestalt zu sehen.
Ein Mann.
Elisabeth hielt den Atem an.
Er stand zwischen den Bäumen.
Ganz still.
Schwarz gekleidet.
Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen.
Doch sie wusste plötzlich, dass er sie ansah.
Ihre Finger schlossen sich um den Vorhang.
„Wer sind Sie?“
Die Gestalt bewegte sich nicht.
Ein Blitz erhellte den Himmel.
Für einen Sekundenbruchteil war der Wald taghell.
Der Mann war verschwunden.
Elisabeth riss den Vorhang zu.
Ihr Herz schlug heftig.
Sie ging rückwärts zum Bett.
„Nur Einbildung.“
Sie sagte es laut.
Als könnte sie sich selbst dadurch überzeugen.
Dann fiel etwas auf den Boden.
Ein leises Geräusch.
Elisabeth sah hinunter.
Ein Umschlag lag neben ihrem Koffer.
Alt.
Vergilbt.
Mit ihrem Namen darauf.
Elisabeth.
Nicht „Fräulein Elisabeth“.
Nicht ihr Familienname.
Nur Elisabeth.
Sie hob den Umschlag auf.
Ihre Hände zitterten.
Das Siegel war bereits gebrochen.
Sie öffnete ihn.
Darin lag ein einzelnes Blatt.
Die Schrift war fein und elegant.
Und sie erkannte sie sofort.
Es war dieselbe Handschrift wie in dem Brief ihrer Mutter.
Doch dieser Brief war offensichtlich viel älter.
Jahrzehnte älter.
Vielleicht ein Jahrhundert.
Elisabeth begann zu lesen.
Wenn du dieses Haus betreten hast, ist es wieder geschehen.
Du bist zurückgekehrt.
Und wenn du ihn siehst, wirst du dich an nichts erinnern.
Das ist der grausamste Teil.
Elisabeth schluckte.
Ihre Augen wanderten weiter.
Aber er wird sich erinnern.
Darunter stand ein Name.
Adrian von Falken.
Elisabeth las ihn noch einmal.
Dann noch einmal.
Ein Windstoß ließ die Fenster klappern.
Die Kerzen flackerten.
Und aus der Ferne—
vom Rand des schwarzen Waldes—
kam eine Männerstimme.
Leise.
Fast zärtlich.
„Elisabeth.“
Sie erstarrte.
Die Stimme kam wieder.
Nähe.
Viel näher.
„Elisabeth.“
Sie drehte sich langsam zur Tür.
Niemand.
Doch unter der Tür erschien ein Schatten.
Jemand stand auf der anderen Seite.
Elisabeth konnte nicht atmen.
Der Schatten bewegte sich nicht.
Dann hörte sie eine tiefe Stimme.
„Du hättest nicht zurückkommen dürfen.“
Und obwohl Elisabeth diesen Mann noch nie zuvor gesehen hatte, wusste etwas Tiefes und Unerklärliches in ihr bereits, wer er war.
Adrian.








