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Witchbook - Die Schatten von Damnara

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Zusammenfassung

Nach der Feuerprobe beginnt der eigentliche Krieg um Damnara. Webstor hat Lilitas Klinge nur knapp überlebt. Während Salya an seinem Bett wacht, fällt endlich die Mauer zwischen ihnen – doch für Ruhe bleibt keine Zeit. In Thornspire bereitet die Große Mutter bereits den nächsten Schlag vor. Mirnas Rückkehr wird zum Köder, und Lilita erhält einen einzigen Auftrag: Salya muss sterben. Doch auch hinter den Mauern des Feindes geraten Loyalitäten ins Wanken. Anselm lebt weiter unter der Identität Anselma und wird immer tiefer in Lilitas Welt gezogen. Zwischen Liebe, Verrat und einem gefährlichen Seelenschwur verschwimmen die Grenzen zwischen Freund und Feind – und Lilitas Vergangenheit offenbart, dass selbst der grausamste Schatten einmal ein Mensch war. Als eine geheimnisvolle Fremde Ashbridge zu einer vergessenen Mine führt und eine alte Spur schließlich bis zu einer abgeschiedenen Insel reicht, stößt die Gemeinschaft auf Geheimnisse, die weit älter sind als ihr eigener Kampf. Denn Damnara birgt nicht nur Feinde. Es birgt Wahrheiten, die alles verändern können.

Genre:
Fantasy
Autor:
Sascha
Status:
vor 5 Tagen
Kapitel:
2
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Kapitel VIII – Das Geheimnis unter dem Herzen - 8.1 Das Erwachen

BUCH II – Die Schatten von Damnara

Zitat:

„Die Narben auf ihrer Haut waren Runen des Überlebens.

Das Feuer, das in ihr brannte, es konnte nicht gelöscht werden.“

– Liederzyklus der gefallenen Kriegerinnen, Vers 47

Kapitel VIII – Das Geheimnis unter dem Herzen

8.1 Das Erwachen

Die Tage verloren ihre Konturen. Morgens wurden die Verbände gewechselt, abends die Lampen entzündet, und dazwischen lauschte Salya auf jeden Laut aus dem Bett. Manchmal bewegten sich Webstors Lippen, doch die Worte fanden keinen Weg zu ihr. Dann wieder lag er so still, dass sie sich vorbeugen musste, um seinen Atem an ihrer Wange zu spüren.

Der Collector kam regelmäßig. Er prüfte die Wunde, fühlte Webstors Puls und hinterließ Anweisungen, an die Salya sich mit einer Genauigkeit hielt, die sonst nur ihre Waffen erfuhren. Sarena brachte frisches Wasser und löste sie ab, wenn die Müdigkeit ihre Hände unsicher werden ließ. Weit ging Salya auch dann nicht. Seit jenem Gespräch am Krankenbett wusste sie, was sie ihm sagen wollte. Nun musste er nur noch die Augen öffnen.

Sie benetzte seine trockenen Lippen, strich ihm das Haar aus der Stirn und blieb bei ihm, wenn der Schmerz ihn unruhig werden ließ. In einer dieser Nächte nahm sie seine Hand zwischen ihre Hände und legte ihre Stirn an seine.

Webstor spürte die Berührung wie etwas, das ihn aus großer Ferne erreichte. Eine Wärme blieb auf seiner Haut zurück. Er wollte sich ihr zuwenden, doch das Bett unter ihm war bereits verschwunden.

Unter seinen Füßen lag Gras.

Er stand im Garten von Keilwen. Zwischen den Beeten verlief der schmale Weg, dessen Steine er nach jedem Winter wieder hatte richten müssen. Thymian wuchs über die Einfassung, und von der Klostermauer hing ein Brombeerzweig herab. Die alte Eiche breitete ihre Krone über ihm aus. Durch ihre Blätter fiel ein mildes Licht, obwohl er am Himmel keine Sonne erkennen konnte.

Er kannte diesen Ort bis in die kleinste Unebenheit. Dennoch fehlte etwas. Kein Ruf aus der Küche, kein Klappern von Eimern am Brunnen. Selbst die Glocke schwieg.

Dann hörte er Pfoten im Gras.

Pepi kam unter der Eiche hervor. Ein bläulicher Schimmer lag über ihrem Fell, kaum mehr als das Licht eines frühen Morgens. Sie blieb vor ihm stehen und hob den Kopf.

Webstor sank auf die Knie.

„Pepi.“

Mehr brachte er nicht heraus. Seine Hände fanden ihr Fell, und sie drückte sich mit jener vertrauten Selbstverständlichkeit an ihn, die ihn früher selbst nach den schlimmsten Tagen im Kloster hatte lächeln lassen. Er schloss sie in die Arme. Wie oft hatte er versucht, sich an dieses Gefühl zu erinnern, bis die Erinnerung selbst wehzutun begonnen hatte.

„Da bist du ja“, sagte sie.

Er lachte leise, ohne sie loszulassen. „Das wollte ich gerade sagen.“

Eine Weile blieb er so bei ihr. Hier schmerzte seine Brust nicht. Er konnte tief atmen, konnte die Arme bewegen, ohne dass etwas in seinem Körper dagegen ankämpfte. Erst als ihm das auffiel, löste er sich ein wenig von ihr.

„Bin ich tot?“

„Nein, alter Freund.“ Pepi sah ihn ruhig an. „Aber du bist nahe genug gekommen, um mich zu hören.“

Seine Finger ruhten noch immer an ihrem Hals. „Dann kann ich dich mit zurücknehmen.“

In ihrem Blick lag eine Zärtlichkeit, die seine Hoffnung vorsichtig werden ließ.

„Ich kann dich nur noch hier erreichen.“

Er wartete, doch sie sagte zunächst nichts weiter. Zwischen den Blättern über ihnen veränderte sich das Licht, und für einen Augenblick sah er eine regennasse Lichtung vor sich, eine brennende Klinge und Salya, deren Gesicht vor Verzweiflung kaum wiederzuerkennen war. Er zog die Brauen zusammen. Eben noch hatte er alles greifen können; nun entglitten ihm die Bilder bereits.

„Was war das?“

„Etwas, das ich zurückgenommen habe.“

Er sah sie lange an. „Du hast uns gerettet.“

Pepi senkte den Kopf unter seine Hand.

„Die Kraft dafür kam aus jener Nacht in Keilwen. Weißt du noch? Der Sturm, nachdem ihr mich begraben hattet?“

Webstor nickte. Er erinnerte sich an den Regen gegen das Fenster seiner Kemenate und daran, wie leer der Platz neben seinem Bett gewesen war.

„Zwei Blitze trafen das Kreuz auf meinem Grab. Ihre Energie erreichte den Stein, den du zu mir gelegt hattest. Sie weckte die Rune und verband mich mit ihr.“

„Der fliegende Hund.“ Er strich mit dem Daumen über ihr Fell. „Ich dachte, er wäre ein Zeichen für dich.“

„Das war er wohl auch.“

Ihr schwaches Lächeln blieb nur einen Moment.

„Seitdem habe ich von dieser Kraft gezehrt. Jedes Mal, wenn ich zu euch kam. Jedes Mal, wenn ich eingriff. Doch nach der Lichtung ist kaum etwas davon geblieben.“

Webstor rückte näher zu ihr. „Was brauchst du?“

„Eine lebendige Rune braucht einen Träger. Jemanden, dessen magische Ströme sie immer wieder mit neuer Kraft speisen.“

„Dann werde ich dich tragen.“

Er hatte es ausgesprochen, bevor sie ganz verstummt war. Pepi blickte zu ihm auf, und für einen Augenblick schien ihr Schimmer wärmer zu werden.

„Ich weiß, dass du es willst, alter Freund. Aber du kannst es nicht. Deine magischen Ströme sind viel zu schwach.“

Er öffnete den Mund, als ließe sich darüber verhandeln. Dann schloss er ihn wieder. Sie kannte ihn. Ein Versprechen würde daran nichts ändern, so gern er es ihr auch gegeben hätte.

„Was ist mit dem Collector?“, fragte er schließlich. „Er könnte dich tragen.“

Pepi wich seinem Blick nicht aus.

„Dann müsste ich seiner Macht gehorchen.“

Seine Hand hielt mitten in der Bewegung inne.

„Aber er würde dir nichts tun.“

„Du vertraust ihm. Das weiß ich.“ Sie ließ ihm Zeit, ehe sie fortfuhr. „Doch verstehst du, was ich ihm überlassen würde? Ein Träger gäbe mir Kraft. Dafür wäre meine Macht seinem Willen unterworfen. Ich könnte mich weigern wollen und müsste dennoch gehorchen.“

Webstor ließ die Hand langsam sinken.

„Und wenn die Große Mutter die Rune in ihren Händen hielte?“ Pepis Stimme blieb leise. „Ihre magische Energie würde ausreichen, um mich für tausend Jahre zu speisen. Sie könnte mich für Dinge einsetzen, die du dir nicht vorstellen kannst. Und ich könnte es nicht verhindern.“

Im Garten war es kühl geworden. Webstor sah zur alten Eiche hinüber. Unter ihrem Stamm hatte er damals gegraben, mit tränenblindem Blick und Erde an den Händen.

„Du liegst noch dort.“

„Ja.“

„In deinem Grab.“

Pepi trat näher und legte den Kopf an seine Brust. Er schlang die Arme um sie, diesmal behutsamer.

„Lass mich dort ruhen“, bat sie. „Und erzähle niemandem von der Rune. Nicht, wo sie liegt, und nicht, was in ihr schläft.“

Er presste die Lippen aufeinander. Er hätte sie ausgraben können. Sie in einem Beutel nahe am Herzen tragen, dorthin, wo sie seiner Meinung nach gehörte. Doch nun wusste er, was er damit aus der schützenden Erde holen würde und wie wenig er tun könnte, sollte jemand danach greifen.

„Ich verspreche es.“

Sie schmiegte sich noch einmal an ihn. Das Licht an ihren Pfoten wurde durchscheinend; durch ihren Schimmer sah er die feinen Halme des Grases.

„Musst du jetzt gehen?“

„Ich muss schlafen.“

Seine Finger schlossen sich fester in ihrem Fell, obwohl er wusste, dass er sie damit nicht halten konnte.

„Für immer?“

Pepi hob den Kopf.

„Eines Tages, alter Freund, wird sich jemand als würdig erweisen. Und dann kehre ich zurück.“

Er suchte in ihren Augen nach etwas, das er mitnehmen konnte. Einer Gewissheit, die auch dann bestehen blieb, wenn er diesen Garten verlassen hatte. Schließlich nickte er, und eine Träne fiel lautlos in ihr Fell.

„Dann schlaf“, flüsterte er. „Ich werde nichts verraten.“

Sie berührte mit ihrer Schnauze seine Hand. Er spürte es noch, als ihre Gestalt bereits im milden Licht verblasste. Die Eiche verlor ihre Umrisse, der Duft des Thymians wich dem bitteren Geruch von Kräutersud. Irgendwo schabte Holz über Stein.

Webstor wollte ihren Namen sagen. Stattdessen entwich ihm ein rauer Atemzug, der tief in seiner Brust schmerzte.

Etwas hielt seine Hand.

Als er die Augen öffnete, fiel der erste Sonnenschein durch den Spalt zwischen den Fensterläden. Im schmalen Lichtstreifen schwebte Staub. Auf dem Tisch neben dem Bett standen ein Wasserkrug, eine Schale und zusammengelegte Tücher; weiter hinten lag ein Verband über einer Stuhllehne. Er brauchte eine Weile, bis aus all dem wieder sein Zimmer wurde.

Salya saß an seinem Bett. Im Schlaf war sie nach vorn gesunken, den Kopf auf den freien Arm gebettet. Ihre andere Hand hielt seine, als hätte sie selbst im Traum nicht gewagt, ihn loszulassen. Eine Haarsträhne lag über ihrer Wange.

Webstor betrachtete sie. Die Schatten unter ihren Augen, den unbequemen Stuhl, das Kissen, das sie offenbar verschmäht hatte. Er wollte nach Pepi greifen und wusste zugleich, dass er sie dort zurückgelassen hatte, wo sie ruhen wollte. Die Trauer blieb. Doch neben ihr war Raum für die Wärme von Salyas Fingern.

Mit einiger Mühe hob er die freie Hand und strich ihr die lose Strähne aus dem Gesicht.

„Du bist noch da“, flüsterte er.

Salya regte sich. Erst drückten ihre Finger seine Hand, dann hob sie den Kopf. Einen Moment sah sie ihn an, ohne sich zu bewegen.

„Webstor?“

Er versuchte zu lächeln. „Ich hoffe, du hast nicht die ganze Zeit auf diesem Stuhl gesessen.“

Sie lachte einmal auf, kurz und ungläubig. Dann legte sie seine Hand an ihre Wange. Ihre Augen füllten sich, doch sie schien es kaum zu bemerken.

„Du hast mich warten lassen.“

„Es tut mir leid.“

„Das sollte es auch.“ Ihre Stimme brach an der letzten Silbe. Sie beugte sich über ihn, hielt aber inne, als er unter der Bewegung unwillkürlich das Gesicht verzog. Sofort glitt ihr Blick zu den Verbänden. „Tut es sehr weh?“

„Nur, wenn ich atme.“

„Dann lass diesen Unsinn.“ Sie strich ihm übers Haar, und nun liefen ihr doch die Tränen über die Wangen. „Einmal genügt.“

Er hielt ihre Hand fest, so gut seine Kraft es zuließ. Eine Weile hörten sie nur die Vögel vor dem Fenster und die ersten Schritte unten im Hof.

„Ich habe dich gehört“, sagte er schließlich.

Salya sah ihn an.

„Nicht alles. Manchmal war es nur deine Stimme.“ Er suchte nach Worten. „Ich wusste nicht, wo ich war. Aber du warst da.“

Sie senkte den Kopf, bis ihre Stirn beinahe seine berührte.

„Ich wusste nicht, ob du zurückkommst.“

„Ich auch nicht.“

Er strich mit den Fingerspitzen über die vertrauten Unebenheiten ihrer Hand. Wie leicht ihm früher Worte gefallen waren. Nun lag sie vor ihm, müde und verweint, und alles, was er ihr je hatte sagen wollen, schien zu groß für seine schwache Stimme.

„Ich liebe dich, Salya.“

Sie schloss die Augen. Ihr Daumen bewegte sich über seinen Handrücken.

„Ich wollte mich nicht verlieben“, sagte sie. „Ich dachte, das wäre einfacher.“

Ein müdes Lächeln berührte seinen Mund. „Hat es geholfen?“

Sie schüttelte den Kopf und kam ihm so nahe, dass er ihre Antwort an seinen Lippen spürte.

„Wenn ich eines Tages in Valyriath einziehe, möchte ich, dass du an meiner Seite sitzt.“

Er sah sie an. Diesmal versuchte er nicht, sich auszurechnen, ob er einer Frau wie ihr jemals gerecht werden könnte.

„Dann nimm mich mit auf deine Reise.“

„Ja.“

Ihr Kuss war vorsichtig. Als sie sich löste, blieb sie dicht bei ihm, und er legte die Hand an ihre Wange.

An der Tür hielt Sarena inne. Sie hatte frisches Wasser gebracht; nun stand sie mit dem Krug in beiden Händen und sah Webstors offene Augen. Schon wollte sie etwas sagen, doch dann bemerkte sie Salyas Gesicht und das leise Lächeln zwischen den beiden.

Lautlos stellte sie den Krug neben der Tür ab und zog sich zurück. Erst draußen lehnte sie sich gegen die Wand. Sie presste eine Hand auf den Mund, während ihr die Tränen kamen.

„Danke, Thalyra“, flüsterte sie.

Dann raffte sie ihre Röcke und lief die Treppe hinunter.

Im Hof standen Blight und der Collector bei der Schmiede. Der Collector hielt einen Becher in der Hand und hörte sich offenbar etwas an, das Blight an einem verbogenen Stück Metall auszusetzen hatte. Als Sarena auf sie zustürmte, fuhren beide herum.

„Er ist wach!“ Sie ergriff den freien Arm des Collectors. „Balar, er ist wach!“

Der Collector stellte seinen Becher auf die nächstbeste Mauerkante. Seine Schultern sanken, als hätte er erst jetzt bemerkt, wie angespannt er gewesen war.

„Und? Ist er klar? Hat er gesprochen?“

Sarena nickte heftig. „Mit Salya.“

Etwas in ihrem Lächeln ließ ihn innehalten.

Blight musterte sie. „Offenbar sogar vernünftig.“

Sie fiel ihm um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die knöcherne Wange, ehe er sich dagegen verwahren konnte. Dann ließ sie ihn los und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht.

„Geh nach ihm sehen“, sagte Blight zum Collector. „Bevor sie die ganze Festung weckt.“

Wenig später stand der Collector vor Webstors Zimmer. Durch die angelehnte Tür hörte er dessen schwache Stimme, dann Salyas leises Lachen. Er klopfte behutsam gegen das Holz und schob die Tür auf.

Salya saß auf der Bettkante und hielt noch immer Webstors Hand. Als sie zu ihm aufsah, machte sie keine Anstalten, sie loszulassen.

„Guten Morgen“, sagte der Collector. Er trat ans Bett und legte zwei Finger an Webstors Handgelenk. Eine Weile schwieg er, während er den Puls fühlte. Dann kehrte das vertraute Schmunzeln in sein Gesicht zurück. „Da bist du ja wieder.“

Webstor blickte von ihm zu Salya. Ihre Finger lagen warm zwischen seinen.

„Ja“, sagte er leise. „Da bin ich wieder.“

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