Lügenpoesie
Stille lag über dem All. Keine verheißungsvolle oder gar unangenehme. Es war weder friedlich noch angsteinflößend. Es war einfach still. Als würde nichts existieren, als würden keine Planeten in diesem Sonnensystem leben, als hätte es nie so etwas wie Leben gegeben.
Als wäre alles zeitlos, festgefroren, gleich einer Uhr, dessen Zeiger die Bewegung verwehrte. Nichts rührte sich. Man sah keinen Anfang und kein Ende. Man war im dunklen Nichts, dessen Sterne gleich Glühwürmchen in der Ferne erstrahlten.
Hätte man nicht den sicheren Ort des Go-Sci-Rings als seine Zufluchtsstätte gekannt, so hätte man beinahe die Illusion bekommen, man wäre nur einer der vielen Sterne, die das All schmückten - die heimtückische Dunkelheit umschmeichelnd.
Murphy atmete wehmütig aus und schloss das alte Buch, das ein Kind anscheinend einst in dem Kommando-Abschnitt hatte liegen lassen. Kaum verwunderlich, konnte er sich doch vorstellen, wie grausam es einst gewesen war, als alle Sky People der Atemlosigkeit entgegenblickten. Gedanken verweilend legte er das Buch zurück auf den kleinen Tisch, auf welchem sie zumeist Montys Algen verspeisten.
Der alte Elefant, der freudig seinen Rüssel erhoben hatte, und einen geradezu dazu aufforderte, das Buch zu öffnen, war längst ausgestorben. Ein trauriges Bild, wenn man noch genug Fantasie besaß, um sich auszumalen, wie die Welt einst ausgesehen haben musste.
„John“, kam es auffordernd von Harper, die Monty mit der Algensuppe geholfen hatte. Mehrmals hatte sie versucht auf ihn einzureden, aber wie so oft, schien sich der feine Herr zu gut dafür; so dachten zumindest die meisten. Die Blondine wusste mittlerweile, dass John in manchen Belangen tiefgründiger war und manches Mal umzingelt von seinen Gedanken abschweifte.
„Hm? Was ist schon wieder?“ Es war der übliche gleichgültige Ton in seiner Stimme, den er schon fast perfektioniert hatte, und den die Delinquentin einst als Angriff betrachtet hätte. Nun, so wusste sie, war es seine Art, zu verdrängen, dass ihn etwas belastete.
Sie verschränkte die Arme, als sie die Schale abgestellt hatte und schweifte mit ihrem Blick kurz über das Kinderbuch, das er sich angesehen hatte. „Ich hatte dich nur gebeten, dass du die anderen zum Essen holst.“
Genervt wandte er sich ab und tat, wie geheißen. Doch würde er vermutlich sich selbst eines Tages überdrüssig werden, wenn er immer alles tat, was sie verlangten. Nett zu sein, war nicht ansatzweise so einfach, wie man es sich vorstellte. Im Gegenteil, es war anstrengend, weswegen er noch immer verblüfft war, wie einfach es Emori fiel.
Der Brünette blieb am Türrahmen des Regierungsbereiches stehen. In ihrem ersten Jahr an Bord der Go-Sci, hatten sie sich daran gemacht, alles Erdenkliche zu ihrem Vorteil umzubauen und so auch diesen leerstehenden metallischen Klotz, in dem einst darüber verfügt wurde, wer gefloatet wurde.
Abwartend musterte er die Szenerie vor sich.
Seit ungefähr drei Monaten schien Bellamy nun mit Echo zu trainieren und doch, er würde sie niemals schlagen. Murphy verstand nicht im Geringsten, wieso der Ältere es lernen wollte. Und doch, bei der verbannten Azgeda-Spionin, war er wohl am besten aufgehoben.
„Ich verstehe immer noch nicht, was dich geritten hat, dass du einen auf Krieger machen willst“, kam es beiläufig von Murphy, wobei er sich spielerisch seine Nägel besah, nur um dann aufzusehen und zu hoffen, dass seine Aussage Bellamy reizte. Jener sah zwar streng aus, doch bei weitem nicht so unglücklich, wie es sich der Brünette erhofft hatte.
Stattdessen sah Bellamy verschmitzt zu Echo, die in ihrem Angriff stoppte. Leicht rann ihr der Schweiß hinab, hinunter an ihrer makellosen Haut, die keine Narben oder Tätowierungen aufwies.
Murphy erinnerte sich, wie er sie am Anfang gefragt hatte, wieso dem so sei. Doch ihre Erklärung war ebenso kühl und unfreundlich, wie die Grounderin selbst. „Als Spionin muss man unauffällig sein, Merkmale der Kru fallen auf.“ Sie mochte ihn nicht, so behauptete sie zumindest, doch immer, wenn sie einander ansahen, so wie in diesem Augenblick, sprachen ihre braunen Augen etwas anderes.
„Was ist los, Murphy?“ Bellamy schien den seltsamen Moment zu unterbrechen, wobei Echo ihr Schwert aufsammelte und es sich ruhig ansah. Ihre rauen, aber schmalen Finger fuhren über das Metall, streiften es, als wolle sie prüfen, ob die Klinge noch scharf war.
Der Brünette beobachtete sie und obgleich, er es genoss, fiel er sich selbst in den Rücken: „Essen ist fertig, es sei denn, sie will weiter ihr Schwert anbaggern.“ Süffisant grinste er, als er sah, wie sie böse aufschaute.
Harsch seufzte Bellamy. Er hasste die ewigen Streitereien, die er so gar nicht einordnen konnte, obgleich sich seine Freundin angepasst hatte. „Echo, komm.“ Er zog kurz die Augenbrauen empor und ging voraus, während die brünette Grounderin zurückblieb und streng zu Murphy sah.
Da war er: Der Moment, der beiden offenbarte, dass sie nicht uneins waren. Beide waren verbannt worden von ihrem Volk, beide litten unter ihrer eigenen Kälte. Und doch, ihr Stolz war alles, was sie hatten. Braun traf auf Blau, Stein traf Eisen.
„Willst du noch ’was?“, fuhr Echo ihn an und presste ihre Lippen aufeinander. Sie war kaum verausgabt, auch wenn sie gerade über eine Stunde mit Bellamy trainiert hatte.
„Bellamy und du, huh?“ Murphy lachte halbherzig auf, aber Echo blieb emotionslos.
„Kommst du immer noch nicht darüber hinweg, dass die Grounder dich gefoltert haben?“
Ein Stich, er traf sein Herz, sodass sein Lächeln ausblieb. Sie wollte ihn verletzten, das wusste er und sie wusste, dass ihre Worte ihn trafen. Sie wandte aber nicht, wie andere, ihren Blick in Scham ab. Hingegen jeder Vernunft sah sie ihn weiter an, ruhig, steif.
Welche Gefühle benötigen keine Worte?
Die athletische Frau blieb starr und doch, Murphy besann sich: „Und kommst du darüber hinweg, dass du verstoßen wurdest?“ Er formte seine Augen zu Schlitzen: „Wusst’ ich’s doch.“
Ihr Blick fiel ab, man sah die gekränkte Person hinter der Fassade. Die gepeinigte Rose, die sich im Strauch versteckte und im Schatten verweilte.
Der brünette Delinquent biss sich auf die Zunge, er hatte nicht geahnt, dass es einer solcher Tage war. Normalerweise vertrugen sie ihre gegenseitigen Sticheleien immer gut. Sie hatten einen Draht zueinander, verstanden blind. Doch es gab andere Tage. Tage, an denen ein Wort genügte, um das Kartenhaus einstürzen zu lassen.
Ein jeder dachte, sie wären im Clinch. Die Gruppe dachte, die Zwei würden sich hassen, aber es war mehr. Die übrigen waren nur blind, erkannten nicht das, was offensichtlich vor ihnen lag.
Echo richtete ihre braunen Augen wieder auf ihn, der Junge, der zum Mann geworden war. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen und das nur, weil sie sagte, Männer trugen Bärte. Dass Bellamy dies ebenfalls getan hatte, störte Murphy.
„Entschuldige“, murmelte Murphy leise und sah auf den Boden. Er wusste, sie kam auf ihn zu. In ihrer üblichen Manier; lauernd, schleichend, als wäre er ihr ausgeliefert. Doch in Wahrheit lag sie ihm wohl ebenso zu Füßen. „Das Essen wird kalt.“ Und mit diesen Worten wandte sie sich von ihrem augenscheinlichen Feind ab.
„Ach, hätte ich gewusst, dass dir Montys Algen so gut schmecken, hättest du meine Ration bekommen“, sprach Murphy ironisch, da er sich verlegen aufgrund seiner Gefühle fühlte. Er konnte nicht sagen, dass er den Moment mit ihr weiter ausweiten wollte.
Sie ging, es war nicht gut, wenn sie zu lange alleine waren.
„Was ist das?“, fassungslos sah Emori auf den Krug vor sich, den ein jeder vor die Nase gesetzt bekommen hatte.
Der Asiate grinste freudig: „Algensaft, nur zu. Probiert.“
„Sieht ... aus wie Schimmel“, moserte Murphy, aber Emori trat ihn unter dem Tisch. Wie immer. Sie ermahnte ihn, zeigte ihm, dass er Fehler begann und rügte ihn. Sein Blick fiel auf Echo, sie lächelte Monty zu und exte dann den Saft.
Alle sahen sie an. Sie strich sich mit der flachen Hand über den Mund, um ihn zu säubern. Man sah, dass es nicht appetitlich war, aber die Grounderin aß dann ihre Suppe: „Schmeckt gut.“
„Danke.“ Monty strahlte, da seine Mühe gelobt wurde.
Jeder wusste, sie wollte höflich sein, sich anpassen und keine Aussätzige sein. Vielleicht war es Neid, der in Murphy aufkam, vielleicht auch Enttäuschung. Aber ihm gefiel es nicht, dass Echo sich nicht wie er verhielt.
Es war, als würde sie einen Schritt nach vorne gehen und er zwei zurück.
Sie sah es in seinen Augen, verspürte falsches Mitleid. Es war, als sähe sie, wie er zurückblieb.
Dem jungen Mann schien es zu viel, er musste es kaputt machen und nippte an seinem Algensaft: „Mach’ dir nicht zu viel Hoffnungen, Monty. Sie will sich nur einschleimen.“
Seine Worte saßen. Ein jeder verspürte die Abneigung, die zwischen ihnen lag. Sie stuften es als Hass ein, doch verbarg jener nur den Schmerz.
Wie weit konnte man flüchten, wenn die Pein einen heimsuchte?
Murphy wusste es nicht.
Echo wusste es nicht.
Ein Jeder war ahnungslos. Sie waren blind, verrannten sich in Beziehungen, die nur der Flucht dienten. Sie ignorierten den Fakt, dass sie an den jeweils anderen dachten. Murphy spannte seinen Kiefer an, ehe er Emoris Hand ergriff, die ihn aber beim Essen abschüttelte.
Echos Fingerknochen traten weiß hervor, als Bellamy ihr lächelnd über die Wange strich.
Sie waren gefangen in ihrer Furcht.
Gefangen, in Beziehungen, die sie strafen sollten.
Nacht für Nacht, so rührte sich nichts. Doch drehte sich das Rad der Go-Sci weiter. Sich windend im All, den Gesetzen der Physik trotzend.
„Noch auf?“ Murphy trat gelassen an Echos Seite. Sie starrte auf die alte Heimat, die sich Erde schimpfte und die nun mehr in der Radioaktivität versank.
Er musste sie nicht ansehen, um zu wissen, dass sie an das Zurückgelassene dachte.
„Meinst du, wir kommen jemals an?“ Echo hatte ungewohnt hängende Schultern, als sie gen Erde blickte.
Interessiert musterte sie der Brünette, er verstand nur geringfügig, was wieder in ihrem sturen Kopf vor sich ging: „Wir werden schon irgendwie zurückkommen ... ich frage mich viel mehr, ob wir dann wirklich überleben.“
Die Grounderin sah traurig aus. Er hatte nicht verstanden, was sie meinte. Immerhin schien er gelassener oder zumindest tat er so.
Sie massierte sich die Schulter, als es sie schmerzte.
„Alles okay?“ Wie immer war er viel zu interessiert, musste sich ihr aufdrängen, wenngleich er sie abstieß.
„Ja“, log sie, wollte sie doch nicht zugeben, dass sie ihre Deckung gegenüber Bellamy vergessen hatte, als Murphy ihrem Training beigewohnt hatte.
Ihr Begleiter der Nacht stellte sich hinter sie, erhob die Hände, aber sofort wandte sie ab. Sie parierte ihn, stieß ihn und erhob einen kleinen Dolch. Und auch, wenn nun ein Sicherheitsabstand zwischen ihnen lag, war er ihr noch nahe.
Er wollte ihr doch nur die schmerzende Schulter massieren.
Mit aus Schock geweiteten Augen sah er sie an. „Ganz ruhig.” Er atmete aus und ein und nahm eine gerade Haltung ein. Sie hatte ihn überrascht, jedoch hatte sie ihn verschont.
Sie hätte ihn niemals mit all ihrer Kraft angegriffen. Es war der Beweis, dass sie einzig reagiert hatte, um sich zu schützen und so sprachen auch ihre Augen, als sie ihn mit jenen verstört ansah: „Was soll das?!“
Noch immer hielt sie den kleinen Dolch vor seinen Hals, den er aber gar nicht beachtete. Er fand viel mehr eine weitere Angriffsfläche, die er zu seinen Gunsten nutzte: „Was? Angst, dass es dir gefällt?“ Er lächelte verschmitzt, aber es entwaffnete sie nicht, zumal sie sowieso nie wirklich eine Waffe gegen ihn erhoben hätte.
Vorsichtig ergriff er ihre Hand, die den Dolch hielt, und trat näher an sie heran. Den Dolch führend, sodass er wie eine Grenze zwischen ihren beiden Hälsen lag. Sie teilte, entzweite.
Er wusste, welch’ Sehnsucht in ihren Augen lag.
Sie wusste, welch’ Taten seine Augen verlangten. Wonach sie gierten.
Er beugte sich vor und sein Atem traf ihre Lippen: „Angst?“
Sie sagte nichts und so beugte er sich vor und küsste sie.
Eine zarte Berührung; wärmend, lechzend, ehrlich.
Ein Kuss. Trocken, denn das Wasser war am Abend knapp und musste filtriert werden.
Hungrig, denn ihr Körper verlangte nach etwas anderem als Nahrung.
Warm, denn die Lippen waren das einzig’ herzliche in ihren von Kälte besudelten Körpern.
Kalte Herzen, steinige Herzen, denn sie warfen sich ihre Liebe mit Gewalt an den Kopf.
Es würde niemals Frieden herrschen, solange sie einander nicht hatten.
Es würde niemals Krieg zwischen ihnen liegen, denn sie würden den Schmerz des anderen nicht ertragen.
Doch ihrer Liebe war keine Hoffnung gegeben. Abwehrend, gar ergebend, entwaffnet erhob Echo die Hände: „Lass das.“
Er wusste, es ging nicht, aber es bedürfte ihn danach: „Wieso? Und erzähle mir nicht wegen Bellamy.“ Abwertend und eifersüchtig rollte er mit den Augen.
„Die Leute würden lachen, sei nicht albern.“ Echo schützte sich, denn es war die Wahrheit. Mit Bellamy würde es ihr gut gehen und Emori? Sie war rein auf ihre Art, beschützend auf ihre Art, liebevoll auf ihre Art.
„Mit mir erwartet dich nur ein weiterer Krieg.“ Schwungvoll drehte sich die Verbannte um, obgleich sie nicht gehen konnte. Sie klammerte an seiner Hand, denn auch er hielt sie. Es war einvernehmlich.
Murphy hielt sie weiter, ihre Hände waren locker ineinander geschlungen, alles hätte sie auseinanderreißen können, doch so lange sie einander berührten, war es egal, wie stark sie einander hielten. „Was wäre, wenn es mir egal ist?“
„Bleib bei Emori, ich bleibe bei Bellamy. Wir sollten es auf das Nötigste reduzieren.“ Sie sah ihn nicht an, aber genoss es, dass sein Daumen ihren Handrücken strich. Sie so zart betastete, vereinnahmte.
Der junge Mann nickte verstehend, sie hatte recht, obwohl ihr Herz sie anderes schimpfte. Sie würden einander lieben, doch aus der Ferne. Denn sie taten einander nicht gut. Nicht umsonst dachte ein jeder Hass würde zwischen ihnen liegen, vielleicht gab es eines Tages Hoffnung, wenn sie selbst einander akzeptieren konnten? Ihrer Fehler ignorierend leben konnten? Sich selbst verzeihen? Denn das war es:
Eine Strafe.
Eine Strafe, die sie sich selbst aufhalsten; pflichteten sie sich doch bei, dass sie kein Glück verdienten.
Die Wärme löste sich auf. Alles, was sie umfasste, löste sich auf in Nichts. Denn Murphy ging zu Emori.
Quälend langsam stieg eine einzelne Träne in Echo auf. Sie lief, benässte ihr Gesicht, ehe sie auf den kalten Boden fiel. Die eine Träne traf das Metall. Das alte, kalte Metall, das eines Tages genau dort rosten würde. Verraten würde, dass jemand eine Träne vergossen hatte, weil er sich selbst kein Glück gönnte - die Liebe verwehrte.
Der rostige Fleck würde eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die nicht mehr war; denn sie lebte einzig in den Herzen zweier Menschen, die sie nicht teilten. Keiner wusste von ihrer Liebe, denn jeder dachte, sie hassten einander.
Eine Geschichte ohne Inhalt, ohne Gefühle, ohne die zwei Menschen, die einen unerfüllten, hoffnungslosen Wunsch teilten.
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