Schicksalsrythmus
Es war ein schwüler Tag im Sommer, an dem in der kleinen Straße neue Nachbarn einzogen - zumindest teilweise. Denn in diesem kleinen braunen Haus mit dem hohen Zaun, den etlichen Bäumen und Dornenbüschen, in das man nie auch nur ansatzweise hineinblicken konnte, lebte Rupert LeBeau. Ein Bibliothekar, der die größte Buchsammlung in ganz Barringham besaß und nie mit jemandem sprach. Die Nachbarn nannten ihn einen Eigenbrötler und das lag nicht zuletzt daran, dass er sich in seinem Haus abgeschottet hatte. Er war ein seltsamer Mann mit Brille, grauen Schläfen, britischem Akzent und etlichen Cordanzügen, die den 80ern entsprungen sein mussten. Und egal, wo und wann man ihn sah, er hatte ein Buch dabei, das er förmlich studierte.
Umso kurioser war es, dass bei diesem Mann zwei junge Männer Halt machten und einzogen.
Ally Thompson, die, mit ihrer Tochter Diana, aus dem Fenster gesehen und versucht hatte, etwas zu erkennen, grübelte in ihren schwarzen Kaffee hinein: „Wer hätte gedacht, dass er Kinder hat?“
„Vielleicht eröffnet er auch nur ein Studentenwohnheim, oder vermietet es“, schlug ihre fast 29-jährige Tochter vor und klimperte mehrmals mit den Wimpern. Eigentlich hatte es nur ein allgemeiner Widerspruch sein sollen, den sie ihrer Mutter nur zu gern schenkte, aber beide stimmten innerlich zu, dass dem Briten alles zuzutrauen war.
„Egal, soll er nur machen“, verkündete die Mutter, „ich muss langsam los.“ Die dunkelblonde Frau stellte ihre Tasse Kaffee ab und griff sich ihre Tasche, ehe sie sich von ihrer Tochter verabschiedete.
Seit jeher war die Mutter in der Altenpflege tätig und das bedeutete Schichtdienst bis zum Gehtnichtmehr für kleines Geld.
Die Tochter hatte es nicht so eilig. Seit geschlagenen fünf Monaten wartete sie auf Post und in diesem Zuge hatte sie schon dreimal angerufen und gefragt, ob man sie nicht vergessen hatte.
Es war ein wildes Jahr gewesen, in dem sich ihr Jura-Studium endlich gen Ende geneigt hatte. Allerdings waren das nur Hoffnungen, denn vor Monaten war sie durch das zweite Staatsexamen gefallen und musste es wiederholen. Bedauerlicherweise ließ das Ergebnis auf sich warten und mit jedem Tag, der verging, befürchtete sie schlimmes.
Während dieser Monate hatte die junge Frau in einer Tankstelle, sowie einer Burgerkette gejobbt und das war nichts, was sie gern tat.
Im Gegenteil, es hatte ihr schlichtweg einmal mehr bestätigt, dass sie hoffte, dass sie das Examen nun in der Tasche hatte. Und so sah ihr Plan vor, dass sie danach als Rechtsanwältin gut verdienen, diese Kleinstadt verlassen und mit ihrer Mutter umziehen würde. Denn sie hatten immerhin nur sich und würden einander nicht zurücklassen.
„Schocki! Na, wo hast du dich wieder herumgetrieben?“ Sie begrüßte ihre Katze und gab ihr etwas zu essen, ehe sie die Nase rümpfte und feststellte, dass er seltsam roch. „Wonach riechst du?“ Sie wedelte mit ihrer Hand vor ihrer Nase herum, während sie argwöhnisch zu dem Kater sah, der sie allerdings gar nicht weiter beachtete und lieber sein Essen aß.
Es war einer der Vorzüge, wenn man in einer kleinen und ruhigen Stadt lebte, dass die Katze hinausgehen dürfte – allerdings sah man sein Haustier dann nicht mehr so oft, wie erwünscht. In diesem Sinne war es leider auch keine Seltenheit, wenn Schocki einmal drei Tage verschwand und dann eines Tages auf dem Sofa lag und schlief.
„Hmm, und du hast noch immer keine Antwort?“ Wie beinahe jeden Montag traf sich Diana mit ihrer Freundin Ingrid. Jene kannte sie von ihrer ehemaligen Universität und obgleich Diana auf das Ergebnis ihres Staatsexamens wartete, war Ingrid noch mitten im Literatur-Studium.
„Noch nicht“, antwortete die Gefragte und leckte an ihrem Stracciatella Eis, das sie mit extra vielen Schoko-Stückchen bestellt hatte. Es war eine bloße Routine geworden, dass sie den Montag miteinander verbrachten. Und jener beinhaltete, dass sie etwas frühstücken gingen und dann in der Bibliothek nach neuen Bestsellern suchten, ehe sie am Abend einen Film im Kino schauten.
„Weißt du, vielleicht war es so gut, dass ihn jemand geklaut hat, oder jemand möchte ihn mehrmals lesen.“
Wie so oft erzählte die Frau mit der Brille und den schulterlangen Locken das, was sie sich vorgaukelte, was andere hören wollten. Aber diese Aussage war einfach nur albern und so schüttelte Diana ihren Kopf und erhob die Hand: „Lass uns einfach nicht darüber reden, okay?“
„Okay!“
„Ahh“, machte Diana und starrte mit großen Augen zu dem seltsamen Bibliothekar, in den sie beinahe hineingerannt war. Sie waren seit bereits einer Stunde in seiner Bibliothek zugeben und wie so oft rannte eben jener umher und sortierte Bücher neu ein. Allerdings war er dabei prompt in die Dunkelblonde hineingelaufen, die sich halb zu Tode erschreckt hatte.
Ihr Blick glitt nach rechts, zu dem Bücherregal, hinter dem er erschienen war, ehe er ihr Robinson Crusoe vor die Nase hielt.
„Können Sie mir sagen, was das ist?“
Ihre Augen fielen auf das Buch im Lederband, das in Papyrus-Lettern den Titel offenbarte. „Ähm? Robinson Crusoe?“
„Und warum steht es im Regal für Adventure? Das gehört in die Abteilung der historischen Fiktion!“ Dem Mann in den Vierzigern rutschte die Brille von der Nase, weswegen er sie erbost hochschob und Diana einen strengen Blick schenkte: „Ich habe Sie beobachtet. Sie sortieren meine Bücher um!“
Das hatte die Frau tatsächlich, immerhin waren etliche Bücher falsch einsortiert, aber es überraschte sie, dass es dem Mann überhaupt aufgefallen war. Just zog sie die Augenbrauen empor und nickte. „Es ist nun einmal ein Abenteuer-Roman, sowie auch eine historische Fiktion. Allerdings werden die Menschen, die es ausleihen, zuallererst einmal in dieser Abteilung nachsehen“, rechtfertigte sich die Frau und hatte gen Ende hin zu besagtem Regal gezeigt. Allerdings nur mit einer Hand, da sie in der anderen zwei weitere Bücher hielt, die sie umsortieren wollte.
Rupert schaute argwöhnisch auf ihren linken Arm und erahnte, dass sie etwas versteckte: „Was haben Sie da? Was? Verstecken Sie da etwa Bücher?“
„Ich möchte sie nur richtig einräumen!“
„Sie machen es aber nicht richtig“, beschwerte sich der Mann und war lauter geworden, ehe ein jüngerer Kerl hinter ihm auftauchte und ihm auf die Schulter klopfte, „Rupert! Hast du zufällig ein wenig Kleingeld?“ Der Bibliothekar schaute wüst zu dem jüngeren mit den blauen Augen und den vollen Lippen, der die Hände freudig ausbreitete und ihm vor die Nase hielt. „Ich brauch‘ ein wenig Geld.“
Diana wollte vorbeihuschen und den Moment ergreifen, aber Rupert hielt sie auf: „Nein, Sekunde! Moment! Geben Sie mir die Bücher. Ich sortiere diese ein!“ Er hatte ihr die Bücher entrissen und strich im Nachfolgenden sorgfältig über deren Einbände, während die Frau kundtat: „Dann tun Sie es richtig! In Ihrem Chaos findet man nichts.“
„Chaos? Sie sind alle fein säuberlich einsortiert, ich darf doch sehr bitten“, erwiderte der Mann, obgleich ihn eine Schnappatmung heimsuchte.
„Rupert, ich brauche Kleingeld.“
„Ich habe nichts. Such‘ dir Arbeit!“ Der Bibliothekar ließ den jüngeren Mann und auch Diana zurück, die dem Älteren konfus hinterherblickten.
Die Dunkelblonde blies die Wangen auf und schüttelte den Kopf: „Er sollte dringend auf seinen Blutdruck achten.“
„Das sage ich ihm auch immer wieder. Ich verstehe gar nicht, was sein Problem ist“, stimmte ihr Gegenüber ihr zu, aber noch während er redete, fiel Diana ihm ins Wort, „Na ja, egal.“ Und mit diesen Worten drehte sie sich um und ließ den Kerl stehen, der darüber philosophierte, wie er nun an Geld kommen könnte. Es war ihr in diesem Moment einfach wichtiger, die anderen Bücher einzusortieren – um jene, die der Bibliothekar ihr zuvor entrissen hatte, würde sie sich später kümmern.
Keine Viertelstunde später, nahm sie vor Ingrid Platz, die sie argwöhnisch anschaute: „Ich verstehe gar nicht, warum du immer die Bücher umsortierst. Du arbeitest hier nicht einmal.“
„Ich weiß nicht. Ich finde es wichtig und ich habe nichts zu tun. Außerdem ist es schon fast lustig, wie sich dieser Kerl aufregt.“
„Wenn ich deinetwegen Hausverbot bekomme, werde ich sauer. Dann darfst du mir jedes einzelne Buch kaufen, das ich sonst hier gelesen hätte“, bestimmte ihre Freundin, weswegen Diana missgünstig von ihren Chips aß und schmatzend zu der Frau mit den Locken schaute.
Sie imitierte ihre Worte scheinheilig und ironisierte dann das Wort: „Darf“, während sie mit ihren Fingern Gänsefüßchen andeutete. „Ich kann nichts dafür, dass dieser Bibliothekar keine Ahnung von Büchern hat!“
„Keine Ahnung von Büchern?!“, fragte Rupert, der hinter ihnen entlang gelaufen war und blieb prompt stehen. „So, das reicht! Bitte verlassen Sie umgehend dieses Gebäude.“
Diana schaute ertappt auf und verschluckte sich prompt an ihren Chips, weshalb sie halb erstickte.
Ingrid stand einfach nur im Schock der Mund offen. Ihre Augen drückten wohl aus, wie sehr sie ihrer Freundin zürnte, aber jene spürte ihr Karma gerade auf sich zu kommen und zeigte unter Atemnot auf ihren Hals.
„Was? Was tun Sie da?“ Der Mann im Cordanzug schaute fassungslos zu Diana, die röchelte und keuchte, ehe ihr der Jüngere von vorher einmal kräftig auf den Rücken schlug.
Just hustete die Frau auf und hielt sich den Hals, wobei sie endlich wieder Luft bekam. „D-Da-nqu-eh.“ Sie versuchte ein Danke hervorzubringen, aber schaffte es nicht gänzlich.
Der Mann nickte allerdings erfreut und hielt ihr seine Hand entgegen: „Das macht $20.“
„B-bis-bist-duh-be-beh-klopp-t?“, brachte die Frau unter einer Schnappatmung hervor, aber der Bibliothekar ging dazwischen und schlug den Jüngeren mit einem Buch, ehe er festhielt, „Das befürchte ich.“
„Hey, aua.“ Der Kerl hielt sich den Kopf und zog einen Schmollmund. „Hey, ich habe dir gerade das Leben gerettet und das ist dein Dank?“ Seine blauen Augen funkelten, während er eingeschnappt die Arme verschränkte und ihr einen bösen Blick schenkte: „Und ich bin nicht bekloppt!“ Wüst schaute er den Bibliothekar und dann die Frau an, aber letztere ging erneut Rupert an: „Warum wollen Sie, dass ich gehe? Ich kann nichts dafür, dass Sie Ihre Bücher falsch einsortieren. Haben Sie die überhaupt gelesen?“
„Ob ich sie gelesen habe?“ Der Mann mittleren Alters schnalzte mit der Zunge und erwiderte: „Natürlich habe ich sie gelesen! Ich habe alle gelesen, aber bestimmt haben Sie nicht einmal ein Buch gelesen! Guten Tag!“ Und mit diesen Worten schob sich der Mann erneut seine Brille zurecht und strackselte gen Ausleihe, wobei er vermehrt den Kopf schüttelte und sich etwas in den Bart brabbelte.
„Hey, ich bin auch noch hier und du schuldest mir Geld“, hielt der Jüngere fest, der neben Diana stand und den Ingrid zu Tode starrte.
Die Dunkelblonde wusste einfach, dass sich die Literatur-Studentin soeben verliebt hatte und das ließ sie mit den Augen rollen. „Ich schulde dir gar nichts! Immerhin bist du nicht unschuldig an dieser Misere. Bestimmt hätte er mich gar nicht angesprochen, wenn du ihn mit deiner Bettelei nicht aufgeregt hättest.“
„Woah, ich habe nichts gemacht!“ Er erhob abwehrend seine Hände und schaute dann zu Ingrid, die er fragte: „Oder fiel dir etwas auf? Ich bin unschuldig, oder?“
Die Gefragte nickte schüchtern und schaute noch immer anhimmelnd zu dem Kerl mit den blauen Augen, der Diana frech angrinste und dann prompt die Hand ausstreckte: „Aber ich will mal nicht so sein. Das erste Mal Leben retten ist umsonst. Ich bin Legend.“
Diana schaute skeptisch auf die ihr dargebotene Hand und zog ihre rechte Augenbraue empor: „Legend? Willst du mich verarschen?“
„Nein? Wieso? Das ist mein Name … und du heißt?“ Er schaute ihr eindringlich in die Augen und trat näher, bevor er lehrte: „Du weißt schon, dass man seinen Namen nennt, wenn man gefragt wird?“
Die Frau rollte die Augen und zickte: „Diana. Und ich glaube dir nicht, dass du Legend heißt! Außer … deine Eltern waren bekloppt! Andererseits, irgendwoher musst du es ja haben.“ Gen Ende hin war sie mehr in einen Monolog übergegangen, aber jenem lauschten der Kerl und auch Ingrid, weswegen letztere sie ermahnte und der Mann fragte: „Wow, du bist überhaupt nicht charmant. Eher … biestig! Hast du deine Tage?“
Den beiden Frauen klappte der Mund auf, als sie das hörten und so war es unausweichlich, dass beide prompt reagierten, als Rupert herumbrüllte, er habe ihnen gesagt, sie sollen gehen.
„Weißt du, ich würde ja gerne behaupten, mit dir wird es nie langweilig, aber wir sind gerade aus der Bib geschmissen worden!“ Ihre Freundin verzog ihre Lippen zu einem Strich und verschränkte die Arme im Trotz, weswegen Diana ein wenig schuldbewusst ihren Anblick mied. „Das wird schon wieder. Morgen wird er es schon vergessen haben.“
Bedauerlicherweise konnte sie ihre Freundin aber nicht aufheitern und so verabschiedeten sich die Frauen, sodass Diana schon am frühen Abend nachhause ging. Normalerweise wären sie noch später ins Kino gegangen, aber wenn Ingrid sich über etwas aufregte, dann konnte es schon einmal eine kleine Ewigkeit dauern, ehe sie jemandem verzieh. Deshalb scharwenzelte die Dunkelblonde alleine die kleine Straße entlang.
Die Lampen sprangen an und erhellten den Weg sporadisch, obgleich es nur leicht dämmerte und man noch immer genug sehen konnte. Das war das Gute an einem Sommerabend: Es blieb lange hell.
Vereinzelt hörte man, wie auf einem entfernten Spielplatz Kinder lachten und schrien, ehe sie leiser wurden und man die Grillen zirpen hörte. Langsam schritt Diana an einem Haus vorbei, dessen Gras ihr beinahe bis zu den Knien reichte – es gehörte einer alten Dame, die zu geizig war, um jemanden einzustellen, der ihren Rasen mähte. Sie wusste, dass sich einige Nachbarn schon darüber aufgeregt hatten und einzig ihre Mutter der Alten beigestanden hatte, sodass Diana eine der wenigen war, die die Dame ebenso leiden konnte. Von der Terrasse aus winkte sie der Jüngeren zu, weshalb Diana es erwiderte.
Allerdings war sie die einzige, die in dieser Nachbarschaft noch wach war. Die übrigen schienen im Urlaub oder aber sie schliefen bereits. Diese Stadt und ihre Straßen waren einfach zu ruhig, wenn man das Stadtleben kannte. Es war vor drei Jahren gewesen, als ihre Mutter Ally hier eine Anstellung gefunden und das New Yorker Leben gegen Barringham eingetauscht hatte. Es war ein Wunder, dass es überhaupt Leute gab, die in diese Stadt zogen – denn kaum einer kannte sie. Diana wusste nur allzu gut, wie schwierig es war, sich ein Paket von außerhalb zusenden zu lassen und wenn man nicht aufpasste, vergaß man selbst, dass es etwas anderes, als diese Kleinstadt gab.
„Sag‘ mal“, machte da jemand auf sich aufmerksam, sodass sich Diana überrascht umdrehte und das Gesicht von Legend erblickte. „Schaust du immer so trübsinnig, wenn du alleine bist? Das macht einen ja fast depressiv.“
Die Frau atmete harsch aus und beschleunigte ihren Schritt, ehe der Kerl mit den blauen Augen aufholte: „Ich meins ja nicht böse, aber … du solltest mal ein bisschen freundlicher gucken. So schreckst du jeden Triebtäter auf zwanzig Metern ab.“ Legend hielt sich wohl für sehr lustig, aber Diana brachte nicht mehr als einen verdutzten Gesichtsausdruck zustande, ehe sie ihren Briefkasten in der Ferne sah – und er war nicht leer!
Sie rannte förmlich auf die metallische Kiste zu, die sämtliche Post enthielt und streckte dabei die Zunge heraus, ehe sie ihren erwünschten Brief vorfand. Sie gab einen undefinierbaren Laut von sich und ignorierte den Kerl hinter sich, während sie ihr Ergebnis betrachtete.
„Oh“, machte Legend. Er hatte ihr über die Schulter gelinst und gelesen, dass Diana durchgefallen war. Verlegend kratzte er sich am Hinterkopf, während die Frau den Brief zerriss. „Weißt du, das ist doch gar nicht schlimm. Du kannst es ja noch einmal versuchen.“
„Das war schon der zweite Versuch, mehr gibt’s nicht“, hielt Diana fest und schritt dann in ihr Haus, sodass Legend zurückblieb und ihr betrübt hinterherschaute.
Es vergingen mehrere Stunden und irgendwie wusste Diana nicht, wohin sie mit sich sollte. Es war viel zu spät, um dass sie ihrer Mutter am Abend die schlechte Nachricht übermitteln konnte und so verschob sie es, ehe ihre Mutter am nächsten Tag wieder zur Arbeit ging. Die Tochter hingegen mimte einfach eine Schlafende und verließ erst gegen späten Abend ihr Bett.
„Was ist los?“, fragte Ingrid, als sie anrief, zumal Diana einen melodramatischen WhatsApp-Status geteilt hatte, der sie besorgte. Just schilderte sie ihrer Freundin das Geschehene, weswegen Ingrid sprachlos die Luft anhielt. „Okay, und jetzt?“
„Das ist es ja!“, fuhr die Dunkelblonde die Studentin am Telefon an, „Ich habe keine Ahnung, das ist doch das Problem. Ich habe all die Jahre umsonst studiert!“ Sie schnodderte in ein Taschentuch und das lauthals, ehe sie aus ihrem Fenster schaute und bemerkte, dass Legend etwas Seltsames transportierte. Irgendwie schien es eine Art Laken mit roten Flecken zu sein und in eben jenem war etwas oder auch jemand zusammengerollt.
Diana schnappte nach Luft und griff nach ihrem Fernglas, das sie von ihrem Großvater geerbt hatte – aber wirklich mehr sehen konnte sie nicht. Sie konnte lediglich ausfindig machen, dass eben jener nicht alleine war und es mit einer anderen Person transportierte. „Ingrid, ich ruf‘ dich später zurück.“ Ihre Freundin erzählte noch irgendetwas, aber die Dunkelblonde hatte schon aufgelegt und eilte die Treppe hinunter.
Sie polterte und wäre halb gefallen, aber rappelte sich eilig auf, ehe sie mit ihrem T-Shirt-Ärmel an einer Türklinke hängenblieb. Sie war einfach ein unverbesserlicher Schussel, der in einem für ihre Verhältnisse enormen Tempo die Schuhe anzog und dann das Haus verließ.
Sie hatte eigentlich angenommen, dass diese Leute nicht schnell wären, aufgrund ihres Gepäcks, aber sie irrte. Denn sie hatte wirklich Probleme sie einzuholen und mehr schlecht als recht, fand sie ihren Weg, indem sie ihnen zum Friedhof folgte.
Es war furchtbar und als bald verfluchte sich Diana dafür, dass sie so neugierig war. Etliche Grabsteine befanden sich auf dem Friedhof, während Efeu sie umrankte. Ein paar weniger gut betuchte hatten einzig ein paar Holzdielen zu einem Kreuz zusammen genagelt, wohingegen andere Familiengruften erworben hatten. Und jene standen kreuz und quer auf einem Stück Land, das von einem fahrlässigen Zaun umgeben war, während in der Mitte eine Kirche stand, die allerdings die meiste Zeit geschlossen war.
Ein seltsamer Geruch lag in der Luft, den die Frau nicht zuordnen konnte, aber sie dachte sich nichts weiter dabei und drückte sich dicht an eine Trauerweide, während sie beobachtete, wie Legend und ein anderer Kerl das Laken entrollten. Eine Person kam zum Vorschein, oder viel mehr eine Leiche, weswegen sich die Frau gerade so die Hand vor den Mund schlug, um ihren Aufschrei zu unterdrücken.
Dass dieser Hohlkopf ein Mörder war, hatte sie überhaupt nicht kommen sehen – geschweige denn Rupert. Da aber dieser Mann bei ihm wohnte, lag es nahe, dass der Bibliothekar ebenso in die Sache involviert war.
Diana lauschte ihrem Herzschlag, der sich immens beschleunigte, ehe der Kumpane aufschaute und quer durch die Büsche blickte.
„Was ist?“, fragte Legend seinen Kameraden und griff nach einer Schaufel, die an einem anderen Grabstein gelehnt hatte.
„Nichts - augenscheinlich. Ich dachte, ich hätte etwas gehört.“ Der Gehilfe ergriff die zweite Schaufel, aber schaute noch immer in die Richtung der Frau, was Diana dazu brachte, dass sie sich so dicht wie irgend möglich an die Rinde des Baums presste.
Sie hasste es, dass sie zumeist ein Trampel war und auffiel. In solch einem Moment war das somit mehr als nur ein Nachteil und noch ehe sie nach ihrem Mobiltelefon kramen konnte, stellte sie fest, dass sie es vergessen hatte. Sie wollte sich schon selbst gegen den Kopf schlagen, aber unterließ es, als die Männer weitersprachen.
„Boah, warum müssen wir das eigentlich machen? Ich meine, haben die niemanden in der Zentrale, der wenigstens diese Arbeit übernehmen kann?“, beschwerte sich Legend und kramte sein Handy hervor, auf dem er irgendetwas Lustiges sah, sodass er seinem Kameraden sein Mobiltelefon zeigte.
Allerdings schien dieser weniger amüsiert. Er zog lediglich quittierend eine Augenbraue empor und schmiss dann die Schaufel zur Seite: „Bring‘ du das zu Ende, ich hab‘ keine Lust mehr.“
„Vergiss es! Schere, Stein, Papier?“ Der Blauäugige wackelte verheißungsvoll mit den Augenbrauen, was den Anderen die Augen rollen ließ. Er antwortete nicht und schritt stattdessen zu einem Grabstein, an den er sich lehnte, ehe er überlegend auf die Kuhle in der Erde schaute und festhielt: „Diese Stadt ist wirklich auffällig. Dieser Geruch, er ist überall.“
„Jop! Ich dachte vorhin, ich hätte das Wesen, aber … ich lag falsch.“ Legend nahm erneut eine Schippe Erde und schmiss sie in das ausgehobene Grab. „Kein Wunder, dass die Viecher angezogen werden.“
Diana verkniff sich geradeso ein Niesen und empfand Erleichterung, aber im nächsten Augenblick schwand diese: Denn die Männer kamen alarmiert in ihre Richtung!
„Was zum-ich wusste doch, ich habe etwas gehört.“ Der Kerl mit den schulterlangen braunen Haaren, die er in einem Zopf trug, ergriff grob ihren Oberarm und zog sie hervor.
„Doris?“, fragte Legend, aber die Frau korrigierte verdattert, „Diana! Idiot.“
„Hey! Ich bin kein Idiot! Und … Hab‘ ich doch gesagt, zumindest lag ich nahe dran.“ Legend zog die Nase kraus, während sein Freund sie weiterhin festhielt und fragte: „Wer ist das?“
„Ich weiß nicht, auf jeden Fall keine Anwältin!“, lachte Legend und biss sich dann auf die Zunge, ehe er ertappt zu Diana sah. „Sorry, war nicht so gemeint.“
„Sehr lustig!“ Die Frau wollte nach ihm treten, aber das funktionierte irgendwie nicht, denn sein Kumpane, der sie hielt, war viel zu stark. „Lass mich los! Du tust mir weh.“
„Wer bist du?“ Der Mann mit den braunen Haaren kam ihr viel zu nahe und schien bereit, sie auszuschalten, falls es denn vonnöten war und das ließ sie ihren Kloß im Hals nur schwer herunterschlucken.
„Kit, ist gut. Ich kenne sie irgendwie … und Rupert auch“, ging Legend dazwischen, aber der Mann ließ sie nicht los.
„Ah! Jetzt kommen wir der Sache näher. Was will sie hier? Du weißt, wir haben den Befehl, dass niemand-“
„Ich war das nicht. Keine Ahnung, was sie hier will!“
Beide Männer schauten zu der Frau, die versuchte unsichtbar zu werden, aber dann fiel ihr auf einmal auf, dass hinter den Männern etwas auf sie zukam. Ihre Augen wurden groß, fixierten dieses Ungetüm, das irgendwie überhaupt nicht gesund aussah. Es sah viel mehr krank, unmenschlich und gräulich aus. Immerhin hatte es eine wulstige Stirn, unter der tiefschwarze Augen standen, ehe es seinen großen Mund aufriss, der geprägt war mit scharfen Zähnen.
„Ah-ada“, brachte Diana irgendwie stammelnd von sich und zeigte mit ihrer rechten Hand auf dieses Ding.
Irgendwelche Laute, die eindeutig nicht ungefährlich klangen, drangen an die Ohren der Frau, ehe sie realisierte, dass die Männer darüber diskutierten, wer sich dieses Teil vornehmen würde. Just wurde es der Frau zu viel: „Seid ihr bekloppt, das-“ Auf einmal nahm dieses Geschöpf Anlauf und rammte Legend, der wiederum auf Diana zu stolperte und damit auch Kit umwarf.
„Das ist jetzt nicht dein ernst“, beschwerte sich letzterer, wobei sie einen kleinen Haufen bildeten und angeknurrt wurden.
„Die Schippe, schlagt ihm den Kopf ab“, orderte Diana und wollte schon wegrennen, aber dieser Kit hielt sie noch im Aufrappeln fest, mit den Worten: „Du bleibst hier. Legend! Polier‘ ihm die Fresse!“
Der Angesprochene reagierte, wenn auch etwas verdutzt, ehe er dem Ungetüm einmal kräftig ins Gesicht schlug. Es wandte seinen Kopf zur Seite, aber im nächsten Atemzug tätigte er einen Schlag und traf Legend so kräftig in die Magengrube, dass jener gegen einen Grabstein prallte und ihn zerbrach „Ups“, kommentierte es der Gepeinigte und sprang auf, bevor das Vieh erneut auf ihn zustürmte und sie gemeinsam über den Friedhofsboden rollten.
Diana starrte wie gebannt auf die Szenerie, während Kit mit der Zunge schnalzte und sich mitsamt der Frau hochrappelte und sich die Schippe griff. Das Monster mit der Wulst bemerkte es, schenkte Legend einen letzten Schlag und rannte auf Kit zu. Allerdings sprang sein Freund eilig auf den Rücken des Ungetüms, ehe Kit mit der Schaufel ausholte und ihm den Kopf abtrennte.
„Also“, fing der Kerl mit den braunen Haaren von vorne an und wollte das Gesprächsthema von zuvor wieder aufgreifen, „wer ist sie und was macht sie hier?“
Legend schnaufte und stützte sich auf seinen Knien ab, bevor er konfus zu Kit schaute und preisgab: „Wie gesagt, keine Ahnung. Aber Moment mal, wo ist sie hin?“ Der Mann mit den blauen Augen schaute sich verwirrt auf dem Friedhof um, weshalb ihm gar nicht auffiel, dass Kit gelassen in die Kuhle sah: „Alles gut da unten?“
„Du hast mich gerade in ein Grab geschubst! Denkst du, da geht es mir gut?“, zeterte Diana und verachtete diesen Kerl beinahe augenblicklich. Er hatte sie tatsächlich, bevor das Ungetüm auf ihn zugestürmt war, einfach mit einem Ruck in die ausgehobene Kuhle geschubst, sodass sie nun mit allen vieren von sich gestreckt auf einer Leiche lag. „Ich liege auf einer Leiche und mir tut alles weh!“
Kit stützte sich auf seiner Schaufel ab und wirkte sehr gelassen, als er an sie gewandt sprach: „Sei nicht so melodramatisch! Also, wer bist du?“
„Die Leiche stinkt so sehr“, heulte Diana halb und stand irgendwie auf, aber im nächsten Moment meinte Legend, „Ist doch egal. Holen wir sie da raus und bringen sie zu Rupert. Er wird wissen, was zu tun ist.“
„Du verantwortest das Ganze und bringst das hier zu Ende“, stellte Kit klar und reichte dann Diana die Hand, um sie empor zu ziehen. Bedauerlicherweise gab er sie aber nicht frei, sodass sie gezwungen war mitzugehen und um ihr Schicksal zu bangen.
Von Mördern entführt zu werden, die zuvor irgendetwas Komisches enthauptet hatten, war kein sonderlich schönes Erlebnis.
„Moment“, stotterte Diana und entsann sich, „Wo ist eigentlich der Kopf hin? Nicht, dass der hier noch herumrollt!“
Keiner antwortete ihr, aber irgendwie machte sie auch nicht einmal mehr den Korpus ausfindig. Es war, als wäre dieses Vieh einfach vom Erdboden verschluckt worden. Sie verlor eindeutig den Verstand!
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Hi! Bin heute durch Zufall auf deine Story gestoßen und wollte nur mal vorweg sagen, dass ich sie sehr spannend finde und mich schon darauf freue rauszufinden, wies weitergeht! :) Davon abgesehen fand ichs voll nett, wieviele Parallelen es zwischen deinem und meinem Text gibt: ich hab zb eine Person, die Hiraeth heißt - ist aber auch ein wunderschöner Begriff! Ich les dann mal weiter - hab ja noch 2 Kapitel vor mir :) Liebe Grüße!