oo. Too Dark To See
Freitag, 12. August 2016
Elegant thronte die Hand des langhaarigen Models unter seinem markanten Kinn, das seine sonst so zarten Gesichtszüge maskuliner erscheinen ließ. „Sagen Sie, Michael, man sieht nie eine Dame an Ihrer Seite. Aufgrund dessen kursieren Gerüchte, Sie seien vom anderen Ufer. Ist da etwas dran?” Es war nur die helle Stimme der Journalistin zu hören gewesen, lagen die Kameras doch noch immer auf dem Männermodel, welches sich bemühte keine Miene zu verziehen. Doch gerade diese Frage war es, die ihn die strahlend blauen Augen verdrehen ließ.
„Wow, eines muss man Ihnen lassen. Sie haben Schneid.” Es erklang ein Kichern der Journalistin, die allerdings nicht von der Kamera anvisiert wurde, während Michael Cohen angeekelt das Gesicht verzog. Man sah ihm einfach an, dass er nicht nur diese Frage als äußerst unangebracht empfand, sondern auch nichts von dieser Frau hielt, weshalb es auch nicht überraschte, dass er mit einem Mal abwinkte und schwungvoll aufstand. „Ich denke, das Interview ist hiermit beendet. Au Revoir.” Und mit diesen Worten war das Interview und auch die Aufzeichnung beendet, sodass die eigentliche Klatschsendung weiterging, die das Verhalten des Mannes beurteilte.
Ein Laut der Empörung entkam Avery, die just den Fernseher ausschaltete, bevor sie an ihre vier Jahre jüngere Schwester gewandt sprach: „Das hat er ja mal wieder toll hinbekommen! Ich würde gerne mal ein Interview sehen, in dem er sich nicht wie eine Diva verhält!”
Diana sah nicht auf, fand sie doch ihren schwarzen Kaffee viel interessanter und so lauschte sie nur missmutig, als Charlie, die jüngste der drei Schwestern, mit vollem Mund schmatzte: „Heiß ist er trotzdem.” Schockiert blickten die älteren Frauen die 12-Jährige an, die tagein, tagaus auf sämtlichen Social-Media-Seiten als Influencerin tätig war.
„Dir ist schon klar, dass du zwölf bist?” Avery befühlte ihre hochgesteckten Locken, und schaute streng zu Diana, die einfach nur gelangweilt da saß und nichts sagte, geschweige denn Interesse zeigte. „Minnie! Sag‘ doch auch mal etwas!”
Mit immer noch offenem Mund sah Diana, die ihren Spitznamen Minnie ihrem kindlichen Faible für Minnie Mouse verdankte, zu Avery, ehe sie tatsächlich reagierte und Charlie indirekt zurechtwies: „Äh, du solltest zur Schule. Ansonsten lassen dich Mom und Dad nicht mehr bei uns schlafen.”
„Bei uns?” In Protest hatte Avery erst auf Diana und dann auf sich gezeigt. „Es gibt kein uns. Du bist hier nur ein vorübergehender Gast! Und das nur, bis du wieder etwas Eigenes hast. Also, bist du du. Und Henry und ich sind uns … oder halt auch wir.”
„Hat sie ihre Tage? Ich hoffe, ich werde nicht auch so, wenn ich sie das erste Mal bekomme.”
„CHARLIE!” Der letzte Ausruf der Ermahnung entkam erneut der Ältesten, wobei die mittlere Schwester einfach das Thema wechselte: „Vergiss nicht, wir holen dich um 16 Uhr ab. Danach machen wir uns fertig für diese komische Feier.”
„Wie oft noch, es gibt kein wir... und das ist keine komische Feier! Das ist eine sehr wichtige Gala und Henr-hey, ich spreche mit dir, verschwinde nicht einfach so.”
„Haben sie dich wieder ignoriert?” Ein eleganter Mann mit Salt und Pepper Haar kam in die hell beleuchtete, weiße Küche und befestigte seinen Manschetten-Knopf, während er Avery einen Kuss auf die Wange gab.
Die aristokratisch aussehende Frau im blauen Kostüm und den teuren Louis Vuitton Pumps legte ihre Stirn in Falten, was sie gleich einige Jahre älter erscheinen ließ. „Ich weiß einfach nicht, was mit ihr los ist.”
„Mit Charlie ... oder Diana?”
„Diana, natürlich.” Es war ein allgemeines Gesprächsthema am Morgen geworden, dass sie über die Schwester redeten, deren Leben nicht ganz so geradlinig verlief, wie das der Älteren. „Ich mache mir Sorgen.”
„Erst jetzt?”, fragte Henry und trank von seinem Kaffee, was er aber sogleich bereute. Der böse Blick seiner Verlobten ließ ihn schleunigst erklären, „Na ja, entschuldige, aber ... es war nur eine Frage der Zeit, wann sie durch diesen Job einen an der Klatsche haben würde.”
In Zorn riss Avery ihren Mund auf und schüttelte den Kopf. Denn obgleich sie ähnlich dachte, fand sie auch, dass das nur ihr zustand und sonst niemandem, weshalb sie auch ihren Verlobten zurechtwies: „Das hast du nicht gesagt!”
„Nein, sorry, so habe ic-Hallo? Das ist jetzt nicht fair.”
„Fairness kostet Zeit und die habe ich nicht. Überdenke, was du soeben gesagt hast, mein Guter. Ansonsten haben wir ein Problem.” Drohend hatte sie mit ihrem schmalen Finger auf ihn gezeigt, nur um dann eingeschnappt aus der Wohnung zu marschieren.
Zurück blieb Henry, der trübsinnig in seinen Kaffee schaute und mehr zu sich selbst sagte, dass er ja nichts dafür konnte, dass Diana Leichenkosmetikerin war. Allerdings schlug das Karma zu, weshalb er seinen Kaffee verschüttete, sich bekleckerte und das Hemd versaute. „Fuck!”
Gelangweilt stand Diana in einer Ecke und zupfte immer wieder an ihrem grünen Kleid herum, das laut ihrer Schwester nicht nur ihre Augen betonte, sondern auch noch von Chanel war. Insofern man auf so etwas achtete, musste das Kleid toll sein, aber für Diana war es einfach nur zu freizügig am Dekolleté, weshalb sie auch immer wieder prüfte, dass man ja nicht zu viel sah. Und so auch in diesem Moment, bevor sie schwungvoll nach einem Weinglas griff, das ein Kellner gerade auf einem Tablett herumgetragen hatte, während sie hinter sich Charlie vernahm, die sich wieder einmal für ihren Instagram-Account filmte. Ein tiefer Seufzer entkam der Frau mit den langen dunkelblonden Haaren, die sich einfach nur langweilte und von dem Getränk trank, während sie über den Rand des Glases hinweg zu den übrigen Gästen sah.
Natürlich hatte sie am Anfang das Ambiente bestaunt und war fasziniert gewesen von dem vielen hellen Marmor und den Kronleuchtern, die mit etlichen Swarovski-Kristallen besetzt worden waren, aber als sie beinahe in eine Zierpalme gelaufen war, hatte sie ihrer Bewunderung Genüge getan und sich einfach nur still in eine Ecke begeben.
Generell war diese Art von Feierlichkeit einfach nicht ihr Stil.
Man konnte bestimmt Spaß haben, insofern man jemanden kannte oder man Rang und Namen hatte, sodass die Menschen sich um einen tummelten, aber alle Leute, die Diana kannte, waren verschwunden, wohingegen ihre Schwester mit ihren unsichtbaren Followern sprach.
Das einzige Gespräch, das ihr somit gewährt worden war, war eine Frage an einen Kellner gewesen, wo man hier rauchen könnte, was jener aber nur nonverbal beantwortete, in dem er mit dem Finger auf die dafür vorgesehene Terrasse zeigte.
Es war eine Farce, wie sie fand. Denn obgleich viele Menschen sich unterhielten und die prunkvolle Gestaltung bewunderten, bemerkte man auch durchaus, dass so manches Gespräch sich gegen einen anderen Gast richtete, weshalb Diana beinahe dankbar war, dass sie nicht dazugehörte.
Und so stand sie mehr am Rande des Saals, sich am Ausschnitt herumfummelnd und Rotwein trinkend, in der Hoffnung, dass ein Jeder sie für zu beschäftigt hielt, um sich unter die Menschen zu mischen. Doch es war ihr Pech, dass Charlie keine Körpersprache beherrschte und just in der Sekunde, mit der Kamera auf sie zukam. „Und das ist das Kleid meiner Schwester ... von hinten”, hörte Diana sie gerade noch so sagen, bevor sie sich erschrocken umdrehte, da sie realisierte, dass Charlie ihren Hintern aufnehmen würde - doch sie stieß jemanden an.
„Was zum …” Die Stimme war eindeutig männlich, nicht erfreut und viel zu nahe und als Diana den Rotweinfleck auf dem weißen Hemd des Mannes ausfindig machte, erkannte sie, dass es ihr Glas gewesen war, das ihn getroffen hatte.
„Oh Gott, Entschuldigung.” Hastig erhob sie die Hand und winkte einen Kellner zu sich, während sie mit der anderen die nasse Brust des Mannes befasste und schlussendlich nach einer Serviette griff, die auf einem nahegelegenen Tisch lag. Was auch immer für eine Marke dieses Hemd war, sie war sich sicher, dass sie es sich nicht leisten konnte, weshalb sie auch ungemein panisch und stürmisch an ihm herumrieb, ehe sie bemerkte, dass es kaum etwas brachte. Und so sah sie auch verzweifelt auf die Brust des Mannes, der knapp anderthalb Köpfe größer war, während sie sich noch einmal kleinlaut entschuldigte. Allerdings brach sie mittendrin ab, denn obgleich sie noch immer aufgewühlt war, bemerkte sie, dass mit einem Mal eine schneidende Stille herrschte, die sie verwirrte.
„Baggern Sie mich gerade an?“, vernahm man die Stimme des Mannes, wobei diese mit Argwohn belegt war, während er äußerst amüsiert die Augenbrauen erhob und feixte, „Das ist definitiv etwas Neues. Sagen Sie, sehen Sie ihr Gegenüber nie an, wenn Sie ihn befummeln?”
Diana schnaubte im Trotz und konnte diese Anmaßung beinahe nicht in Worte fassen, weshalb ihr für einen Moment einfach nur der Mund offenstand, bevor es aus ihr herausplatzte: „Wie bitte? Ich bagger’ Sie nicht an!” Folglich hatte sie die Hände von ihm genommen, wobei sie weiterhin misstrauisch das Hemd beäugte und erst danach aufsah. Tatsächlich war sie sich ziemlich sicher, dass sie diese Person schon einmal gesehen hatte, aber das war in diesem Moment unwichtig, und so zwang sie sich zur Konzentration, um eine Lösung für dieses Problem zu finden.
„Ach, wirklich?” Der Mann mit den langen blonden Haaren und dem ungewöhnlichen Make-up, welches seine Augen in Rot umgab, schien ihr nicht zu glauben und deutete schlussendlich einfach nur hinter sie, sodass sie dieser Bewegung mit ihren grünen Augen folgte.
„Sie waren sogar so sehr mit Ihrem Fummeln beschäftigt, dass Sie nicht einmal mitbekommen haben, welchen Schaden Sie hier fabriziert haben.”
Diana folgte seinem Blick und erschauderte, als sie feststellte, dass überall Scherben lagen und Unmengen an Champagner vergossen war. Und infolgedessen bemerkte sie auch die Menschen, die um sie herum eine Traube gebildet hatten und leise tuschelten.
Recht argwöhnisch und mit ein wenig Skepsis blickte Diana zu dem Mann: „Das war ich? Neiiiinnnn.” Grinsend versuchte sie es abzutun und das Unschuldslamm zu mimen, aber ihr Gegenüber grinste ein wenig zu diabolisch, um dass er sich nicht an ihrem Unglück erquicken würde. „Das war ich?” Er nickte und frönte ihr, während sie nach rechts zu Charlie blickte, die das alles mit ihrem Handy aufgenommen hatte und es live auf Instagram übertrug.
„Ja, das waren Sie. Vielleicht hätten Sie nicht die Serviette greifen sollen, die unter dem Champagner lag, sondern eine andere”, kommentierte der Mann das Geschehene, zumal sie eine ganze Champagner-Pyramide wahrlich mit nur einer Bewegung zunichtegemacht hatte und nicht einmal mitbekommen hatte, wie etliche Gläser in tausend Scherben zerbarstet waren.
„Das ...“, fing Diana an und war ein wenig fassungslos, dass sie nichts mitbekommen hatte, weshalb ihr schlussendlich die Worte im Halse stecken blieben. Allerdings stand für sie fest, dass Avery und auch Henry ungemein erbost sein würden, sodass sie einfach nur stumm zu den Menschen sah, bevor sie engelsgleich lächelte, sich verneigte und einfach schnellen Schrittes das Weite suchte.
Bitte vergesst nicht, diese Geschichte zu liken und zu kommentieren. Danke, eure Justice. ♥