Eine fremde Welt
Italien, Osiglia 23. Sept. 2009
Dass ich in einer kalten Jahreszeit meinen Heimatort England verlassen würde, hätte ich nie gedacht. Und doch stehe ich genau hier. Zwischen Vergangenheit und etwas, das sich nicht einmal, wie Zukunft anfühlt. Was bleibt einem Menschen auf dieser Welt, wenn all seine Liebsten einfach verschwinden? Nicht sterben. Nicht gehen. Sondern verschwinden. Ein Moment, der nicht einem Wimpernschlag gleicht, sondern sich anfühlt wie eine Ewigkeit, die sich lautlos in die Zeit einschreibt. Während der Tod uns wenigstens ein Grab hinterlässt, einen Ort, an dem wir trauern, an dem wir uns festhalten können, nehmen die, die spurlos verschwinden, selbst das mit sich.
Keine letzten Worte. Keine Erklärung. Nicht einmal Fußspuren, denen man folgen könnte. Egal, welchen Weg ich einschlage… ich werde sie nie erreichen. Und trotzdem hat der Schmerz seinen Weg längst gefunden. Er lebt in mir. Er atmet durch mich. Er gräbt sich tiefer, mit jedem einzelnen Herzschlag. Ich lebe. Ich atme. Und dennoch fühle ich mich wie etwas, das längst aufgehört hat, ein Mensch zu sein.
Fünf Monate. Fünf Monate sind vergangen, seit meine Eltern aus meinem Leben gerissen wurden, als hätte jemand sie aus der Realität herausgeschnitten. Die Welt dreht sich weiter, als wäre nichts geschehen. Menschen lachen. Straßen sind gefüllt. Leben existiert. Nur meins nicht mehr. Diese Stadt… sie erstickt mich. Jede Straße trägt ihre Stimmen. Jede Ecke erinnert mich daran, dass sie fehlen. Und ich halte das nicht mehr aus. Also gehe ich. Ich fliehe nicht. Ich beginne neu. Osiglia. Ein Ort, den ich nicht kenne. Den ich nie zuvor gesehen habe. Ein Name auf einem zerknitterten Flyer, eine Landschaft aus endlosen Wäldern und einem Meer, das so weit wirkt, als könnte es alles verschlingen, was ich zurücklassen will. Vielleicht auch mich. Ich habe die Brücken hinter mir verbrannt. Meine Nachbarn. Meine Freundin Nele. Und Kay… Der Gedanke an ihn zieht sich wie ein leiser Riss durch meine Brust. Ich habe nur eine Nachricht hinterlassen. Keine Erklärung. Kein Abschied. Sie wissen nicht, wo ich bin. Und wenn sie es wüssten… hätten sie mich aufgehalten.
»Es tut mir leid…«, flüstere ich in die Stille, obwohl niemand da ist, der es hören könnte. Aber ich brauche das hier. Diesen Neuanfang. Oder zumindest die Illusion davon. Jetzt sitze ich in meinem Geländewagen, lasse die letzten Spuren der Zivilisation hinter mir und fahre einen schmalen, kaum erkennbaren Pfad entlang. Die Karte liegt lose auf meinem Schoß, das Papier raschelt bei jeder Bewegung, als würde selbst sie mich warnen, weiterzufahren. Die Uhr zeigt Mitternacht. Die Welt um mich herum versinkt in Dunkelheit, doch der Vollmond hängt tief über dem Meer und taucht alles in ein kaltes, silbernes Licht. Es ist seltsam beruhigend. Fast so, als würde er über mich wachen. Und wenn ich ehrlich bin… fühle ich mich zum ersten Mal seit Monaten nicht mehr völlig verloren.
Der Wald zur Linken wirkt dicht und fremd, beinahe bedrohlich. Und doch liegt in dieser Dunkelheit eine Ruhe, die ich lange nicht gespürt habe. Ich öffne das Fenster. Die kalte Herbstluft streicht über mein Gesicht, schneidend und klar, und für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, wieder atmen zu können. Wirklich zu atmen. Doch dann - trete ich abrupt auf die Bremse. Der Wagen kommt ruckartig zum Stehen, das Geräusch zerreißt die Stille wie ein falscher Ton in einer perfekten Melodie. Ich weiß nicht, wie lange ich reglos dasitze.
Mein Blick ist gefangen. Festgehalten von etwas, das dort draußen nicht existieren sollte. Nicht zu dieser Jahreszeit. Nicht an diesem Ort. Langsam lege ich meine behandschuhte Hand auf den Türgriff. Ein leises Klicken. Die Tür öffnet sich. Die Kälte schlägt mir entgegen, doch ich spüre sie kaum, während ich einen Schritt nach draußen trete. Der Boden ist feucht, weich unter meinen Füßen, der Geruch von Erde und Laub steigt in meine Nase. Und dann sehe ich sie. Fünf. Fünf kleine Schmetterlinge. Doch sie sind nicht einfach nur Schmetterlinge. Ihre Flügel tragen ein tiefes, lebendiges Blau, durchzogen von dunklen Linien, als hätte jemand sie mit Absicht gezeichnet. Und sie… leuchten. Nicht schwach. Nicht flüchtig. Sondern so hell, dass sie die Dunkelheit um sich herum durchbrechen. Mein Atem stockt. Es ist… unmöglich. Und gleichzeitig das Schönste, was ich je gesehen habe. Es scheint unmöglich, dass diese fünf flatternden Geschöpfe genauso strahlen wie der Vollmond hinter mir, dessen Licht ich selbst durch den dicken Stoff meiner Daunenjacke auf der Haut spüren kann. Und doch tun sie es. Eine seltsame, kaum greifbare Energie legt sich um mich, drückt sanft, aber unnachgiebig gegen meine Brust, als würde sie versuchen, sich genau dort einen Platz zu schaffen, wo mein Herz längst nur noch aus Rissen besteht. Langsam… beinahe ehrfürchtig… erheben sich die Schmetterlinge vor mir vom Boden. Mein Atem stockt. Meine Lippen öffnen sich, ohne dass ein Laut entweicht. Ich starre sie an, gefangen zwischen Staunen und etwas, das ich nicht benennen kann, während sie vor meinem Gesicht flattern - wild, lebendig, leuchtend - und dennoch keine Spur von Angst vor mir zeigen. Als würden sie mich kennen. Als würden sie mich… willkommen heißen. Ihr Licht ist so intensiv, dass es in meinen Augen brennt, als würde es sich direkt in meine Gedanken hineinschreiben. Und dann, fast lautlos, setzen sie sich in Bewegung. Fort von mir. Tiefer in den Wald. Ohne zu zögern, lasse ich den Wagen hinter mir zurück. Als hätte ich nie eine andere Wahl gehabt. Ich folge ihnen. Schritt für Schritt, hinein in die Dunkelheit, während die frische, kühle Luft des Waldes meine Lungen füllt und sich mit jedem Atemzug etwas in mir löst, das ich seit Monaten festgehalten habe. Sie wirken friedlich. Sanft. Wie Wesen aus einem Märchen, das nie für Menschen bestimmt war. Verloren… und doch voller Bedeutung. Genau wie meine Familie.
Das Rascheln der Blätter unter meinen Füßen begleitet mich, während die Schmetterlinge sich drehen, ihren leuchtenden Tanz fortsetzen und mich weiterführen - tiefer, weiter, bis sich plötzlich etwas vor mir auftut, das ich im ersten Moment gar nicht begreife. Mein Haus. Ich bleibe stehen. Mein Blick gleitet langsam darüber, als müsste ich mir selbst beweisen, dass es wirklich existiert. Ein kleines, zweistöckiges Haus, verborgen mitten im Wald. Zwei schmale Stufen führen hinauf zur Veranda, deren Holz im Mondlicht matt schimmert. Die Tür ist schlicht, mit einem gitterartigen Glasfenster, hinter dem nur Dunkelheit liegt. Der Schaukelstuhl daneben bewegt sich sanft im Wind. Knarrend. Langsam. Als hätte jemand gerade erst darin gesessen. Ich trete näher. Die Schmetterlinge steigen höher, tanzen über mir, und für einen Moment strecke ich meine Hand aus, als könnte ich einen von ihnen berühren - als könnte ich dieses Licht festhalten. Doch sie entgleiten mir. Ziehen weiter. Vorbei an den Fenstern im oberen Stockwerk, umkreisen das Dach, ihre leuchtenden Spuren wie flüchtige Linien in der Nacht, bis sie sich plötzlich wieder senken.
Knapp an meinem Kopf vorbei. Als würden sie mich drängen. Weiterzugehen. Ich drehe mich um. Und bleibe wie erstarrt stehen. Direkt gegenüber meinem Haus, nur wenige Meter entfernt, steht eine kleine Holzhütte. Zwei Fenster leuchten warm in der Dunkelheit. Und davor - eine Person. Er steht mit dem Rücken zu mir, an einem langen Holztisch, regungslos, als wäre er ein Teil dieser Nacht. Der Vollmond hängt direkt über ihm, so groß, so nah, dass sein Licht sich wie ein Schleier über seine Gestalt legt. Die Schmetterlinge sammeln sich über ihm. Und dann geschieht es. Sie lösen sich auf. Nicht plötzlich. Nicht brutal. Sondern, als würden sie genau dorthin gehören. Zwei setzen sich auf seine schwarze, ärmellose Weste. Einer gleitet auf seine Schulter. Ein weiterer verfängt sich in der Kapuze aus schwarzem Fell. Die übrigen verlieren sich an seiner breiten Gestalt. Mein Herz schlägt schneller. Ich wusste nicht…, dass ich einen Nachbarn habe.
»Guten Abend«, sage ich leise. Die Schmetterlinge schießen plötzlich in die Höhe und verschwinden in der Dunkelheit, als hätten sie ihre Aufgabe erfüllt. Der Fremde bewegt sich. Langsam dreht er den Kopf in meine Richtung.
»Ich bin Arela«, sage ich, obwohl ich nicht weiß, warum ich mich vorstelle. Vielleicht, weil die Stille sonst zu laut wäre. Sein Blick hebt sich nicht zu meinem Gesicht. Er bleibt tiefer hängen. Auf meinen halbhohen Stiefeln. Seine Augen… Ich halte den Atem an. Rot. Nicht dunkel. Nicht gedämpft. Sondern leuchtend. Unnatürlich. Er trägt die Kapuze, aber man erkennt seine Haare. Sein Haar ist tiefschwarz, fällt in einer langen Strähne über seine Augenbraue, während der Rest unter der Kapuze verborgen bleibt. Die Seiten sind kurz geschnitten, kaum sichtbar, aber deutlich genug, um den Kontrast zu verstärken. Metall blitzt an seinem Ohr auf - mehrere Ohrringe, unterschiedlich, kühl glänzend im Mondlicht.
Sein Gesicht… Zu perfekt. Makellos. Als hätte jemand jede Linie bewusst gesetzt. Seine Wangenknochen sind scharf, seine Lippen voll und ruhig, seine Haut so klar, dass das Licht darauf fast bricht. Und er ist groß. Zu groß. Breit. Gefährlich. Ich weiß nicht, ob ich Angst habe. Eine Spannung liegt zwischen uns. Still. Unbeweglich. Und doch kaum auszuhalten. Er dreht den Kopf leicht zur Seite. Ein dumpfes Geräusch durchbricht die Nacht, als etwas auf den Tisch fällt. Dann setzt er sich in Bewegung. Geht auf die Tür der Hütte zu. Und ich… bleibe stehen. Mein Blick fällt auf den Tisch. Und alles in mir zieht sich zusammen. Der Hirsch. Zerteilt. Blutgetränkt. Frisch. Das Dunkel glänzt noch im Mondlicht. Mein Magen verkrampft sich. Doch das ist nicht das, was mich wirklich erstarren lässt. Es ist dieses… Licht. Ein flüchtiger, kaum greifbarer Schimmer über seiner linken Brust. Nur für einen Moment. Zu schnell, um sicher zu sein. Zu hell, um es zu ignorieren. War es Einbildung? Seine Weste schließt sich, als hätte er meinen Blick gespürt. Zu schnell. Zu bewusst. Ich zweifle. An mir. An dem, was ich gesehen habe. Er verschwindet in der Hütte. Die Tür fällt ins Schloss. Und das Licht im Inneren erlischt sofort. Zu schnell. Zu endgültig. Ich starre auf das Fenster. Auf den Vorhang, der sich kaum bewegt. Und dann - sehe ich es. Einen schwachen Lichtfunken. Pulsierend. Aufglühend. Verlöschend. Wieder und wieder. Im gleichen Rhythmus… wie mein Herz.