Vernon: Verloren in deiner Seele

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Summary

Leseprobe❗️ Erhältlich über Amazon❗️ Estha wollte nur frei sein. Frei von Angst, von Schuld. Doch dann kreuzt Vernon ihren Weg - gefährlich, unberechenbar. Zwischen Schutz und Zerstörung, Nähe und Gewalt, beginnt ein Spiel, das niemand kontrollieren kann. Dies ist eine Geschichte über falsche Entscheidungen, schmerzhafte Gefühle und die Frage, warum das Herz oft genau das liebt, was ihm wehtut. Über Loyalität, Verrat und eine Liebe, die niemals einfach ist - aber unmöglich zu ignorieren.

Genre
Romance
Author
Mediha C.
Status
Complete
Chapters
5
Rating
5.0 20 reviews
Age Rating
18+

Das Leuchten

Heute ist der Tag. Der Tag, an dem ich mit meiner besten Freundin Bethia Kanada verlasse und in ein neues Kapitel hineinfalle. In ein Leben, das irgendwo zwischen Sehnsucht und Furcht beginnt. New York. Allein das Wort klingt wie eine Tür, die sich knarrend öffnet. Dahinter: unser Studium, ein Anfang, von dem wir jahrelang geträumt haben. Zusammen. Und doch weiß ich, dass in diesem Moment alles, was wir kennen, hinter uns bleibt – und vor uns eine Stadt liegt, die uns entweder verschlingen oder wachsen lassen wird. »Ja, Mama. Mach dir keine Sorgen.« Als ob sie das könnte. Mütter können ja nicht mal schlafen, wenn man sich nur einen Abend verspätet – geschweige denn, wenn man mit achtzehn das erste Mal in die große, böse Welt verschwindet.

»Bethia und ich haben gerade eine Pizza gegessen«, sage ich betont gelassen, während ich das Handy an Bethias Ohr drücke. Ich starre hinaus auf die Glasscheibe, die die Hitze von uns fernhält, während der Taxifahrer den Kreisverkehr nimmt, als wäre er auf der Flucht vor seinen eigenen Dämonen. »Ja, Tante. Keine Sorge, sie trägt was Angemessenes.« Ich mustere mein bauchfreies Oberteil, das knapp über die Jeans reicht – perfekt für New Yorks brütende Nächte, völlig ungeeignet für die hysterische Fantasie meiner Mutter. Meine Haare kleben bereits feucht an meinem Nacken. »Okay, Tante, wir melden uns… Hallo? … Empfang weg.« Bethia kappt die Leitung und jubelt los, als hätte sie gerade ein Fußballspiel gewonnen. »Wir ziehen wirklich zusammen! Estha, das ist Wahnsinn!« Sie wirft mir das Handy auf den Schoß, bindet ihre langen Haare zusammen und schwitzt so auffällig, dass selbst ihr schwarzer BH wie ein verzweifeltes SOS-Signal durchscheint. »Feiern wir es?« Ihre Augen funkeln, als hätte sie vergessen, dass Alkohol und ich eine toxische Beziehung pflegen. »Weißt du noch, wie du damals ohne Shirt über die Straße gelaufen bist?«, frage ich und boxe leicht gegen ihren Oberschenkel. »Immerhin hatte ich da meinen ersten Kuss. Was kannst du schon vorweisen?«, fragt sie. Ich rücke näher ans Fenster, starre auf die dunklen Hochhäuser, deren erloschene Fenster aussehen wie tote Augen. Bethia lacht schrill. Der Wagen hält. Ich bezahle den Taxifahrer, öffne den Kofferraum. Aus dem Augenwinkel rauscht ein Schatten an mir vorbei – ein Junge in schwarzem Oberteil, Kapuze tief im Gesicht, sprintet in unseren Innenhof.

»Hilf mir, die Koffer rauszunehmen«, knurrt Bethia. »Es ist Mitternacht, Estha. Ich schwöre, ich spüle eine Woche ab, wenn wir morgen blau machen dürfen«, redet sie. Eine Sirene heult auf. Ein Polizeiwagen rast vorbei. Mein Herz stolpert, während der Taxifahrer ungeduldig hupt, als wolle er uns gleich mitsamt Gepäck auf die Straße kippen. »Komm, wir hauen ab«, sage ich und schnappe mir die Koffer. Meine Hände zittern ein wenig, aber Bethia merkt es nicht. Oder will es nicht merken. Im Vorhof steht eine Gruppe Jungs herum. Ihr Lachen klingt wie Glas, das gleich zerspringt. Und ich? Ich frage mich, ob wir hier gerade ein neues Kapitel anfangen – oder direkt in eine Fußnote zur nächsten Polizeimeldung geraten sind.

»Er hätte ihm nie die Nase gebrochen, wenn er geschwiegen hätte! Ich schwöre bei Gott!«

»Ich habe immer noch die Aufnahme! Komm her, ich zeig’s dir!«

Ihre Stimmen sind so laut, als wollten sie das ganze Viertel wecken. Rücksicht ist für sie offenbar ein Fremdwort – oder ein Schimpfwort.

»Ey! Gib mir den Joint, du Wichser, sonst ziehst du ihn allein leer!«

»Verpiss dich, hier und jetzt!« Sie lachen, brüllen, prügeln sich, umarmen sich – wie ein schlechter Actionfilm auf Repeat. Und dann bemerkt einer mich. Seine dunklen Locken glänzen wie frisch geölt, die Seiten kurzgeschoren, das Gesicht glatt wie eine Werbung. »Frag doch, ob die uns helfen können, die Koffer hochzutragen.« Bethia flüstert. »Lieber nicht«, murmele ich, ohne den Blick vom Typen zu lösen. Er steckt die Hände in die Taschen seiner Jeans, als würde er gleich eine Predigt halten. Stattdessen schweigen sie plötzlich, als wir uns die Treppe hocharbeiten. Und Schweigen von einer Horde Jungs ist schlimmer als jedes Gebrüll. »Ey!«, zischt es links. Ich starre verbissen auf meine Schuhe. »Sssst. Schau mal her.« Pfiffe, Rufe, Gelächter. Natürlich. Ich zähle in Gedanken: Eins, zwei, drei – ignorier sie, Estha, einfach ignorieren. Dann fliegt ein 100-Dollar-Schein auf meinen Kopf. Ironie des Abends: Zum ersten Mal in meinem Leben wirft mir jemand Geld nach – und es fühlt sich nicht mal gut an. »Verdienen die mehr als wir?«, höhnt einer. Dunkle schwarze Locken. Seiten rasiert. Blick tödlich. Wir schaffen es bis zu den Klingeln. Da kommt der Schlag: eine Hand auf meinem Hintern, kräftig, dreist, als wäre ich eine Spendenbox. Mir entgleiten die Koffer, die Tasche fällt scheppernd zu Boden. Der Junge mit den Locken. »Was glaubst du, was du da tust?!« Ich keife. Er hält mir nur sein Handy ins Gesicht, die Kamera gierig, unverschämt.

»Weil dein Arsch nach mir gerufen hat, Baby. Nur Leute wie wir hören das – hungrige Wölfe!« Das Lachen seiner Freunde ist so laut, dass es in den Beton frisst. Meine Kehle schnürt sich zu. Ich will etwas sagen, doch er zoomt mit der Linse auf meine Brüste, als wäre ich ein Zoo-Tier, das gleich gefüttert wird. »Das, was du machst, ist falsch. Das solltest du wissen«, presse ich hervor. Meine Stimme klingt kleiner, als ich sie wollte. »Ich heiße Yadid. Und ich bin falsch. Du hast schöne Lippen. Was kosten die?«, grinst er, während seine Hand meinen Mund fast streift. »Lasst sie gehen.« Und dann – Stille. Eine Stimme, tief und scharf wie ein Messer. Der Typ steckt sein Handy hastig ein, weicht zurück. Auch die anderen schweigen. Ich drehe mich langsam um. Da steht er. Fast zwei Meter groß, der Schweiß glänzt auf seiner braunen Haut, als hätte ihn die Nacht selbst geformt. Ein schwarzes Oberteil hängt achtlos über seiner Schulter, sein Oberkörper frei, die Muskeln wie gemeißelt. Über seiner Brust prangt in schwarzen Lettern ein Tattoo: Choose your heart. Seine Haare – goldblond, wellig, ein chaotisches Durcheinander, das trotzdem glänzt, als läge darin ein geheimer Plan. Zwei Strähnen fallen ihm sanft vor die Augen, die Seiten dagegen scharf rasiert, als wollte er beides sein: das Wilde und das Strenge. Sein Gesicht – glatt, makellos, die Haut gebräunt wie poliertes Holz. Doch es sind die kantigen Augenbrauen, viel zu dunkel für das helle Haar, die ihm dieses gefährliche Etwas verleihen, das mich zugleich warnt und lockt. Seine Lippen: voll, weich, ein unnatürliches Rosa, das fast unschuldig wirkt – ein Widerspruch zu der Härte, die er ausstrahlt. Lange, dichte Wimpern werfen Schatten auf Wangen, die viel zu ebenmäßig sind, um harmlos zu sein. Und dann seine Augen – ein Smaragdgrün, so rein und tief, dass sie wie ein Tor wirken, durch das man fällt, ohne wieder aufzutauchen. Er lächelt nicht. Er muss nicht. Seine Präsenz allein ist wie ein Messer am Hals – scharf, unübersehbar – und gleichzeitig wie eine rettende Hand, die man in letzter Sekunde ergreifen will. Er sieht mich ohne ein Lächeln im Gesicht an, seine Miene ernst und ausdruckslos. Langsam löst er den Rücken von der Tür, zieht beide Hände aus den Hosentaschen seiner schwarzen Jeans.

Über den Knochen erkenne ich einen fremden Schriftzug – Linien, die ich nicht lesen kann, aber die seine Hände noch rauer, noch gefährlicher erscheinen lassen. »Lasst sie gehen.« Seine Stimme ist tief, eindringlich, wie ein Versprechen und eine Drohung zugleich. Die anderen schweigen. Er tritt zur Seite, macht Platz, als hätte er die Nacht selbst beiseitegeschoben, damit wir durchkönnen. »Komm, Estha. Vergiss sie einfach«, sagt Bethia leise, doch bestimmt. Sie hebt meine Tasche auf, und ich spüre, wie meine Anspannung sich wenigstens für einen Atemzug löst. Der Fremde zündet sich eine Zigarette an, seine Brauen zusammengezogen, die Lider halb geschlossen, als wolle er den Asphalt hypnotisieren. Ich folge Bethia, doch mein Blick hängt an ihm. »Vernon! Eine Straßenecke weiter! Einer von den Jungs hat ihn gesehen! Jetzt oder später?«, höre ich. »In den Hinterhof.« Seine Stimme, düster und schwer, klingt wie das Gewicht der Nacht selbst. Bethia öffnet die Tür, ich drehe den Kopf zurück. Er pustet den Rauch aus, langsam, durch seine vollen, rosigen Lippen. »Danke«, flüstere ich. Er hebt den Kopf, zögernd, und unsere Blicke treffen sich. Grün, so hell, dass es mir fast schmerzt. »Was für ein scheiß Benehmen!«, faucht Bethia, schiebt mich ins Gebäude. Die Glastür knallt hinter uns, als wollten wir die Welt aussperren. »Schau mal – eine verdammte Spritze«, sagt sie angewidert und stößt sie mit dem Fuß beiseite. »Und da – ein benutztes Kondom. Ekelhaft! Wenn die Wohnung genauso aussieht, zieh ich lieber wieder zu den Kerlen«, neckt sie. »Immerhin praktisch«, murmele ich. »Spritze und Gummi – Gesundheitspaket inklusive.« Der Fahrstuhl kommt, alt und müde. Drinnen: ein Spiegel voller Schmierereien, Beleidigungen und ein lachender Penis. »Da ist einer künstlerisch begabt«, spottet Bethia. »Immerhin lächelt er und hat mehr Spaß als wir«, entgegne ich, grinse schief. Bethia zieht ihren roten Lippenstift, malt dem Ding eine Krawatte. »Voilà, Business-Class«, lacht sie. »Du passt perfekt zur Nachbarschaft.« Ich klopfe ihr auf die Schulter. Die Sieben leuchtet, die Tür geht auf – und sofort schlägt uns der Gestank von Rauch und billigem Parfum entgegen. Noch mehr Typen, noch mehr Gelächter. Ihre Augen hängen an uns wie an Frischfleisch. »Gott… noch mehr von denen?«, zischt Bethia. »Komm, wir müssen nach rechts.« Wir gehen, doch die Pfiffe folgen uns. »Was haben wir denn da? Bestellung für mich?«, sagt einer. Ich spüre die Blicke wie Nadeln auf der Haut. Zwei Typen stehen direkt vor unserer Tür, einer mit roten Sneakern. »Wie könnt ihr nur so gut aussehen?«, fragt er.

»Der Junge da unten hat gesagt, ihr sollt uns in Ruhe lassen!« Ich reiße die Stimme hoch, bevor er weiterreden kann. »Meinst du Vernon?«, fragt er, kratzt sich mit seiner bandagierten Hand am Kinn. »Ja«, antworte ich, doch meine Nervosität wächst, als der nächste Typ näherkommt. »Seid ihr seine Groupies?«, grinst er und legt den Unterarm auf die Schulter seines Freundes. »Seine was?«, frage ich, verwirrt, und werfe Bethia einen Blick zu. Sie ist genauso perplex. »Er fragt, ob ihr seine Nutten seid«, fragt sein Freund. Da spüre ich Atem in meinem Ohr. Ich zucke zusammen, drehe mich um – ein Junge mit schwarzen, mittellangen Wellen, Mittelscheitel, das Tropfen-Tattoo über seiner Braue. Er zieht an meinem Top. »Du weißt schon, die Bums-Puppe«, lacht er. Ich packe seine Hand, reiße sie weg. »Leider muss ich dich enttäuschen. Wir gehören nicht zu ihm. Aber vielleicht bist du ja seine Bums-Puppe«, rede ich mutig. Seine Freunde lachen – nicht mit ihm, sondern über ihn. Das Grinsen in seinem Gesicht gefriert. »Wie wär’s, wenn du das noch mal sagst, du Schlampe!« Sein Brüllen knallt gegen meine Ohren, als hätte jemand einen rostigen Blecheimer neben meinem Kopf zertreten. »Ganz ruhig, Bailee. Vernon sagt, wir sollen sie in Ruhe lassen.« Sein Kumpel greift ihn am Unterkörper und zieht ihn weg, wie man einen viel zu aufgedrehten Hund vom Gartentor zerrt. Mein Puls hämmert. Gereizt, genervt, erschrocken zugleich. »Mach sie endlich auf!«, fauche ich Bethia an und trete mit der Fußspitze gegen die Haustür. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was schlimmer ist – diese Horde testosterontriefender Primaten draußen oder die Aussicht, gleich in einer Wohnung zu stehen, die vermutlich schäbiger ist als ihre Seelen. Die Tür springt auf. Wir treten ein – und es ist schlimmer. Zerfetzte Tapeten, nackter Betonboden, eine Küche, deren Schränke beim nächsten Nieser über uns zusammenbrechen würden. Eine Balkontür ohne Glas, als hätte der Architekt irgendwann einfach kapituliert. Ich kneife die Augen zusammen, um nicht loszubrüllen. Wir landen auf unseren Jacken im Wohnzimmer. Minuten vergehen. Mein Kopf brummt. »Eins steht fest«, sage ich tonlos. »Wir müssen am Wochenende arbeiten. Sonst schlafen wir bald direkt unter dem Müllcontainer.« Ich tippe meiner Mutter eine Nachricht: Sie soll mir wenigstens Kissen und Decken schicken – für das Nötigste. Bethia seufzt, wirft die Haare zurück und macht – ein Selfie. Mit Ruinenromantik im Hintergrund.

»Ich kann nicht arbeiten und Uni. Du weißt doch, wie ich bin«, sagt sie. »Dann kümmerst du dich ums Putzen. Ich geh arbeiten«, antworte ich. Ihr Gesicht hellt sich sofort auf. »Du bist ein Engel! Vielleicht lernst du ja sogar einen netten Typen kennen, der dich endlich mal zwischen den Beinen knacken lässt«, zwinkert sie. »Na los, sei ehrlich. Du bist so konservativ, du würdest vermutlich sogar noch im Brautkleid Nein sagen. Heiraten Ja, ficken Nein«, lacht sie. Ich will antworten, doch sie umarmt mich lachend von der Seite. Genau in diesem Moment hören wir das Geräusch. Laut, hart, roh – ein Gerangel draußen im Hinterhof. »Was ist da los?«, frage ich, springe mit ihr gleichzeitig auf. Wir rennen auf den Balkon.

»LASS IHN FALLEN!«

»ZIEH IHM DIE SCHUHE AUS, BAILEE!«

Im bleichen Mondlicht drängen sich Gestalten. Fäuste, Stangen, Baseballschläger. Ein Mensch in ihrer Mitte, mehr Schlagfläche als Körper. Blut spritzt, Stimmen schreien. »NIMM AUF!«, brüllt einer. Ein Handy leuchtet. Sie treten, schlagen, filmen – wie ein Rudel Hyänen, das fürs Internet probt. Neben uns schließen die Nachbarn ihre Fenster. Wegschauen, weghören, wegleben. »Das sind die von vorhin«, flüstert Bethia. Und da sehe ich ihn: der Junge mit dem goldenen Haar, der Zigarette, der uns eben noch verteidigt hat. Er steht abseits, regungslos, als gehöre das alles nicht zu ihm. »VERNON, WAS JETZT?!«, ruft Bailee, der eben noch fast über mich hergefallen wäre. Vernon zieht am Joint. Der Rauch ist dick, schwarz, als könne er das ganze Viertel verschlucken. Dann pfeift er, laut, schrill. Die Meute stoppt sofort, tritt zurück. Der Verletzte liegt am Boden, blutüberströmt. Vernon tritt vor, wie ein König, der nur wegen der Krone ernst genommen wird. Das Glühen seines Joints wirft Funken in die Dunkelheit. Er zieht erneut daran, dann hockt er sich nieder, streift dem Opfer den Pullover ab.

»Was macht er da?«, flüstere ich. Mein Bauch zieht sich zusammen. Mit einer erschreckenden Ruhe presst Vernon das glühende Ende des Joints auf die Brust des Jungen – direkt über dem Herzen. Der Verletzte schreit, windet sich, schlägt um sich. Zwei andere packen seine Arme, halten ihn fest. »Jetzt wird’s spannend!« Bethia beugt sich noch weiter über das Balkongeländer. Ich verschränke die Arme, um nicht zu zittern. Spannend ist nicht das Wort. Es ist grausam, hypnotisch. Und Vernon? Er sieht dabei aus, als würde er lediglich eine Zigarette ausdrücken – nicht ein Leben. »Ist es normal, dass ich das gerade heiß finde?« Bethia sagt das wirklich. Völlig ernst. Während ich den Atem anhalte, lobt sie eine Szene, die aus einem Albtraum stammen könnte. Vernon wirft den Joint achtlos auf den Boden, als wäre er fertig mit der Welt, und wühlt seelenruhig in den Hosentaschen des halb toten Jungen. Portemonnaie, Handy – Jackpot. Als er sich aufrichtet, heben sich seine Augen. Grün, leuchtend, unverschämt. Sie treffen meine wie ein kalter Schlag. »Oh mein Gott, er schaut hoch!«, keuche ich, während Bethia panisch neben mir in die Hocke geht, als könnte sie zwischen den Balkonfliesen verschwinden. Ich bleibe stehen. Erstarrt. Gefangen in diesem Blick, der so tief ist, dass er all die Dunkelheit ringsum mühelos verschluckt. Er verstaut die Beute in seiner Tasche, tritt rückwärts, ohne die Augen von mir zu lösen – bis er mir schließlich den Rücken zudreht und mit leisen Schritten aus der Menge gleitet. »Ich glaube, jetzt sollten wir wirklich reingehen«, flüstert Bethia, diesmal mit zitternder Stimme, und krabbelt wie ein erschrockenes Tier ins Wohnzimmer zurück. Ich bleibe noch einen Moment am Geländer, sehe, wie Vernon zu den Müllcontainern geht, ein Messer aufklappen lässt und mit der Gelassenheit eines Handwerkers ein Fahrradschloss aufschneidet. Die anderen filmen weiter, bespucken den blutüberströmten Jungen, lachen, als sei er ihr Haustier. Alles, was ich bisher nur aus den Nachrichten kannte, spielt sich jetzt direkt unter meinem Balkon ab. Und ich? Ich stehe mittendrin. Das letzte, was ich von Vernon sehe: wie er sich auf das geklaute Fahrrad schwingt, das Messer wieder in der Hosentasche versenkt – und mir ein letztes Mal über die Schulter in die Augen blickt. Nur ein Blick, aber genug, um mich die ganze Nacht wach zu halten. Am Morgen wache ich nicht wirklich auf – ich war gar nicht eingeschlafen. Um sieben zwinge ich mich ins Bad, wasche mir das Gesicht, als könnte ich die Bilder einfach abspülen. Weißes Shirt, schwarze Jeans, offene Haare. Keine Farbe, kein Lippenstift. Tarnung. Bethia dagegen sieht aus wie immer: rote Lippen, Locken, volle Bühne. Wir fahren zur Uni in Greenwich Village – ein Ort, der wirkt, als gehörte er zu einem anderen Planeten. Längst sitzen wir im Büro. »Können Sie wirklich nichts daran ändern? Bitte!«, fleht Bethia die Direktorin an. Doch Frau Doroth schüttelt nur den Kopf.

»Du hast dich für Kunst beworben. Daran lässt sich nichts mehr rütteln, Liebes«, sagt sie. »Toll. Neue Freunde, neue Scheiße.« Bethia knallt in den Sessel, Arme verschränkt. »Geht in die erste Etage«, sagt Frau Doroth knapp und reicht uns die Zettel. »Schlampe«, murmelt Bethia, kaum hörbar. »Danke Ihnen. Wir sind mehr als zufrieden«, sage ich mit einem Lächeln, ziehe Bethia hoch und bugsiere sie zur Tür. »Die Neuen sind immer die Außenseiter. Ich bereue es so sehr, dass ich auf meine Mutter gehört habe!«, redet sie. Ich lege den Arm um ihre Schulter. »Ach komm. Wir werden die besten Außenseiter, die diese Uni je gesehen hat. Streber-Königinnen. Das hier ist unser Scheiß.« Lachend zerknülle ich die Zettel und werfe sie über unsere Köpfe. »Gott, Estha, du brauchst mehr Drama in deinem Leben«, stöhnt sie, kneift mir in den Hintern. Wir stehen vor den Hörsälen. Zwei Türen, zwei Wege. »Viel Glück«, sage ich und verschwinde. Der Saal ist voll. Ich setze mich in die letzte Reihe, Laptop auf, bereit, endlich normal zu sein. »Wie ich schon erwähnte, behandeln wir Betriebswirtschaftslehre, Finanzierung, Rechnungswesen…« Die Stimme des Professors klingt wie Musik in meinen Ohren. Endlich. Ein Stück Normalität. Doch dann – ein Geräusch. Neben mir landet eine Tasche. »Was suchst du denn hier?!« Ich drehe den Kopf – und da sitzt Bailee. Der Idiot von letzter Nacht. Füße auf dem Vordersitz, grinst mich an. »Na, was wohl? Ich bilde mich weiter«, antwortet er. »Bildung und du? Das ist, als würde man einem Goldfisch Mathe beibringen. Nett, aber hoffnungslos.« Ich lache kalt. »Dich kann man doch auch noch retten, oder nicht?! Wenn du es schon aus dem Puff geschafft hast, dann kann ja jeder Hoffnung haben.« Bailee lehnt sich zurück, Arme hinterm Kopf, Tanktop nassgeschwitzt, als hätte er eine Karriere im Müllsack-Boxen. Mit seinem Schuh klopft er rhythmisch gegen den Sitz vor uns, als wolle er mir zusätzlich den letzten Nerv ziehen. Vergiss nicht die Nacht, Estha. Denk dran, was sie mit diesem Jungen gemacht haben. Du willst nicht so enden. Ich starre stur auf meinen flackernden Laptop und klammere mich an die monotone Stimme des Professors. Doch Bailees Tippen auf seinem Handy ist lauter als mein Herzschlag. »So viel Mist hier. Schreib alles für mich mit. Später klingelst du bei Russo und gibst es da ab«, verlangt er. »Bitte was?!« Ich reiße die Augen hoch. Er packt sein überdimensioniertes Notebook aus dem Rucksack, klatscht es auf meinen Laptop, als wären meine Knie ein verdammter Tisch. »Verliere es nicht. Sonst zahlst du mit deinem Hintern.« Dann schwingt er den Rucksack über die Schulter und schlendert los.

»WARUM muss ich das machen?!«, brülle ich ihm hinterher. Der Saal dreht sich, alle Augen auf mich. Bailee bleibt in der Reihe stehen, zuckt mit den Augenbrauen. »Weil du Vernons Groupie bist. Schreib’s auf und gib’s ab, du Groupie!«, redet er. »ICH BIN NICHT SEIN GROUPIE!« Meine Stimme überschlägt sich, hallt wie eine Sirene. Selbst der Professor bleibt mit seinem Stock vor der Leinwand stehen, als hätte er gerade die erste Szene in einem billigen Theaterstück gesehen. »Entschuldigung«, murmele ich, knallrot, und sinke wieder in meinen Sitz. Bailee lacht, läuft seelenruhig hinaus und lässt mich mit seinem dämlichen Notebook zurück. Ich starre es an und denke ernsthaft darüber nach, wie schön es wäre, wenn es zufällig aus dem Fenster fallen würde. Am Ende notiere ich doch alles. Nicht weil er es verdient hätte – sondern weil mein Laptop endgültig den Geist aufgibt. Aber sobald ich zu Hause bin, kommt alles auf meinen Stick und dann… Shift + Delete. Das verspreche ich mir selbst. Nach der Vorlesung stapfe ich mit anderen Studenten die Treppe hinunter, Rucksack schwer, Kopf voller Wut. Unten, bei den Schließfächern, bleibe ich abrupt stehen. Vernon. Seine goldblonden Haare sind streng zurückgekämmt, ohne das Volumen zu verlieren, ein schwarzes Tanktop hängt locker an seinen Schultern, der Ausschnitt verrät viel zu viel Haut. Drei silberne Ketten glänzen auf seiner Brust, eine goldene dazwischen – funkelnd wie seine Augen, die mich schon wieder fixieren. Ich schaue sofort weg, laufe schneller, aber sein Duft erwischt mich – herb, rauchig, zu intensiv, um ihn zu ignorieren. »Cady will eine kleine Packung. Wenn du Rabatt gibst, bläst sie dir dafür einen«, höre ich einen der Jungs sagen. »Die Preise sind fest.« Vernon antwortet tonlos. »Estha!« Bethia stürmt an den Spinden vorbei, rennt direkt auf mich zu. Ich spüre Vernons Blick noch immer im Nacken, doch Bethia blockiert mir die Sicht, packt meine Arme, als hätte sie die Lottozahlen gewonnen. »Ich habe tolle Nachrichten! Halt dich fest! Ich liebe diese Uni, du Bitch!«, ruft sie. »Hattest du nicht roten Lippenstift drauf?« Ich blinzle sie an. Ihre Lippen glitzern silbern. »Habe ich von unseren neuen Freundinnen bekommen«, antwortet sie. »Freundinnen? Habe ich was verpasst?«, frage ich. Sie dreht mich zur Seite, zeigt mit einem Nicken auf ein Mädchen neben Vernon. »Das ist Cady.« Cady sieht aus, als käme sie direkt aus einer Werbung: schwarze glatte Haare bis zur Hüfte, Make-up perfekt, Kleid eng und mit Pailletten übersät. Sie glitzert mehr als der Lippenstift.

»Heute Abend ist Party im Park. Diamonds. Wir sind eingeladen«, schwärmt Bethia. »Wir sollten lernen. Feiern können wir auch, wenn wir den Abschluss haben. Ohne Herpes und Kater.« Ich stöhne. Bethia wirft mir diesen Blick zu – der, bei dem ich immer nachgebe. »Estha… bitte. Die sind wirklich nett. Ich will nicht gleich wieder die Außenseiterin sein«, sagt sie. Ich nicke widerwillig. »Aber du trinkst nichts und küsst niemanden. Ich schwöre, wenn du dir einen Kerl zwischen die Beine holst, grabe ich dich lebendig ein«, warne ich. »Du kannst mich begraben, wenn ich auch nur in die Nähe von einem Schwanz komme.« Sie grinst breit. Und dann – als hätte sie das Stichwort gegeben – taucht Cady neben uns auf, umarmt mich fest. »Na, Ladys? Schon aufgeregt wegen heute Abend?« Ihr Parfum ist süß und schwer, aber nicht halb so erstickend wie die Blicke, die ich von der Seite spüre. Vernons. »Ja, und wie! Das hier ist meine Freundin Estha, die ich erwähnt habe«, sagt Bethia strahlend. Ich nicke knapp, Lippen zusammengepresst, ein gezwungenes Lächeln, das kaum die Nervosität kaschiert. Cady mustert mich von Kopf bis Fuß, ihre langen, roten Nägel schieben mir eine Strähne hinter mein Ohr, als wären wir seit Jahren vertraut. »Eine Naturschönheit. Gefällst mir, Kleine. Gefällst bestimmt auch den Jungs«, sagt sie. »Danke?«, murmele ich, bemüht, meine Stimme nicht zittern zu lassen. »Woher kennst du eigentlich den Jungen da drüben? Wir haben gesehen, wie er gestern einen Joint auf jemandes Brust ausgedrückt hat!« Bethia ist natürlich wieder die Abrissbirne im Porzellanladen. Mein Ellbogen landet sofort in ihrem Bauch. Halt. Die. Klappe. »Was denn?!«, faucht sie. »…ist doch wahr!« Cady hebt die Braue. »Du meinst Vernon?« Sie schiebt sich zwischen uns, um freie Sicht auf ihn zu haben. Vernon telefoniert, als ginge ihn die Welt nichts an. »Seine Freunde haben uns belästigt«, sage ich hastig. »Er hat uns… geholfen.« Und gleichzeitig fast einen Menschen gegrillt. Cady schnaubt. »Dass er überhaupt hilft – selten. Normalerweise lässt ihn alles kalt.« Sie klappt ihre herzförmige Tasche auf, zündet sich mitten im Gang eine Zigarette an. »Und glaubt bloß nicht, er studiert hier. Er ist nur wegen einem Grund auf dem Campus«, sagt sie. »Wegen was?«, frage ich. Sie lacht, silberner Rauch kringelt sich vor ihren Lippen. »Er versorgt die Studis. Pillen. Schluck eine, und du vergisst sogar deinen eigenen Namen«, antwortet sie. Ich will etwas erwidern, doch meine Augen hängen längst an ihm. Vernon hat das Handy weggesteckt, jetzt packt er einen seiner Kumpel in den Schwitzkasten, als wäre er ein übergroßer Spielplatz-Bully. Er wirkt dabei beunruhigend… gelassen. »Er sieht verdammt gut aus«, haucht Bethia. »So einer hat eh schon eine Freundin – und meistens ist sie hässlich«, fügt sie hinzu. Cady lacht.

»Nein. Er hält nix von Beziehungen. Aber ich kann dir sagen: Wer einmal mit Vernon schläft, will ein zweites Mal. Nur macht er das nie mit derselben Frau«, erzählt sie. »Sympathisch« flüstere ich trocken. »Der Sex mit ihm ist… alles. Danach wirkt jeder andere wie ein kaputtes Haushaltsgerät.« Cady stupst mich mit dem Ellenbogen. Der Rauch kitzelt in meiner Kehle, ich huste. Viel zu laut. Vernons Kopf hebt sich. Seine Augen – diese unwirklich grünen Augen – bohren sich in meine. »Kein Wunder, dass alle auf ihn fliegen. Da würde ich fünfmal raufspringen.« Bethia kichert. Cady johlt lachend. »Du hast Geschmack, Bethia. Und wenn’s mit Vernon nichts wird, finden wir dir heute Abend einen Ersatz-Prinzen. Mit weniger Moral und mehr Kondomen«, zwinkert sie. Ich drehe ihnen den Rücken zu, fixiere den Automaten. Meine Schokolade klemmt. Natürlich. Wie mein Leben. »Kommt, wir gehen raus. Ich zeig euch, wo Vernon mit seinen Jungs rumhängt«, sagt Cady. »Geht vor. Ich… kämpfe noch mit dem Automaten«, murmele ich. Sie ziehen ab, Arm in Arm. Ich beuge mich näher ans Glas. »Na los, komm zu Mama«, rede ich. Plötzlich – ein Schlag. Hart, brutal. Neben mir kracht Vernons Fuß gegen die Scheibe. Ich zucke zurück, Herz fast im Hals. Er dreht den Kopf, hebt den rechten Mundwinkel kaum merklich. Ein Lächeln? Ein Hohn? Beides zugleich. »Das Ding klemmt. Gewalt wirkt manchmal besser als Geduld.« Seine Stimme tief, rau. »Und ich glaube nicht, dass du bis morgen hierbleiben willst.« Die Schokolade fällt. Mein Herz auch. »Danke«, flüstere ich. »Vernon, schnell! Bailee hat wieder Alans Freundin angemacht – sie prügeln sich!« Da stürmt ein Junge herein. Vernon sprintet los, so schnell wie der Schatten einer Klinge. Ich bleibe zurück, meine Schokolade fest an die Brust gedrückt. Wie kann ein einziger hochgezogener Mundwinkel mehr Leben haben als alles andere, was ich je gesehen habe? So folge ich ihm raus. Draußen tobt der Hof. Ein Kreis aus Studenten, Gelächter, Geschrei, Handys hoch wie Laternen. Ich dränge mich nach vorne. »Wer ihn berührt, berührt mich!!« Vernons Stimme donnert. Vor mir das Chaos: Er packt einen Jungen am Kragen, schlägt ihm ins Gesicht, wieder und wieder. Blut spritzt, der Körper sackt zusammen. »Wenn ich will, fick ich deine Freundin vor deinen Augen!«, brüllt er, und das Echo der Menge bebt. Neben ihm: Bailee, blutige Nase, aber grinsend. Er tritt den am Boden Liegenden, als wäre er Müll. Und ich? Ich stehe da, mit einer Schokolade gegen mein Herz gedrückt – und spüre, dass es viel zu schnell schlägt.

»Der Arsch deiner Hure will nun mal genagelt werden! Meine gesamte Galerie besteht aus ihrem Hintern, du Wichser!« Bailees Stimme ist wie Gift, das die Menge zum Johlen bringt. Plötzlich – ein Laut, so widerwärtig, dass mir der Magen hochkommt. Ein Knacken, splitternd, als hätte Vernon mit bloßer Hand ein ganzes Skelett zerbrochen. Knochen geben nach, als wären sie billiges Porzellan. Doch Vernon hört nicht auf. Seine Faust schlägt weiter, jeder Hieb härter, unerbittlicher, begleitet vom Spritzen roten Nebels, der seine Haut noch gefährlicher wirken lässt. Ich presse die Schokolade an meine Brust, als könnte sie mich retten. Stattdessen fühle ich, wie mein Inneres rotiert, als würde mein Magen gleich den Notausgang suchen. »VERNON!! FRAU DOROTH KOMMT!!!« Cady reißt ihre lackierten Nägel in die Luft, deutet panisch zum Gebäude. Er hält inne. Dreht sich, langsam, als sei er selbst der Mittelpunkt eines Albtraums. Und genau in dem Moment trifft sein Blick mich. Grün, tiefer als ein Wald, der Geheimnisse verschluckt. Dann gleitet sein Blick hinunter – auf die Schokolade, die ich fest an mein Herz presse, als hinge mein Leben daran. Für einen Atemzug scheint er fast… zu lächeln. Ein Zucken. Nichts weiter. Aber genug, um mich aus der Realität zu reißen. Meine Augen rutschen zurück zu Alans Gesicht. Oder dem, was davon übrig ist. Rot. Alles ist rot. So viel Blut, dass es selbst den Beton zu ertränken scheint. Mein Sichtfeld flimmert. Erst wie ein altes Fernsehbild, dann wie der Vorhang eines Theaters, der zugezogen wird. Der Himmel bricht auseinander, Blau zerbröselt zu Grau.

Ich… sehe nichts mehr. Ich… höre nichts mehr.

Nur Dunkelheit.

Und darin, wie zwei brennende Lichter: Augen. Diese rätselhaften Augen, die durch alles hindurchscheinen, bis nur noch ein Name bleibt… Vernon.