1.
Ich starrte den jungen Mann an, der tatsächlich mein ehemaliger Freund aus der Zeit im Kinderheim zu sein schien. Taylors Grinsen schien sich von Ohr zu Ohr zu ziehen als er Robert die Hand gab, aber mich dabei ansah.
Taylor: „Mit mir hast du nicht gerechnet, oder? Ist ziemlich lange her.“
Sven und Robert schienen genauso überrascht. Anders als Taylor. Er war alles andere als überrascht, mich zu sehen. Nicht ein einziges Mal hatte er verblüfft gewirkt, als er auf uns zugekommen war. Hatte er gewusst, dass ich mit Sven befreundet war?
Ich starrte Taylor weiterhin an. Erinnerungen an die Zeit, die wir gemeinsam im Heim verbracht hatten, kamen wieder an die Oberfläche und überfluteten meine Gedanken. Ich erinnerte mich an jenen Morgen, an dem ich sein Bett leer vorgefunden hatte. Das Bett hatte ausgesehen, als ob er darin geschlafen hatte. Die Bettdecke war nicht zurückgeklappt und man hatte noch einigermaßen die Umrisse seines Körpers erkennen können. Und auch das Kopfkissen hatte ausgesehen, als ob er noch vor wenigen Augenblicken darauf gelegen hatte.
Keiner der Aufsichtspersonen hatte gewusst, wie oder wann er verschwunden war. Das Einzige, was sie mir sagen konnten war, dass ihn niemand kurzfristig adoptiert hatte. Seine ganzen Sachen, seine Kleidung waren noch an Ort und Stelle. Genauso wie unsere Errungenschaften - die Stöcke und Grasbüschel, die wir uns als Blumensträuße geschenkt hatten - die ebenfalls noch alle dort waren. Wie sehr hatte ich mir damals gewünscht, Klarheit über die Situation zu haben. Wie sehr wollte ich ihn wieder sehen, und mit ihm darüber sprechen.
Taylor lachte laut.
Sven: „Ihr kennt euch?“
Taylor zuckte mit einer Schulter. Robert blickte zwischen mir und Taylor hin und her.
Taylor: „Mein kleiner Bruder.“
Wenn ich vorhin verdutzt geguckt hatte, so vielen mir jetzt die Augen aus. Während unserer Zeit im Kinderheim hatten wir immer den dritten Jungen unseren kleinen Bruder genannt. Außerdem war ich ein paar Monate älter als Taylor. Das war eins der wenigen Sachen, an die ich mich noch gut erinnern konnte. Warum sah er auf einmal so viel jünger aus? Sein ganzes Wesen und auch sein Verhalten schien unbeschwert und frei. Alles an ihm strahlte voller Leben und Lebensfreude. Also das komplette Gegenteil zu dem, wie er sich die letzten Wochen und Monate im Heim verhalten hatte. Sah er deswegen so viel jünger aus? Wegen der Lebensfreude?
Taylor: „Also nicht blutsverwandt, oder so. Wir haben halt einige Zeit zusammen im Kinderheim verbracht.“
Sven: „Ach, das war Strother von dem du mir erzählt hast?“
Robert: „Wow, die Welt ist klein.“
Also wusste Sven bereits von unserer gemeinsamen Vergangenheit. Aber offensichtlich hatte Taylor ihm nicht meinen Namen genannt. Oder etwa doch? Hatte Sven meinen Namen überhaupt erwähnt gehabt? Mein Name war nicht gerade geläufig. Also wenn Sven ihm meinen Namen genannt hatte, dann hätte Taylor von mir erzählen können, oder? Hatte Taylor ihm erzählt, wie er mich zurückgelassen hatte? Gedanken überfluteten mich. Alle Fragen die ich mir damals gestellt hatte, waren wieder präsent wie einst.
Ich schüttelte leicht den Kopf, um die Gedanken zu beruhigen. Es half und ich besann mich wieder. Meine Lungen schienen sich ebenfalls gefangen zu haben, denn ich konnte wieder Atmen. Aber meine Gedanken kreisten immer noch um die letzten Jahre im Kinderheim. Warum hatte Taylor mir nie etwas erzählt? Es hatte nie ein Anzeichen dafür gegeben, dass er weglaufen wollte. Immer wieder hatte ich gegrübelt, ob ich schuld daran gewesen war. Vielleicht hatte ich etwas getan oder auch gesagt, dass ihn verjagt hatte? Ich erinnerte mich nur zu gut, wie ich Nacht für Nacht da gelegen hatte und alle möglichen Verschwörungstheorien durchgekaut hatte. Die Pfleger im Heim waren nicht gerade hilfreich und gaben mir die Schuld an Taylors Verschwinden, was auch die meiste Zeit selbst ein Gedanke gewesen war. Ich hatte seitdem immer große Schwierigkeiten gehabt, Freundschaften lange aufrecht zu halten. Konnte ich Taylor damit konfrontieren? Es war mit bewusst, dass die Vorstellungsrunde nicht gerade so verlief, wie Sven sie sich gewünscht hatte. Aber ich hatte zu lange darauf gewartet, Taylor darauf anzusprechen und endlich Klarheit zu bekommen. Endlich die alten, schweren Gedanken loszuwerden und mit dem Thema abzuschließen. Der Schmerz war zurückgekehrt. Die endlosen Nächte, in denen ich geweint hatte, in denen ich alleine war. Nachdem er verschwunden war hatte ich niemanden mehr gehabt. Ich war nahezu unsichtbar gewesen. Die anderen Kinder hatten sich über mich lustig gemacht. Sie meinten ich hätte Schuld an Taylors verschwinden. Vielleicht hatten sie gemerkt, dass ich mich genau das gleiche gefragt hatte. Immer öfter hatten sie mir Schimpfwörter an den Kopf geworfen, irgendwann sogar auch vor den Pflegern. Und keiner hatte ihnen den Mund verboten. Keiner hatte sie zum Schweigen gebracht oder gezeigt, dass Beleidigungen nicht sozial waren. Nur mir hatten sie den Mund verboten, wenn ich versucht hatte mich zu wehren. Immer musste ich in der Ecke sitzen, oder alleine auf einem Stuhl in einem Zimmer. Ab und an schienen sie mich dort sogar vergessen zu haben.
Ich: „Wieso bist du eigentlich damals abgehauen? Du hattest nie etwas dergleichen erwähnt.“
Ich musste schlucken, um nicht gleich zusammen zu brechen und ihm zu erzählen, wie es mir ergangen war.
Taylor zuckte mit einer Schulter. Seine Mine wurde ernst und er schien mich nun zu studieren.
Taylor: „Es war halt so.“
Ich: „Ich wäre gerne mitgekommen.“
Taylor: „Das war mir bewusst.“
Ich holte tief Luft und verschränkte die Arme. Ich hatte nicht mit einer solchen Reaktion gerechnet. War ich ihm damals doch gleichgültiger gewesen, als ich es bisher angenommen hatte? Ich runzelte die Stirn. Ich verstand es nicht. Meine Augen schlossen sich, und ich holte erneut tief Luft. Ich wollte mit ihm über alles reden. Ich wollte ihn verstehen.
Taylor musterte mich eine Weile und zuckte wieder mit der Schulter. Ich merkte, wie Robert sich langsam ein wenig zurückzog, um uns alleine zu lassen. Ich war ihm dafür dankbar, dass er uns ein wenig mehr Privatsphäre geben wollte. Er musste gemerkt haben, wie wichtig mir diese Aussprache war. Was mich jedoch überraschte, war, dass Sven sich näher zu Taylor stellte und seine Hand nahm.
Taylor: „Du kannst ruhig hierbleiben, Robert. Du musst dich nicht zurückziehen.“
Robert: „Ich will mich nicht einmischen. Ich kenne dich nicht, aber ich bin mit Strother befreundet. Er braucht eine Aussprache. Ich hatte lange zu kämpfen, bevor Strother mir sein Vertrauen geschenkt hat. Das will ich wegen dieser Situation nicht riskieren, er ist mir zu wichtig. Das hier geht weder mich, noch Sven etwas an.“
Noch dankbarer hätte ich Robert in diesem Augenblick nicht sein können. Er versuchte tatsächlich, Sven von Taylor zu lösen, damit Taylor und ich alleine eine vernünftige Aussprache haben konnten. Doch Sven rührte sich nicht.
Ich: „War etwas passiert? Habe ich etwas Falsches gemacht, oder gesagt?“
Taylor: „War halt so.“
Ich holte tief Luft, um meine Frustration und Wut in Zaum zu halten. Sven schmiegte sich noch enger an Taylor.
Taylor: „Reitest du jetzt die ganze Zeit auf der Vergangenheit herum, Mimose?“
Mein Mund öffnete sich. Ich war geschockt, dass Taylor mir ein solches Wort an den Kopf werfen würde. Nein, nicht ein solches Wort - dieses Wort. Allzu oft hatten mich die Leute um mich herum so genannt. Ich starrte ihn an, unfähig etwas zu sagen. Taylor schien gleichgültig. Wusste er, was dieses Wort in mir auslösen würde? Er blickte mir direkt in die Augen. Er war mir fremd geworden.
Neben mir nahm ich eine Person wahr, aber ich war zu gelähmt, um zu sehen, wer es war. Zum Glück war es Robert.
Robert: „Wie hast du Strother gerade genannt? Ich hoffe sehr, dass du dich dafür entschuldigst!“
Sven: „Robert, behandle Taylor nicht so.“
Und erneut schien sich die Vergangenheit zu wiederholen. Man nahm ihn in Schutz.
Taylor legte Sven den Arm um die Schultern, während sich Sven noch mehr an ihn schmiegte. Ich schnaubte ungläubig. Ich war froh, dass Robert wieder neben mir stand. Taylor wandte seine kalt gewordenen Augen von mir ab und blickte Robert an.
Taylor: „Du hattest doch gerade gesagt, dass du dich nicht einmischen wolltest.“
Robert ignorierte Taylor und starrte Sven an.
Robert: „Du findest es in Ordnung, dass Taylor Strother beleidigt? Ausgerechnet mit dem Wort?“
Taylor stöhnte genervt auf.
Taylor: „Das war ein Scherz, nimm es nicht so tragisch.“
Ich ging zwei Schritte zurück. Der einst so freundliche Junge schien jetzt voller Hass gegen mich zu sein. Und aus irgendeinem Grund, wollte Sven es nicht wahrhaben. Ich bereute es, Taylor auf die Vergangenheit angesprochen zu haben. Am liebsten hätte ich mich entschuldigt. Aber nicht nachdem ich beleidigt worden war.
Tränen füllten meine Augen und ich drehte mich leicht weg, um sie am Fallen zu hindern. Mit einer solchen Reaktion von Taylor und auch von Sven hätte ich nie gerechnet. Was war in den Jahren passiert, in denen ich Taylor nicht gesehen hatte?
Robert: „Ein Scherz?!“
Sven: „Hör auf, Taylor so anzugreifen!“
Jetzt schienen sogar Sven und Robert auf einander los zu gehen. Ich sah Taylor, wie er leicht schmunzelnd mich beobachtete. Er hatte nahezu einen triumphalen Ausdruck.
Robert: „Und was ist mit Strother? Jemand muss doch auf seiner Seite stehen. Offensichtlich bist das nicht du. Klar, er hat das Thema angesprochen, aber du kennst ihn! Er meint es nicht böse. Er wollte einfach nur Klarheit über die Vergangenheit haben. Da muss man nicht gleich so herablassend und beleidigend werden! So ein verhalten ist kein Scherz! Und alleine das zu sagen, ist eine weitere Beleidigung!“
Robert war richtig aufgebracht. Ich drehte mich zu ihm.
Ich: „Danke, dass du mich unterstützt, Robert. Es bedeutet mir sehr viel. Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr hierbleiben. Ich muss gehen.“
Robert nickte einmal, seinen Blick nicht von den beiden umarmenden Männern ablassend. Ich vergewisserte mich, dass ich alle meine Sachen bereits hatte und ging in Richtung meines Wohnhauses.
Taylor: „Viel Spaß, mit deinen ach so geliebten Schatten und der Dunkelheit!“
Ich blieb wie angewurzelt auf dem Weg stehen. Mein Gehör versagte, und ein schrilles Pfeifen übernahm die Geräuschkulisse in meinem Kopf. Dass mein Herz weiterhin schlug, war ein Wunder. Zitternd drehte ich mich wieder zu den drei Männern um. Robert war genauso schockiert wie ich, und starrte ungläubig Sven an, dessen Augen auf Taylor gerichtet waren. Er sprach leise, aber immer noch gut für mich hörbar.
Ich: „Wie bitte?“
Taylor: „Die Schatten, Jammerlappen.“
Sven zupfte an Taylors Ärmel.
Sven: „Du solltest doch nicht davon reden.“
Also hatte Sven, dem ich alle Geheimnisse anvertraut hatte, diese an Taylor weitergegeben. Ich hatte immer Vertrauensprobleme gehabt, und dies war der Grund dafür.
Ich schüttelte langsam den Kopf. Sven löste sich von Taylor und ging langsam auf mich zu. Ich hoffte auf eine Entschuldigung, oder dass er mit mir mitgehen würde. Doch beides war nicht einmal ansatzweise das, was aus seinem Mund kam.
Sven: „Er ist mein Freund, Strother. Deswegen habe ich es ihm erzählt.“
Ich schnaubte. Ein paar Tränen liefen mein Gesicht hinunter.
Ich: „Und was war ich?“
Ich wendete mich wieder meinem Wohnheim zu und drehte mich nicht noch einmal um. In meinem Zimmer angekommen brach ich vor meinem Bett zusammen.