Einsamkeit
3:02 Uhr - Mein Handy vibrierte in einer Tour, was mich schließlich aus dem Schlaf riss. »Willst du mich eigentlich verarschen? Hast du mal auf die Uhr geschaut?«, entgegnete ich mir selbst, als ich mein Kopf leicht vom Kissen hob, und auf meinen Wecker schaute, welcher auf meinem Nachttisch stand.
Ja, was das anging war ich in der heutigen Zeit vermutlich ein wenig altmodisch, dennoch liebte ich diesen Wecker. Zu oft hatte er mir schon den Arsch gerettet, weil er so penetrant klang, wenn es Zeit zum Aufstehen war. Nur war es gerade noch lange nicht Zeit zum Aufstehen. Aber mein Handy, welches ebenfalls auf dem Nachttisch lag, war wohl auch eine solide Möglichkeit wach zu werden, da das vibrieren den ganzen Tisch um beben brachte.
Schließlich drehte ich mich zur Seite und schaute auch meinen Bildschirm welcher durchgehend aufleuchtete. Es dauerte bestimmt zehn Sekunden bis ich überhaupt in der Lage war zu sehen, wer mich anrief, da der Bildschirm trotz niedrigster Helligkeit so in den Augen brannte und mich blendete.
Es war Ayden, mein großer Bruder. Ich zischte wütend vor mich hin: »Natürlich, wer denn auch sonst. Was hab ich anderes erwartet?«. Ich gähnte stark bevor ich den Anruf entgegen nahm. Ich sagte erst gar nichts, als ich auf den grünen Hörer drückte. Er keuchtete am Telefon, aber bemerkte wohl nicht, dass ich am anderen Ende der Leitung war. Es klang fast so, als wäre er seit Minuten durchgehend am Joggen gewesen. Da er nach zirka dreißig Sekunden immer noch nichts sagte, fragte ich ihn genervt: »Was ist los? Wieso rufst du mich um drei Uhr morgens an? Hast du einen Schaden? Und wo bist du eigentlich, solltest du nicht zuhause sein?«
»Kay. Geht es dir gut?«, fragte er besorgt und stieß einen großen Atemzug aus. »Die Frage sollte ich dir eher stellen. Bist du etwa joggen, um die Uhrzeit?«, ich glaub ich war seltenst so verwirrt über diese Frage gewesen, wie gerade. »Beantworte doch einfach das nächste Mal meine Frage. Wie auch immer. Ich muss dir etwas sagen und ich weiß, dass es echt hart klingt, aber ich muss abtauchen...«. Er sprach weiter, aber ich konnte ihm nicht mehr folgen, nachdem er sagt er müsse abtauchen. Meine Ohren fingen an laut zu piepen, als hätte ich zu lange laute Musik gehört. Mir wurde schlecht und alles drehte sich. Ich war definitiv nicht auf diesen Anruf vorbereitet und vor allem nicht um 3 Uhr morgens.
»Kaylee, hörst du mir überhaupt zu?«, fragte er besorgt. »Wie lange?«, mehr bekam ich nicht aus meinem Mund, da mir die Spucke wegblieb. »Ich kann es dir nicht sagen, vielleicht Wochen, Monate...«. Ich unterbrach ihn mitten im Satz: »Jahre?«. »Ja vielleicht auch Jahre.«, entgegnete er mir leise. Ich wusste wirklich nicht was ich darauf antworteten sollte. Der Raum fühlte sich plötzlich so leer an. Ich fühlte mich plötzlich so leer. Ich hatte eine Vision wie ich auf mich selbst schaute, wie ich auf meinem Bett saß, langsam das Handy vom Ohr nahm und auf den Bildschirm schaute und mir Aydens Name durch den Kopf gehen ließ.
Er war die einzige Person die ich noch hatte. Seit er fünf war, war er Tag ein Tag aus meine einzige Familie. Wir lebten in verschiedensten Pflegefamilien, nachdem unsere Erzeuger nicht mehr in der Lage waren sich um uns zu sorgen. Wie sich später herausstellte, waren beide stark Drogenabhängig und gaben ihr Geld nur für ihren Rausch aus, bis die Polizei uns, vermutlich viel zu spät, Verwahrlost in ihrer kleinen 2-Zimmer-Wohnung fanden und uns mitnahmen. Seitdem haben wir ständig den Wohnsitz, die Schule und unsere "Familien" gewechselt. Wie Familie fühlte sich keine davon an. Ich war nie bereit eine fremde Frau meine Mutter zu nennen, das war ihr einfach nicht gerecht. Sie war nun mal nicht meine Mutter, aber das war die Frau die mich wirklich zu Welt brachte auch nicht. Nach vier gescheiterten Pflegefamilien erhielt Ayden mit sechszehn Jahren die Möglichkeit mit mir alleine in eine Wohnung zu ziehen, wenn er bewies, dass er damit klar kommen würde. Und das tat er besser als ich es mir jemals hätte erträumen können. Wir haben immer zusammen durchgehalten, also würden wir das auch durchmachen.
Aber würde ich es jetzt schaffen alleine weiter zu machen? Komplett ohne ihn? Zwanzig Jahre war er mein einziger Anker. Und jetzt sollte ich komplett alleine segeln, in einem Meer voller Ungewissheit.
Es waren bestimmt eine oder sogar zwei Minuten komplette Stille, in der ich versuchte mich zusammenzureißen und meine Tränen zurück zu halten. »Ayden, egal was du machst. Pass auf dich auf! Ich mein das Ernst, ich will dich nicht verlieren! Du weißt, dass du der einzige Mensch bist, der mir wichtiger ist, als ich mir selbst.«, versicherte ich ihm leise. So leise, dass ich weiterhin versuchte nicht zu weinen. »Ich geb' mir Mühe, Kay. Ich hab einfach Scheiße gebaut und ich weiß wirklich nicht, wie ich da wieder raus kommen soll...«. Ich hörte ein leises Schluchzen durch mein Handy. Noch nie hatte ich meinen Bruder weinen gesehen, geschweige denn gehört. Er war die stärkste Person, die ich kannte. Er hat alles getan, um mich zu schützen. Er ging für uns arbeiten, sodass ich weiterhin zur Schule gehen konnte. Uns Essen auf den Tisch stellen konnte. Er war meine ganze Familie in einer Person. Ich hab mehr durch ihn lernen können, als von wirklich erwachsenen Leuten.
Plötzlich hörte ich, dass der Anruf vorbei war. Es verabschiedete sich nicht mehr. Seine letzten Worte waren leere Versprechungen. Was für eine Scheiße konnte er nur gebaut haben, dass er so einen Abgang machte. Ich erkannte meinen Bruder überhaupt nicht mehr wieder. Vor Wut schmiss ich mein Handy durch den Raum und drehte mich mit dem Gesicht ins Kissen. Ich gab einen lauten Schrei von mir, und die Tränen, welche nur so kullerten, wurden direkt vom Kissen aufgezogen. Tausende Fragen wanderten durch meinen Kopf, um auch nur einen Ansatz für seine Flucht zu erklären. Ich habe echt geglaubt, ich kannte den Menschen der zwanzig Jahre meine einzige Familie und mein bester Freund war, in- und auswendig. Aber es stellte sich heraus, das tat ich doch nicht.
7:30 Uhr - Mein Wecker klingelte wie verrückt. Kurz musste ich mich zusammenreißen ihn nicht auch durch den Raum zu werfen. Irgendwie habe ich es geschafft nach all dem Trauma wieder einzuschlafen. Ich hatte gehofft ich hätte mir das alles nur ausgedacht, es wäre nur ein Traum gewesen. Musste mich aber wieder in die bittere Realität zurückrufen, als ich feststellte, dass mein Handy wirklich nicht mehr an dem Ort war, wo ich es zum Schlafen hingelegt hatte. Als ich mich umdrehte und mir die Augen rieb, bemerkte ich, dass meine Wangen verklebt waren, da meine Tränen von heute Nacht darauf getrocknet waren. Es war kein Traum. Das ist heute Nacht alles wirklich passiert. Ich hatte zwar geschlafen, aber es fühlte sich an, als hätte ich die Nacht nicht ein Auge zumachen können.
Ich bemerkte wie mein Handy am anderen Ende des Raumes wieder anfing zu vibrieren. Ich sprang auf und suchte danach, in der Hoffnung es wäre Ayden und er würde sich nochmal melden. Ich hoffte so sehr, er hätte einfach zu viel getrunken und irgendwelche Märchen erzählt und fand jetzt wieder zu sich.
Ich fand mein Handy an meiner braunen Eichenkommode, welche sich am Ende des Raumes befand. Es lag mit dem Bildschirm zum Boden, daher hob ich es auf und schaute darauf. Zu meinem Enttäuschen war es nicht Aydens sondern Jade. Ich würde nicht direkt sagen, dass sie meine beste Freundin war, dafür kannte ich sie noch nicht all zu lange, aber sie war eine Person, zu der ich ein großes Vertrauen aufgebaut hatte. Und ich weiß, dass sie mir genauso ein großes Vertrauen schenkte. Ich nahm ihren Anruf entgegen, jedoch wusste sie nicht, dass es mir nicht so gut ging, wie sie dachte. Daher begann sie die Konversation scherzhaft: »Guten Morgen, Dornröschen. Weißt du eigentlich, wie oft ich jetzt schon versuche dich anzurufen? Ich dachte wir hätten heute was vor.«. Ich runzelte die Stirn. Ich war so mit Ayden beschäftigt gewesen, dass ich völlig vergaß, dass ich mit Jade frühstücken gehen wollte.
»Hey. Sorry.«, entgegnete ich ihr. »Vielleicht öffnest du mal die Türe, ich warte bestimmt schon seit fünfzehn Minuten hier.«. Währenddessen hörte ich unsere Klingel, welche sie durchgehend drückte. »Es tut mir leid, Jade. Ich bin heute ehrlich gesagt nicht so in der Stimmung um auszugehen.«. Das Klingeln hörte auf. Sie klang besorgt: »Ist alles in Ordnung? Geht's dir nicht gut?«. Wieder versuchte ich meine Tränen zu unterdrücken und nickte, und als wenn sie mein Nicken gesehen hätte, antwortete sie darauf: »Kay... wenn du reden möchtest, ruf mich an. Du weißt, dass ich für dich da bin.«.
Ich ließ mich wieder aufs Bett fallen und stieß einen lauten Atemzug aus, den sie wohl bemerkt hatte. »Soll ich dich erstmal in Ruhe lassen und du meldest dich wenn du bereit dazu bist?«, fragte sie vorsichtig. Sie kannte mich jetzt schon gut, dass sie wusste, es wäre besser, wenn sie mich alleine ließ, als mich weiter mit ihren Sorgen zu bombardieren. »Bist du sauer?«, fragte ich leise. »Mach dir darüber keine Gedanken. Ich bin nicht sauer, wenn es dir nicht gut geht, dadurch haben wir beide nichts gewonnen.«, erwiderte sie mir zuversichtlich. »Ruh dich aus, mach dir einen Tee oder so. Wenn du willst bring ich dir was aus dem Store mit, wenn du reden willst.«. »Danke, ich werd' mich bei dir melden. Versprochen.«, antwortete ich ihr und brachte sogar ein kleines Lächeln über die Lippen. Danach legte sie auf und hörte ihre Schritte im Treppenhaus immer leiser werden.
Ich ließ mein Handy langsam aus der Hand fallen und starrte an die Decke. Alles was ich gerade wollte, war alleine sein. Und das war ich auch. Schon fast zu alleine. Es war ruhig Zuhause. Zu ruhig. Ich war noch nie komplett alleine. Ayden war immer da, außer er war arbeiten oder ich in der Schule. Zu gern wollte ich wissen, was ihn dazu getrieben hatte zu fliehen. Was ihn dazu getrieben hatte nicht mal seiner Schwester davon zu erzählen, was passiert war.
Ich werde mich mit seinem dunklen Geheimnis auseinandersetzen. Ich will wissen, was er getan hat. Nur wird dieser Tag, an dem ich mich damit befassen will, nicht heute sein. Ich war müde und ausgelaugt, ich hätte keine Kraft mich damit jetzt noch zu befassen. Und ich wüsste auch nicht wo ich anfangen sollte zu suchen.
Meine Fresse Ayden, was hast du nur getan?