Prolog
Die Scheiben der Terrasse waren nass von dem Sturm, der draußen herrschte. Trotz der Sommerjahreszeit war es draußen kalt und nass.
Obwohl es hier drin warm war, fühlte ich mich so, als würde ich draußen unter dem Regen stehen.
„Frau Polat?“ Der Standesbeamte weckte mich aus meiner Starre und ich wusste wieder, wo ich war.
Wir saßen am Tisch. Am Tischoberhaupt der Standesbeamte.
Am andren Ende unsere Trauzeugen.
Sein älterer Bruder und seine Schwägerin.
Sie schaute mich mit einem mitleidigen Blick an.
Vielleicht, wenn ich sagen würde, dass ich diese Menschen nie zuvor in meinem Leben gesehen hätte, würde er uns nicht trauen?
Ich schaute ins Publikum. Neugierige Blicke seiner restlichen Familie waren auf mich gerichtet.
Seine Mutter, seine Schwester und sein Bruder.
Bei dem selbst sicheren Blick, die die Familie zuwarf wurde mir schlecht.
Mir wurde kalt und warm zugleich.
Langsam schaute ich nach rechts und dort saß er. Breitbeinig auf dem Stuhl. Die eine Hand auf dem Bein, die andere zu einer Faust geballt auf dem Tisch ausgestreckt.
Den eisernen Blick nach vorne gerichtet, würdigte er mich nicht eines Blickes.
„Frau Polat. Möchten Sie Herrn Arslan zum Ehemann nehmen?“ Die Frage stellte der Standesbeamte mir schon zum zweiten Mal.
Ich schloss die Augen und zog die immer weniger werdende Luft in mich ein.
Schon beim Einatmen zitterte ich und antwortete mit einem zittrigen „Ja…“
Es wurde applaudiert.
Mir wurde schlechter als zuvor und eine Träne kullerte mir auf meine Wange.
Dieselbe Frage richtete der Standesbeamte auch an ihn.
Ich senkte mein Blick auf die letzten Fetzten meines „Brautkleides“.
Ihn hatte ich kurz vor der Trauung meine persönliche Note hinzugefügt. Bis meine Schwiegermutter mich dabei erwischte und mir die Schere aus der Hand schlug.
Bei dem Gedanken musste ich grinsen. Ich war stolz auf mich.
Ich grinste solange, bis auch er mit „Ja…“ antwortete. Und mir wieder wusste, wo ich war.
Jetzt waren unsere Trauzeugen dran. Auch sie bejahten und im Publikum wurde gejubelt. Hilfesuchend schaute ich das Publikum an. Nicht einer würde mir helfen. Ganz im Gegenteil. Sie würde vor mir mein Grab schaufeln und mich lebendig begraben.
Es sollte der glücklichste Tag meines Lebens seien.
Kurz bevor mein Kleid mit meiner Schere Bekanntschaft gemacht hatte, war meine Schwiegermutter reingekommen, um sich mit mir zu unterhalten.
Eine kleine zarte Frau, ende 40.
Sie hatte etwas Autoritäres und Beängstigendes, warum man auf ihr Wort hörte.
Auch wenn die Wörter: „Wer in die Familie der Arslans heiratet, vergisst wo er eigentlich herkommt. Die einzige Familie, die jetzt nur noch zählt, sind die Arslans.“
So schloss sie den Gedanken, meine Familie einzuladen ab.
Um die Art des Knastes zu betonen, hatte er mir schon bei meiner Ankunft mein Handy weggenommen.
Er schaute mich an, wischte mir mit dem Daumen die Träne weg und küsste mich auf die Stirn. Er grinste dabei, in mir sträubte sich alles gegen ihn.
Sie gratulierten uns allen, beschenkten uns mit Gold und verschwanden auch wieder.
Nun saßen wir beide allein am Tisch.
Mein Körper zitterte immer noch. Meine Finger waren eiskalt.
Trotzdem nahm ich all meinen Mut zusammen und spuckte ihm ein „Stirb Azer Arslan“, ins Gesicht.
Sein rechter Mundwinkel zog sich nach oben und zwischen Lippe und Wange entstand ein Grübchen.
Er packte mich am Arm und zog mich zu sich.
Meine Brust prallte gegen seine Brust. Sein Duft benebelte mich.
„Nicht ohne dich, Narin Polat“, erwiderte er.
Grob ließ er mich wieder los und ich plumpste auf meinem Stuhl.
Ich saß in den Fetzen meines Brautkleides und er verschwand hinter der Tür.