Kapitel 1
Ein Schauer erfasst meinen Körper und die feinen Härchen in meinem Nacken richten sich auf. Ich schlucke schwer. Ich weiß nicht genau, wo ich bin und wer mit mir in diesem Raum ist. Ich sehe nichts und ich höre nichts. Das laute Pochen meines Herzens übertönt jedes andere Geräusch.
Aber ich weiß, dass er da ist.
Ich spüre seine Gegenwart mit jedem Nerv meines aufs Äußerste angespannten Körpers. Meine Atemzüge gehen schnell und flach, meine Hände zittern leicht, doch ich rühre mich nicht.
Ich stehe inmitten eines fremden Raumes, nur mit einem schwarzen Spitzenbody bekleidet, der mehr preisgibt als verbirgt. Weiche Ledermanschetten umschließen meine Handgelenke, meine Hände sind über meinem Kopf gefesselt und eine schwarze Satinbinde vor meinen Augen nimmt mir die Sicht.
Ich bilde mir ein, seine Blicke auf meinem Körper zu spüren. Ich glaube zu wissen, dass er um mich herum geht, dass er mich umkreist wie ein Raubtier seine Beute.
Ist es normal, dass die Vorstellung, wie er mich betrachtet, wie jeder Zentimeter meines kaum verhüllten Körpers sich ihm darbietet, einen Teil von mir nervös macht, einen viel größeren Teil aber erregt?
Bin ich noch normal, wenn ich so etwas mit mir machen lasse, obwohl ich als Geschäftsführerin eines erfolgreichen Familienunternehmens normalerweise alles unter meiner Kontrolle habe?
Es fällt mir nicht leicht, vor mir selbst zuzugeben, dass ich es will. Dass ich genau so hier stehen will. Ausgeliefert. Hilflos.
Sein Atem streift meinen Hals. Ein verheißungsvolles Flüstern auf meiner Haut, das meine letzten Zweifel einfach auslöscht. Die Hitze, die von seinem Körper ausgeht, ist unglaublich. Ich spüre sie in meinem Rücken. Er muss jetzt ganz dicht hinter mir stehen. So nah, dass ich seinen Duft einatme. Dieser Fremde riecht phänomenal. Nach Zitrusfrüchten, Holz und Leder. Frisch und doch männlich.
»Du gefällst mir.« Seine Stimme ist angenehm. Tief und melodisch nimmt sie mich vollkommen ein, überzieht meinen Körper mit einer feinen Gänsehaut und verspricht die Erfüllung meiner geheimsten Wünsche und Sehnsüchte. »Spielst du mit mir, Luna?«, flüstert er in mein Ohr.
Luna. Das ist der Name, den ich angenommen habe, als ich diesen Club betreten habe. Ich habe meine Identität zurückgelassen, hier bin ich jemand anderes. Eine Frau, die ich schon immer einmal sein wollte, aber bisher nie zu sein wagte.
Ich schlucke und nicke, ohne darüber nachzudenken. Das unbeschreibliche Kribbeln, das jeden einzelnen meiner Nerven erfasst hat, nimmt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.
»Ich brauche eine klare Antwort. Willst du das hier wirklich?« Seine Stimme ist nun lauter, versehen mit einem Unterton, der keinen Widerspruch duldet.
Ich räuspere mich, bevor ich mir ein leises »Ja« über die Lippen zwinge. Von meiner gewohnten Selbstsicherheit ist nicht mehr viel übrig, aber ich weiß, dass ich das hier will. Prickelnde Erregung pulsiert berauschend durch meine Adern, dabei hat er mich noch nicht einmal berührt. Ich kenne nur seine Stimme und seinen Geruch.
Seit mir meine beste und einzige Freundin vom »Secrets« erzählt hat, hat mich der Gedanke nicht mehr losgelassen, diesen Club zu besuchen. Es hat Monate gedauert, bis ich mir mein geheimes Verlangen eingestanden und den Schritt gewagt habe, es zu befriedigen. Monate, in denen ich zwischen Ängsten, Zweifeln und Mut hin und her geschwankt bin wie ein launisches Fähnchen im Wind.
Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Viel zu verboten, heiß und aufregend fühlt sich das hier an.
»Du brauchst ein Safeword, falls es dir zu viel wird. Was ist deine Lieblingsfarbe?«
»Schwarz.«
»Gut. Du sagst schwarz, wenn du abbrechen möchtest. Dann höre ich sofort auf. Verstanden?«
»Ja«, gebe ich die einzig mögliche Antwort. Eine Antwort, die mir eine ganz neue Welt eröffnet. Die Fantasien darüber, was er mit mir anstellen könnte, erzeugen eine Mischung aus Nervosität, Angst, Neugier und Spannung, die als ein berauschender Gefühlscocktail durch meine Adern schießt. Die Erregung, die meinen Körper wie ein Lauffeuer erfasst, ist intensiver als je zuvor.
Es interessiert mich nicht länger, was andere von mir denken, wenn sie von dem hier erfahren. Es interessiert mich nicht einmal mehr, was ich selbst morgen über mich denken werde. Die Dunkelheit ruft und ich stürze mich hinein. Ohne zu zögern.