Künstliches Leben
Ein breiter, weiter Gang. Industrie eiserne Böden und Wände lassen den dunklen Raum kalt und trist wirken. Sie reflektierten die blau leuchtende Farbe der hell leuchtenden Kapseln. Reihenweise zogen sie sich durch die Halle. Hunderte, nein tausende Exemplare füllten sie aus. Klappernde Treppenstufen mit ihren eisernen Geländern führten zu oben liegenden Ebenen. Von ihnen aus waren Kabel, Schläuche und Monitore mit Schaltern zu erreichen. Sie maßen und sammelten die Daten des Inhaltes der kapseln. Größe, Alter, Sättigung, Blutdruck, Blutgruppe, Haar-, Haut-, Augenfarbe, Geschlecht,Mineralwerte, Muskelaufbau und viele Weitere. Daten der Menschen. Künstliche Menschen, diese in den Kapseln, seit der Befruchtung, heranreiften. Die meisten von ihnen waren am Anfang ihrer 20er. Sie schienen zu schlafen. Wie Embryonen schwebten sie zusammengekauert und friedlich in ihrer Flüssigkeit. Verbunden mit Schläuchen und Kabeln.
Es herrschte Stille. Bis auf das Fiepen der Geräte und das Hallen von Schritten war nichts zu hören.
Seitüber Hunderten von Jahren wurden wir künstlichen Menschen erschaffen. Wir dienten nur zum Zweck. Unser einzigalleiniger Sinn war es zu arbeiten. Die Technik machte es möglich, uns das Wissenüber diverse Dinge innerhalb dieser 20 Jahre mit Kabeln einzuflößen. Somit waren wir sofort einsatzbereit, ohne jemals eine Schule besucht zu haben.
Wir kannten nichts anderes außer Arbeit. Der Begriff„Freizeit“ war uns fremd., Billige Arbeiter ohne Lohn, Pausen, Familien und Freunde ...Ohne Rechte, ohne Freiheit.
Mir waren all diese Begriffe fremd, bis ich auf Chloe traf ...
Nun war es auch für mich an der Zeit endlich aufzuwachen.
Ein Knacken, darauf ein Riss. Er verliefüber das Glas der Kapsel. Wie ein Zweig breitete er sich aus und spaltete sich immer wieder erneut auf. Manche Risse waren groß, andere klein und fein. Aus ihnen strömte das Wasser und floss in den Metallblock, unterhalb dem Gefäß, ab. Es dauerte keine weitere Sekunde, bis die Kapsel zu Bruch ging und ich von einem Regen aus Scherben umgeben war. Die Monitore schlugen Alarm und das ruhige Fiepen schwang zu einemätzenden, hellen, in den Ohren stechenden Tonüber. Rotes Licht flackerte.
Die Schwerkraft zog mich zu Boden und ich landete unsanft auf den Scherben. Ich war nicht in der Lage die Augen zuöffnen oder einen Ton von mir zu geben, geschweige denn mich zu bewegen.
„Eine zweite Kapsel ist zerbrochen! Weitere werden bald folgen!“ Hörte ich dumpf aus einer der Gängen rufen. Daraufhin Schritte, welche zu mir eilten.
„Sie ist verletzt!“, rief ein Mann.
„Sie blutet! Schnell holt eine Liege!“, befahl ein anderer.
„Die Wunden sind zum Glück nicht tief“
Das Klirren von Scherben, das Hallen der wilden Schritte und die rufenden Männer nahmen zu. Die blaue Flüssigkeiten rauschte hinab und mit ihnen kamen zunehmend mehr Körper dumpf auf den Boden auf.
Als ich in der Lage war meine Augen zuöffnen, formte das krelle, weiße Licht sie gleich wieder zu schlitzen. Wie das Licht in den Augen schmerzte, so schmerzten mich die unzähligen Geräusche, denen ich ausgesetzt war. Eine Reizüberflutung betäubte meine Sinne. Mir brummte der Kopf. Alles war so hell, so laut.
„Wir müssen uns eine andere Techniküberlegen, ohne, dass sich einer unserer Arbeiter verletzt. Das beeinträchtigt nur ihre Qualität. So können wir sie nicht gut verkaufen“, hörte ich jemanden sagen. Die Stimme war weich, dennoch lag eine gewisse Ernsthaftigkeit in ihr. Langsam hatte ich mich an das Licht gewöhnt und konnte mit zusammen gekniffenen Augen die Umgebung genauer beobachten. Frauen und Männer waren in langen weißen Kitteln gekleidet und standen neben weiteren Krankenbetten. Ich sah schräg zu mir hinauf.
Ein junger Mann befestigte eine Flasche, von welcher ein Schlauch zu meinem Arm führte, an einem Hacken, notierte sich etwas und ging zu den anderen Weißgekleideten.„Das sind die Daten von Nummer 239.319.141.891“ Er reichte das Klemmbrett einer Frau. Sie schien eine noch sehr jungeÄrztin zu sein.„Schließt sie bitte an ein Beatmungsgerät an“, befahl sie den Pflegekräften. Er nickte und verschwand in einem anderen Raum. Weitere hingen Schilder an unsere Betten. Auf ihnen war das„Schlüpf Datum“, Alter, Nummer und sonstige Daten Angaben. Daneben befand sich ein Fläschchen mit dem Blut desjenigen.
Ein Wagen wurde neben mich geschoben. Diverse Schläuche hingen von dem Gerät und man setzte mir eine Maske auf. Es dauerte etwas, bis sie perfekt auf meinem Gesicht saßund die restlichen Verkabelungen angeschlossen waren. Neben dem Beatmungsgerät hing ich ebenfalls an einem Stauerstoffmäßgerät und einem EKG. Es war ein riesiges Durcheinander an Kabeln und Schläuche.
Die verschiedenen Gespräche verschwammen. Das Blättern der vielen Blätter. Klickende Kugelschreiber. Rollen der Betten. Pfeifen und klickende Geräusche der Geräte und Objekten.DieÄrztin kam zu mir und kontrollierte, ob alles funktionierte. Gleichzeitig checkte sie die Daten erneut ab und spritzte mir etwas Kaltes in die Adern.
Ich zuckte, aufgrund des plötzlichen Stiches, auf und meine Muskeln spannten sich an.
„Blutdruck ok. Sauerstoff gut. Herzfrequenz mittelmäßig. Herzrhythmus ok. Rohn, bringen sie mir bitte Diazepam-ratiopharm. Stöpseln sie dies auch an Nummer 239.319.141.892 an“, befahl sie dem Pfleger. Ich war unruhig. Das Atmen fiel mir auf einmal so unglaublich schwer. Mein Herz schlug immer schneller. Die Geräte schlugen Alarm.
Ich riss die Augen weit auf und sah hastig um mich. Der Gesichtsausdruck derÄrztin war alles andere als beruhigend. Ihre Stirn war angespannt und ein starrer Blick fiel auf mich. Alles fiepte und pfiff in grellen, hellen Tönen. Es verschlimmerte die Nervosität. Der Druck auf meinen Lungen wurde immer stärker und mittlerweile rang ich nach Luft. Ein unregelmäßiges, tiefes Hauchen verließmeinen Rachen.
DieÄrztin legte ihre Hände auf meine Brust und fing an in einem regelmäßigen Rhythmus zu pressen.
In diesem Moment sah ich mein, gerade erst begonnenes Leben, an mir vorbeiziehen.
„Rohn SOFORT!“, forderte sie ein weiteres Mal auf. Kurz darauf kam die Hilfe angerannt mit einem Fläschchen in der Hand. DieÄrztin setze mir mit der Nadel einen Zugang. An diesen befestige Sie einen Schlauch, welcher zu dem Fläschchen führte. Es dauerte eine Weile, bis das Medikament wirkte und ich wieder zu Ruhe kam und einschlief.