Kapitel 1
Aus Fines Perspektive
Das Rattern des ICEs über die Schienen, sowie das Vorbeifliegen der Landschaft hat eine schon fast hypnotische Wirkung auf mich. Ich spüre die warme Hand von Jan, meinem Freund, auf meinem Oberschenkel. Er drückt leicht zu und schaut mich fragend an. Ich weiche seinem Blick aus, es ist mir gerade nicht möglich zu antworten. Die Emotionen drohen mich zu überwältigen. Aber nun erstmal einen Schritt zurück:
Mittlerweile ist es Oktober geworden. Unsere gemeinsame Reise hat vor ungefähr drei Monaten begonnen. Ich wurde von meinem Chef mehr oder weniger liebevoll zu einem Aufenthalt in einem sogenannten „Medical – Retreat” gezwungen, nachdem ich zuvor eine wirklich schwierige Zeit durchgemacht hatte: Die Beziehung zu meinem damaligen Verlobten war kurz zuvor gescheitert und auch mein Körper wollte nicht mehr so richtig gesund werden. Na ja, was soll ich sagen? Einen Tag später saß ich im Zug.
Dort angekommen wollte ich eigentlich nur schnell wieder weg. Doch Jan, der medizinische Leiter, hatte mir den Kopf verdreht. Dass er allerdings der Bruder meines Chefs war, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Passend dazu kamen meine physischen Baustellen ans Licht, die einer dringenden Behandlung bedurften: Eine verschleppte Infektion hatte sich unbehandelt zu einer Herzmuskelentzündung entwickelt. Dass Jan nicht nur der Kurmediziner, sondern auch Kardiologe ist, war dann natürlich nur zu meinem Vorteil. Leider wurde ich nicht so schnell gesund, wie ich das gerne wollte. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb blieb viel Zeit, um meine bisherigen unterdrückten sexuellen Leidenschaften zu entdecken. Jan hatte damit definitiv die Büchse der Pandora geöffnet. Als schließlich bei einem Abendessen die Hintergründe eines Deals zwischen Jan und meinem Chef ans Tageslicht kamen, erlitt ich einen Herzstillstand, den ich dank Jan beherzten Eingreifens überlebte. Jedoch wollte ich danach nichts mehr von ihm wissen und führte schließlich meine Reha, nach der Reanimation, weit weg von Jan am Meer durch. Meinen Job kündigte ich natürlich auch. Ich hatte mehr als genug von den zwei Brüdern! Zusammengefasst kann man sagen, dass es die letzten drei Monate in sich hatten. All diese Erinnerungen steigen erneut in mir auf und sorgen dafür, dass mir die Luft knapp wird. Ich spüre Jans Finger an meinem Handgelenk. Wie immer finden sie zielgerecht den Punkt, der dafür sorgt, dass sich meine Herzfrequenz beruhigt. Langsam bekomme ich wieder besser Luft und die Bilder der vergangenen Monate lösen sich auf. Ich lehne meinen Kopf gegen Jans Schulter. Nun ist es an der Zeit für die schönen Erinnerungen. Jan hatte ein Wiedersehen natürlich nicht dem Zufall überlassen. Unser erstes erneutes Zusammentreffen am Strand während meiner Reha, das gemeinsame Essen in dem schönen Restaurant und die atemberaubende Nacht danach. Ein Lächeln stiehlt sich in mein Gesicht. Jan küsst zart meine Schläfe und seine Hand hält immer noch mein Handgelenk fest. Ich lasse ihn gewähren. Es tut gut. Allerdings vermisse ich zwei kleine Gefährten, die mich in den letzten Monaten begleitet haben: Engelchen und Teufelchen. Engelchen steht für mein angemessenes und sittsames Ich, Teufelchen dagegen eher für meine verborgenen Begehrlichkeiten. Sie haben nach meiner heißen Nacht mit Jan beschlossen, dass ich nun in guten Händen bin. Darauf sind sie Hand in Hand am Strand von mir weg spaziert.
Ich schaue zu Jan, der auf mich herab lächelt. Noch haben wir nicht geklärt, wie es weitergehen könnte. Ich bin noch vier Wochen krankgeschrieben. Trotzdem sollte ich bald damit beginnen, nach etwas Neuem zu suchen. Eng daran geknüpft ist natürlich auch der Gedanke, inwiefern die Sache mit Jan weitergehen kann oder nicht. Ich bin kein Freund von Fernbeziehungen. Meine Wohnung ist in München. Auf der anderen Seite deshalb, das kleine Pflänzchen unserer Beziehung zu zertrampeln, kann ja auch nicht Sinn der Sache sein. Ich setze mich auf und versuche, mich zu sammeln. Um meine Gedanken zu ordnen, muss ich mich etwas von Jan und seiner Ausstrahlung entfernen. Deshalb entziehe ich ihm meine Hand und spüre sogleich, wie seine hellblauen Augen mich durchleuchten. Jan spürt mit seinen feinen Antennen sofort, woher meine Unruhe kommt.
„Fine, lass es auf dich zukommen. Es kommt alles, wie es kommt”, appelliert er mit ruhiger Stimme an mich. Ich zucke mit den Schultern und spüre, wie sich in mir, je näher wir Jans Zuhause kommen, alles verkrampft. Jan stellt die Armlehne nach oben und umfasst mich mit beiden Armen. Glücklicherweise haben wir ein Abteil für uns alleine. Seine Hände ruhen kurz darauf auf meinem Bauch. Das fühlt sich zwar gut an, aber auch ziemlich besitzergreifend. Trotzdem verfehlt seine Berührung die angestrebte Wirkung nicht. Ich spüre, wie Wärme in meine verkrampfte Bauchmuskulatur dringt. Wie macht er das nur? Mir bleibt nichts Anderes übrig, als wieder einmal loszulassen. Ich schließe für einige Momente die Augen und genieße seine Hände auf meinem Körper.