Chapter 1
Es sind Wochen vergangen. Monate!
Und diese Schlagzeilen trenden immer noch. Er hat sich sogar einen Account auf Social Media gemacht, wo er ‘Story-Times’ von seiner Zeit mit mir macht. Von Dingen, die ich anscheinend getan habe.
Dass davon nur ein Bruchteil wahr ist, müsste eigentlich jeder mit einem klaren Kopf bemerken. Die überzogene Art, wie der Junge von mir spricht, verrät es eigentlich schon.
Ich habe ihn wie einen kleinen Bruder gesehen. HÖCHSTENS wie ein kleiner Bruder.
Ich versuche immer sehr aktiv mein privates Leben von dem beruflichen zu trennen und jetzt sehe ich das Ergebnis von dem, was passiert, wenn man diese Mauer auch nur ein kleines bisschen fallen lässt.
Ken, ich weiß, du bist verletzt und ich wünschte auch, ich könnte dir ein wenig Trost schenken; aber warum ist DAS deine Art, mit negativen Gefühlen umzugehen?
Wir waren schon seit zwei Jahren unter Vertrag. Es brauchte nur den einen verfluchten Abend, um alles zu ruinieren.
Pop war seine Musikrichtung. Mein Spezialgebiet.
Seine exzentrische Art, sich auszudrücken und seinen verrückten Geschmack für Mode haben mich jeden Tag aufs Neue fasziniert.
Ich dachte, er würde sich mit jedem so berührungsbedürftig verhalten. Deswegen duldete ich es manchmal. Aber damit habe ich alles nur schlimmer gemacht.
Hätte ich frühzeitig einen Strich gezogen, hätte er an dem verfluchten Abend nicht versucht, mich zu küssen.
Seinen Manager...
Der übrigens schon fast 30 ist!!
Während er noch nicht einmal 18 ist!!!
Ich fühle mich so dreckig, überhaupt anwesend gewesen zu sein. Überhaupt auf den dunklen Parkplatz mitgekommen zu sein.
Aber ich konnte es nicht vermeiden. Denn die Möglichkeit, dass er so über mich denken könnte, flog nicht ein einziges Mal durch meinen Kopf.
Wie mein Chef mich noch nicht gefeuert hat, lässt mich staunen. Wir sind nicht unbedingt das größte Entertainment und Gerüchte sind das Letzte, was wir gebrauchen können.
Hierfür habe ich wirklich meine Eltern enttäuscht und meine Jugend aufgegeben?
Um für einen Beruf zu lernen, in dem ich so schnell scheitern würde?
Ich schnappe mir den Spiegel aus der obersten Schublade meines Arbeitstisches und richte meine Haare. Meinem Gesicht versuche ich mit meinem Blick auszuweichen. Seit dem Vorfall empfinde ich bei meinem eigenen Anblick irgendwie immer einen gewissen Ekel.
Wenn ich mich absichtlich anschauen würde, wäre es ausschließlich, um nach Pickeln zu suchen.
Ich lege meinen Spiegel wieder vorsichtig in die Schublade und schließe sie.
Dieses Büro ist so stickig und klein; ich muss erst schauen, ob ich bei dem nach hinten rollen Nikita rammen werde. Denn alles, was man ihr zufügt, bekommt man doppelt und dreifach zurück.
Sieht gut aus.
Sie klebt mit ihrem Blick an ihrem Bildschirm und ich freue mich schon ein wenig, dass ich eventuell hier herauskommen werde, ohne angequatscht zu werden.
Leise drehe ich mich zur Seite, erhebe meinen Hintern von dem Stuhlkissen und setzte für den ersten Schritt an. Doch sobald ich ihren rauen Griff an meinem Handgelenk spüre, bleibe ich stramm stehen.
Ich stelle mich zu ihr gerichtet hin. Die Frau mit den blutroten, glatten, langen Haaren lächelt mich in ihrem Stuhl sitzend schief an. “Na! Wo geht’s hin?”