Prolog
Stumm sah ich Miles dabei, wie er die Tür des Labors verschloss. Dann griff er nach meinem Ellenbogen und führte mich auf den Parkplatz. Gestern hatte Johannes mit Favio und Kenneth das Gelände verlassen. Nur noch Miles Wagen stand dort. Einsam und gruselig. „Wo willst du hin?“, fragte ich leise und beobachtete, wie er die Beifahrertür öffnete. „Ich habe auch ein Leben außerhalb vom Zentrum“, erwiderte er und schob mich in das Auto. Leicht nickte ich und schnallte mich an, während er den Wagen umrundete und sich auf den Fahrersitz setzte. „Kann ich meine Eltern anrufen?“, murmelte ich und klemmte unwohl meine Hände zwischen die Knie. „Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“, erwiderte Miles und startete den Wagen. „Vor zehn Jahren“, antwortete ich und sah zu ihm auf, während er vom Parkplatz fuhr. „Ich denke, sie wissen, was mit dir passiert ist“, sagte er und tätschelte meinen Oberschenkel. Wahrscheinlich hatte er damit sogar recht. Meine Handlungen hatte ja jeder nachverfolgen können. Erlauben würde er es mir dennoch nicht. Wieso ich grade jetzt erst wieder an sie dachte, konnte ich mir allerdings auch nicht erklären. Für mein Studium konnte ich nicht schnell genug wegziehen. So satt hatte ich die ständigen Streitereien mit ihnen, mit meinen Geschwistern. Fest biss ich mir auf die Unterlippe und sah aus dem Fenster. Was würde ich dafür tun die Probleme von damals zu haben. Die Sorge, keinen Studienplatz zu bekommen. Panik vor einer Ablehnung. Stress, weil ich etwas nicht schaffte. Abwertung wegen meiner Sexualität und nicht wegen meines Wesens. „Lev?“
Erschrocken sah ich zurück zu Miles. „Später. Du kannst sie später anrufen“, versprach er und strich sanft über mein Knie. Erst da fühlte ich die kühlen Tränen auf meiner Wange. „Sie werden nichts von mir hören wollen“, hörte ich mich sagen. „Das kannst du dir natürlich einreden“, erwiderte Miles und zog seine Hand zurück. Zumindest würde ich es versuchen. Ich musste es versuchen, um diesem Schmerz zu entgehen. Überall fanden die Kreaturen gerade ihre Familien wieder. Und ich? Ich fuhr ins Ungewisse. Wer wusste schon wo er mich hinbringen würde. Was er vor hatte.
Umso verwunderter war ich, als wir in ein kleines Dorf fuhren. Eine der ersten Einfahrten nahmen wir und Miles ließ den Wagen auf dem anschließenden Hof ausrollen. „Was ist das?“, fragte ich und setzte mich langsam auf. „Ein Hof“, erwiderte Miles kühle und stieg aus. Unsicher schnallte ich mich ab und verließ ebenfalls den Wagen. „Du wirst nicht allein sein“, sagte er und wank mich zu sich. Doch schon von hier sah, hörte und roch ich die Tiere. „Das ist nicht dein Ernst“, flüsterte ich und sah ihn entgeistert an. „Weiß ja nicht, was du grade denkst. Aber ich werde dich nicht zu einem Tier degradieren, wenn du das meinst“, erwiderte er und ging auf das Haus zu. „Das will ich dir auch geraten haben“, flüsterte ich unhörbar für ihn. Noch hatte er mir meine Waffen nicht genommen und das würde ich so schnell auch nicht passieren lassen.
Dennoch folgte ich ihm freiwillig in das Haus. „Du kannst dich tagsüber hier aufhalten. Mach, was immer du willst“, sagte er und zeigte mir das doch recht große Haus. Es hatte ein gemütliches, altes Wohnzimmer mit einer angrenzenden Küche. Mehrere Bäder sah ich, zwei oder drei Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer und ein paar weitere Räume, die er mir nicht zeigte. „Mach dich einfach nützlich“, sagte er und ging die alte, hölzerne Treppe wieder nach unten. „Nützlich?“, fragte ich. „Ich weiß, du hast in einem Bunker gelebt. Aber was man in einem Haus so tun muss, wirst du doch wohl wissen“, schnaubte er. „Ich bin also deine Reinigungskraft?“, fragte ich und folgte ihm ins Wohnzimmer. Dort öffnete er ein Terrassenfenster und trat in den Garten. Das meiste davon war eine Weide. Ich sah Ställe und eine Scheune. „Nein, Lev. Du bist ein Versuchsobjekt“, erwiderte er und verließ die Terrasse über eine kleine Treppe und ging auf ein weiteres kleineres Haus zu. Ich beeilte mich ihm zu folgen. „Bisher sieht das anders aus“, zischte ich und sah noch einmal zurück. War ich hier, um den Hof zu schmeißen?
Miles zog einen Schlüssel hervor und schloss die Tür auf. Dann ließ er mich zuerst eintreten. „Freunde dich an. Sei nicht zu biestig“, war das Letzte, was ich hörte, bevor er die Tür hinter mir wieder zu warf und abschloss. „Miles?“, rief ich aus. Doch die Antwort waren nur seine Schritte. Weg von dieser Hütte. „Freunde dich an?“, wiederholte ich und sah in den düsteren Gang. Bevor ich mir weiter darüber den Kopf zerbrechen konnte, hörte ich leise Schritte vor mir. Es brauchte nicht lang, bis ich die junge Frau in dem langen Kleid erkannte. Ihr helles Gesicht war umrahmt mit knielangen braunen Haaren, die ihr leichtwellig über den Körper flossen. So dass das Kleid fast gänzlich bedeckt war. „Du bist neu“, hauchte sie und trat auf mich zu. Auf ihrem Gesicht lag ein sanftes Lächeln, das jedoch nicht ihre Augen erreichte. „Wo bin ich?“, fragte ich. „Das weißt du besser als ich“, erwiderte sie und wand sich wieder von mir ab. Mit schwebenden Schritten ging sie den Gang zurück und verschwand in einem Raum. Also folgte ich ihr. In dem Raum fand ich ein sehr spärliches Wohnzimmer. Es erinnerte mich ein wenig an die Einrichtungen in den Hütten bei Johannes. Doch was mich viel mehr interessierte, war die weitere Person im Raum. Ein junger Mann, ein wilder Lockenkopf, kaum älter als achtzehn. In seinen Händen hielt er einen Blutbeutel. Seine Aufmerksamkeit lag jedoch auf mir. „Wer bist du?“, fragte er und zog die Augen zu leichten Schlitzen zusammen. „Er ist ein Beschützer“, sagte die junge Frau. „Das sehe ich“, zischte er. „Ihr seid Vampire?“, fragte ich unsicher. „Das ist ein Vampir“, erwiderte der Mann und ließ den Blutbeutel schlackern. Mit einem Grinsen warf er die Konserve auf den Couchtisch ungeachtet dessen, dass sie dort langsam auslief. Langsam erhob er sich und trat auf mich zu. Dabei verloren seine Augen langsam ihre Farbe und seine Pupille weitete sich aus, so dass sie nur noch aus seiner Pupille bestanden, als er vor mir stand. Kurz schloss er seine Augen und atmete tief durch, bevor er sagte: „Du kennst Ranga.“ Leicht nickte ich und musterte seine Erscheinung. Mit einem dermaßen durchgedrehten Lächeln, in dem gefühlt mehr Zähne zusehen waren als ein Mensch besitzen sollte, hob er seine Hand und reichte sie mir. „Constantin“, stellte er sich vor.