Neuer Job
Lina war nervös. Es war fast siebzehn Uhr. Die Teilnehmer ihres Kurses müssten jedem Moment eintreffen. Sie nahm einen Zettel in die Hand und las alle Informationen, die ihr bereit gestellt wurden, zum wiederholten Mal durch:
Samantha - fünfundzwanzig - Beruhigungs-/Schlafmittel
Jeremy - vierunddreißig - Kokain
Alice - fünfzig - Alkohol
Steven - dreiundsechzig - Canabis/LSD/Pilze/Alkohol
Jackson - achtunddreißig - Alkohol
Lina verfiel plötzlich ins Zweifeln. War sie in der Lage mit diesen Menschen und ihren ernsten Problem zurecht zu kommen? War sie bereit dafür?
Wie dem auch sei, es gab an dieser Stelle kein zurück. Sie schloss ihre Augen für einen kurzen Augenblick und nahm tief Luft.
„Du schaffst das“, sprach sie sich gedanklich gut zu. „Du kannst das.“
Samantha betrat als erstes den großzügigen Kursraum. In der Mitte befand sich eine lange, moderne Kücheninsel mit einem großen Spülbecken und mehreren Induktionsplatten. An der gegenüber liegenden Wand waren diverse Küchengeräte verbaut. Die in weißen und grauen Tönen gehaltene Einrichtung wirkte auf Samantha ausdruckslos und steril. Eine kleine, zierliche Frau im hellblauen Sommerkleid und geflochtenen, langen Haaren lächelte angespannt in ihre Richtung.
„Hi! Ich bin Lina!“
Emotionslos ließ sich Samantha auf einen Barhocker an der Kücheninsel fallen.
„Ich leite den Kochkurs“, fügte Lina sichtlich nervös hinzu.
„Wie aufregend“, entgegnete Samantha und fummelte währenddessen an ihren kurzen, schwarz lackierten Fingernägeln. Sie würdigte Lina keines weiteren Blickes.
Im nächsten Moment betraten Alice und Steven das Geschehen.
„Hey ihr Zwei“, sagte Lina freundlich.
„Hey“, antworteten Alice und Steven.
Beide nahmen ebenfalls an der Kücheninsel Platz und waren ganz offensichtlich an einer weiteren Unterhaltung nicht interessiert.
Jeremy platzte als Nächstes rein. Er war ein wenig aus der Puste und schaute in Linas eingeschüchtertes Gesicht.
„Entschuldige die Verspätung, Darling. Das liegt an diesen mysteriösen Tabletten, die sie mir jeden Tag verabreichen. Die machen mich so unglaublich schläfrig“, rechtfertigte er sich.
Lina lächelte ihn an. „Das macht nichts.“
Sie fühlte sich erleichtert, dass wenigstens einer der Anwesenden aufgeschlossen und freundlich zu sein schien. Gleichzeitig wusste sie, dass sie nicht viel erwarten durfte. Alle Teilnehmer waren seit zwei Wochen im Greyson Rehabilitation Center und haben ihr individuelles Entgiftungsprogramm gerade erst hinter sich gebracht. Es erwarteten sie noch weitere sechs Wochen in der Einrichtung. Neben Psychotherapie, Gruppensitzungen und Sport, standen am Nachmittag diverse Freizeit-Kurse zur Auswahl, zu denen sich alle Patienten verbindlich anmelden mussten. Linas Kochkurs war eine der angebotenen Aktivitäten.
„Sind wir schon vollzählig?“, fragte Jeremy.
Lina nahm ihre Liste nochmal in die Hand.
„Ein Teilnehmer fehlt noch“, antwortete sie.
In der nächsten Sekunde betrat Jackson das Geschehen.
„Es tut mir leid“, sagte er leise. „Ich habe den Kursraum nicht gefunden.“
Lina starrte den Mann an. Seine tiefblauen Augen verbargen sich hinter einer schwarz gerahmten Brille. Sein dichtes, braunes Haar war ungezähmt und stellenweise bereits etwas grau. Ein dunkler Dreitagebart bildete einen Kontrast zu seiner blassen Gesichtshaut.
„Das kann nicht wahr sein“, sprach Lina in ihren Gedanken. „Das ist Jackson Cole!“
„Ist das eine Selbsthilfegruppe oder kochen wir hier?“, knurrte Steven von der Seite und brachte Lina zurück in die Realität. Sie sah in seine Richtung.
„Ehm, ja. Natürlich kochen wir hier. Als Erstes sollten wir uns jedoch gegenseitig vorstellen. Ich heiße Lina Miller, bin fünfunddreißig Jahre alt und komme aus Los Angeles. Ich bin neu in der Einrichtung und freue mich sehr auf die nächsten sechs Wochen mit euch.“
Lina setzte ein künstliches Lächeln auf und sah Samantha erwartungsvoll an. Diese schnaubte genervt, bevor sie sich ihrem Schicksal ergab: „Ich bin Sam. Meine Eltern haben mich vor zwei Wochen gegen meinen Willen her gebracht. Ich hasse kochen. Aber Meditation, Handarbeit und Kunst hasse ich noch ein bisschen mehr. Also blieb mir nichts anderes übrig, als das hier.“
Samantha war schlank, klein und hatte neben einem Nasenring auch ein Zungen- und Augenbrauenpiercing. Ihre schulterlangen Haare waren pechschwarz, passend zu ihrer Kleidung.
„Okay“, antwortete Lina und sah Jeremy als Nächstes an.
„Ich bin Jeremy“, stellte er sich den anderen Teilnehmern vor. „Ich bin schwul und besitze einen Club in San Francisco. Und … ehm … ich hatte paar Problemchen mit Kokain … schon wieder … also bin ich hier. Ich hoffe, dies wird mein letzter Entzug.“
Jeremy war von Kopf bis Fuß in Luxus-Markenklamotten gehüllt. Er hatte kurzes, hellblondes Haar und einen durchtrainierten Körperbau.
„Ich wünsche dir, dass es der letzte Entzug ist, Jeremy“, antwortete Lina aufrichtig.
„Ich bin Alice“, sagte die letzte Frau in der Runde. „Es ist mein dritter Alkoholentzug. Daher hoffe ich, du benutzt keinen Wein für Soßen.“
Alice, mit ihrem perfekt gestylten braunen Bob, sah durch diverse plastischen Operationen jünger aus, als sie in Wahrheit war. Sie trug eine dunkelgraue Jogginghose und einen passenden Oversize Hoodie. Trotz unscheinbarer Kleidung, entlarvte ihr extravaganter Schmuck ihren finanziellen Status.
Lina lächelte sie etwas verlegen an. „Keine Sorge, hier gibt’s keinen Wein.“
„Zu schade“, antwortete Steven zynisch und stellte sich als Nächstes vor. „Ich habe in der Filmindustrie gearbeitet. Alkohol und Drogen gehörten zu meinem Alltag. Jetzt, wo ich im Ruhestand bin, hielt es meine Frau für eine gute Idee einen Entzug auszuprobieren.“
Steven, mit seinem lichten grauen Haar, sah wie ein durchschnittlicher Mann seines Alters aus. Er trug eine runde Hornbrille, ein blaukariertes Hemd und eine lockere Jeans. Lina konnte kaum glauben, dass er ernste Probleme mit Drogen und Alkohol hatte.
„Danke, Steven“, bedankte sie sich. Dann schaute sie zu Jackson. Ihr Herz beschleunigte. Er erwiderte ihren Blick und räusperte seine Stimme.
„Ich bin Jax. Ich möchte gern lernen, wie man kocht.“
Lina ging wieder in Gedanken verloren. Dieser Mann sah unglaublich erschöpft aus.
„Was ist aus dem einst so attraktiven Sänger bloß geworden?“
Es gab eine Zeit, in der Lina hemmungslos in ihn verliebt gewesen ist. Jax war in einer Pop-Rock-Band bekannt geworden, die sich mehrere Jahre an der Spitze der internationalen Charts hielt. Als die Band sich irgendwann auflöste, verfolgte Lina noch eine Weile seine eher bescheidene Karriere als Solokünstler. Doch dann wurde sie älter und verlor schließlich das Interesse an seiner Musik. Das lag nun zwanzig Jahre zurück. Nie im Leben hätte sie sich erträumt, ihren Jugendschwarm jemals persönlich zu begegneten. Und erst garnicht an so einem Ort.
„Was ist denn jetzt mit dem Kochen?“, fragte Steven ungeduldig.
„Ehm, ja. Natürlich“, antwortete Lina und sortierte schnell ihre Gedanken. Dann sprach sie weiter: „Essen ist eine unglaublich intime Sache, findet ihr nicht? Wir nehmen Nahrung schließlich in unseren Körpern auf. Sie hat enorme Auswirkungen auf die Art wie wir uns fühlen, wie wir aussehen und wer wir sind. Ich möchte, dass ihr einen neuen Blickwinkel auf eure Ernährung bekommt. Beim Essen geht es nicht ausschließlich um das Überleben zu sichern …“
„Oh, bitte“, fiel ihr Samantha plötzlich ins Wort. „Du glaubst den Scheiß doch nicht wirklich, oder?“
„Ich bin nicht hergekommen, um mir diesen esoterischen Nonsens anzuhören“, fügte Steven hinzu.
„Können wir endlich anfangen?“, beschwerte sich Alice.
Linas Wangen verfärbten sich pink. „Natürlich“, antwortete sie. Sie war sichtlich eingeschüchtert. „Bevor ihr gekommen seid, habe ich frisches Brot gebacken und möchte euch gerne zeigen, wie man einen Dip aus frischem Basilikum, Pinienkernen und Olivenöl zubereitet. Es nennt sich Pesto á la Genovese.“
Alle Augen waren auf Lina gerichtet, während sie einen Standmixer auf der Kücheninsel platzierte und mit den aufgezählten Zutaten befüllte. Dann verschloss sie den Deckel und drückte auf den Startknopf. Doch Lina war zu nervös und unachtsam. Der Deckel war nicht sicher verschlossen und schoss Sekunden später vom Mixer. Der gesamte Inhalt spritzte zeitgleich über die Kücheninsel.
„Oh nein!“
Hektisch betätigte sie den Ausschalter und brachte den Mixer wieder zum Stillstand.
„Fuck!“, fluchte Samantha und sah an ihrem Körper runter.
Das grüne Pesto hatte sich auf ihrer Kleidung verteilt. Alice und Steven ging es sehr ähnlich. Sie waren außer sich vor Wut. Jeremy hingegen fing an zu lachen und schaffte es nicht, sich wieder zu beruhigen.
„Ich bin hier fertig!“, fauchte Samantha, stand von ihrem Hocker auf und verließ stampfend den Kursraum. Alice und Steven guckten Lina abwertend an. Dann standen sie ebenfalls auf und verließen die Situation.
„E… es tut mir so leid“, stotterte Lina, die ebenfalls Pesto auf ihrer Kleidung, ihrem Gesicht und sogar in den Haaren hatte. Ihr war selten etwas dermaßen peinlich gewesen.
„Das war zum Schießen!“, lachte Jeremy weiter. „Ich hab’ mich fast eingenässt!“
Lina nahm ein Küchentuch und versuchte hektisch die Flecken aus ihrem Kleid zu entfernen. Ihre Augen hatten sich mittlerweile mit Tränen gefüllt.
Jax bemerkte ihr Unbehagen. Als auch Jeremy schließlich die Küche verlassen hatte, stand er von seinem Hocker auf, ging um den Tresen herum und blieb neben Lina stehen.
„Es tut mir aufrichtig leid, Jax“, entschuldigte sie sich nochmal, als sie die Flecken auf seinem weißen T-Shirt sah.
„Das ist doch nicht schlimm“, antwortete er ruhig.
„Doch, das ist es. Ich hab’ alles vermasselt.“
„Es ist wirklich keine große Sache.“
Sie sah ihn an. „Danke, dass du das sagst …“
Als sich ihre Blicke trafen, gingen beide für einen Moment darin verloren. „Seine Augen sind so schön“, dachte Lina. „Sie sind traurig und müde, aber trotzdem wunderschön.“
„Du … ehm … du hast Pesto an deiner Stirn. Darf ich dir helfen?“, fragte Jax vorsichtig und unterbrach ihre Gedanken.
Lina lächelte verlegen und nickte. Sie musste die peinliche Situation immer noch verdauen. Jax nahm ein Stück Küchenrolle vom Tresen und wischte den Dipp vorsichtig aus ihrem Gesicht.
„Danke.“
„Hey, mach’ dir deswegen keine Gedanken, okay?“, versuchte er sie aufzumuntern.
Sie schnaubte zynisch. „Es ist mein erster Tag als Kursleiterin und ich habe bereits vollumfänglich versagt. Die Dinge können nicht mehr schlimmer kommen, oder?“
„Das nenne ich eine gesunde Einstellung“, scherzte Jax.
Sein Gesicht erhellte sich zum ersten Mal. Linas Herz beschleunigte im selben Augenblick. Dieser Mann schien gebrochen zu sein. Doch seine Anziehungskraft hatte er längst nicht verloren.
Sie lächelte ihn wieder an: „Gibt es eine Chance, dass du Morgen nochmal her kommst?“
Jax legte seine Stirn in Falten. „Warum Morgen? Der heutige Kurs hat doch noch garnicht begonnen.“
„Oh … ehm … ich erwarte nicht, dass du hier bleibst … ich mein’ … wir sind überall dreckig …“
„Es macht mir nichts aus“, fiel er ihr ins Wort. „Also, wenn du weiter machen willst, bleibe ich gern hier.“
„O… okay … sicher …“, stotterte Lina.
„Was hast du für heute geplant?“, wollte er als Nächstes wissen.
„Spagetti Carbonara“, antwortete sie. „Etwas Einfaches und Köstliches für den Start.“
„Hört sich gut an.“
Lina lächelte erneut. Dann ging sie zum Kühlschrank und stellte alle Zutaten auf die Kücheninsel. Jax genoss es, ihr dabei zuzuschauen. Irgendetwas an ihr faszinierte ihn. Er war sehr überrascht, dass er sich auf diese Art fühlte. Diese Emotionen hatte er seit sehr langer Zeit nicht mehr empfunden.
„Als Erstes kochen wir die Pasta“, erklärte Lina. „Bitte fülle Wasser in einen Topf und stell’ ihn auf den Herd.“
Jax befolgte ihre Anweisung.
„Oh, du musst das Wasser noch salzen.“
„Wie viel?“
„Ein Teelöffel pro Liter.“
Jax schaute skeptisch in den Topf. Er hatte keine Ahnung, wie viel Wasser sich darin befand.
„Oder du machst es einfach nach Gefühl“, sagte Lina.
Jax nahm die Salzdose in die Hand und schüttete vorsichtig etwas in den Topf.
„Mehr?“
Sie nickte.
„Noch mehr?“
Sie nickte erneut.
„Sicher?“
Sie gluckste.
„Sicher.“
Als Nächstes ließ Lina Jax Parmesan reiben.
„Wir brauchen den Käse für die Soße“, erklärte sie.
Als er fertig war, bat sie ihn Eier aufzuschlagen und mit dem Käse zu vermengen. Jax war nicht besonders geschickt, sodass ein wenig Eierschale in der Soße landete.
„Tut mir leid“, entschuldigte er sich. „Ich hab’ nicht viel Erfahrung mit Kochen.“
„Das ist mir bereits aufgefallen“, neckte sie.
„Ich erwarte bisschen mehr Motivation“, triezte er zurück.
Lina grinste und entfernte die Eierschalen aus der Soße.
„Als Nächstes müssen wir Zwiebeln und Speck anbraten“, erklärte sie und überreichte ihm eine Knolle.
„Soll ich sie schneiden?“, fragte Jax.
Sie nickte. Er stellte sich etwas ungeschickt beim Schneiden an und schnitt sich leicht in den Finger.
„Mist!“, fluchte er und ließ das Messer abrupt fallen.
Lina lachte auf.
„Ich habe nicht mit einem Selbstmordversuch während meines Kurses gerechnet.“
Jax sah sie mit großen Augen an.
„G… großer Gott … hab’ ich das wirklich gerade gesagt? E… es tut mir leid“, stotterte sie.
Jax fing an zu schmunzeln.
„Schwarzer Humor, hm?“
Linas Anspannung löste sich.
„Manchmal ein bisschen zu schwarz“, antwortete sie.
„Mach’ dir keine Gedanken, ich mag schwarzen Humor“, entgegnete er.
„Gut zu wissen.“
Sie öffnete eine Schublade und holte ein kleines Pflaster heraus.
„Lass mich dir helfen.“
Er hielt ihr seinen verletzten Finger hin. Sie legte das Pflaster vorsichtig über seine Wunde.
„Besser?“
„Besser.“
Jax folgte Linas weiteren Anweisungen und röstete die Zwiebel mit dem Speck in der Pfanne an. Währenddessen wurde die Pasta fertig. Am Ende wurden alle Zutaten im Topf miteinander vermischt.
„Die Nudeln dürfen nicht zu heiß sein, sonst gibt es Rührei“, erklärte Lina.
„Verstanden.“
Schließlich richtete sie das Essen auf zwei Tellern an und setzte sich mit Jax an die Kücheninsel.
„Ich hoffe, es schmeckt dir“, sagte sie.
„Es ist wirklich köstlich“, antwortete er mit vollem Mund.
„Das freut mich zu hören.“
Einen Moment lang konzentrierten sich beide auf ihr Gericht.
Dann fing Jax wieder an zu sprechen: „Wie kommt’s das du hier arbeitest, L.A.-Girl?“
Lina schluckte ihren Bissen hinunter: „Ich war auf der Suche nach einer Art Neustart. Ich bin keine gelernte Köchin, aber ich koche seit dem ich denken kann mit großer Leidenschaft. Ein Freund von mir ist Psychologe. Er hat mir von diesem Ort erzählt und dass sie verzweifelt eine neue Leiterin für einen Kochkurs suchen. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen kann so etwas auszuprobieren. Da ich nichts zu verlieren hatte, stimmte ich zu. Durch seine persönliche Empfehlung erhielt ich schließlich die Zusage.“
Jax hörte ihr aufmerksam zu, während er den Rest seines Essens genoss.
„Du bist mit einem Psychologen befreundet?“, fragte er neugierig.
Lina nickte.
„Er war zuerst mein Therapeut. Doch zum Schluss freundeten wir uns an.“
„Ich verstehe“, entgegnete Jax. „Du wohnst also jetzt in Morro Bay?“
„Nicht so richtig. Da die vier Stunden Fahrt nach Los Angeles nicht zumutbar sind, habe ich mir in der Mitarbeiterunterkunft auf der anderen Straßenseite ein Zimmer angemietet.“
„Ich komme aus der gleichen Gegend“, verriet Jax.
„Ach wirklich?“
„Ja. Beverly Hills.“
Lina hob ihre Augenbrauen und grinste.
„Wie vornehm.“
Jax musste lachen.
„Ein bisschen vielleicht.“
Nachdem sie aufgegessen hatten, half Jax Lina die Küche wieder aufzuräumen und sauber zu machen.
„Danke, dass du geblieben bist“, bedankte sie sich schließlich bei ihm.
„Ich danke dir für die lehrreiche Privatstunde“, antwortete Jax.
„Also sehen wir uns Morgen wieder?“
„Ja, wir sehen uns Morgen wieder.“
„Ich empfehle dir, keine weißen Sachen zu tragen“, gluckste Lina.
„Ich werde den Ratschlag beherzigen“, antwortete er mit einem breiten Lächeln im Gesicht.
Als Jax schließlich gegangen war, musste Lina die Geschehnisse des Tages erst richtig verarbeiten. Es war völlig verrückt, dass sie soeben mit Jackson Cole in der Küche gestanden und Spagetti Carbonara zubereitet hatte. Das Leben spielte vollkommen verrückt.
Nachdem sie ihre Gedanken sortiert hatte, machte sie das Licht aus, verließ den Kursraum und kehrte in ihre Unterkunft auf der anderen Straßenseite zurück. Das Zimmer, welches sie im zweiten Stock des großen Wohnkomplexes bewohnte, war zweckmäßig eingerichtet. Neben einem Queen-Size-Bett, verfügte es über einen Kleiderschrank und eine Kommode mit einem Fernseher oben drauf. Darüber hinaus gab es ein kleines, fensterloses Badezimmer mit Dusche.
Lina schälte sich aus ihrer dreckigen Kleidung und ließ sie zu Boden fallen. Sie musste dringend das grüne Pesto aus ihren Haaren los werden.
Nach einer heißen Dusche schlüpfte sie in eine graue Sweatpants und ein lockeres, weißes T-Shirt. Dann schnappte sie sich ihren Laptop und machte es sich auf ihrem Bett bequem.
Neugierig öffnete sie den Browser und tippte Jacksons Namen ein. Sie hatte keinen blassen Schimmer, was in den letzten zwanzig Jahren aus ihm geworden war. Doch trotz sozialen Medien, hielten sich die Informationen über seine Person in Grenzen. Am Ende fand sie Bilder von ihm mit einer dunkelhaarigen Frau im Arm auf einem Fan-Account bei Instagram. Sie schienen halbwegs aktuell zu sein. Lina fragte sich, ob es sich um seine Freundin handelte. Doch es gelang ihr nicht weitere Details über sein Privatleben zu finden.
„Was soll’s“, dachte sie schließlich und ließ sich erschöpft in ihr Kissen zurück fallen. Dann nahm sie ihr Smartphone vom Nachttisch, öffnete Spotify und tippte erneut Jacksons Namen ein. Sekunden später erschien sein Soloalbum im Display.
„Paradox“, flüsterte Lina.
Sie hatte den Namen des Albums vollkommen vergessen gehabt. Neugierig scrollte sie sich durch die zwölf Musikstücke. Sie blieb beim Titel Come to me hängen und startete die Musik:
[…]
Cause when I’m all alone
I lay awake and masturbate
I love to hear the sounds you make
Baby here I come
[…]
Lina biss sich auf ihre Lippen, während sie dem Songtext aufmerksam lauschte.
„Wie unanständig, Mr. Cole …“
Zur gleichen Zeit hatte Jax einen Spaziergang im weitläufigen Park gemacht, der zum Rehab-Center gehörte. Die Grünanlage war liebevoll gestaltet und bot an vielen Ecken Platz zum Verweilen an. Jax setzte sich schließlich auf eine Parkbank und genoss die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf seiner Haut. Mit geschlossenen Augen atmete er tief ein und wieder aus.
„Das Schlimmste ist geschafft“, dachte er erleichtert und distanzierte sich emotional von dem anstrengenden Entzug der letzten vierzehn Tage. Sein Körper kämpfte immer noch mit der vollkommen neuen Situation. Doch mit jeden weiteren Tag kehrte ein bisschen mehr Kraft zu ihm zurück.
„Noch sechs Wochen übrig …“








