1 - Das Meer
1801
Möwen kreischten am blauen Himmel und der Wind fuhr in das wellige Haar des jungen Mannes. Er strich sich eine Strähne mit einer ungeduldigen Geste aus den Augen. Die Farbe seines Haars erinnerte an flüssiges Karamell, doch es war strähnig und lange nicht gestutzt worden. Er stand an der kleinen Schiffsluke und spähte mit einem sehnsuchtsvollen Ausdruck nach draußen. Die Öffnung war gerade einmal groß genug, um den Kopf hindurchzustecken. Das Schiff schlingerte und er musste sich mit der freien Hand an einem Balken der niedrigen Decke festhalten. Holz und Taue knarzten. Ein Holzbecher auf dem festgenagelten kleinen Tisch in der Mitte des Raumes geriet ins Rutschen und fiel herunter. Irgendwo über sich hörte er, wie sich die Segel im Wind blähten und die Stimmen der Matrosen auf Deck. Jemand brüllte eine Anweisung, ein andere fluchte.
Das Schlingern machte dem jungen Mann schon lange nichts mehr aus und er glaubte auch nicht mehr bei jedem Knarzen und Krachen, dass das Schiff sinken würde. Er hatte sich in vielen Monaten an die Geräusche des Schiffes gewöhnt und er bewegte sich inzwischen fast so sicher, wie es die Matrosen taten.
Die letzten Wochen und Monate waren zermürbend lang gewesen, von Langeweile und Müßiggang geprägt und von Nachdenken, das nirgendwohin führte, weil er doch nicht von diesem Schiff herunterkonnte. Doch es war eine Veränderung eingetreten. Seit Wochen hatten sie kein Land mehr gesehen. Doch jetzt erschien der schmale Streifen Grün schon am zweiten Tag in Folge am Horizont.
Der junge Mann wusste nicht genau, wo sie sich befanden. Es mochte Frankreich sein, oder ebenso gut Spanien oder gar die Küste Afrikas, der seine sehnsuchtsvollen Blicke galten. Er war zu lange unfreiwilliger Passagier auf diesem Schiff, um bei dem Anblick von Land wählerisch zu sein und um keine Hoffnung zu verspüren. Das Grün versprach Freiheit.
Er wagte kaum, das Wort zu denken. Und doch drängte es sich ihm auf. So wenig, wie er den Blick von dem grünen, wie mit Aquarellfarben gezeichneten, Streifen Land abwenden konnte, so wenig konnte er die Hoffnung aus seinen Gedanken bannen. Die Hoffnung nach Hause zurückzukehren und sie wiederzusehen.
In seiner rechten Hand hielt er eine bauchige Flasche. Sie roch noch leicht nach Rum, aber sie war leer, bis auf ein ordentlich gerolltes Blatt Papier. Der Korken saß fest und war zusätzlich mit etwas Teer versiegelt. Der junge Mann prüfte zum hundertsten Mal, ob der Korken wirklich fest saß.
Sich nähernde Geräusche ließen ihn innehalten. Es waren die Schritte von zwei Männern, die einen fest, die anderen unsicher, die sich der Kajütentür näherten. Als von außen der Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde, warf er die Flasche mit einer einzigen schnellen Bewegung aus der Luke ins Meer.
Sofort verlor er die bauschige Flasche aus den Augen und war einen Augenblick lang überzeugt, sie sei an der Außenwand des Schiffes zerbrochen. Hastig, obwohl sich die Tür jeden Augenblick öffnen konnte, steckte er seinen Kopf aus der kleinen, runden Luke und stieß sich dabei schmerzhaft die Schulter. Er ignorierte den Schmerz und machte den Hals lang. Da! Er konnte die Flaschenpost auf den leichten Wellen schaukeln sehen. Erleichtert und in dem Augenblick, in dem die Tür geöffnet wurde, zog er den Kopf zurück.
Ein Mann in einem schwarzen, fleckigen Anzug, der ihm zu groß zu sein schien, und wolligem, grauen Haar, das über seinen Ohren abstand, stolperte herein. Vermutlich war er gestoßen worden, denn hinter ihm tauchte ein großer, braungebrannter Kerl mit breiten Schultern und sehnigen, muskulösen Armen unter dem Türstock auf. Der alte Mann warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter und rückte seine verbogene Nickelbrille zurecht. Man hätte den großen Kerl mit bloßen Armen und einem großen Messer am Gürtel aufgrund dessen dunkler Haut und dem schwarzen Haar für einen Mann aus Nordafrika halten können, doch er stammte, wie der Großteil der Besatzung der Liberté, so lautete der Name des französischen Freibeuterschiffs, aus Südfrankreich.
„Was tun Sie da, Monsieur Craythorne?“, fragte der Seemann in schroffem Ton und verzerrte den englischen Namen auf Französisch zur Unkenntlichkeit.
„Luft schnappen.” Der junge Mr Craythorne schob trotzig das Kinn vor und begegnete dem harten Blick des Franzosen ohne Furcht. Trotz seines harmlosen Äußeren, hatte der junge Engländer eine feste Stimme.
Der Franzose gab ein brummendes Geräusch von sich. „Kümmern Sie sich um Ihren Freund. Er ist wieder seekrank.” Mit diesen Worten und einem abfälligen Blick zu dem älteren Mann, schloss er die Tür hinter sich und der Schlüssel drehte sich erneut im Schloss. Die beiden Gefangenen lauschten den sich entfernenden Schritten.
„Sobald wir einen Hafen anlaufen, müssen wir irgendwie an diesen Schlüsselbund herankommen”, murmelte der junge Mann, sobald die Schritte verklungen waren.
Der ältere Mann antwortete mit einem Stöhnen. Er war blass und leicht grünlich im Gesicht. Man konnte riechen, dass er sich übergeben hatte und sehen, dass er litt.
Der junge Mann schob die Gedanken an eine Flucht beiseite und beugte sich über seinen älteren Gefährten, der sich an die Wand lehnte. „Legen Sie sich hin, Reverend Clarke.”
„Es ist gleich, ob ich stehe oder liege. Mir wird doch wieder schlecht”, jammerte der ausgemergelte Mann. “Ich werde mich nie an dieses Schiff gewöhnen. Es ist eine einzige lange Prüfung Gottes.”
“Ich frage mich wirklich, was Gott damit bezweckt, Sie seekrank zu machen”, gab der Jüngere zurück, aber der Reverend war nicht zu Scherzen aufgelegt und störte sich auch nicht an der Blasphemie seines jüngeren Gefährten.
Stattdessen stöhnte er erneut. „Gott steh mir bei“, murmelte er vor sich hin und schloss die Augen.
Mr Craythorne musterte ihn besorgt. „Bald wird die See wieder ruhiger. Ich glaube hier ist der Seegang nur etwas stärker, weil wir uns in der Nähe der Küste befinden.“ Wieder zog es Mr Craythorne zu der Luke um nach dem grünen Streifen am Horizont zu sehen. „Wir sind lange keiner Küste mehr so nah gekommen. Ich frage mich, ob das etwas zu bedeuten hat. Vielleicht brauchen wir Vorräte, oder man konnte sich endlich auf ein Lösegeld einigen.“
Der Reverend nahm keinen Anteil an den Überlegungen seines Mitgefangen sondern war mit sich selbst beschäftigt. Umständlich versuchte er, sich hinzulegen, aber er war schwach und Mr Craythorne half ihm in die stockfleckige Hängematte, deren muffiger Geruch nach Feuchtigkeit und altem Schweiß die Übelkeit des bemitleidenswerten Geistlichen vermutlich noch verschlimmern würde. Er drückte ihm eine Holzschüssel in die Hand, falls er sich erneut übergeben musste.
„Sie frösteln. Decken Sie sich zu.” Fürsorglich zog der junge Mann die Wolldecke über den älteren. „Möchten Sie etwas Wasser?”
„Nein, ich versuche zu beten und etwas zu schlafen. Danke, Alexander.” Der Reverend schloss die Augen und begann lautlos, im stummen Gebet, die Lippen zu bewegen.
Alexander Craythorne fuhr sich durch das strähnige Haar. Er fand schon lange keinen Trost mehr im Gebet. Doch sein Glaube an Gott war auch nie besonders tief gewesen und sein Schicksal, das ihn in die Hände der Freibeuter geführt hatte, hatte den letzten Rest ausgelöscht. Der Jüngere zog sich zu der Luke zurück, aber die Flasche mit dem Brief war längst verschwunden. Er sah dem Reverend eine Weile beim Beten zu bis sich die Lippen den Geistlichen aufhörten sich zu bewegen und sich dessen gefalteten Hände lösten und glaubte, er sei eingeschlafen.
„Als ich an Deck war, hörte ich, wie sich zwei Matrosen unterhielten”, murmelte der Reverend nach einer Weile in dem selben Tonfall, in dem er gebetet hatte, denn man wusste nie, ob einer der Matrosen in der Nähe war und lauschte. Doch in seinen Augen, deren Lider halb geschlossen waren, lag ein gewisses Funkeln.
Sofort war Mr Craythorne an seiner Seite.
„Die Küste. Das ist Frankreich. Die Matrosen erwarten, dass der Kapitän Befehl geben wird zu landen um Vorräte aufzunehmen.”
„Das ist unsere Chance”, flüsterte Alexander Craythorne aufgeregt.
„Ihre vielleicht, junger Freund, aber ich bin zu schwach für eine abenteuerliche Flucht und den Frauen können Sie eine Flucht keinesfalls zumuten.”
Alexander nickte leicht. Der Reverend und er selbst waren nicht die einzigen Gefangenen auf dem Schiff. Des Reverends Frau und Tochter waren ebenfalls bei dem Überfall gefangen genommen worden und verbrachten die meiste Zeit des Tages in einer anderen Kajüte. Die Gefangenen trafen einander nur zweimal am Tag für eine Stunde auf Deck.
„Vielleicht wird es eine Lösegeldübergabe geben und wir kommen so frei. Auf die eine oder andere Art, es wird etwas geschehen.”
Er dachte an die Flaschenpost, die er gerade auf den Weg geschickt hatte und an das Mädchen, an das sie adressiert war. Er wusste, wie unwahrscheinlich es war, dass sie die Flaschenpost je bekommen würde, aber an irgendetwas musste er seine Hoffnung hängen, wenn er nicht verrückt werden wollte. Wieder späte er zu dem fernen Land und spürte seit Langem, dass sein Hoffen nicht umsonst war. Es bestand eine echte Chance, dass er zu ihr zurückkehren würde. Mary.
“Wenn die Franzosen wenigstens die Frauen gehen ließen.” Der alte Mann seufzte, seine Hoffnung schien trotz seines Gottvertrauens erschöpft, wie es sein Körper war. „Jetzt muss ich mich ein wenig ausruhen.”
„Tun Sie das, Mr Clarke”, sagte Alexander leise und zog sich erneut auf seinen Platz an der Luke zurück. Mit nachdenklicher Miene blickte er hinaus zu dem schmalen Streifen Grün. Sie waren der Küste so nah, dass er glaubte, einzelne Häuser und Bäume zu erkennen. Die Freiheit so nah vor Augen schien es ihm besonders hart, zu Untätigkeit verdammt zu sein.
Wenn er es bloß irgendwie zur Küste schaffte, würde es ihm schon gelingen auf die ein oder andere Art nach Hause zurückzukehren. Einmal gefasst, konnte er diesen Gedanken nicht mehr abschütteln. Es war, als seu die Flaschenpost, nach langen Monaten der Untätigeit, ein erster, unbeholfener Schritt gewesen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Der nächste Schritt schien nur natürlich. Ruckartig stand er auf und ging zur Tür.
„Hey!“, schrie er aus Leibeskräften, so dass der arme Reverend aufschreckte. „Ich muss mit dem Kapitän sprechen. Informieren Sie Capitaine Leroux, dass ich mit ihm sprechen will!”
Mr Craythorne schrie und hämmerte so lange an die grobe Holztür, bis seine Fäuste schmerzten aber eine ganze Weile lang war draußen kein Geräusch zu vernehmen. Doch er wusste, das man ihn hörte. Um diese Tageszeit hielten sich immer ein paar Matrosen unter Deck auf. Doch vermutlich verwirrte sie sein Ausbruch und sie wussten nicht, damit umzugehen.
Zeit verging und er wusste nicht, wie lange. Seine Taschenuhr war ihm schon lange abgenommen worden. Aber irgendwann hörte er Schritte und den Schlüssel im Schloss. Ein sichtlich genervter Matrose riss die Tür auf.
„Mitkommen”, brummte er, wobei er offenließ, ob Mr Craythorne die geforderte Audienz beim Kapitän erhalten würde, oder ob die Matrosen von seinem Gelärme nur die Nase voll hatten und ihn über Bord gehen lassen würden.
Mr Craythorne straffte die Schultern, strich sich das Hemd glatt, griff der Form halber nach seinem abgegriffenen Rock, in den er schnell schlüpfte, und folgte dem Matrosen, während ihm der besorgte Blick des seekranken Reverends folgte. Sie stiegen über schmale Leitern durch den Bauch des Schiffes nach oben. Alexander kannte den Weg und hielt mit dem Matrosen Schritt ohne sich an niedrigen Balken den Kopf oder an Schwellen die Zehen zu stoßen. Vor der Tür zur Kapitänskajüte bedeutete ihm der Matrose stehen zu bleiben und zu warten.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der große schlanke Kapitän des Schiffes, als der Matrone Alexander schließlich in die Kajüte führte. Leroux war ein eitler Mann, mit golden blondem, Haar, das er im Nacken mit einer schwarzen Samtschleife zusammenhielt. Sein reich betresster dunkelblauer Rock erinnerte an die Uniform eines Marineadmirals, obwohl er bloß ein Freibeuter war, der im Dienste Frankreichs Schiffe feindlicher Nationen kaperte, ausraubte und Geiseln nahm, die er bis zur Zahlung eines enormen Lösegeldes gefangen hielt. So waren auch Alexander Craythorne und Reverend Clarke mit seiner Frau und seiner Tochter Anne in Monsieur Leroux Gewalt geraten.
Der Capitaine gab sich mit seiner Aufmachung und seinen Manieren gern als Ehrenmann, der seine Gefangenen nicht über die Maßen brutal behandelte, selbst wenn sie Engländer waren. Gleichzeitig war er ein glühender Verfechter der Revolution und Diener seines Vaterlandes, was er mit der Revolutionskokarde an seinem schwarzen Zweispitz zur Geltung brachte, der jetzt neben ihm auf dem Kartentisch lag.
Der große Tisch, auf dem sich großformatige Seekarten stapelten, die mit Kerzenständern oder Gewichen beschwert waren, nahm den Großteil des Raumes ein und der Kapitän stand daneben. Alexander bemühte sich, möglichst unauffällig, einen Blick auf die Karten zu werfen, nachdem er den Kapitän mit einer unterwürfigen Verneigung, wie sie einer Geisel zustand, begrüßt hatte.
„Ja, Mr Craythorne, das Land, das Sie am Horizont erblicken ist Frankreich. Die Heimat! Das Land der Revolution! Wein?”
„Sehr gern, Capitaine.“ Alexander wartete, bis der Kapitän sich abgewandt hatte, um zwei Gläser zu füllen, und ging schnell an den Kartentisch um mehr sehen zu können.
„Marseille”, klärte ihn der Kapitän auf, als er sich mit den Weingläsern umwandte und dabei überheblich lächelte „Deshalb sind Sie doch hier, nicht wahr?”
Alexanders Miene blieb undurchdringlich als er das Weinglas entgegennahm. Er war auf der Hut und ließ sich von des Kapitäns Leutseligkeit nicht täuschen. Leroux war ein gefährlicher Mann. „Wird es eine Lösegeldübergabe geben, Capitaine?”
„Trinken Sie Ihren Wein und nehmen Sie Platz, junger Freund.”
Er setzte sich auf einen Stuhl und Capitaine Leroux nahm ihm gegenüber Platz „Wir sind seit fast sechs Monaten in Ihrer Gewalt, Monsieur. Es ist wirklich an der Zeit, dass –”
„Dass Ihre Regierung die Revolution anerkennt und das Lösegeld bezahlt”, unterbrach ihn der Capitaine und beugte sich dabei mit einem wilden Funkeln im Blick vor.
Alexanders Mut sank. „Dann gibt es also noch keine Zusage zur Zahlung?”
Leroux lehnte sich zurück und betrachtete den Wein in seinem Glas. „Ihre Regierung ist nicht bereit, die ganze Summe zu zahlen, aber ich und meine Regierung bestehen darauf. Unsere Nationen befinden sich im Krieg, Monsieur.”
„Sie werden auf Dauer mehr für unseren Unterhalt aufbringen müssen, als die Regierung für unsere Freilassung zu zahlen bereit ist, Monsieur. Mr Clarke und seine Familie sind England nicht wichtig genug und ich bin es vermutlich noch weniger. Zeigen Sie guten Willen und lassen Sie wenigstens Mrs Clarke und ihre Tochter frei. Und den Reverend, denn er stirbt, wenn er nicht bald an Land gebracht wird.”
„Wie uneigennützig Sie sind”, stellte der Kapitän leicht belustigt fest. „Haben Sie vielleicht ein romantisches Interesse an der jungen Dame? Sie ist recht hübsch – für eine Engländerin natürlich.”
Mr Craythorne ließ die unangebrachte Bemerkung unkommentiert. „Es kreuzen britische Schiffe in der Nähe, wie Sie selbst am besten wissen, und wenn Sie nicht wenigstens die Damen frei lassen, laufen Sie Gefahr, gar nichts zu bekommen, weil eine unserer Fregatten Ihr Schiff in Stücke schießen wird.”
„So”, machte der Capitaine und nippte mit einem belustigten Lächeln an seinem Wein.
„Es ist nicht schwer zu erraten, wie es kommen wird. Wenn sie nicht vernünftig sind -”
Wieder trat das gefährliche Funkeln in den Blick des Kapitäns, als er Alexander kalt taxierte. „Wenn ich nicht vernünftig bin? Sie sind ein richtiger Witzbold, Mr Craythorne. Sie sind mein Gefangener und drohen mir mit den Konsequenzen, die sich daraus ergeben, wenn ich meine Arbeit tue?”
“Sie sind ein Freibeuter”, erinnerte ihn Alexander Craythorne kaltblütig. “Aber ich weiß, dass Sie auch ein Ehrenmann sind. Beweisen Sie dies den Briten und übergeben Sie die Clarkes einem britischen Schiff. Sie können mich als Geisel behalten.”
Leroux beugte sich ein wenig vor und verschob einen Kartenstapel. Dabei legte er unauffällig den Griff einer Pistole frei und achtete darauf, dass Alexander es sah.
„Ich könnte Sie für Ihre Anmaßung erschießen, Craythorne.“
Alexander schluckte, schwieg aber und starrte lediglich auf des Kapitäns Hand, die den polierten Pistolengriff streichelte.
„Aber Sie belustigen mich“, fuhr Leroux fort und lehnte sich lächelnd zurück. „Rührt Ihre Anmaßung daher, dass Sie doch in das Mädchen verliebt sind, oder sind Sie bloß lebensmüde?“
„Es versteht sich von selbst, den Damen den Vortritt zu lassen und dem kranken Reverend.”
Der Blick des Capitaines blieb amüsiert. „Dann ist Ihr Herz wohl schon an eine andere vergeben. Wir haben schon viele Gespräche geführt. Sie waren häufig Gast an meiner Tafel, aber ich habe Sie nie gefragt, ob Sie ein Mädchen haben, oder gar verheiratet sind, und Sie haben es nie erwähnt. Sie sind schließlich ein hübscher Bursche, aus vornehmen Hause.”
Alexanders Miene wurde verschlossen. „Es tut nichts zur Sache.”
Capitaine Leroux nippte an seinem Wein. „Sie haben sich verändert, seit Sie mein unfreiwilliger Passagier sind. Sie waren ein verträumter Junge, aber die brutale Realität hat Sie zum Mann werden lassen. Bedauerlich, dass Sie kein Franzose sind.“
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Ungefähr zur gleichen Zeit in Cornwall
Die junge Frau stand allein am äußersten Rande des Steges, während der Wind an ihrem schwarzen Kleid und ihrem Hut zerrte. Am Horizont türmten sich Wolken auf und der Wind wurde während jeder Minute, die sie hier stand, stärker und trieb die schwarze Wolkenwand näher. Es schien sie nicht zu kümmern. Im Gegenteil, sie stand reglos und aufrecht wie eine da und starrte aufs aufgewühlte Meer hinaus. Die schlanken weißen Hände hatte sie vor dem schmalen Körper verschränkt.
Auch die Tatsache, dass sich ihre Frisur trotz des breitkrempigen Hutes, der von einer Schleife unter ihrem Kinn gehalten wurde, zu lösen begann und bereits einige Strähnen ihres goldblonden Haares um ihren Kopf wehten, bemerkte sie gar nicht.
„Ich schaffe es nicht allein. Ich bin nicht stark genug, einfach nicht stark genug”, flüsterte sie mit ersterbender Stimme in den Wind, der ihre Worte mit sich trug.
Als wolle er ihr antworten, nahm der Wind nochmals an Intensität zu und es begann zu regnen. Der Regen mischte sich mit den Tränen, die ihr lautlos über das Gesicht liefen. Weitere dicke Tropfen peitschten auf den Steg und die aufgewühlte grün-graue Wasseroberfläche und durchnässten das schwarze Kleid der jungen Frau und ruinierte ihren Hut.
Unmerklich bewegte sich die Spitze ihres rechten Fußes, der in einem schlichten Schnallenschuh steckte. Sie schob ihn Stück für Stück über den Rand des hölzernen Steges. Die Bewegung war kaum wahrnehmbar, wirkte wie zufällig, doch das war sie nicht. Bald schwebte er über dem dunklen Wasser mit den Schaumkronen. Der Wind riss immer stärker an ihrem Kleid und immer größere Wellen brachen an dem Steg und der Hafenmauer. Ein Tosen lag in der salzigen Luft.
Nur ein Schritt und es hätte ein Ende. Sie würde nicht dagegen ankämpfen, wenn sich ihre Röcke und Unterröcke mit Wasser vollsogen und sie von dem Gewicht unter die Wasseroberfläche gezogen werden würde und das Meer sie verschlang, wie es ganze Schiffe mit Mann und Maus verschlingen konnte. Das kalte Wasser würde ihre Lungen füllen und ihr Leben beenden, still und leise. Ertrinken war ein stiller Tod, wie sie gehört hatte. Ihr Fuß schwebte in der Luft über dem Wasser. Sie brauchte bloß das Gewicht ein kleines bisschen zu verlagern und sie würde fallen, untergehen und sterben. Noch zögerte sie. Ein Fünkchen Leben hielt sie zurück, hielt an ihr fest. Sie breitete die Arme aus und hob den Blick von dem Wasser in den Wind, bot eine größere Angriffsfläche. Die Säume ihrer Röcke schlugen ihr wie lose Segel um die Beine. Sie verlor das Gleichgewicht.
„Mary! Himmel, Kind!“, erschreckte sie eine Frauenstimme direkt hinter ihr. Eine Hand berührte sie am Oberarm und holte sie aus ihrer Starre. Die junge Frau in Schwarz stellte ihren Fuß zurück auf die Holzplanken.
„Komm endlich!“, redete die ältere Frau weiter auf die Jüngere ein und begann, sie von dem Steg fortzuziehen. „Merkst du denn nicht, dass du schon vollkommen nass bist? Du fällst noch ins Wasser, wenn du so nah am Rand des Steges stehst und ganz sicher holst du dir eine Erkältung. Dein schöner Hut ist vollkommen ruiniert und sieh dir dein Kleid an! Jetzt komm, Kind! Es ist Zeit, nachhause zu gehen. Ich habe meine Einkäufe erledigt und der Wagen wartet.”
Die ältere Frau redete unablässig auf ihre jüngere Schutzbefohlene ein, während sie sie von de Steg zu der warteten Kutsche dirigierte.
„Ja, Tante Agnes, ich komme”, antwortete Mary. Sie war wieder im Hier und Jetzt, im Leben, und nur ihr blasses Gesicht ließ darauf schließen, dass sie beinahe ihrer Sehnsucht nach dem Tod nachgegeben hätte.