Kapitel 1
Mit unbändiger Kraft reißt es mich zu Boden. Ich spucke etwas Blut auf den felsigen Untergrund und ziehe so viel Luft in meine Lunge wie ich kann, als ich endlich wieder zu Atem komme. Der Boden, obwohl nur wenige Zentimeter entfernt, wabert unscharf. Ich versuche verzweifelt nach ihr suchend den Kopf zu heben. Von Schmerz überwältigt breche ich wieder zusammen, doch ich darf nicht aufgeben, darf nicht scheitern, darf sie nicht verlieren. Wo die Sinne versagen, versuche ich meinen Geist auszustrecken, doch dieser scheint noch erschöpfter zu sein als mein Körper.
Ächzend quäle ich mich durch den Versuch, eine Hand zu meiner Gürteltasche zu führen. Die Bewegung erstirbt in einem scharfen Schmerz, noch bevor sie ganz begonnen hat. Ich versuche es mit der Linken, auch wenn ich hierzu wenig würdevoll auf alle Viere kriechen muss. Keine Zeit für Stolz. Ungeschickt öffne ich die Metallschnalle und entleere Dutzende Dinge. Meine Finger werden fündig. Doch der Versuch, die kleine Glaskugel auf dem Boden zu zerschlagen, verendet ebenfalls bereits bei der Vorstellung. Ich reagiere schneller als ich es von meinem Geist noch erwartet hätte, umschließe die Kugel mit der Faust und werfe mich in einem letzten kraftlosen Akt darauf. Sie zerbricht zwischen meinen Fingern.
Ein wenig wundere ich mich, dass ich den Schmerz überhaupt noch wahrnehme, als sich die Splitter in meine Handfläche bohren. Die Flüssigkeit breitet sich halb kratzend halb knisternd über meine Haut aus, versickert Glück im Unglück in den offenen Schnittwunden noch schneller. Fast augenblicklich erholt sich mein magischer Körper zu voller Stärke. Ein scharfer Kontrast zum weltlichen Körper, der sich unweit von der Schwelle zum Tode befindet. Der Gedanke zu sterben trifft auf… Gleichgültigkeit. Das Konzept hatte bereits vor Jahrhunderten an Gewicht verloren. Doch ihr Tod ist etwas anderes. Auch das war einmal anders. Immer mehr scheine ich zu vergessen, wie bedeutungslos dies alles sein sollte. Doch nur ein Mittel zum Zweck.
Dieser eine Gedanke schafft es in den Augenblick, den die Substanz braucht, um zu wirken. Mein Geist breitet sich einer Druckwelle gleich über den gesamten Pass aus. Eindrücke erschlagen mich und bringen meinen Verstand fast zum Bersten. Nicht Licht, Schall, Druck oder Temperatur fluten meine Sinne, sondern Gedanken und Emotionen, Abdrücke im astralen Schleier vom Anbeginn der Zeit. Die Schlacht um mich herum vermischt sich mit Hunderten – Gräueltaten der Vergangenheit und einem vorauseilenden Echo von noch kommenden – alles zugleich im Hier und Jetzt. Wut, Angst Verzweiflung, Verlust. Gefühle ohne Beschreibung, ohne Namen, drücken auf mich ein. Jahrhunderte von ihnen. Genug, um die stärksten meiner Art zu zerreißen. Mein Geist hält der Flut aus Emotionen nicht stand und wird von diesen überschwemmt, zurückgedrängt, getilgt, überschrieben. Verzweiflung und Panik überkommen mich. Der seidene Faden aus Liebe und Hoffnung droht nicht auszureichen, sie zu finden, bevor mein Geist bricht und die Verbindung zu mir selbst trennt. Zum Selbstschutz.
Dann blitzt sie auf. Wie eine feine Glasscherbe im Sand gerade zur rechten Zeit und im rechten Winkel vom Sonnenlicht getroffen. Genug, um danach zu greifen. Einen Atemzug, einen Gedanken und einen Lidschlag später weicht der felsige Untergrund und ich fühle Njiras Körper unter mir, ihr Atem röchelnd und schwach, aber noch da.
Ich versuche die rechte Hand zu heben, stoße einen Schmerzensschrei aus und lasse sie unvollendeter Dinge wieder fallen. Ein Funken Ärger über diesen dummen Fehler. Ich nehme die Linke, hebe diese und strecke sie gen Himmel. Wärme sammelt sich in meinem Inneren. Dann Hitze. Bevor das Feuer mein Herz versengt, presse ich die Kraft durch meinen Arm bis in meine Fingerspitzen, wo ich sie schlagartig in alle Richtungen pulsieren lasse. Keine Zeit zu taktieren, möglichst viele der Anderen mitzunehmen oder meine eigenen zu schützen, hoffe ich einfach auf das Beste. Die magische Kuppel weitet sich um uns. Fünf der Kreaturen verbrennen unverzüglich auf ihrer glühenden Oberfläche. Zwei weitere, stärkere, werden lediglich zurückgestoßen. Noch eine versengt sich schwer, ergreift jedoch rechtzeitig die Flucht. Drei Körper werden unbeschadet von der Barriere eingeschlossen. Q‘al, seine Masse unverkennbar. Die anderen beiden… Mahir? Vielleicht Saka-Ri? Ich hoffe.
„Saka-Ri!“ Der erste Versuch zu rufen schlägt fehl. Ich hole tiefer Luft und ignoriere den Schmerz in meiner Lunge. „Saka-Ri!“, kreische ich als sich meine Stimme mehrfach überschlägt. Sie übertönt nur knapp das Fauchen der Bestien, die bereits damit beginnen, auf meine Barriere einzuhacken, selbst wenn es ihre Klauen zu nutzlosen Stümpfen verbrennt.
„Hier!“, erklingt die Stimme des Wirkers. Fußschritte. Eine Metallschnalle und ein Lederriemen, Rascheln, das Geräusch von brechendem Glas. Eine Sekunde später fühle ich, wie das unbeschreibliche Gewicht der Barriere von mir abfällt, als ein anderer sie trägt.
Meine Hand sinkt, doch der Moment der Erleichterung hält nur kurz. Ich kann das Gift durch Njiras Kleidung hindurch spüren. Überall. Meine Hand löst den Dolch vom Gürtel. Keine Zeit zu fühlen, wo ihre Wunde ist. Ich unterdrücke meine Hemmungen und schneide ihr tief in den linken Oberarm. Die Waffe fällt und ich presse meine Hand auf die Wunde. Schwarze, zähe Flüssigkeit beginnt aus dem Schnitt an meiner Handfläche vorbeizuquellen. Ich greife so viel von der Substanz, wie ich fassen kann, und schleudere sie von uns, greife erneut nach der Wunde und ziehe mehr und mehr davon aus ihrem Körper. Doch je mehr ich aus ihr zerre, desto schneller und stärker scheint der Strom zu werden.
„Nein… nein… nein…“, entfährt es mir wimmernd und meine Stimme bricht in einem jämmerlichen Schluchzen. Ich lasse nicht ab. Teile der Dunkelheit bleiben an meinem eigenen Körper haften, kriechen meinen Arm hinauf, schlüpfen in meine eigenen Wunden und Adern. Doch ich lasse nicht ab.
„Tath...“, dringt Saka-Ris Stimme an mein Ohr. Ich höre ihn, aber ich höre nicht zu. Seine Sorge erreicht mich nicht. Ohne Unterbrechung mache ich weiter.
„Tath!“
Aus Sorge ist Panik geworden. Eine Hand greift nach meiner Schulter, versucht mein Handgelenk zu fassen. Ich reiße mich los. Mein Geist beginnt zu flackern. Es darf so nicht passieren, kann so nicht passieren. Zähe Fäden aus Schwärze verkleben meine Hand mit ihrem Körper. Inzwischen werfe ich es nicht mehr zur Seite, sondern nehme es einfach in mich auf. Lieber ich als sie. Vollkommen im Affekt verloren, unfähig noch rational zu denken. Ein letztes Mal glaube ich noch meinen Namen zu hören, fühle wie eine andere Hand mich packt, eine stärkere. Dann erlischt mein Licht und ich werde von Ohnmacht umfangen.
***
Ohnmacht... ein seltsames Wort. Von anderer Bedeutung für mich und die meinen. Zwar dauert es einen Moment, bis ich mich in den Wirrungen der Blitzlichter meines erlöschenden Geistes und der Schleier eingreifender Gedanken und Träume zurechtfinde, doch schon wenig später finde ich mich in der Welt dazwischen wieder. Nur ein kleines Fenster erlaubt es mir, meinen weltlichen Körper zu betrachten, solange die Verbindung zu diesem besteht. Doch wo dessen Geist und Verstand in Schwärze gefallen sind, bleibt mein Bewusstsein klar, wartet darauf, in sein Gefäß zurückzukehren. Wie im Traum könnte ich wandern, doch die Anspannung lässt mich wie eine Motte am Licht über mir verharren.
Ich erwache einige Zeit später in vollkommener Klarheit. Keine Verwirrung darüber, wo ich bin oder was geschehen ist, meine Gedanken und meine Aufmerksamkeit blitzschnell bei ihr und bei der gleichen quälenden Frage. Doch in dem Augenblick, als mein Körper mich wieder halten kann und ich meine Sinne ausstrecke, trifft mich die Wahrheit, noch bevor ich den getrübten Blick des Heilers neben meinem Bett erhasche.
Mein Körper wird starr. Ich gebe keinen Laut, keine Regung von mir. Hoffnung hatte die Realität verdrängt, die nun über mich hereinbricht. Nicht in der Lage, den Schmerz zu halten, der mich trifft, verschwinden die Gefühle und ein dumpfer, trüber Schleier legt sich über das, was hätte sein sollen. Irgendwo in der Ewigkeit, in der ich den Verbindungen mit anderen Menschen entflohen war, hatte mein Herz verlernt, Verlust zu ertragen. Ein anderer Teil von mir fragt, ob es nicht andersrum war und ich den Verbindungen entflohen war, weil ich es nie gelernt hatte. Ganz gleich warum, mein Herz hatte sich der Welt verschlossen. Und wie konnte es anders? Ich hatte mich im Angesicht der Unsterblichkeit nicht bewusst gegen diese Bindungen entschieden. Sie hatten einfach aufgehört. Das, was ein Mensch zu ertragen im Stande war, hatte seine Grenzen und war der Beweis dafür, dass unsere Art nicht für die Unsterblichkeit gemacht war und der Tod eine notwendige Grenze darstellt. Wie oft hatte ich meine unsterbliche Liebe, meine Erstgeborene oder meinen besten Freund zu Grabe getragen? Erst vergingen Jahre, dann Jahrhunderte. Die notwendige Einsamkeit zwischen den Verlusten wurde länger und länger bis die Erinnerung an Verbindungen verblasste.
Und dann… kam Njira. Ob sie etwas hatte, was die anderen nicht hatten… Ob einfach genug Zeit vergangen war, um zu vergessen, warum ich mich dem stets verwehrt hatte… oder ob ein Herz einfach nicht dafür gemacht war, in Ewigkeit zu versteinern… ich kann es nicht sagen. Es hatte begonnen wie immer. Ich hatte meinen Auftrag und sie war ein weiteres Objekt, das es zu beschützen galt und nicht mehr. Und doch hatte es das Mädchen auf ihrem Weg zur jungen Frau über die Jahre geschafft, sich in mein Herz zu schleichen. Vielleicht eine Lücke zu füllen, die eine Tochter einst hinterlassen hatte und die nie verheilt war. Oder ein Sohn? Das Vergessen wird von Scham begleitet.
Eine alte bildlose Erinnerung, ein reines Gefühl nährt den Schmerz, treibt ihn über die Schwelle der Verdrängung und bricht meine Dissoziation. Ich sacke gekrümmt zusammen, stöhne auf, ringe nach Luft, versuche nicht zu zerreißen. Doch es hört nicht auf. Ich kralle mich in die Decke. Noch nicht bereit für Tränen, zu viel Schmerz zwischen mir und der Trauer. Zu dem Verlust mischen sich andere Gefühle, eines widerlicher als das letzte. Erst Enttäuschung. Dann Schuld. Meine Schuld. Meine Verantwortung. Ich hätte sie retten müssen…
„Du hättest sie retten können“, korrigiert mich meine eigene Stimme. Ich sehe ein Abbild meiner selbst am Rande des Zeltes an einem Tisch sitzen.
„Kannst sie retten“, ergänzt eine zweite. Sie sitzt der ersten gegenüber, beide in ein mir unbekanntes Brettspiel vertieft. Ihr Klang ähnlich abwertend und angefasst.
Eine dritte Stimme am Eingang des Zeltes widerspricht in einer Mischung aus gelassen und kalt, den Blick teilnahmslos in die Leere gerichtet: „Aber zu welchem Preis?“
„Es ist vor allem nicht unsere Entscheidung“, klingt es nun von mir. Ich sitze dabei regungslos im Bett, alles nur in meinem Kopf. „Wir können nicht einfach nach Jahrtausenden so leichtfertig den Kodex brechen. Wir haben einen Eid geschworen“
„Ts“, schnaubt der Erste verächtlich. „Und wem gegenüber nochmal?
„Achja dem Rat…“, setzt der Zweite fort. „Den wir… wann das letzte Mal gesehen haben? Oder… überhaupt?“
„Viel wichtiger ist aber doch“, zurück zum Ersten, „Wozu haben wir das noch mal getan?“
Das dritte Ich am Eingang nimmt selbstbestimmt zwei Schritte in den Raum. „Was wir tun dient dem Schutz aller Welten, nicht nur dieser einen. Nicht nur eines Menschen. Es dient alles unserer größeren Aufgabe.“
„Hilf mir mal auf die Sprünge… war es nicht auch Teil unserer größeren Aufgabe, die Sterngeborene zu beschützen, damit diese Welt nicht untergeht?“, kontert der Zweite.
Der Dritte seufzt frustriert. „Warum müssen wir dieses Gespräch überhaupt führen? Unsere Loyalität dient dem Kodex. Sie war nur eine Aufgabe von vielen.“
„Und nicht die erste, bei der wir versagt haben“, trotzt einer der beiden am Tisch, ihre Stimmen fast zu einer verschmolzen und doch bestärken sie sich gegenseitig zu einer vereinten Front. „Was wenn unsere Mission längst gescheitert ist und wir nur noch blind einem Eid folgen, der kein Fundament mehr hat?“
„Genau, wann sind wir denn das letzte Mal einem Wanderer begegnet, der den Rat in den letzten Tausend Jahren gesehen hat?“, steigert sich der Zweite mit rein.
„Das spielt keine Rolle“, tönt der Dritte mit mehr Nachdruck, „Wir haben geschworen zu dienen, solange wir stehen und atmen und sofern wir keine anderen Anweisungen kriegen, machen wir genau das. Es dient alles….“
„Dem höheren Ziel, jaja. Gesprochen wie ein Apparat“, spottet der Erste.
„Und wie genau dient es dem höheren Ziel? Also… was ist noch mal der große Plan?“
Wir schweigen.
„Du weißt es nicht mehr.“
„Wir wissen es nicht mehr“, wieder der andere. „Wenn wir es jemals wussten.“
Der Dritte seufzt, denn wir wissen, dass es stimmt. „Ja, ihr habt Recht, die Erinnerung ist… nicht mehr klar. Aber wir wissen noch, dass wir diese Entscheidung einmal aus freien Stücken getroffen haben. Wir waren einmal von der Richtigkeit der Mission überzeugt. Es ist jetzt wichtig, dass wir nicht an uns zweifeln, nur weil unser Glaube auf die Probe gestellt wird. Wir müssen uns selbst vertrauen.“
Der Erste senkt den Spielstein, den er zuvor eingehend betrachtet hatte und wendet sich mir und dem Dritten zum ersten Mal zu. „Wir sind aber nicht mehr, wer wir waren“, in seine Stimme mischt sich neben Frustration nun auch Mitleid. „Wir wissen nicht mal, ob wir diesen Weg heute überhaupt wieder wählen würden.“
„Oder was für ein Weg das eigentlich genau ist…“, ergänzt der Zweite.
Alle schweigen. Eine schwere Stille füllt den Raum meiner Innenwelt.
Ich schlage in der Welt außerhalb meiner Gedanken die Hände vor dem Gesicht zusammen und die drei Stimmen verschwinden. Unter lautem Stöhnen presse ich die Luft aus meiner Lunge. Prinzipien, eine Pflicht, eine Aufgabe, ein Kodex, eingebrannt in mein Bewusstsein, auf Schritt und Tritt befolgt länger als ich denken kann. Und nach all der Ewigkeit zieht mich ausgerechnet dieser Schmerz nun in einen unüberwindbaren Zweifel.
Doch es reißt mich je aus den Gedanken. Der Vorhang des Zeltes wird zur Seite gerissen und Q‘als einschüchternde Masse schiebt sich stampfenden Schrittes in den Raum. Direkt vor meinem Bett bleibt er stehen. Mahir hält ihn nutzlos am Arm. Auch Saka-Ri macht kurz Anstalten sich zu erheben, sackt dann jedoch sich seiner eigenen Hilflosigkeit bewusst wieder in seinen Stuhl.
„Bring sie zurück!“, faucht der Hüne, seine Augen gerötet, seine Stimme zittrig und rau von Trauer, doch kein Stück weniger beängstigend als sonst. Im Gegenteil.
Vom Schmerz überwältigt ist es mir entgangen, mich auf diesen sehr vorhersehbaren Augenblick vorbereiten, so dass mir nun die Worte fehlen.
„Sag was!“, brüllt er mich an.
Und was genau soll ich ihm sagen!? Reicht es denn nicht, dass ich schon daran scheitere, mich selbst von der Richtigkeit meines Handelns zu überzeugen?! Ich bereue den Tag, an dem ich ihnen Einblick in meine Fähigkeiten gewährt habe. Ein Krug zu viel, ein Moment des Vertrauens, die Last des Schweigens zu schwer, das Bedürfnis mich mitzuteilen zu groß. Schon das ein Verstoß gegen den Kodex. War es nur ein Moment der Schwäche oder bereits der Beginn meines Abstiegs? Der Anfang des Irrens vom vorher so klaren Pfad?
„Ich kann nicht“, erwidere ich mehr automatisch als empathisch.
„Du kannst!“, faucht er mich an, „Wir wissen, dass du es kannst!“
„Ich darf nicht!“, verstärke ich, versuche dagegen zuhalten und zu gleich den Mangel an Überzeugung in meiner Stimme zu verbergen.
Mein zweites Ich lacht spöttisch auf, zurück an seinem imaginären Platz. „Halt dich nur daran fest. Ich darf nicht… weil? Was dann? Welche Strafe erwarten wir denn? Das Ende aller Welten, wenn nur einer von uns den Kodex bricht? Wer würde einem Menschen so eine Verantwortung geben? Bestand nicht immer die Gefahr, dass wir zweifeln? Liegt es nicht sogar in unserer Natur? Warum wurden wir trotzdem ausgewählt? Oder wurden wir gerade deswegen ausge…“
„Hör auf!“, brülle ich meine inneren Stimmen an. Q‘al denkt, ich spreche mit ihm und ballt die Fäuste, dass das weiß seiner Knöchel hervortritt. Für einen Moment empfinde ich echte Furcht vor ihm, vor der mich unsere lange Freundschaft nicht schützen kann. „Und wenn du es doch tust? Geht die Welt unter, oder was?! In welcher Wirklichkeit lebst du denn? Diese Welt geht ohne sie doch schon unter! Gib uns wenigstens die Chance, das Ende gemeinsam zu erleben!“
„So beschränkt…“, seufzt mein drittes Ich in einem letzten Versuch auf Besinnung. Er betrachtet Q’al mitleidig und unsichtbar von der Seite. „Für ihn existiert natürlich nur diese eine Welt, seine Welt. Welchen Unterschied macht eine einzelne Welt im großen Ganzen? Oder gar ein einziger Mensch?“
„Vielleicht keinen“, erwidere ich, „Und vielleicht den einzigen.“
Irritation mischt sich in Q’als Blick und ich merke, dass ich auch dies laut gesagt habe.
Erneut sammeln sich Tränen in den zornigen Augen des Berserkers. „Warum nicht?“, fleht er mich an.
Ich atme tief durch. „Als ich meinen Pfad gewählt und meine Macht erhalten habe, habe ich geschworen, sie nur zu einem einzigen Zweck einzusetzen. Wenn ich sie zurückhole, breche ich meinen Eid“, versuche ich ihn zu beruhigen und zu bewegen, das Unvermeidliche zu akzeptieren, „mit katastrophalen Konsequenzen.“
„Wozu hast du diese Kräfte dann, wenn du sie nicht einmal verwenden kannst, um das Ende der Welt und den Tod aller, die dir etwas bedeuten, zu verhindern?“, stammelt er hilflos, resigniert.
„Um meine höhere Mission zu erfüllen“, kommt es aus mir fast nur noch wie ein Flüstern, eine flüchtige Hoffnung, damit einen Abschluss zu finden.
Doch er schüttelt den Kopf.
„Nein“, trotzt er und ich schaue ihn fragend an. „Das reicht mir nicht. Ich will wissen wozu. Was ist diese höhere Mission? Was ist so viel wichtiger als sie? Als unsere Welt?!“
Ich schweige.
„Sag es uns! Zumindest das bist du uns schuldig!“
Auch die beiden am Tisch schauen mich erwartungsvoll an. Ich jedoch blicke fragend zu meinem dritten Ich, das unseren Kodex unentwegt so standhaft verteidigt. Meine Frage ist eine andere als Q’als und doch so gleich. Die Antwort auf seine ist einfach: ich opfere seine Welt, um zahlreiche andere zu erhalten. Aber das werde ich ihm nicht sagen, denn welches Interesse hätte er an anderen Welten, von deren Existenz er niemals erfahren würde? Doch drängt sich mir daraus unweigerlich die Frage auf… Welches Interesse habe ich daran? Welchen Wert hat es, Aufgabe für Aufgabe zu erfüllen und alles zu verlieren, was mir persönlich etwas bedeutet, um ein Universum zu retten, mit dem mich rein gar nichts verbindet? Was leitet meine Entscheidung, Millionen zu opfern, um Milliarden zu retten? Rational finde ich eine Antwort, ja, für das höhere Ziel, für den Erhalt des Lebens an sich. Aber in Anbetracht der Menschen, die dafür sterben mussten und unentwegt müssen, verschafft mir die Vorstellung keine Befriedigung, keine Linderung… keinen Sinn. Wie kann ich alles sterben sehen, was mir etwas bedeutet, untätig bleiben, wo ich handeln könnte und am Ende des Tages nur namenlose Zahlen und ein Ideal haben, um eine schlaflose Nacht zu durchstehen? Wie viele Wanderer stehen tagtäglich vor den gleichen Entscheidungen, tauschen hier Welten gegen andere… für was?
Es reicht. Erneut und umso stärker trifft mich der Verlust. Die Trauer. Ja, wozu?! Jahrtausende Entbehrung, Leid, Schmerz. Jahrtausende der bedingungslosen Hingabe, der Verpflichtung, des Gehorsams. Und wozu? So lange ich mich erinnern kann, folge ich nur noch aus Prinzip und nun scheint der Augenblick gekommen, an dem mir das Festhalten an substanzlosen Kodexen nicht mehr reicht. Der Verlust Njiras brennt sich Welle um Welle in meine Seele. Q‘als Schmerz lädt sich auf meinen und der Nachdruck, den seine Frage der schon in mir brennenden verleiht, kippt endlich die Waage. Immer lauter wird das Schreien. Ich brülle es ins Zelt meinem dritten Ich entgegen. Wozu?! Doch es kommt keine Antwort. Ich starre ihn noch eine Weile an, mit dem gleichen Ergebnis. Es reicht. Ich kann so nicht weitermachen. Nicht länger willens, die Bürde ohne Antwort auf diese Frage zu tragen. Nicht bereit, weiter Gott zu spielen und aus gegenstandsloser Überzeugung über Leben und Tod zu entscheiden. Doch genauso wenig steht es ihnen zu. Es ist nicht an Mahir, Saka-Ri oder selbst Q‘al, diese Entscheidung zu treffen. Nur eine einzige Person hat dieses Recht.
Ich stehe auf und blicke Q‘al in die Augen.
„Was hast du vor“, fragt er, zornig doch irritiert, unisono mit der Stimme meines dritten Ichs.
„Ich gebe die Entscheidung dorthin, wo sie hingehört“, erwidere ich in beide Räume zugleich und stürme aus dem Zelt. Q‘al folgt mir, Saka-Ri und Mahir dicht dahinter.
Entschlossen schiebe ich den Vorhang des Heilerzeltes bei Seite… und erstarre. Njiras Körper liegt wie schlafend vor mir auf der Bahre. Meine Gefühle überschlagen sich und wäre dies nicht so gewesen, die Kräfte der Vergangenheit, der Routine hätten mich von dem abgehalten, was ich zu tun beabsichtige. Ich schreite zur Bahre hinüber und greife im Vorübergehen einen Stuhl, den ich hinter mir her schleife. Nah genug, um Njira erreichen zu können, nehme ich darauf Platz und betrachte die junge Frau. Nur 20 Jahre haben wir geteilt und doch hat es gereicht, um schlussendlich einfach alles in Frage zu stellen. Zweifel überkommen mich, wie sie so ruhig da liegt. Doch nein. Es ist nicht mehr meine Entscheidung. Meine habe ich getroffen.
Ein letztes Mal wende ich den Blick zu Q‘al, Saka-Ri und Mahir, die noch immer unweit des Zelteingangs stehen. Trotz der angespannten Situation kann ich für einen Moment innehalten und diesen Augenblick unabhängig und für sich allein wahrnehmen. Drei Menschen, mit denen ich die letzten zwei, mitunter drei Jahrzehnte verbracht habe. Fast jeden Tag geteilt, harte Zeiten durchstanden, mehr Herausforderungen bewältigt, als ich in diesen wenigen Sekunden erinnern kann und auch wenn das Band, das uns verknüpft, im Eifer dieses Momentes kaum sichtbar ist, so stehen hier drei der besten Freunde, die ich jemals hatte. Und niemals wiedersehen werde.
Ich schenke ihnen ein letztes warmes Lächeln zum Abschied. Ich möchte ihnen mehr geben, doch nichts würde diesem Band gerecht. Worte würden sich nur daran erschöpfen. Obwohl sie nicht wissen, was geschehen wird, verrät dieser Moment ihnen alles, was sie brauchen. Der zornige Ausdruck Q‘als wandelt sich bei diesem Lächeln in Scham. Er öffnet den Mund, doch kommen nur einzelne Laute heraus, ohne Wort zu bilden. Mein Blick ist Antwort genug. Und er versteht.
Noch ehe einer der drei reagieren kann, wende ich meinen Blick ab und strecke die linke Hand nach Njira aus. Ich berühre ihr Gesicht, lege die Handfläche auf ihre Stirn und schließe die Augen. Für einen Moment bleibe ich nur mit dem Gefühl, um meinen Geist zu beruhigen. Dann zieht es mich in die Unendlichkeit. Bilder fluten mein Bewusstsein auf der Reise im ewigen Kosmos. Doch brauche ich nicht zu lenken und zu suchen, es zieht mich von allein, wie eine grelle Sonne zwischen dimmen Sternen. Dann umfängt mich eine weitere, dieses Mal freiwillige Dunkelheit und ich verlasse diese Welt… für immer.