Schattenkinder

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Summary

Achtzehn Jahre lang hat Vespera geglaubt, die Einsamkeit sei ihr Zuhause. In einer Welt, die sie nie wirklich wollte, hat sie gelernt, Stille zu ertragen und Vertrauen zu meiden. Doch als eine einzige Nacht alles zerstört, was sie kennt, wird sie von zwei Fremden in das Reich Elindros geführt — einen Ort, an dem Magie und Erinnerung, Leben und Tod miteinander verwoben sind. Dort erfährt sie, dass sie das Gefäß eines uralten Wesens ist: des Sonatius Mortaeda, der seit Jahrhunderten über die Seelen Elindros’ wacht. Doch das Geschenk der Macht ist ein Fluch. In den Augen der Elindine ist Vespera nicht mehr als ein Werkzeug — eine Figur in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht versteht. Jeder Schritt führt sie tiefer in das Netz aus Lügen, Bestimmung und Verrat. Zerrissen zwischen der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und der Angst, sich selbst zu verlieren, muss Vespera entscheiden, welchem Pfad sie folgt. Dem Licht, das sie nie vertraut hat — oder der Dunkelheit, die sie heimlich versteht.

Genre
Fantasy/Romance
Author
su
Status
Complete
Chapters
42
Rating
4.7 3 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1: Das Mädchen am Ufer

„Vespera…“

Die weibliche Stimme durchdringt die Stille, sanft und doch so eindringlich, dass sie mich abrupt aus dem Schlaf reißt. Meine Augenlider zucken, als ich mehrmals blinzle, um mich an das grelle Tageslicht zu gewöhnen. Benommen hebe ich den Kopf und lasse meinen Blick suchend umherschweifen. Ein seltsames Gefühl drängt sich auf, jemand muss in meiner Nähe sein. Doch da ist niemand. Nur das schrille Kreischen der Pelikane dringt zu mir, ihre Rufe hallen über die hohen Mauern des königlichen Gartens.

Schlaftrunken reibe ich mir die Augen. Der Traum hängt mir noch nach, obwohl ich mich kaum an ihn erinnere. Doch als ich meine Hände betrachte, stocke ich.

Die Hände, die ich anstarre, fühlen sich fremd an, klein, zierlich, fast wie die eines Kindes. Ein unbestimmter Schreck durchzuckt mich, und ich atme flach, während meine Gedanken wild durcheinander rasen. Wie kann das sein?

Langsam hebe ich den Blick und folge mit den Augen dem glühenden Abendhimmel, der in flammenden Rot- und Goldtönen brennt. Ein sanfter Wind streicht mir über die Wange, kündigt die herannahende Nacht an. Doch etwas in mir sträubt sich. Vor einem Augenblick war es noch Tag.

Wo bin ich? Ist das wirklich der königliche Garten? Wie kann ich hier sein? Die Gedanken wirbeln, suchen nach einer Antwort, doch es gibt keine. Das letzte Mal sah ich diesen Ort vor Jahren, als Kind. Habe ich mich im Schlaf hierher verirrt? Aber wann? Wie?

Plötzlich durchzuckt mich eine kalte Erkenntnis. Es ist unmöglich. Es ist mir strengstens untersagt, mein Zimmer zu verlassen. Die Tür ist immer abgeschlossen. Und doch… bin ich hier.

Nichts ergibt Sinn. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, als ich erneut den Himmel betrachte. Ich strecke die Beine aus. Sie sind kürzer. Viel kürzer, als ich sie in Erinnerung habe. Eine seltsame Beklemmung breitet sich in mir aus, während sich die Realität immer fremder anfühlt. Mit wachsender Vorahnung zwinge ich mich, aufzustehen.

Doch als ich mich kraftvoll vom Boden abdrücken will, passiert etwas Unerwartetes: Ich hebe mich kaum vom Boden. Meine Beine, so leicht und kraftlos wie die eines Kindes, tragen mich nicht wie gewohnt. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, und ein kalter Hauch von Unwirklichkeit legt sich über mich. Was stimmt hier nicht?

„Ich bin wieder ein Kind“, realisiere ich plötzlich und greife fassungslos nach meinen Haaren.

Meine normalerweise langen weißen Haare, die ich gerne offen trage, haben nun die gleiche Länge wie in meiner Kindheit. Seit meinem siebten Lebensjahr hatte ich sie nicht mehr schneiden lassen. Dies ist bereits zehn Jahre her. Verwirrt suche ich nach einer Möglichkeit, mein Spiegelbild zu sehen. Doch ich finde weder einen Spiegel noch eine Reflexion, die mir Gewissheit verschaffen könnte.

Dichte Bäume säumen die hohen Mauern des königlichen Gartens und verbergen vor fremden Blicken, was sich dahinter verbirgt. Das perfekte Gefängnis. Selbst in meiner Kindheit konnte ich nur den Himmel genießen und den Stimmen der Bürger lauschen, die aus der Ferne zu mir drangen.

Ich muss in einem Traum gefangen sein! Das ergibt alles keinen Sinn! Moment… Wenn das wirklich der Fall ist, warum sollten mir dann Grenzen gesetzt sein?

Mit diesem Gedanken renne ich mit meinen kurzen Beinen auf die hohen Mauern zu, die mich all die Jahre von der Außenwelt abgeschottet haben. Ich will fliegen, will wissen, wer die Menschen sind, die auf der anderen Seite so lebhafte Gespräche führen. Will erfahren, wie es sich anfühlt, dazu zu gehören. Ein Sprung, und ich schließe die Augen, stelle mir vor, endlich zu fliegen. Doch meine Füße heben sich kaum vom Boden, nur um sofort wieder zu landen. Mit ausgestreckten Armen bleibe ich regungslos stehen und lasse einen leisen Seufzer entweichen.

„Das ist doch ein schlechter Witz“, murmle ich enttäuscht. „Selbst in meinen Träumen bin ich eine Gefangene.“

Und dann kommt mir wieder die weibliche Stimme in den Sinn, die mich hierhergeführt hat. Wo ist sie jetzt? Warum hat sie mich gerufen? An einen anderen Ort hätte sie mich ohnehin nicht führen können. Ich war nie außerhalb des Schlosses, mein ganzes Leben verbrachte ich hier. Seit dem Tod meiner Mutter, Isilyn, gilt mein Name im Königreich als gestrichen. Mein Vater, König Mukuta Valdyris, hält mich im Schloss gefangen, und niemand kann etwas dagegen tun, denn für alle anderen existiere ich nicht mehr. Damals war ich zu jung, um die Beweggründe meines Vaters zu verstehen, doch ich ahne, dass sie mit seiner Ehe mit Königin Mayyira zu tun haben müssen. Diese Frau trat unmittelbar nach dem Tod meiner Mutter in mein Leben und ist nun schon seit zwölf Jahren ein Teil davon. Sie hat auch dafür gesorgt, dass meine Freiheit drastisch eingeschränkt wurde. Was soll ich sagen? Seither sehne ich mich nach den königlichen Gärten, nach der frischen Luft und dem Gefühl von Gras unter meinen Füßen nach einem regnerischen Morgen. Die Stimme, die mich hierhergeführt hat, muss die Bedeutung dieses Ortes für mich kennen.

Für einen Moment schließe ich die Augen und lausche dem Rauschen des Meeres. Wie würde es sich wohl anfühlen, wenn ich meine Füße ins Wasser tauchen würde?

„Vespera… es wird Zeit!“

Schon wieder. Was will diese Stimme von mir? Sie klingt mir fremd, und doch … Moment. Ich habe sie schon einmal gehört. In meiner Kindheit. Genau an diesem Ort. Gehört sie meiner Mutter? Hat sie mich deshalb hierhergeführt? Warum fällt mir das erst jetzt wieder ein? Damals hörte ich sie zum ersten Mal, als Königin Mayyira in mein Leben trat.

Um ehrlich zu sein, kann ich mich kaum an meine Mutter erinnern. Wann immer ich versuche, an sie zu denken, erscheint vor meinem inneren Auge nur eine leere Hülle.Mein Vater sagt, sie sei an einer unerklärlichen Krankheit gestorben, als ich zwei Jahre alt war. Durch die Ehe mit Königin Mayyira wurde mein Halbbruder, Kronprinz Yula, geboren. Ich weiß nicht, was mein Vater mit mir plant und warum er mich im Königreich für tot erklärt hat, aber diese Stimme muss in irgendeiner Weise damit verbunden sein. Vielleicht will er mich mit dem Sohn eines Lords aus einem fernen Land verheiraten, damit ich weitere Erben zeugen kann, falls Yula keine bekommt. Aber wie, wenn mich doch alle für tot halten?

Ist es mein Schicksal, dass mein Vater für immer über mein Leben entscheidet? Gibt es keinen Ausweg?

„Vespera… du musst ausbrechen!“

Ausbrechen? Aber wie soll mir das gelingen? Ich bin in einer Welt gefangen, die nicht meine ist! Diese Traumwelt, in der ich mich befinde, ist schon schwer genug zu durchbrechen. In der realen Welt ist meine Tür zu allen Tageszeiten verschlossen, und der Schlüssel liegt bei Königin Mayyira. Ohne eine zugeteilte Begleitung darf ich keinen Schritt vor die Tür setzen. Ich kann nur in Jahren zählen, wann ich zuletzt in der Bibliothek war. Alle neuen Regeln, die Königin Mayyira seit ihrer Krönung erlassen hat, schränken mich in jeder Hinsicht ein. Ich habe ihr nie etwas getan, nie Ungehorsam gezeigt, und doch versuche ich seit all der Zeit, den Grund für ihren Hass mir gegenüber zu begreifen. Für meinen Vater ist sie das Ebenbild einer fürsorglichen Mutter.

Während meine Gedanken weiter um all diese Probleme kreisen, genieße ich gleichzeitig die kühle Brise der Sommernacht. Die Zeit an diesem Ort scheint in einem anderen Tempo zu vergehen, oder vielleicht verändert sich die Szene so schnell, dass ich es kaum bemerke.

Plötzlich schlägt ein Blitz direkt vor meinen Füßen ein. Erschrocken ziehe ich die Knie an und blicke auf meine Hände. Sie sind nun nicht mehr die eines Kindes…, sondern meine. Die angenehme Abendluft verwandelt sich rasch in ein gewaltiges Gewitter. Der Regen beginnt in Strömen herabzufallen. Ich betrachte meine Hand, die von den Tropfen durchnässt wird, und dann werfe ich den Kopf in den Nacken. Doch statt den Regen auf meinem Gesicht zu spüren, starre ich auf die Decke in meinem Zimmer. Bin ich zurück?

Aus dem Augenwinkel erhasche ich einen blitzartigen Lichtschein. Schlagartig springe ich aus dem Bett und schwinge meine Beine auf die Seite. Meine Füße berühren den kalten Marmorboden, und eine Gänsehaut durchfährt meinen Körper. Ein weiterer Blitz schlägt ein. Mit einer Mischung aus Faszination und Staunen bewege ich mich zum offenen Fenster. So sehr ich den Sonnenschein liebe, noch mehr liebe ich das stürmische Wetter. Es hat etwas Lebendiges, Ungezähmtes an sich.

Verträumt lehne ich mich an die Fensterbank, auf der ich normalerweise sitze und gedankenverloren die Welt betrachte. Heute jedoch fühlt sich alles anders an, und ich weiß, dass es mit dem Traum zu tun hat, der sich so real anfühlte. Ein weiterer Blitz durchzuckt den Himmel, und wie Adern breiten sich die Blitzkanäle über die Nacht. Der Tag war von drückender Hitze geprägt, und dieser Sturm bringt endlich die ersehnte Abkühlung. Doch dann passiert etwas Seltsames: Ein weiterer Blitz schlägt ein, und in der Mitte des Himmels erkenne ich eine Gestalt, die hoch in der Luft zu schweben scheint.

Was tut diese Person da? Wie ist sie dorthin gelangt? Können Menschen fliegen? Ich kann es jedenfalls nicht! Im Dienste des Königs stehen zwar Alchemisten, aber die können doch nur Tränke brauen, oder? Mein Vater hat mir nie erlaubt, solche Dinge zu erlernen.

„Hey!“, rufe ich in den tobenden Sturm. Die Wolken sind tiefschwarz, und meine Kleidung wird von den Regenströmen in wenigen Sekunden völlig durchnässt. „Wie bist du da oben hingekommen?“

Doch die Person reagiert nicht. Entweder dämpft der Sturm meine Stimme, oder sie ignoriert mich absichtlich. Ich sehe, wie die Gestalt ihre Arme in seltsamen Bewegungen dreht, fast wie Schlangenlinien, und scheint den Sturm zu kontrollieren.

Trügen mich meine Augen? Ist diese Person wirklich für das Wetter verantwortlich? Wie hat sich diese Welt während meiner langen Isolation verändert, dass plötzlich solche Kräfte existieren? Gibt es nun Menschen, die solche Fähigkeiten besitzen?

„Vespera…“

Die Stimme…! Kommt sie aus meinem Kopf oder von dieser fremden Gestalt? Ich muss mit ihr sprechen! Ich brauche Antworten! Aber ich kann mich doch nicht einfach aus dem Fenster lehnen. Was ist, wenn ich ausrutsche und falle? Mein Zimmer befindet sich fast im obersten Stockwerk. Einen Sturz würde ich nicht überleben. Aber… was, wenn ich fliegen kann? Wie sie?

Vorsichtig lehne ich mich nach vorne. Mein linker Fuß ruht auf der Fensterbank, mein rechter schwebt bereits in der Luft. Zitternd halte ich mich an der Außenwand des Schlosses fest. Der Regen prasselt mit hoher Geschwindigkeit in mein Gesicht und schränkt meine Sicht ein. Ich strecke die Hand nach der Gestalt am Himmel aus und merke, dass sie mich nun bemerkt. Gerade als sie dabei ist, ihren Kopf zu drehen, werde ich gewaltsam zurück in den Raum gezogen.

„Bist du lebensmüde?“, ertönt die wütende Stimme meines Vaters. Mit zerzausten braunen Locken und seinen kleinen braunen Augen sieht er mich streng an. „Muss ich wirklich ein Schloss ans Fenster anbringen?“

„Was ist hier nur los?“, fragt die Königin, die im selben Moment den Raum betritt. Ihre brünetten Haare sind in Lockenwickler gewickelt, und sie trägt ein seidenes, wunderschönes Nachtkleid in Violett. Darüber eine dünne Jacke, mit der sie sich vor der Kälte zu schützen versucht. „Kind, warum liegst du auf dem Boden? Diener, muss ich euch noch befehlen, der Prinzessin auf die Beine zu helfen?“

Die Bediensteten treten ein und helfen mir wortlos auf. Mein Vater verschränkt die Arme und schüttelt müde den Kopf. Ich liege wieder unter meiner Decke, aber meine Augen bleiben auf das Fenster gerichtet, wo erneut ein Blitz einschlägt. Die Anwesenheit des Königs und der Königin sind mir im Moment völlig egal. Doch als mein Vater das Fenster mit einem lauten Knall schließt, lenke ich meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn.

„Dein Vater ist anwesend, und du starrst immer noch aus dem Fenster?“, brüllt er zornig, und sein weißes Gesicht wird rot vor Wut. Wieder ist er ohne ersichtlichen Grund aufgebracht. „Wir sind aus einem besonderen Anlass zu dieser späten Stunde hier!“

„Zum Glück sind wir rechtzeitig eingetroffen!“, fügt Königin Mayyira mit strengem Unterton hinzu.

Rechtzeitig? Mein Vater hat mich in den Raum gezogen, „wir“ waren nicht gemeinsam hier. Die Königin kam erst später.

Seufzend erklärt mein Vater: „Morgen findet eine große Feier statt. Zu Ehren deines achtzehnten Geburtstags. Ich möchte, dass du dich vorbildlich verhältst, da wichtige Gäste kommen werden, die dich kennenlernen wollen.“

„Aber…“, beginne ich und runzle verwirrt die Stirn, „glauben nicht alle, dass ich vor Jahren gestorben bin?“

Er winkt mit der Hand. „Das lässt sich leicht arrangieren. Du warst die ganze Zeit über bei deiner Großmutter Gaina, und um deine Erziehung zu fördern, haben wir beschlossen, dich für die Öffentlichkeit als tot zu erklären.“ Nachvollziehbar. Sehr glaubhaft.

Meine Großmutter? Gaina Syldrakon, die Mutter von Königin Mayyira, hat keinerlei familiäre Verbindung zu mir. Trotzdem will ich mir die Gelegenheit auf eine Feier unter Menschen nicht entgehen lassen. Vielleicht werden Söhne von Lords dabei sein, die gute Beziehungen zu meinem Vater haben. Vielleicht finde ich einen, der sich in mich verliebt. Dann könnte ich diesem Alptraum entkommen!

„Deine Mutter wird morgen früh in deinem Zimmer stehen“, verkündet er. „Sie wird dafür sorgen, dass du die Prinzessin Vespera bist, die der Königsfamilie Valdyris würdig ist.“

Ich kann kein Wort sagen. Was soll ich auch antworten? Für meinen Vater bin ich nur eine Schachfigur, die für einen cleveren Zug auf dem Spielfeld verwendet wird. Doch als er mir plötzlich ein warmes Lächeln schenkt und sanft meine Wange streichelt, erkenne ich etwas Neues in seinen Augen.

„Meine liebe Tochter hat mich noch nie enttäuscht“, sagt er, während er seine Hand auf meinen Haaransatz legt. „Du wirst mich sicher stolz machen.“

Meint er das wirklich, oder spielt er ein weiteres Spiel mit mir? Es ist egal, was es ist. Es macht mich glücklich. Ist dies jenes väterliche Gefühl, nach dem ich mich all die Zeit gesehnt habe?

„Natürlich, Vater“, antworte ich lächelnd.

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