Zurück auf Anfang
Beherzt schmeiße ich die Autotür zu, dass es knallt. Ich bin frustriert und mein Wagen muss das ausbaden. Denn nun stehe ich hier. In der Einfahrt jenes Hauses, in dem ich als Kind so viel Zeit verbracht habe und das seit dem Tod meines Großvaters ein wenig grauer wirkt.
Die Vorhänge des Wohnzimmers wackeln, kurze Zeit später wird die massive Haustür geöffnet. So schwungvoll, dass der herbstliche Kranz, der sich an einem Haken daran befindet, gefährlich hin und her wippt. Meine Großmutter eilt die Treppenstufen hinunter, ein strahlendes Lächeln auf den faltigen Gesichtszügen. Doch als sie direkt vor mir steht, kann sie die Trauer, die sich in ihr Leben geschlichen hat, nicht ganz verbergen. Großvater fehlt ihr sehr. Er fehlt uns allen. Doch im Gegensatz zu uns trauert sie nicht nur, sie muss nach Jahrzehnten des gemeinsamen Lebens lernen, ohne ihn klar zu kommen.
“Lina, da bist du ja schon!“, freut sie sich und zieht mich in eine ihrer kräftigen Umarmungen. Sie mag eine kleine, runzelige Frau sein. Doch sie hat Kraft.
“Hey, Grandma”, ringe ich mir eine fröhliche Begrüßung ab, auch wenn sich all das wie ein Versagen anfühlt. Ein Aufgeben. Denn in meinem Kofferraum befinden sich Taschen mit all meinen Habseligkeiten. Ich habe die Zelte, die ich in New York so mühsam versucht habe zu errichten, abgebrochen und kehre als gescheiterte junge Frau nach Elmsbrook zurück, jener Stadt, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin.
Um ehrlich zu sein fürchte ich mich schon jetzt vor dem Tratsch der Kleinstadt. Davor, was die anderen sagen werden. Die Freunde meiner Eltern. Meine ehemaligen Klassenkameraden. Ich weiß, dass sie damals getuschelt haben, als ich nach dem Schulabschluss in die ferne Großstadt gezogen bin und Künstlerin werden wollte. Als ich Kunst studierte und begann, in kleinen Galerien auszustellen. Sie haben mich im besten Fall belächelt, im schlimmsten als arrogant und abgehoben beschimpft. Natürlich hinter meinem Rücken.
Und nun kehrt die verloren geglaubte Tochter der Stadt zurück an jenen Ort,in der Großstadt gescheitert. Denn meine Rückkehr ist keine freiwillige. War meine Karriere zu Beginn nach dem Studium noch recht vielversprechend, nahmen die Anfragen über die Monate und Jahre ab. Als Anfang des Jahres eine Galeristin meine Werke anfragte, glaubte ich, die Durststrecke sei endlich vorbei. Doch als sie mir im letzten Moment absagte und stattdessen einem anderen Künstler den Vortritt ließ, zerschmetterte ich in einem Anfall von Wut all meine Leinwände, zerbrach meine Pinsel und entschied, dass mein Wunsch, Künstlerin zu werden, begraben werden muss.
Jetzt stehe ich also wieder hier. Vor dem Haus meiner Großeltern, das nach Grandpas Tod zu groß für meine nicht eben junge Großmutter ist und in dem einige Zimmer leerstehen. Ideal, um die Enkelin auf unabsehbare Zeit zu beherbergen.
„Komm rein, ich habe bereits Kürbiskuchen gebacken.“ Natürlich. Etwas anderes hätte ich Anfang Oktober von meiner Grandma auch nicht erwartet. Denn sie ist ein Kind der Stadt. Und in Elmsbrook dreht sich im Oktober alles - und ich meine wirklich einfach alles - um Kürbisse und Spuk. Die Stadt mag nur 15.000 Einwohner haben und auch sonst eher langweilig sein, doch im Oktober mutiert das kleine Städtchen zum Mekka der Halloweenfans.
Für einen Augenblick unschlüssig blicke ich zwischen dem Haus und meinem Auto hin und her. Doch dann entscheide ich mich dagegen, meine Koffer auszuladen und ins Haus zu bringen. Denn auch wenn ich kaum Lust auf Halloween habe, Hunger habe ich. Und Grandmas Pumpkinpie ist der beste der Stadt. Was in einer Gemeinde, die das Backen von Kürbiskuchen zur Religion erhoben hat, durchaus etwas zu bedeuten hat.
Der Kuchen liegt mir schwer im Magen, als ich meine Koffer aus dem Wagen schleppe. Ich hatte ein Stück zu viel. Oder zwei. Oder drei. Aber das ist es wert, denn ich glaube, meine Großmutter hat ihr Rezept seit dem letzten Jahr noch einmal verbessert und um die ein oder andere Geheimzutat erweitert.
Ich mühe mich gerade mit einem größeren Karton ab, der dank der Bücher darin verdammt schwer ist, als ich hinter mir das Ausrollen und Halten eines Wagens vernehme. Ich will mich umdrehen, um zu sehen, wer gekommen ist. Doch beim Wenden mit dem schweren Karton verliere ich beinahe das Gleichgewicht. In dem Moment knallt die Wagentür zu und ich höre eilige Schritte.
„Warte, ich helfe dir.“ Als ich seine Stimme höre, züngelt ein siedender Blitz mein Rückgrat hinab. Die Stimme ist rau und warm, erinnert ein wenig an süß fließenden Honig und ist doch gleichzeitig männlich. Sie ist tiefer geworden, doch ich erkenne sie sofort. Der schwere Karton wird mir abgenommen und perplex blicke ich auf. Direkt in seine Augen. Jene eisblauen Augen, die, als wir Kinder waren, von Erwachsenen gern als kalt bezeichnet wurden. Ich hingegen habe sie immer als warm empfunden. So warm, wie das Herz meines damals besten Freundes.
„Jasper“, keuche ich schließlich und richte mich auf. Betreten blicken wir uns für einige Momente an. Ich bemerke, dass ich ihn anstarre, und spüre im gleichen Moment, wie sich meine Wangen rot verfärben. „Was tust du hier?“, schiebe ich schließlich nach, um die unangenehme Stille zu unterbrechen. Meine Stimme klingt schroffer als beabsichtigt. Den Satz spucke ich in den Raum wie einen Vorwurf. Ich spüre, wie der kalte Schmerz von damals Besitz von mir ergreift, auch wenn mein Verstand mir sagt, dass das lächerlich ist. Denn auch wenn wir im Streit auseinander gegangen sind, ist das mittlerweile eine gefühlte Ewigkeit her. Kein Grund, noch immer zu grollen oder alte Geschichten wieder aufzuwärmen.
„Ich bin mit deiner Grandma verabredet“, zwinkert er mir zu, doch ich glaube in seinem Blick so etwas wie Distanz zu erkennen. Es hätte mir egal sein sollen, doch die Entfernung zwischen uns fühlt sich wie ein Stich im Herzen an. Als Kinder waren wir unzertrennlich. Als wir Teenager waren, war er mein Partner in Crime. Kurz vor unserem Schulabschluss hatten sich Gefühle in mein Herz geschlichen, die ich nicht deuten konnte. Doch dann hatte alles ein jähes Ende gefunden. Und nun standen wir einander gegenüber, wie zwei Fremde, die sich vielleicht schon einmal irgendwo begegnet sind. Mehr aber auch nicht.
„Warum bist du mit meiner Grandma verabredet?“, platzt es aus mir heraus, meine Stimme hat einen noch bissigeren Unterton angenommen. „Tschuldige“, murmle ich. Er sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, geht jedoch nicht auf den kurzen Ausbruch meiner Gefühle ein. Stattdessen deutet er Richtung Tür und läuft mit meinem Karton auf den Armen los.
„Ich wurde mit dem Aufbau der Technik, der Stände und all der Dinge betraut“, erklärt er, während ich ihm die Haustür aufhalte. „Und deine Grandma ist in diesem Jahr die Organisatorin der Festlichkeiten.“
„Ach“, entgegne ich und kneife meine Augen zusammen. Schön, dass ich das auch erfahre. Dochals mir die ganze Tragweite dieser Informationen bewusst wird, keuche ich auf. Denn dass Jasper für den Aufbau zuständig ist und meine Grandma für die Organisation, bedeutet nichts Geringeres, als dass Jasper in den kommenden Tagen und Wochen bei meiner Großmutter ein und ausgehen wird. Bei uns ein und ausgehen wird.
Ich will gerade etwas erwidern, als meine Grandma im Türrahmen der Küche erscheint. „Jasper, da bist du ja, mein Junge.“ Sie freut sich sichtlich und eilt auf den Jungen zu, der, als wir kleinen waren, in ihrem Haus ein und aus ging. Unwillkürlich frage ich mich, was ich alles in den vergangenen Jahren verpasst habe. Hat Jasper trotz unseres Streits meine Grandma weiterhin regelmäßig besucht? Haben sie über mich gesprochen?
Ich schüttle den Kopf, kann mir jedoch einen bissigen Kommentar nicht recht verkneifen. „Viel Spaß bei eurem Treffen“, murmle ich. „Ich gehe nach oben.“ Trotzig reiße ich den Karton, der noch immer auf Jaspers Armen ruht, als wiege er nichts, an mich und taumle kurz unter dem Gewicht, ehe ich wütend nach oben stapfe. Mit dem zusätzlichen Gewicht der Bücher drohe ich das Gleichgewicht zu verlieren, doch ich beiße die Zähne zusammen. Diese Blöße gebe ich mir nicht.