Prolog
Ich betrachte die Bilder, die vor mir auf dem Schreibtisch liegen. So viele Menschen, so viele Geschichten und so viele Farben. Bin ich nicht deswegen Fotograf geworden? Um die Welt aufzusaugen wie ein nasser Schwamm, um dem Verborgenen ein Gesicht zu verleihen?
Im Laufe der Jahre bin ich weit herumgekommen. Die Weltkarte an der Wand meines Arbeitszimmers weist mehr rote Besuchsnadeln auf, als der Stadtwald Bäume hat und überall tummeln sich Mitbringsel. Im Regal haben es sich geschnitzte Elefanten und Antilopen aus Malawi neben einem indonesischen Kinderbuch bequem gemacht, über der Tür hängt ein farbenfroher Bumerang und direkt neben mir steht eine Matrjoschka-Puppe. Was für ein Geschenk, nicht in der behüteten Blase der süddeutschen Provinz gefangen zu sein, sondern das Leben in all seiner Vielfalt und Schönheit kennenlernen zu dürfen. Während andere die Völker der Erde nur aus Büchern und Filmen kennen, habe ich mit ihnen gesprochen, in ihren Häusern übernachtet und die Geräusche und Gerüche ihrer Heimat in mein Herz geschlossen.
Ich schmunzle, als ich beim Durchblättern der Fotos eine lachende junge Frau bei einer Quinceañera und eine Gruppe kartenspielender Fischer auf einer der britischen Kanalinseln entdecke. Nur ein Bild später werde ich allerdings daran erinnert, dass es neben unzähligen Momenten im Licht auch viel Schatten auf dieser Welt gibt.
Das Mädchen auf diesem Foto hat mit der jungen Mexikanerin, die mit der Quinceañera so fröhlich ihren Eintritt ins Erwachsenenleben feiert, nichts gemeinsam. Stattdessen blicken seine dunklen Augen ernst in die Kamera, als trüge es bereits die Last eines ganzen Menschenlebens mit sich. Das Foto zieht mich in sich hinein wie ein Strudel einen wehrlosen Schwimmer und so schließe ich die Augen und reise zurück in das Afghanistan des Herbstes 2022.