Broken 1/3
Metamorphose (griechisch μεταμόρφωσις metamórphosis) steht für: Veränderung oder Umwandlung von Form oder Zustand
Gebrochen.
Ich wollte es eine lange Zeit nicht wahrhaben. Doch der Wahrheit konnte man nicht entkommen, selbst wenn man, wie ich, sein gesamtes Leben davon wegrannte. Ich war gebrochen. Nicht mehr derselbe wie einst. Seitdem rang ich alleine mit meinem Schmerz. Dazu verdammt, mich immer wieder zu schneiden, sollte ich versuchen die Scherben zusammenzusetzen. Hilfe anzunehmen war undenkbar. Zu tief saß die Angst, zu groß war die Scham, jemandem den kaputten Haufen zeigen zu müssen.
So sehr ich auch auf mich selbst fixiert war, im selben Zug fingen mir zunehmend an Dinge aufzufallen. Dinge, die meinen Partner betrafen. Kleinigkeiten. Die zusammengezählt jedoch ein Bild ergaben, das ihn in einem völlig neuen Licht zeigte. Scheinbar Unbedeutendes wurde weiter hinterfragt. Wie viel Schein war die reine Hülle? Wer oder was hatte den Kern verdorben?
Wie unberührt war Hidans makellose Haut wirklich?
Dieses mal durchquerten wir die Sümpfe ohne Zwischenfälle.
Die Nordküste des Landes war ab da nicht mehr allzu weit entfernt. Wir erreichten unser vorläufiges Ziel schon bald darauf. Das einzig nennenswerte Dorf der Gegend: Semboku. Von hier stammten die Gerüchte, die wir vor wenigen Wochen vernommen hatten. Sollten an diesen also etwas dran sein – und davon ging ich aus – mussten wir von nun an damit rechnen, jederzeit auf unseren Gesuchten zu treffen.
Wir verhielten uns so unauffällig wie möglich. Die Bewohner von Semboku schienen sich jedoch kaum um Fremde zu scheren und waren im Vergleich zum Kurort regelrecht kontaktfreudig. Also nutzen wir diesen Vorteil, teilten uns auf und hörten uns unauffällig im Dorf um. Ich nahm mir den Markt vor, während Hidan sein Glück in den Gaststätten versuchte.
Wir hatten abgemacht, uns gegen Abend in der Unterkunft zu treffen, in der wir bei unserer Ankunft bereits ein Zimmer bezogen hatten. Hidan war schon da, als ich zurückkehrte und schien ähnlich Erfolg gehabt zu haben wie ich.
«Der Kerl scheint nicht gerade beliebt zu sein.»
Mein Partner saß geduscht und nur in Shorts auf dem einzigen Bett und war damit beschäftigt, sich die Fußnägel zu lackieren. Seltsamerweise war der Anblick nicht so befremdlich, wie er nüchtern betrachtet sein sollte.
«Ein alter Kauz hat mir sogar Geld geboten, wenn ich ihm irgend so einen Ring von dem Typen bringe. Mit dem abgeschnittenen Finger dazu, wohlbemerkt.»
Da wurde ich hellhörig.
«Wie viel?»
Hidan warf mir schmunzelnd einen Seitenblick zu, ehe er wieder nach unten schaute. Er hatte die Beine angewinkelt, um besser an seine Füße heranzukommen. Mit zusammengekniffenen Augen konzentrierte er sich darauf, die Farbe sauber auf den nächsten Nagel aufzutragen.
«Warum genau müssen wir das noch mal machen?»
«Weil ich sein Herz haben will», erklärte ich stirnrunzelnd.
«Nicht das. Ich meine die Nägel.»
Darauf hatte ich keine Antwort. Wer wusste schon was sich Pain dabei dachte? Die Ringe hatten ihren Zweck, die einheitlichen Mäntel waren gerade noch nachvollziehbar. Doch wofür der Nagellack? Vermutlich hatte Konan da ihre Finger mit im Spiel.
Wortlos ließ ich mich auf einen Stuhl sinken und beobachtete ihn einen Moment in seinem Tun. Mein Blick fiel auf einen kleinen Pinselfleck auf der Bettdecke, nahe seines Fußes. Da musste er abgerutscht sein.
«Was hast du sonst noch rausfinden können?», fragte ich, um unsere gesammelten Infos abzugleichen.
«Isamu irgendwas, er–»
«Ohta.»
«Genau, Isamu Ohta. Stammt wohl ursprünglich von hier, lebt aber eigentlich schon lange in Tetsu no Kuni. Er kehrt jedes Jahr zur selben Zeit hierher zurück und bleibt dann einige Wochen. Niemand hat mitbekommen, dass er abgereist wäre. Er sollte sich also noch in der Nähe aufhalten.»
«Sein altes Haus. Eine abgeschiedene Hütte an den Nordklippen.»
Hidan nickte, wurde dabei jedoch kurz unachtsam. Ein kleines Zucken seiner Hand und der Pinsel malte über den Nagel auf die Haut. Fluchend gab er auf und warf den Nagellack zur Seite. Feinarbeiten gehörten wahrlich nicht zu seinen Stärken, wie ein Blick auf seine Zehen bestätigte. Von sauber aufgetragen war das weit entfernt.
«Du willst ihn dir morgen vorknöpfen, nicht wahr?» Er streckte seine Beine aus und ich bejahte.
«Er scheint zwar nicht zu ahnen, dass er verfolgt wird, das kann aber täuschen. So oder so, unvorbereitet sollten wir da nicht hingehen.»
«Wie ist der Plan?», fragte er, wohlwissend, dass ich mir bereits etwas überlegt hatte.
«Nach seinen Fähigkeiten zu urteilen, scheint er ein durchschnittlicher Shinobi zu sein. Ich hätte ihn höchstens auf oberes Chuunin-Level geschätzt. Wäre da nicht sein spezielles Jutsu. Das muss sein Ass im Ärmel sein. Wenn wir darum herumspielen, sollten wir keine Probleme haben.»
«Und wie willst du das anstellen? Wenn er einen von uns erwischt, wird's übel.»
«Wir kennen die Schwachstelle seines Jutsu: sein Limit. Letztes Mal konnte er es nur zweimal anwenden. Ich werde gleich zu Beginn des Kampfes all meine Masken beschwören. Mit dir dazu stehen wir dann fünf gegen eins, eine Überzahlsituation. Wir spielen auf Zeit und setzen ihm gleichzeitig so weit zu, dass er gezwungen ist, sein Pulver zu verschießen. Zu viele Ziele, zu wenige Anwendungen. Einfache Mathematik. Im schlimmsten Fall zerstört er zwei meiner Masken. Drei, falls sein Limit doch höher ist, als wir annehmen. Danach hat er uns nichts mehr entgegenzusetzen.»
«Klingt mir nach Abmüherei. Wenn ich an sein Blut gelange, könnte ich ihn ganz schnell erledigen.»
«Damit hältst du dich zurück. Wir werden auf Distanz bleiben und das Feld meinen Masken überlassen. Gegen so einen Gegner ist es unklug, den Nahkampf zu suchen. Solltest du trotzdem irgendwie an sein Blut kommen können, dann mach ihn bewegungsunfähig. Ich gebe ihm dann den Rest.»
«Aber–»
«Nein», sagte ich scharf. «Du wirst nicht blind drauflosstürmen, wie du es sonst immer tust. Es gibt keinen Grund, ein Risiko einzugehen. Unsere gewohnte Lockvogel-Taktik funktioniert hier nicht. Wie du selbst schon gesagt hast: wenn er einen von uns erwischt, wird's übel. Du kannst mich auch aus mittlerer Entfernung mit deiner Sense unterstützen.»
Hidan verdrehte mit einem genervten Na schön die Augen.
«Gut, dann wäre das geklärt», schloss ich und stand auf.
Ich wollte mir eine heiße Dusche gönnen. Doch noch bevor ich das Bad erreichte, hielt mich Hidan auf.
«Erzählst du mir nachher etwas?»
Ich wunderte mich über die Frage, die wie aus dem Nichts kam und drehte mich halb zu ihm um.
«Was soll ich dir erzählen?»
«Keine Ahnung. Irgendwas über dich zum Beispiel.»
«...»
«Es ist so, mir ist letztens erst so richtig klar geworden, dass du fucking hundert Jahre alt bist und da–»
«Ich bin einundneunzig», korrigierte ich ihn.
«Ist dasselbe! Jedenfalls musst du ja einen Haufen Zeug erlebt haben. Aber du erzählst nie was. Und, was soll ich sagen... ich bin scheiße neugierig!»
Ich schwieg einen Moment und überlegte, wie ich mich am besten aus der Sache wand, ohne ihn dabei allzu sehr zu enttäuschen.
«Erzähl du mir doch was.»
Hidan runzelte die Stirn, ehe er sich zurücklehnte und sich mit den Unterarmen auf der Matratze abstützte.
«Hab mit Sicherheit nicht so viele Geschichten auf Lager wie du, aber kann dir im Gegenzug auch was aus meinem Leben erzählen.»
Fuck. Ich hatte angenommen, er würde zurückrudern, wenn ich den Fokus auf ihn lenkte.
«Abgemacht?», hakte er nach. «Hab schon einige Fragen im Kopf.»
«Von irgendwelchen Fragen war nie die Rede.»
«Doch klar. Sonst tischst du mir doch nur deine übliche Langweiler-Kacke auf! Und dann können wir das Ganze auch gleich lassen. Will schon den interessanten Scheiß haben.»
«Eine», grummelte ich resigniert. «Eine Frage kannst du mir meinetwegen stellen. Keine mehr. Und das heißt nicht, dass ich sie auch beantworte. Überleg dir also gut, was du fragen willst.»
Ohne eine Erwiderung abzuwarten, zog ich mich ins Bad zurück. Womöglich hätte er versucht noch mehr herauszuschlagen, wenn ich geblieben wäre. Dabei war das, worauf ich mich eingelassen hatte, bereits mehr als genug. Ich vernahm sein Rufen nur noch dumpf durch die Wand und sollte recht behalten.
«Gut, hab eine! Dann stelle ich dir die anderen halt die nächsten Male!»
Es rang mir ein schweres Seufzen ab.