Kapitel 1
"Was soll das heißen, ich kriege die Beförderung nicht?", schnappte Helena entsetzt nach Luft.
Verblüfft starrte sie die Überbringerin der schlechten Nachricht an. Es war die langjährige Sekretärin vom Chef – und nur kurz streifte sie der Gedanke, dass der werte Herr nicht einmal genug Mut hatte, um ihr den tödlichen Hieb selbst zu versetzen. Nein, er hatte die alte Gloria vorgeschickt. Ausgerechnet dieses unerträgliche Klatschmaul, die Wunder was auf sich hielt, nur weil sie vom ersten Tag an Webers Seite und Teil des gesamten Werdegangs der Firma war. Das war das Schlimmste überhaupt, denn nun blieb die Sache nicht im kleinen Kreis in der Chefetage, bald würde es die ganze Firma wissen, dass sich alle ihre Träume innerhalb weniger Sekunden einfach in Luft aufgelöst hatten.
Vor Helenas Augen explodierten gelbe Blitze, als sie sich der Konsequenzen dieser Nachricht bewusstwurde. Hörbar knirschte sie mit den Zähnen, rang verzweifelt um Beherrschung.
Das konnte der alte Weber doch nicht bringen! Seit Jahren hatte sie tagtäglich die Kohlen für die Firma aus dem Feuer geholt. Sie hatte ihr ganzes Leben hinter der Arbeit zurückgestellt, auf jede Art von Privatleben verzichtet. Mühsam hatte sie sich vom Lehrling zur Bürokauffrau, und später von der Speditionskauffrau zur Chefakquise hochgearbeitet, unzählige anstrengende Fortbildungen hinter sich gebracht und Stück für Stück die längst überholten Prozesse in der Firma modernisiert. Sie hatte diesen Nachkriegsbetrieb in die Moderne geführt, ihn auf den neuesten Stand gebracht.
Alles in der Hoffnung – nach all den vielsagenden Andeutungen vom Weber – sie würde die Firma einmal an seiner Seite leiten, weil es niemand anderen mehr gab, der sein Lebenswerk nach dem Unfalltod seiner Frau und seines einzigen Sohnes vor mehr als zwanzig Jahren hätte weiter fortführen können. Sie sollte an seiner Seite als stellvertretende Geschäftsführerin agieren, und wenn er sich in wenigen Jahren ganz zurückzog, die Firma in seinem Auftrag leiten.
Ja, das war der Köder, den er ihr seit Jahren unter die Nase hielt und mit dem er ihren brennenden Ehrgeiz weiter befeuerte.
Und nun das?
Nein, mit ihr würde er das nicht einfach tun können, beschloss sie grimmig.
Webers Sekretärin duckte sich unter dem lodernden Blick der jungen Frau. Eine der Weihnachtskugeln, mit denen sie gerade das kleine Tannenbäumchen auf dem Schreibtisch schmücken wollte, entfiel ihren Händen. Aber ein hämisches Grinsen konnte sich die alte Gloria dennoch nicht verkneifen.
"Woher soll ich das denn wissen, Helena? Bin ich etwa der Chef?", höhnte sie voller Genugtuung in spitzem Ton. "Reden Sie doch selbst mit Herr Weber darüber. Dann erfahren Sie bestimmt alles, was relevant ist für Sie und warum er seine Entscheidung gegen Sie getroffen hat!"
"Das werde ich auch machen, darauf können Sie Gift nehmen, Gloria", fauchte Helena und reckte angriffslustig das Kinn in die Höhe. "Gleich jetzt werde ich das machen! Wozu noch warten? Er kann ruhig gleich hören, was ich ihm zu diesem Thema zu sagen habe! Und zu seinen fiesen, hinterhältigen Methoden!" Sie zischte aufgebracht und wandte sich ab.
Die alte Gloria wurde plötzlich blass.
"Jetzt sofort? Aber das geht doch nicht! Helena, Sie haben keinen Termin! Herr Weber ist nicht …" Doch sie sprach schon ins Leere, denn Helena war bereits ins Zimmer des Firmeneigentümers gestürmt und hatte sie einfach stehen lassen.
*****
Manfred Weber, seit über sechzig Jahren Chef der Firma, die sein Vater nach dem Krieg gegründet hatte, schaute irritiert von dem Schriftstück auf, das er gerade unterschreiben wollte. Krachend schlug die Tür auf, und wie eine Furie stürmte eine junge Frau in sein Büro.
Direkt vor seinem Schreibtisch – einem wuchtigen Ungetüm noch aus den fünfziger Jahren – kam Helena Wittke zum Stehen, sie bebte regelrecht vor Wut und war in einem Zustand, wie er sie noch nie gesehen hatte, seit sie vor zehn Jahren als Azubi bei ihm angefangen hatte. Und noch bevor er irgendwie auf ihr unangemeldetes Hereinplatzen und ihre Störung reagieren konnte, legte sie auch schon los.
"Herr Weber", schnaubte sie empört, und ihr Blick lag vorwurfsvoll auf seiner kleinen, untersetzten Gestalt, die das Alter längst gebeugt hatte. "Was soll das heißen, ich bekomme die Stelle der stellvertretenden Geschäftsführerin nicht? Sie wissen ganz genau, dass ich seit Jahren auf diese Position hingearbeitet habe – unter dem Einsatz meiner vollen Kräfte, die Sie immer zufriedengestellt haben! Und mehrmals haben Sie mich, wenn ich gehen wollte, mit diesem Posten geködert! Sie haben mir die Teilhaberschaft versprochen, ich sollte die Firma nach Ihrem Weggang leiten! Wieso jetzt der Rückzieher? Finden Sie das fair? Ich fühle mich betrogen und getäuscht, und ausgenutzt obendrein, denn Sie geben mir das Gefühl, dass Sie mich all die Jahre nur hingehalten und belogen haben!"
Der alte Weber schnappte nach Luft, als er sich auf diese Weise angegriffen sah – und das ausgerechnet von Helena, die nie unangenehm aufgefallen war. Schweiß perlte auf seiner Stirn und er fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. Wieder einmal zu viel Säure, es war, als würde er sich selbst verdauen. Unbewusst drückte er mit der Hand gegen seinen gewölbten Bauch, doch sein Magengeschwür wollte sich einfach nicht beruhigen. Zu viel Stress, falsche Ernährung und kaum Bewegung hatten ihm die Gesundheit ruiniert. Er spürte jedes einzelne seiner achtzig Jahre, gerade jetzt im Moment mehr denn je.
Helenas Angriff kam völlig überraschend für ihn. Wusste sie etwa nicht, wie grundlegend sich die ursprüngliche Situation hier in der Firma geändert hatte? Es konnte doch nicht sein, dass die jüngsten Gerüchte nicht bis an ihre Ohren gedrungen waren. All die Informationen seinen angeschlagenen Gesundheitszustand betreffend, die Empfehlungen seines Arztes, der ihm dringend geraten hatte, sich endlich in den Ruhestand zu begeben und die Firma loszulassen … Natürlich, überlegte er fieberhaft – für sie musste es so aussehen, als würde sie bald auf seinem Platz sitzen.
Fragend warf er einen unsicheren Blick an dem aufgebrachten Racheengel vorbei, doch als er etwas erwidern wollte, ließ sie ihn gar nicht zu Wort kommen.
"Ich würde Ihnen jetzt gerne mit deftigen Worten sagen, was ich von solchen Machenschaften wie den Ihren halte! Von Ihnen und von Ihren falschen Versprechungen – von wegen Beförderung und Teilhaberschaft. Oder dem Gerede, dass ich Ihre stellvertretende Geschäftsführerin sein werde, wenn Sie sich bald zur Ruhe setzen! Sie arbeiten mit miesen Tricks, um Ihre Angestellten bei der Stange zu halten, Herr Weber", knirschte die Wittke erbost. "Aber das sind Sie mir nicht wert, ich werde mich nicht Ihretwegen auf dieses Niveau herunter begeben! Sie dürfen aber ruhig dennoch wissen, wie enttäuscht ich mich fühle – weil ich nie für möglich gehalten hätte, dass Sie mein Engagement und mein Vertrauen in Sie derart verraten! Ich frage mich nur, wofür …"
Keuchend holte sie Luft, dann zischte sie: "Aber wissen Sie was? In Zukunft können Sie ganz auf meine Mitarbeit verzichten. Ich kündige nämlich! Fristlos! Hermes-Franzen versucht seit Jahren, mich von Ihnen abzuwerben, und jetzt ist wohl der Zeitpunkt gekommen, deren Angebot anzunehmen!"
So, das hatte sie ihm jetzt prächtig unter die Nase geknallt. Es mochte kindisch sein, aber das hatte er nun davon. Das war die Quittung für seinen hinterhältigen Verrat!
Sogleich rang der alte Weber die Hände. "Frau Wittke! Helena, das können Sie nicht machen! Nicht so kurz vor Weihnachten, und doch nicht ausgerechnet jetzt! Wir …"
Mit einer abwehrenden Geste hob sie die Hand. Helenas bebendes Kinn schob sich noch um ein paar Zentimeter vor. "Es gibt nichts mehr zu verhandeln, es ist schon alles gesagt von meiner Seite! Die Weichen für die Zukunft haben Sie gestellt, Herr Weber. Ihre Firma darf künftig ohne mich auskommen, ich sehe mich selbst mit meiner Fachkompetenz und meiner Erfahrung in einer Führungsposition – und nicht als ausgenutzte Angestellte, die für Sie die Kohlen aus dem Feuer holt!", versetzte sie dramatisch, dann drehte sie sich um. Sie wollte ebenso schnell aus dem Chefbüro verschwinden, wie sie hereingeplatzt war, doch dann stockte sie mitten in der Bewegung.
Der alte Weber war nicht alleine! Gütiger Gott, deshalb hatte die alte Gloria sie nicht vorlassen wollen! Warum hatte sie das nicht einfach gesagt? Das war jetzt aber wirklich peinlich, aber das wollte sie sich nicht anmerken lassen.
Ihr funkelnder, wutentbrannter Blick glitt über die Gestalt des Besuchers, der still und reglos im Schatten der von ihr aufgestoßenen Tür stand – weshalb sie ihn bei ihrem Hereinstürmen nicht hatte sehen können. Schnell schätzte sie ihn ab. Mittelgroß, vielleicht Eins achtzig, schlank aber wohlproportioniert mit feiner Muskulatur unter dem Anzug, er betrieb also Sport, das konnte sie sehen. Dunkelblondes Haar und graue Augen. Markantes, energisches Kinn. Von Kopf bis Fuß gepflegt und teuer. Ein typischer Geschäftsmann, mit denen der Chef meistens zu tun hatte in seiner Eigenschaft als Firmeninhaber. Elegant und kühl wirkte er, aber auch auf eine sehr attraktive Art arrogant wirkend, gestand sie sich für einen flüchtigen Moment ehrlich ein – und ärgerte sich schon im nächsten Moment darüber, weil ihr das in so einer Situation überhaupt auffiel.
Er musterte sie ebenfalls, reglos glitt sein unterkühlter Blick über ihre Gestalt. Von oben bis unten, schien es ihr. Für eine Sekunde konnte sie nicht atmen, als sich ihre Blicke trafen. Eine Gänsehaut jagte über ihren Körper – und eine Ahnung, als würde dieser fremde Mann ihr bis auf den Grund ihrer Seele schauen können. Als würde er hinter die lautstarke Wut blicken und erkennen, wie tief verletzt sie worden war. Für einen winzigen Moment begann die Fassade zu bröckeln, hinter der Helena sich verbarg.
Das Blut dröhnte ihr plötzlich laut in den Ohren, ihr Schritt zögerte. Doch dann hatte sie sich von ihrer Überraschung erholt. Weil sie gerade so in Fahrt war und ihr Temperament einfach nicht bezähmen konnte, bedachte sie den fremden Besucher mit einem wütenden Blick, der seine hellen klaren Augen überrascht aufblitzen ließ, sobald ihre Blicke ein zweites Mal aufeinandertrafen – und schon stürmte sie genauso schnell wie sie hereingeplatzt war, wieder hinaus und verschwand.
*****
Leise, aber nachdrücklich schloss der Besucher die Bürotür hinter Helena, nachdenklich wandte er sich mit einem schmalen Lächeln an Weber. "War sie das?"
"Ja", brummte der alte Firmeninhaber. Mit einem Ächzen lehnte er sich in seinem Bürostuhl zurück. Schnaufend wischte er sich mit einem blütenweißen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Sein pausbäckiges Gesicht war rot und fiebrig, sein Blutdruck einmal mehr viel zu hoch, das wusste er. Aber eine solche Aufregung, wie Helena sie gerade in sein Büro gebracht hatte, war einfach Gift für ihn, und längst hatte er selber eingesehen, dass es für ihn Zeit war, abzutreten. Es war lange überfällig, sich in den Ruhestand zu begeben, denn im Sommer hatte er seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert …
Weber atmete tief durch und konzentrierte sich wieder auf seinen Gast.
"Ja, natürlich war sie das – die stolze Helena. So wird sie in der Firma insgeheim genannt, wissen Sie …" Er schnaubte durch die Nase, dann steckte er das Taschentuch weg. "Ich muss aber zugeben, dass sie ein Recht darauf hat, so verdammt wütend zu sein, weil sie den Posten nun doch nicht bekommt. Er stünde ihr eigentlich zu. Ich habe ihr die Teilhaberschaft in meiner Firma wirklich wie einen Köder vor die Nase gehalten, und das über Jahre hinweg – damit sie mir hilft, den Betrieb am Laufen zu halten, Verbesserungen im Firmenkonzept einbringt und Aufträge einholt. Sie hat wirklich ein besonderes Händchen dafür, mit schwierigen Kunden umzugehen. Die fressen ihr allesamt aus der Hand, und seit sie die Kundenakquise übernommen hat, sind unsere Umsätze erheblich gestiegen. Darüber hinaus hat sie wirklich einzigartig innovative Ideen, die auf lange Sicht gesehen nur Vorteile bringen, seit wir sie umgesetzt haben."
"Das mag ja alles sein …" Ungeniert lümmelte sich sein Besucher in einen der bequemen Ledersessel vor dem altmodischen Schreibtisch und zündete sich eine Zigarette an, ohne sein Gegenüber um Erlaubnis zu fragen. Der beobachtete diese Arroganz grimmig, aber er kniff nur die Lippen zusammen und sagte nichts. "Aber was sie verdient oder was nicht, ebenso was ihr zusteht – das ist künftig meine Entscheidung. Sobald Sie unterschreiben, gehört die Firma mir – und dann kann ich mit der Belegschaft machen, was ich will! Inklusive Ihrer kostbaren Frau Wittke!" Er zögerte vielsagend. "Es fehlt nur noch Ihre Unterschrift auf dem Vertrag – die Sie, wie ich anmerken möchte, schon geleistet hätten, wenn wir nicht gestört worden wären!"
Die Aufforderung war unmissverständlich, aber nun zögerte der alte Weber. Entrüstet hoben sich die buschigen Augenbrauen.
"Der Verkauf meiner Firma an Sie bedeutet aber noch lange nicht, dass ich damit auch mein Personal in Ihre Leibeigenschaft übereignet habe", mokierte er sich. Schon seinem Vater war es immer sehr wichtig gewesen, gut für die Leute zu sorgen, die unter ihm arbeiteten – und er hatte diese Tradition nur zu gerne fortgeführt. Im Besonderen aber lag Helena ihm am Herzen, er verspürte das Bedürfnis, sich für sie einzusetzen. "Helena Wittke ist trotz ihrer Jugend eine der Besten, die sie in unserer Branche bekommen können. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Es ist nicht gut, sie einfach gehen zu lassen. Auch wenn sie manchmal ein höllisches Temperament an den Tag legt, so versteht sie etwas von ihrer Arbeit – sie hat sie von der Pike auf gelernt unter meiner Anleitung! Über die Hälfte aller Aufträge in den letzten acht Jahren haben wir ihr zu verdanken, und sie hat obendrein die gesamten kaufmännischen und logistiktechnischen Prozesse völlig neu konzipiert und modernisiert. Ihrem Engagement hat die Firma es zu verdanken, dass sie da ist, wo sie heute steht! Darüber hinaus ist sie äußerst beliebt, nicht nur bei den Kollegen, sondern auch bei den Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten. Davon können Sie nur profitieren, glauben Sie mir das!"
"Lassen Sie die Wittke nur mal meine Sorge sein", knurrte der künftige Eigentümer des weberschen Familienbetriebes. "Ich werde schon dafür sorgen, dass sie ihre voreilige, unüberlegte Kündigung wieder zurückzieht.! Ein süffisantes, eiskaltes Lächeln – das seine Augen jedoch nicht erreichte. "Ich habe da so meine eigenen Methoden, jemanden von dem zu überzeugen, was das Beste für ihn ist!" Plötzlich klomm ein unheilvoller Funke in den glasklaren Augen auf, und er neigte sich vor. "Wieso wird sie eigentlich 'die stolze Helena' genannt?"
Zu seiner Überraschung stieß Weber ein meckerndes Lachen aus.
"Nun, sie ist unbestreitbar ein optischer Leckerbissen von Frau! Man müsste schon ein Eunuch sein oder blind, um das nicht zu bemerken. Sogar in meinem Alter fällt mir das auf, und ich merke in ihrer Gegenwart, dass ich immer noch Manns genug bin, um gewisse Gefühle zu haben. Und so geht es allen anderen auch, sie reagieren auf sie - doch sie hat sich mit einem Panzer umgeben, der so dick ist wie die Eiskappe am Südpol." Er senkte seine Stimme vertraulich und sprach weiter: "Ich habe es in den Jahren seit sie hier angefangen hat so oft beobachtet, wie sie von den Kollegen angeschmachtet und angebaggert wird. Schon während ihrer Lehrzeit waren sie hinter ihr her, als wäre sie das Lieblings-Jagdobjekt aller – ganz egal, ob Mitarbeiter, Kunden, Konkurrenten oder völlig Fremden auf Messen und bei Präsentationen. Jeder will sie, doch soviel ich weiß, hat keiner je eine Chance bei ihr gehabt. Im Gegenteil. Umso mehr sie um sie herumscharwenzeln, umso kühler und abweisender ist sie geworden. Eine Eisprinzessin auf zwei ellenlangen Beinen! Manchmal denke ich mir sogar, sie mag keine Männer …"
Er machte eine kleine Pause und nahm einen Schluck von seinem Kaffee, er dachte nach und überlegte sich seine nächsten Worte sorgfältig.
"Helena Wittke ist die typische moderne Karrierefrau. Müsste ich sie charakterisieren, dann würde ich sagen, selbstbewusst. Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben. Sie weiß genau, was sie will – und das war bis eben die Teilhaberschaft in der Firma, und nach meinem Ausscheiden die Leitung, und diesem Ziel hat sie alles andere untergeordnet. Auch ihr Privatleben, habe ich den Eindruck." Er grinste amüsiert. "Was aber ganz offensichtlich ist und was Sie bestimmt auch schon bemerkt haben, für ihr junges Alter ist sie recht arrogant. Sie kennt ihren eigenen Wert haargenau. Nun ja, und das für sie so typische aufbrausende Temperament haben Sie ja vorhin live miterlebt. Meistens hat sie das aber im Griff, sie hat in dieser Hinsicht schwer an sich gearbeitet."
Wieder eine kleine Pause, er schluckte. Langsam wurde er unter dem direkten Blick seines Gegenübers nervös.
"Doch was die Männer in ihrem Umfeld betrifft – nun, sie hat jeden einzelnen, der es bei ihr versucht hat, auflaufen lassen. Aber das hat ihr nicht gutgetan, mit den Jahren ist sie leider immer sarkastischer geworden und mir fällt schon länger auf, dass sie sich in letzter Zeit gar nicht mehr bemüht, höflich zu bleiben, wenn sie wieder einem aufdringlichen Verehrer eine Abfuhr erteilt."
"Sie meinen, sie hat immer nur nein und nie ja gesagt?"
"Meines Wissens nicht, nein. Zumindest nicht im beruflichen Umfeld, was sie im Privatleben tut, weiß ich natürlich nicht."
"Was ist mit Ihnen? Haben Sie es auch bei ihr versucht?", wurde er beiläufig gefragt.
Der Alte verzog den Mund und lachte. "Gott im Himmel, nein! Dieser Situation bin ich absichtlich aus dem Weg gegangen. Eine Frau wie sie im Bett würde bei meiner angeschlagenen Gesundheit und in meinem Alter den Tod bedeuten …" Er zwinkerte vielsagend, dann wurde er wieder ernst. "Wie gesagt, ich habe es gar nicht versucht. So bin ich von vorneherein einer äußerst unangenehmen Situation aus dem Weg gegangen, wenn ich mir eine Abfuhr eingehandelt hätte. Sie verstehen? Das wäre schlecht fürs Geschäft und für die Zusammenarbeit gewesen. Ich war immer so eine Art väterlicher Mentor für sie, und ihr Nutzen für meine Firma ist nun mal schwerwiegender, als eine flüchtige Affäre mit ihr es je gewesen wäre. Davon abgesehen könnte sie vom Alter her glatt meine Enkelin sein. Es wäre lächerlich, hätte ich je auch nur einen Gedanken an so etwas verschwendet!"
Die Mundwinkel seines Gegenübers zuckten spöttisch. "Eine weise Entscheidung."
"Die einzig mögliche, wenn man alle Aspekte bedenkt …"
Sein Besucher straffte sich, die aufgesetzte Gelassenheit wich schlagartig berechnender Schärfe. "Jetzt lassen Sie uns endlich konkret werden!" Er setzte sich auf und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus. "Kommen wir nun miteinander ins Geschäft, oder nicht?"
Für den alten Weber gab es keinen Moment des Zögerns mehr, er nahm seinen Stift auf und setzte schwungvoll seine Unterschrift unter den Vertrag. Die Konditionen waren so vorzüglich, sie würden ihm für den Rest seines Lebens ein sonniges Leben einbringen – in einer luxuriösen Seniorenresidenz in der Toskana. Er mochte das Klima dort, es war seinen Gebrechen äußerst zuträglich – und zudem der Ort, an dem er sich mit seiner Frau hätte zur Ruhe setzten wollen, würde sie noch leben.
Schließlich nickte er. "Jetzt ist es Ihre Firma, Stocker!"
"Sehr gut, dann habe ich noch ein paar Anliegen an Sie!" Der mit Stocker angesprochene lächelte unterkühlt. "Sorgen Sie bitte dafür, dass die Wittke am nächsten Freitag um Punkt zwanzig Uhr hier in diesem Büro ist. Wie, das ist mir egal. Hauptsache aber, sie ist da! Den Rest werde dann ich übernehmen. Das wird Ihre letzte Handlung als Chef dieser Firma sein. Haben Sie das verstanden?"
Weber nickte. Ja, er hatte verstanden – und dass von nun an ein schärferer Wind wehen würde in der Firma, als noch unter seiner Leitung, das war ihm von Anfang an klar gewesen. Stockers Ruf als gnadenloser Geschäftsmann eilte ihm voraus.
Schon vor Tagen hatte Weber damit begonnen, seinen Schreibtisch auszuräumen und er hatte alles eingepackt, was sich hier im Laufe seines langen Firmenlebens angesammelt hatte an Erinnerungen. Vieles von dem, was ihn an die sechzig Jahre band, die er hier gearbeitet und geherrscht hatte, war schon abgeholt worden. Spätestens in drei Tagen würde hier nichts mehr an die vergangenen Jahre erinnern, nichts blieb mehr von seinem Vater und ihm. Nun begann eine neue Ära, und an der hatte er keinen Anteil mehr. Stocker würde der Firma seinen Stempel aufdrücken, doch das war auch völlig in Ordnung.
Nachdem der neue Eigentümer seiner Firma sich verabschiedet hatte, starrte Weber noch eine ganze Weile blind vor sich hin. Er fragte sich, was Stocker mit der Wittke vorhatte. Das gewisse Lächeln des Mannes gefiel ihm nicht so recht. Überhaupt machte er einen ziemlich undurchschaubaren Eindruck auf ihn, sodass er ihn überhaupt nicht einschätzen konnte. Während ihrer Verhandlungen, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hatte, umgab ihn eine düstere Aura von Härte und Unnachgiebigkeit, die den alten Weber befremdete. Doch das Angebot, das er ihm unterbreitet hatte, war einfach zu gut, um es abzulehnen. Daran war nicht zu rütteln, schon gar nicht in Anbetracht seiner labilen Gesundheit.
Er seufzte, und wieder nickte er gedankenverloren.
Helena würde sich schon zu helfen wissen, dessen war er sich sicher. Um sie musste er sich keine Sorgen machen. Sie hatte Biss und Köpfchen – und ein erhebliches Durchsetzungsvermögen. Sollte sie ihre Kündigung tatsächlich noch einmal überdenken, dann würde sein Nachfolger aber auch kein leichtes Spiel mit ihr haben!
*****
Währenddessen hatte Stocker vor dem Firmengebäude im Fond des Bentleys Platz genommen, der geduldig vor dem Haupteingang auf ihn gewartet hatte.
In Gedanken ließ er sich das gesamte Gespräch mit dem alten Weber noch einmal durch den Kopf gehen, und als sein Chauffeur ihn fragte, wohin er fahren sollte, gab er ihm geistesabwesend die Adresse des Hotels, in das er zurückgebracht werden wollte. Als sich der Wagen in Bewegung gesetzt und sich in den laufenden Verkehr eingereiht hatte, griff er entschlossen zum Telefon und wartete, bis die Verbindung stand.
"Ja, Weber hat unterschrieben und alle meine Bedingungen akzeptiert. Die Firma gehört mir", antwortete er dem anderen Gesprächsteilnehmer. Er wirkte ernst dabei, in seinen hellen Augen glomm eiserne Entschlossenheit. "Wir werden noch nicht abreisen, Nora. Sorge dafür, dass die Reservierung für die Suite auf unbestimmte Zeit verlängert wird. Sag der Direktion, dass wir mindestens noch eine Woche bleiben. Meine anderen Termine sagst du ab oder verschiebst sie."
Sein Mund wurde schmal, als er der Reaktion lauschte, dann verkündete er mit rauer, heiserer Stimme: "Bereite alles vor, du weißt, worum es geht. Ich habe endlich gefunden, wonach ich so lange gesucht habe! Du weißt, was das bedeutet …" Dann legte er ohne Verabschiedung auf.