Chapter 1
1.
Mio war zu früh. Mio war nie zu früh. Aber Domenico hatte ihn eine Stunde vor dem Termin in den Club bestellt und ihn nun, wo er schonmal zu früh da war, angewiesen, sich dort umzusehen. Unauffällig natürlich. Vermutlich wollte er nur sichergehen, dass Mio ausnahmsweise mal pünktlich zu dem Geschäftstermin kam. Dementsprechend sah er sich eher halbherzig um. Okay, eigentlich saß er mit einem Drink an einem der Tische auf dem erhöhten Stahlgerüst über der Lounge, wo er einen perfekten Blick auf den Eingangsbereich, die Bar und die Bühne im hinteren Teil hatte – genau der richtige Ort, um unauffällig alles im Auge zu behalten.
Von dort aus beobachtete er seit zehn Minuten eine junge Frau. Es war ein wenig früh, um sich in einer Bar zu verabreden, und das hatte sie wohl auch gedacht, denn sie hatte die Stirn gerunzelt, als sie durch die großen Glastüren von La Perla eingetreten war und sich umgesehen hatte. Die letzten Sonnenstrahlen spiegelten sich noch in der modernen Glasfront, während im Inneren warmes Licht von den Kronleuchtern über die dunklen Dielen fiel.
Es stand zwar Kaffee auf der Karte, aber das hier war eindeutig eine Bar, kein Café. Die langen Spiegelregale hinter der Theke warfen die Lichter hinter unzähligen Flaschen zurück, der Barkeeper bewegte sich lautlos hinter dem polierten Holz. Sie hatte sich auf einen der hohen Hocker an der Bar gesetzt, zehn Minuten gewartet, dann ein Getränk bestellt, das sie nun langsam trank.
Ein Date, schätzte Mio. Zum einen, weil sie aussah, als hätte sie sich schick gemacht, zum anderen, weil sie ihn keines zweiten Blickes gewürdigt hatte. Und es mochte arrogant klingen, meistens würdigten Frauen Mio eines zweiten Blickes. Auch Frauen wie diese. Schöne Frauen in eleganten, eng anliegenden Kleidern, mit dunkelbraunen Locken und den Augen und Lippen einer Göttin.
Ja, zugegeben, sie war vielleicht doch außerhalb seiner Liga.
Er war versucht, sie anzusprechen, herauszufinden, was für ein Trottel eine Frau wie sie versetzte. Vielleicht würde sie ihn mit einer scharfen Bemerkung abfertigen, vielleicht würde sie ihn aber auch anlächeln, und dann müsste er sie auf einen Drink einladen. Ein fairer Tausch.
Aber wenn Domenico gleich durch die Tür kam und ihn flirten sah, war ihm die nächste Strafpredigt sicher. Und darauf hatte er noch weniger Lust als auf den billigen Whiskey, wobei es den hier sicher nicht gab.
Wobei…
Er wog es noch ab. Eine Frau wie sie war eine Strafpredigt sicher wert.
Er setzte sich gerade hin, fuhr sich durch die zerzausten dunklen Haare, ließ den Blick von der goldglänzenden Bar zur Bühne und wieder zurück schweifen – da ließ sich ein Mann neben seiner zukünftigen Ehefrau nieder.
Mio zuckte kaum merklich mit einer Augenbraue. Zerknirscht musste er zugeben, dass es ein schöner Mann war. Gut gekleidet, aber nicht aufdringlich – jemand, der wusste, dass er nicht viel tun musste, um Eindruck zu hinterlassen.
Aber es war kein vertrautes Treffen. Kein Lächeln, das zu lange blieb, kein beiläufiges Berühren der Arme. Sie hielt Abstand, ihre Haltung noch immer ein wenig angespannt. Ein erstes Date also.
Ein erstes Date in diesem Laden und dann verspätete er sich auch noch. Sie hatte es ganz klar besser verdient.
Mio warf einen Blick auf die Uhr. Ihm blieben noch 15 Minuten. Er lehnte sich zurück, ließ den Blick erneut durch den Raum wandern. Kronleuchter warfen goldene Reflexe auf die polierte Holztheke, hinter der der Barkeeper in schwarzer Weste routiniert Drinks mixte. Der Bass der Musik vibrierte leise im Boden, Stimmen mischten sich mit dem Klirren von Gläsern, das dumpf von den hohen Wänden zurückgeworfen wurde.
Er konnte sich wenigstens mal die Toiletten ansehen, um später irgendwas zu sagen zu haben. Total sauber hier, sehr ordentlich, oder sowas.
Es war ordentlich. Sauber. Keine klebrigen Böden, kein muffiger Biergeruch, keine halbherzig übertünchten Alkoholflecken auf den Polstern. Nein, ein Hauch von teurem Parfüm, vermischt mit dem Duft von Alkohol und poliertem Holz. Alles andere hätte ihn in einem Laden wie diesem auch gewundert.
Kein verdammter Club in dieser Stadt wirkte jemals so lupenrein – es sei denn, er sollte genau das vermitteln.
Man würde La Perla nicht für Geldwäsche halten. Nicht auf den ersten Blick. Kein übertriebener Prunk, kein auffälliger Snob-Charme, nur gehobene Eleganz und dezent platzierter Luxus. Der Inhaber musste ein kluger Kopf sein. Oder einen klugen Kopf in seinem Team haben. Domenico wusste schließlich auch, wann er auf den Grips seines kleinen Bruders setzen musste.
Mio ließ den Blick zur Bar wandern. Social Media Marketing? Nicht schlecht. Die richtigen Gäste? Definitiv. Und wenn die Getränkepreise so absurd waren, dass ein Gin Tonic fast so viel kostete wie eine Tankfüllung, dann war hier genug Luft, um Geld durch die Kassen zu schleusen.
Zurück an seinem Platz bemerkte Mio, dass seine zukünftige Ehefrau – und ja, er hatte beschlossen, dass sie das war – noch immer mit dem Typen an der Bar saß.
Und irgendetwas daran gefiel ihm ganz und gar nicht.
Der Kerl sah nicht aus wie ein offensichtlicher Problemfall. Keine schmierigen Haare, kein billiges Aftershave, kein übertriebener Anzug, der nach zu viel Geld und zu wenig Geschmack schrie. Er hätte überall sein können – irgendein Anwalt, ein Manager, ein ganz normaler Geschäftsmann.
Aber Mios Bauchgefühl war selten falsch. Und gerade schrie es ihm zu, dass etwas an diesem Bild nicht stimmte.
Er lehnte sich leicht nach vorn, schob das leere Glas zur Seite und beobachtete, wie der Mann die Frau immer wieder berührte. Erst am Arm, dann an der Schulter, dann am Oberschenkel. Immer beiläufig, immer gerade so, dass es wie ein Versehen hätte durchgehen können.
Und sie? Sie wich aus. Nicht ruckartig, nicht offensichtlich, aber sie zog sich zurück, Zentimeter für Zentimeter. Doch viel Platz blieb ihr nicht auf dem Hocker.
Mio ignorierte den Rest des Raumes. Sein Blick blieb auf ihr.
Schließlich hatte sie genug. Sie schüttelte den Kopf, zwang sich offensichtlich zu einem Lächeln, als sie aufstehen wollte – und wäre fast gefallen. Der Mann war sofort bei ihr, stützte sie mit einem Griff, der zu fest war, um nur hilfsbereit zu sein. Sie konnte kaum stehen, ihre Beine gaben nach, und trotzdem versuchte sie, sich aus seinem Halt zu lösen.
„Lass mich los.“
Ihre Stimme war lauter als zuvor, schärfer. Die wenigen Leute an der Bar, die es mitbekamen, warfen nur kurze Blicke, bevor sie sich wieder ihren Drinks zuwandten. Der Mann sagte etwas, vermutlich eine Beruhigung, doch sie schüttelte den Kopf und widersprach energisch. Dann machte sie einen Schritt in Richtung Tür – oder versuchte es zumindest.
Wieder war er an ihrer Seite. Diesmal ließ er ihr gar keine Wahl. Mio spürte, wie sich seine Finger um sein Glas schlossen. Er beobachtete, wie der Mann sie sanft, aber bestimmt zurück zu ihrem Stuhl bugsierte, sich zu ihr beugte und mit ruhiger Stimme auf sie einredete. Viel zu ruhig.
Mio war sich jetzt sicher, dass etwas nicht stimmte. Er schob sein Glas zur Seite, stand auf und schritt langsam die Stahltreppe hinab, um der Szene näher zu kommen.
Sie wandte sich an den Barkeeper. „Rufen Sie mir ein Taxi.“
Mio sah den Blick des Barkeepers. Dann seufzte er. Er würde kein Taxi rufen. Vielleicht gehörte der Typ zum Club, vielleicht war das seine Masche. Oder vielleicht war das hier einfach ein Laden, in dem man gewisse Dinge nicht hinterfragte.
Seine Kiefermuskeln spannten sich, als er unzufrieden die Zähne aufeinander presste. Er wusste nicht, was genau los war, aber er wusste, dass es eine Masche war. Und eine, die ihm ganz und gar nicht gefiel. Wenn er einschritt, konnte das gefährlich werden. Er sah auf die Uhr. Domenico und Dante sollten jeden Augenblick da sein.
Oh, er würde so eine Strafpredigt bekommen.
Mio erhob sich, schlenderte zur Bar und zwinkerte dem Barkeeper zu. „Hey, ich glaube, die Dame hat sich gerade ein Taxi gewünscht.“
Die Dame saß auf ihrem Stuhl und starrte mit gerunzelter Stirn auf den Tresen. Ihr Glas war noch halb voll. Entweder hatte sie sich während Mios Abwesenheit einen schnellen Shot gegönnt, oder die Sache war noch schlimmer als gedacht. Der Typ funkelte ihn an. Langsam, drohend. Dann erhob er sich und strich dabei sein Jackett zur Seite.
Zum Vorschein kam eine Knarre. Natürlich.
„Wie wär’s, wenn du dich um deinen Kram kümmerst, Junge?“
Mio zog eine Augenbraue hoch. Oh wow. Wirklich sympathischer Typ. Und das Parfüm, das um ihn waberte, hätte sicher eine ganze Etage beduften können.
Er strahlte ihn an. „Ich wollte gerade los, und da dachte ich, kann ich die Signora sicher mitnehmen. Kein Grund, ein Taxi zu rufen.“ Sein Ton war leicht, fast freundlich, und er legte noch ein charmantes Grübchen drauf. Bei Männern funktionierte das in der Regel nicht so gut. Aber hey – Ausnahmen bestätigten die Regel, oder?
Ein Blick zur Tür. Seine Brüder waren noch nicht zu sehen.
Der Typ ließ seine Hand auf dem Tisch liegen, direkt neben seiner Waffe. „Letzte Warnung, Kleiner. Verpiss dich.“
Der Barkeeper stand indes nur da und polierte seine Gläser, schenkte dem Geschehen absolut null Aufmerksamkeit.
Gutes Personal, dachte Mio. Dann seufzte er.
„Hey, Mann, ich will echt keinen Stress, aber ich werd nicht dabei zusehen, wie du die Schöne hier gegen ihren Willen festhältst. Sorry, falscher Tag, falscher Ort.“
Er hatte ihm die Knarre aus der Hand geschlagen, bevor sie voll gezogen war. Eine Millisekunde Zeit blieb ihm noch, um seinen Brüdern gedanklich einen Schubser zu verpassen.
Dann brach das Chaos aus.
Der Barkeeper war plötzlich doch nicht mehr so neutral. Mio rang mit dem Parfümverbrecher, der ihn halb gegen die Theke drückte, und dann –
Schüsse.
Kurz, laut, endgültig.
Jetzt wusste wirklich jeder Bescheid.
Mio stieß den Mann von sich, zog seine eigene Waffe und drückte ab. Der Barkeeper sackte nach hinten, das Glas in seiner Hand fiel lautlos auf den Boden. Er riss die Frau an sich, zog sie hinter die Theke, kaum dass die ersten Kugeln durchs Regal krachten. Flaschen explodierten, Alkohol spritzte, und der süßliche Geruch von verschüttetem Likör mischte sich mit dem Pulverdampf.
Er hatte keine Zeit, zu checken, wie es ihr ging. Der Typ vor ihm war wieder in Bewegung, streckte sich nach seiner Waffe – Mio feuerte, traf ihn in die Brust. Ein dumpfer Aufprall, ein letzter röchelnder Atemzug. Keine Zeit, um hinzusehen.
Mio riss den Kopf ein, als weitere Schüsse durch den Raum knallten. Zwei Männer in Schwarz hetzten auf die Bar zu, drei weitere tauchten aus einer unauffälligen Tür unter dem Stahlgerüst auf.
„Oh, fantastisch“, murmelte er, während er feuerte, um sie auf Abstand zu halten. Die Kugeln schlugen in Holz, Metall, Glas – überall, nur nicht in die Bastarde, die auf ihn losgingen.
Dann, endlich, flog die Tür auf. Sein ältester Bruder hatte die Situation sofort durchblickt und war im Nu neben ihm hinter der Theke.
„Verdammte Scheiße, Mio, was—“
„Später!“ zischte Mio zurück, drückte sich tiefer hinter die Theke und feuerte blind über den Rand.
Domenico duckte sich mit zusammengebissenen Zähnen neben ihn, während Dante in der Bewegung auf einen der Angreifer schoss. „Du weißt schon, dass Vater uns umbringen wird, oder?“ knurrte Domenico.
„Vermutlich“, schnaufte Mio und deutete auf die Frau. „Aber sie war’s wert.“
Domenico folgte seinem Blick – und sah dann auf Mios Hand, die immer noch an ihrem Arm lag.
„Sie ist bewusstlos.“
„Ja, danke, hab ich auch gemerkt.“
„Hast du ihr wenigstens vorher gesagt, dass du sie liebst?“
Mio rollte die Augen. „Glaubst du, ich bin hier in einem verdammten Liebesroman?“
Dante schnaubte. „Wenn du noch zwei Minuten wartest, bist du in einer Tragödie.“
Mio fluchte, feuerte noch zwei Schüsse ab, dann nickte er auf die Frau. „Nimm sie und raus hier!“
Domenico packte sie, während Dante eine weitere Kugel abfeuerte. Mio blieb noch eine Sekunde, um den Männern in Schwarz einen letzten Gruß zu schicken.
Dann sprintete er seinen Brüdern hinterher.