Josephine
Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich mache. Mein Blick schweift durch mein Zimmer und bleibt an meinem Kleiderschrank hängen. Georg hat sich komischerweise an meinen Geburtstag erinnert und mir freigegeben. Das Glas mit dem Trinkgeld vom Servieren an den Wochenenden steht sicher verstaut unter meinen Hosen und Pullovern im Schrank. Langsam gehe ich darauf zu und nehme es heraus. Für ein paar Tage wird es genügen, doch danach sieht es für den Rest des Monats schlecht aus.
»Scheiß darauf, du wirst nur einmal 21 Jahre alt, Josephine«, sage ich mir selbst, um mir Mut zuzusprechen, und packe alles in meine kleine Reisetasche. Liane hat mich nicht nur für den Abend eingeladen, sondern gleich über das gesamte Wochenende. Die Dame vom Pflegedienst, die sich beauftragt hat, macht einen kompetenten Eindruck und ich bin beruhigt, dass meine Mutter hier gut versorgt ist. Nicht, dass sie mitbekommen würde, wenn ich übers Wochenende weg bin. Ich packe ein paar hübsche Kleider ein und entscheide mich ebenso bequeme Sachen einzupacken.
Dann eile ich ins Bad und springe unter die Dusche. Aus dem Wohnzimmer dringt das tägliche Fernsehprogramm zu mir herüber, gepaart mit der leisen Stimme der Frau, die sich in einem Gespräch mit meiner Mutter versucht. Viel Erfolg dabei, denke ich zynisch und drehe das Wasser auf.
Ich liebe meine Mutter über alles, aber nicht nur sie hat ihren Mann verloren, sondern ich auch meinen Vater und meine damals beste Freundin sowie unser ganzes gekanntes Leben. Wir waren von einen auf den anderen Tag mittellos und ich musste auf die harte Tour lernen, wie schwer das Leben sein kann. Umso mehr freue ich mich auf ein ausgelassenes Wochenende. Sobald ich jedoch fertig bepackt vor die Tür trete und die schwarze Limousine sehe, kommen mir erste Zweifel. Allen Anschein nach ist es Liane nicht schlecht ergangen und das Leben in Luxus und Sonnenschein hat sich nicht von ihr abgewendet. Ich reiche dem Fahrer meine Karte. Er wirft einen knappen Blick darauf, bevor er mir die Tür öffnet und ich auf das weiche Leder rutsche.
Die Fahrt dauert so lange, dass ich irgendwann merke, wie meine Augen immer schwerer werden. Dass der Fahrer so schweigsam ist, tut sein Restliches und ich dämmere weg.
»Miss, wir sind da.«
Die Stimme ist energisch und reißt mich unsanft aus meinem Schlaf.
Ich schrecke hoch und starre ihn verwirrt an. Dann erinnere ich mich, wo ich bin, und steige mit steifen Knochen aus dem Wagen. Mein Blick wandert über die gefüllten Straßen und ich stelle fest, dass er mich direkt zum Club gefahren hat. So ein Mist, ich dachte, ich könnte mich noch umziehen. Er sieht meinen zweifelnden Blick an mir herabwandern und räuspert sich.
»Sie können sich drinnen umziehen, der Personaleingang ist um die Ecke.«
»Der Personaleingang?«, frage ich dümmlich nach.
»Sie müssen als Gast von Mrs. Latours nicht hier draußen in der Schlange anstehen.«
»Aber sicher nicht«, seufze ich und nehme meine Tasche von der Rückbank. Dann gehe ich in die Richtung, die er angedeutet hat, und bin erstaunt, als der riesige Kerl davor, ohne zu fragen die Tür öffnet.
»Wo finde ich die Umkleide?«
»Gleich da, linke Tür.«
Mit einem flüchtigen Nicken eile ich an ihm vorbei und hetze auf die Tür zu, es wäre mir unangenehm, wenn mich jemand in meiner zerschlissenen Jeans und dem dünnen Pullover sieht.
Ein weiterer Punkt, der mir zeigt, dass ich in dieser Welt nicht mehr willkommen bin.
Ich habe mich gerade in das kurze schwarze Kleid gezwängt, als sich die Tür öffnet und mit einem lauten Knall gegen die Wand dahinter knallt. Überrascht schaue ich auf und blicke in das strahlende Gesicht, welches ich so lange vermisst habe.
»Oh, Jo«, haucht sie und kommt herein.
Ihre Arme umfangen mich und ziehen mich in eine enge Umarmung. Sie hat sich kaum verändert und das Gefühl von Sicherheit umgibt mich wie auch damals schon. Ich lasse es zu und schwelge kurz in der Erinnerung. Wir lösen uns langsam voneinander und mustern den jeweils anderen.
»Schau dich an«, pfeift Liane und lacht.
»Du siehst auch verändert aus«, lache ich und lasse den Blick erneut über sie wandern. Sie hat im Gegensatz zu mir all ihre Rundungen verloren und ist eine wunderschöne, lang gewachsene Elfe geworden. Ihre blonden Haare sind zu wilden Locken um ihren Kopf verteilt und ergießen sich über ihre Schultern bis zu ihrem Steißbein. Die braune Haut ihrer italienischen Wurzeln steht im wunderschönen Kontrast zu ihren blauen Augen.
»Du bist wunderschön«, hauche ich und sehe, wie ihr Lächeln leicht verrutscht.
»Du auch«, flüstert sie zurück und umfasst eine Strähne meines langen schwarzen Haares. Es ist glatt und ich wünschte, ich hätte mir die Zeit genommen, es wenigstens etwas zu stylen.
Mein Blick gleitet herab zu meinen Füßen, die in flachen Ballerina stecken. Mit ihren schlanken Beinen kann ich nicht mithalten. Bei mir ist überall genug Grifffläche vorhanden, um sich festzuhalten. Einzig meiner großen Oberweite verdanke ich, dass mein Bauch nicht auffällt.
»Lass uns feiern«, ruft Liane und zieht mich mit sich aus der Umkleide direkt an der Theke vorbei auf die Tanzfläche.
Ein Typ kommt und überreicht uns zwei Getränke. Ich halte meines unsicher in der Hand. Ich kenne den Kerl nicht und habe genug Geschichten gehört, um von einem Fremden kein Getränk anzunehmen.
»Jo, das ist mein Freund Carlos«, ruft Liane und zeigt auf ebendiesen Kerl.
Dann hebt sie ihr Glas und prostet mir zu. Unsicher trinke ich einen Schluck und merke, wie sich der Alkohol prickelnd und süßlich auf meiner Zunge ausbreitet. Nach einem weiteren Glas bin ich so losgelöst, dass ich ebenfalls meinen Körper im rhythmischen Bass der Musik kreisen lasse und es schaffe, die Anspannung der letzten Jahre für eine kurze Zeit zu vergessen. Liane tanzt zu mir herüber und ergreift meine Hände. Wir tanzen zusammen und ich lache mit ihr. Es fühlt sich alles so an wie früher und doch komplett anders.
»Komm«, ruft sie und führt mich in den VIP Bereich des Clubs.
Von hieraus können wir über die feiernde Meute schauen und uns dennoch unterhalten, die Musik ist gedämpfter und ich sinke erschöpft auf die mit Samt überzogene Bank.
Ein Angestellter kommt vorbei und bringt uns etwas zu trinken. Ich lehne ab und frage nach einem Wasser.
»Das ist nicht dein Ernst. In genau einer Stunde und zehn Minuten sind wir 21 Jahre alt und du bestellst dir ein Wasser?«, lacht Liane und schüttelt belustigt den Kopf.
»Ich brauche etwas Normales zu trinken, sonst erlebe ich meinen eigenen Geburtstag nicht.«
Die Stimmung ist ausgelassen und ich lehne mich zurück, betrachte ihr Gesicht und merke, wie gut es tut, sie zu sehen. Die Fragen brennen mir auf den Lippen und sie verzieht ihren Mund zu einer Schnute.
»Dann frag, was du wissen willst, damit wir endlich feiern können.«
»Warum hast du mich verlassen, ohne dich zu verabschieden? Warum hast du dich nicht gemeldet? Warum jetzt?«
Diese Fragen trage ich seit dem Tag mit mir herum und ich hatte die Hoffnung, sie jemals stellen zu können, geschweige eine Antwort zu erhalten bereits aufgegeben.
Liane seufzt und streckt sich ein Stück über den Tisch. Ihr Blick wird sanft und alle Belustigung entweicht aus ihren Augen.
»Ich hatte keine Wahl. Mein Vater hatte ein paar Probleme und wir mussten umziehen. Ich musste versprechen, keinen Kontakt mehr zu jemanden zu haben, der mit unserem alten Wohnort in Verbindung stand.«
»Aber wir waren wie Schwestern«, werfe ich ein und sie zuckt zusammen.
»Ich weiß und das sind wir immer noch; wir können wieder so werden wie früher.«
»Nichts kann so werden wie früher, Liane, es hat sich vieles geändert. Zumindest bei mir.«
»Ich habe das mit deinem Vater gehört, es tut mir leid.«
Mehr als ein Nicken bringe ich nicht zustande. Wenn sie das alles wusste, warum zur Hölle, hat sie sich nicht gemeldet? Es gibt immer einen Weg, wenn man etwas unbedingt will.
Ich möchte sie gerade danach fragen, als unter uns laute Schreie ausbrechen und panische Rufe erklingen. Im nächsten Moment stürmt ihr Freund Carlos mit einem Maschinengewehr die Treppe herauf. Ich erstarre auf unserem Platz und bin unfähig, mich zu bewegen. Liane reißt an meinem Arm und zieht mich unter den Tisch, doch es ist zu spät. Er hat gesehen, wo wir uns hingesetzt haben. Unter uns erklingen immer mehr Schüsse und die Schreie werden weniger.
»Dieser Scheißkerl, ich hätte ihm nicht trauen dürfen«, zischt Liane und presst sich ihr Handy ans Ohr.
Bevor ich sie fragen kann, was hier eigentlich los ist, wird sie unter dem Tisch hervorgezogen.
Ihr Schrei schnürt mir kurzzeitig die Luft zum Atmen ab, dann kann ich endlich reagieren und krieche ebenfalls hervor. Carlos hat sie zu Boden gestoßen und steht vor ihr. Er fuchtelt wild mit der Waffe herum.
»Du kleine Schlampe, dachtest, ich habe wirklich Interesse an dir? Das Einzige, was ich will, ist deinem Bruder und deinem Vater eins auswischen«, lacht er rau und Ekel erfasst mich.
Der Schmerz in ihren Augen ist so klar und deutlich zu sehen. Langsam schiebe ich mich näher und bin dankbar über die flachen Schuhe, die keine Geräusche machen.
»Gabe wird dir den Arsch aufreißen, du Widerling«, kreischt Liane und ich bin fast nah genug, um ihm einen der Stühle neben sich überzuziehen.
Genau in dem Moment, in dem ich nach dem Stuhl greife, versucht Liane wegzukriechen und aufzustehen. Er richtet das Gewehr auf sie und ich springe schreiend dazwischen.
Etwas trifft mich mit voller Wucht mitten in die Schulter und lässt mich bewegungsunfähig gegen die Theke hinter mir krachen. Alles dreht sich und Stimmen werden laut. Es sind männliche Stimmen, die herumschreien, während sich Liane über mich beugt und mein Gesicht mit ihren kalten Händen umfasst. Mein Blick gleitet rüber auf die Uhr hinter ihr und ich huste leicht, als ich etwas sagen will. Ihr Blick folgt meinem und Tränen treten ihr in die Augen.
»Happy B-Day, Li«, hauche ich. Dann wird alles schwarz um mich herum.
Der beste Weg herauszufinden,
ob man jemanden vertrauen kann,
ist ihm zu vertrauen.
Ernest Hemingway









huhu. mir zeigt es die Geschichte als "abgeschlossen" an, aber das kann ich mir bei dem Anfang und Titel nicht vorstellen... ich seh aber auch keinen Hinweis, dass dieses nur n Auszug oder sowas ist 🤔🫣
hey, bin enttäuscht, hatte mich sehr gefreut die Geschichte zu lesen, da auch abgeschlossen steht, aber das es keinerlei Hinweise gibt ob oder wann es weitergeht finde ich sehr schade.
Starker Anfang, aber ich bin auch verwirrt, warum es jetzt schon endet ?!