Prolog
Ein Knirschen ertönte und weckte mich aus einem unruhigen Schlaf. Mit einem Quietschen wurde die Käfigtür geöffnet und er warf Malu zurück zu mir in den Dreck. Ich schluckte verkrampft, aber meine Kehle war so ausgetrocknet, dass nur ein leises Würgen zu hören war. Seine stechenden Augen fixierten mich einen Augenblick und die Angst, er könnte mich gleich mitnehmen, raubte mir die Luft zum Atmen.
Schließlich wandte er sich ab und verließ das Kellergewölbe. Mit einem leisen Klicken fiel die Sicherheitstür, die uns von der Welt draußen trennte, ins Schloss.
Schnell krabbelte ich zu Malu. Ihr rabenschwarzes Haar war blutverkrustet. Ich konnte nicht mehr sagen, welche Wunden frisch und welche schon älter waren. Die, die bereits begonnen hatten zu heilen, weil ich mich besorgt um sie gekümmert habe, waren wieder aufgeplatzt und neue waren hinzu gekommen. Mühsam hatte ich meine Trinkwasserrationen zusammengespart, um den Dreck aus ihren Verletzungen zu waschen und langsam hatte ich kaum noch Kleidung, die ich auseinander reißen konnte, um sie zu verbinden.
„Kleiner Rabe, sag doch was“, wisperte ich ängstlich, als sie sich nicht regte. Vorsichtig strich ich ihr eine Strähne aus der blutverschmierten Stirn und mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als ich ihr zugeschwollenes, zugerichtetes Gesicht sah. Ihr Atem ging rasselnd und schwerfällig. Sie reagierte nicht auf meine Berührungen und mein leises Flüstern.
Panik machte sich in mir breit.
Ich wusste, dass sie gebrochene Knochen hatte und einige ihrer Schnittwunden waren bereits entzündet. Sie fühlte sich fiebrig an und frisches Blut tropfte in den Dreck, auf dem wir schliefen, aßen, lebten...
Aber ich wusste mir keinen Rat mehr. Ich besaß keine Medikamente oder Verbandszeug um ihr zu helfen und er würde mir nichts geben. Was also sollte ich nur tun?
Ich durfte den kleinen Rabe nicht verlieren!
Malu wimmerte leise, wie in Trance.
Beruhigend streichelte ich sie weiter.
„Es wird alles gut. Es wird alles wieder gut“, flüsterte ich immer und immer wieder, während meine verzweifelten Tränen geräuschlos in den Sand tropften und sich dort mit dem Rot von Malu´s Blut vermischten.
Ich hatte keine Kraft mehr. Ich hatte keinen Willen mehr.
Das Mädchen in meinen Armen war der einzige Grund gewesen, warum ich es überhaupt so lange ausgehalten hatte. Sie hat mir Mut gegeben und die Stärke, an die Hoffnung zu glauben.
Wenn sie starb, hier in meinen Armen, ohne dass ich sie retten konnte … ich wusste nicht, was ich dann ...
Wilde Verzweiflung packte mich und ich zog sie behutsam in meine Arme. Liebevoll wog ich sie hin und her und schluchzte leise.
Niemand würde uns hier rausholen.
Niemand würde helfen.
Wir würden hier beide sterben. Und keiner würde es erfahren
„Ich bin bei dir“, weinte ich und drückte das dünne, ausgehungerte Mädchen sanft an mich, um ihr nicht noch mehr Schmerzen zuzubereiten. Sie murmelte etwas Unverständliches.
Ich weiß nicht, wie lange wir so im Schmutz unseres Käfigs saßen, als sich erneut die Sicherheitstür öffnete und ich vor Schock auf meine Zunge biss. Ich schmeckte Blut und nackte Angst. Er konnte doch unmöglich schon wieder das Bedürfnis haben, unser Leben zur Hölle auf Erden zu machen. Normalerweise holte er an einem Tag mich, am anderen Malu. Nie beide am gleichen Tag. Ich hatte Malu´s Wunden auch noch nicht versorgt!
Mit weit aufgerissenen Augen, sah ich, wie er ein Mädchen in den Raum zerrte. Sie war in unserem Alter und schon jetzt unfassbar hübsch. Er hatte ihr ein Halsband umgelegt und zog sie daran brutal zu unserem Käfig. Ihr blondes Haar war von einer rosa Seidenmaske bedeckt, aber eine Strähne hatte sich aus dem Stoffgefängnis befreit und hing ihr ins Gesicht. Sie war ölig, als ob sie mit etwas eingerieben worden wäre. Mit einem harten Stoß schubste er sie zu uns auf den Staubboden, doch vorher riss er sie noch einmal an dem Hundehalsband zu sich heran:
„Wenn du die Haarmaske anfasst, werde ich dir beide Hände abhacken und heute schon ernten. Hast du verstanden, du kleine Schlampe?“, zischte er.
Schwer atmend brachte sie ein Nicken zu Stande. Das Luft holen schien ihr Mühe zu bereiten. Oder Schmerzen.
Als die Sicherheitstür hinter ihm wieder ins Schloss fiel, drehte sie sich mit angespannten Schultern zu mir um. Ihr Blick wanderte von mir zu Malu, die immer noch bewusstlos in meinen Armen lag.
Und trotz unserer Situation schenkte sie mir etwas, das ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte:
Ein Lächeln.
„Ich habe euch gehört und ihn so lange provoziert, bis er mich in diesen Käfig verfrachtet hat, weil er mich nicht mehr um sich haben wollte“, flüsterte sie mir zu und beugte sich neben mich.
„Ich bin Aurela.“
„Julina.“ Meine Stimme klang rau und heiser. Wund vom Schreien und gebrochen durch das, was in diesem Keller geschehen war.
„Er muss wütend gewesen sein. Er hasst es, provoziert zu werden“, erwiderte ich bang. Unvorstellbar, dass er ihrem Tun einfach nachgekommen ist.
„Ja. War er.“ Sie zog ihr einst weißes Kleid nach oben und entblößte einen übel zugerichteten Oberkörper. Hämatome in allen Farben und Schnittwunden zierten sie von den Schultern, bis zu den Hüften. Sie zuckte nur leicht mit den Schultern, als sie meinen erschrockenen Blick bemerkte.
„Ich wollte zu euch. Einzig und allein der Gedanke, dass ich nicht allein in dieser Hölle bin, hat mich all die Schmerzen ertragen lassen.“
Ich konnte sie verstehen. Genauso ging es mir mit Malu.
Stirnrunzelnd deutete ich auf ihre seltsame Kopfbedeckung.
„Und das ist…?“
Sie winkte nur abwertend ab.
„Frag nicht. Dieser Psycho hat irgendwas mit meinen Haaren. Ich glaube, er will mich skalpieren, oder so.“
Obwohl sie sehr tough wirkte, brach ihre Stimme am Ende des Satzes und auch mir stellten sich bei dieser Vorstellung alle Nackenhaare auf.
Vorsichtig näherte ich mich ihrem Gesicht.
„Darf ich?“, fragte ich leise. Sie nickte als Antwort.
Vorsichtig steckte ich die lose Strähne zu den anderen unter die Maske, damit sie nicht dreckig wurde und das Mädchen dann noch mehr Schmerzen erleiden musste. Sanft kontrollierte ich den Sitz der Haarmaske, damit sie ihr nicht herunterfiel.
„Sie sitzt sehr locker. Ich werde sie dir nachher ein wenig enger nähen. Ich habe mein Nähzeug mit reinschmuggeln können. Falls sie auf den Boden fällt wird er ungeheuer wütend werden und dir weh tun.“
Und das wollte ich nicht. Wir hatten bereits genug gelitten.
Das Mädchen … Aurela … schluckte schwer und lächelte mich ein wenig zittrig, aber dankbar an. Dann blickte sie auf Malu.
„Sie scheint leichtes Fieber zu haben und einige ihrer Wunden sehen schlimm aus … Ich kann dir helfen sie zu versorgen. Sie muss stabil sein.“
Verwirrt blickte ich sie an.
„Stabil wofür?“
Das neue Mädchen mit den Augen, die aussahen, wie ein Stückchen Himmel, funkelte mich mit einer Mischung aus Kampfgeist und purem Lebenswillen an:
„Um hier rauszukommen! Ich weiß, wie wir das schaffen. Und das werden wir. Wir müssen nur noch ein paar Tage durchhalten. Dann verlassen wir dieses elendige Fleckchen Scheiße.“
„Wenn du einen Plan hast, diesem Ort zu entkommen, warum … bist du noch hier?“
Sie war gerade dabei gewesen Malu´s Platzwunde zu untersuchen, bei meiner Frage jedoch erstarrten ihre schlanken Finger und sie ballte eine Faust. Ausdrucksstark blickte sie zu mir auf und das Feuer in ihren Augen entfachte auch in mir ein schwaches Glimmen.
Hoffnung.
„Ich gehe nicht ohne euch. Als ich in meinem Käfig saß wusste ich, dass ich euch nicht hier lassen kann. Wir schaffen es alle. Oder keiner. Aber es wird klappen. Vertrau mir!“
Und das tat ich. Von der ersten Sekunde.
Meine Mutter hatte mir früher keine Gute-Nacht-Geschichten, sondern Gedichte vorgelesen. Sie erklärte mir, dass alles eine bestimmte Bedeutung hatte. Eine geheime Symbolik, die entschlüsselt werden wollte.
Mein Lieblingsgedicht handelte von einer Schwalbe, welche die Kälte des Winters vertrieb und den Frühling ankündigte.
Sie stand für Freundschaft, Treue und Glück. Für Familie.
Die Matrosen haben sich früher eine Schwalbe auf die Brust tätowieren lassen. Sie sollte ihnen beistehen, sicher nach Hause zurückzukehren …
Als ich das schlanke Mädchen vor mir betrachtete, wie sie konzentriert Malu versorgte und leise mit ihr sprach, durchflutete mich ein warmes Gefühl von Zuversicht und Hoffnung. Zum ersten Mal, seitdem wir in diesem Loch gefangen waren.
Wir hatten zwar keine Schwalbe, die wir mit schwarzer Tinte auf unserer Haut trugen.
Doch wir hatten eine Verbündete – eine Freundin – mit Augen, so blau wie der Himmel.
Und vielleicht hatte sie recht.
Vielleicht konnte sie uns den Weg nach Hause zeigen.
So, wie die Schwalbe die Seemänner sicher in ihren Hafen begleitete.