Das Blut der ersten Luna - Leylas Schicksal

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Summary

Sie wurde geboren, um zu heilen. Doch in ihrem Blut ruht etwas, das nie wieder erwachen sollte. Seit Generationen folgen die auserwählten Frauen des Rudels dem Pfad der Heilerinnen – sanft, schweigend, dem Rudel dienend. Auch Leyla steht kurz vor ihrer Segnung durch die Mondmutter. Doch ihre Wölfin ist unruhig. Wach. Laut. Als Alpha Kilian Moore das alte Ritual unterbricht, verändert sich alles. Zwischen ihnen vibriert etwas Uraltes – ein Ruf, den niemand hören dürfte. Nicht in dieser Welt, in der jede Ordnung auf Blut und Gehorsam beruht. Leyla ist keine Kriegerin. Keine klassische Luna. Aber sie trägt das Erbe der ersten – und mächtigsten – Luna in sich. Und manche Geschichten beginnen nicht mit einem Schwur. Sondern mit einem Wispern im Nebel.

Status
Ongoing
Chapters
6
Rating
5.0 3 reviews
Age Rating
18+

Wispern im Nebel

Es war früh am Morgen, und der Duft von Thymian, Eisenkraut und feuchtem Stein lag in der Luft. Nebel hing über dem alten Garten wie ein Versprechen, das niemand zu brechen wagte.

Der Garten der Heilerinnen war ein abgeschirmter Ort, durchdrungen von Magie und dem vertrauten Duft zahlloser Kräuter. Doch heute drängte sich ein anderer Geruch darüber: der schwere Duft von nahendem Regen, begleitet vom Knistern eines Gewitters am Horizont – fremd, bedrohlich, als hielte selbst die Natur den Atem an, aus Achtung vor dem, was kommt.

Leyla kniete zwischen den Reihen verwelkter Kräuter, ihre Finger gruben in die kühle, dunkle Erde. Sie entfernte die verwitterten Triebe und zupfte die unerwünschten Beikräuter heraus. Der Gesang der Heilerinnen erhob sich hinter ihr – weich, beinahe astral und mystisch. Das Echo einer anderen Zeit, getragen vom Wind, der über die Mauern des Gartens strich.

Das Lied gehört den Töchtern der ersten Linie, hatte ihre Mutter gesagt. Denjenigen, die das Heilen im Blut tragen – und sonst nichts. Keinen Zorn. Keinen Hunger. Keinen Wolf.

Doch Leyla fühlte ihn, anders als die anderen Adepten. Tief unter ihrer Haut. Ein Flimmern, das sich dem Klang der Stimmen entzog, ungeduldig und fordernd. Ihre Wölfin schlief nicht. Sie schlief nie. Auch heute knurrte sie, sehnte sich nach Freiheit. Sie war da, wie eine ferne Trommel in der Brust, eine ungestillte Sehnsucht.

„Du bist unachtsam, Kind.“

Die Stimme ihrer Mutter schnitt durch den Nebel wie eine scharfe Klinge – sie riss Leyla aus ihren Gedanken. Sie hob den Blick. Das Grau der ihren, traf das sanfte braun der Augen ihrer strengen Mutter. Maelins Gesicht war auf eine herbe, unnachgiebige Weise schön. Hohe Wangenknochen und eine feine Falte zwischen den Brauen ließen sie eisern wirken. Nur ihre Lachfalten zeichneten die Freude ihres Lebens in ihr Gesicht. Ihre Locken, einst dunkel wie der Waldboden, lagen als langer silberner Zopf über ihre Schulter.

Sie sahen einander sehr ähnlich – klein von zierlicher Statur, mit weichen Gesichtszügen, die Nähe und Wärme versprachen. Und doch waren sie so verschieden, wie es Mutter und Tochter nur sein konnten. Als oberste Heilerin war Maelins Blick kontrollierend, berechnend. Es lag keine Wärme in ihren Augen. Nur Erwartung.

„Bitte verzeih, Maelin.“ Die Worte kamen leise von ihr, korrekt. Keine Wärme, kein kindliches Flehen. Niemals würde sie hier Mutter sagen. Nur im Schutz ihrer kleinen Hütte, wenn Maelin sie mit sanfter Stimme in den Schlaf sang und das Gewand der Heilerinnen ablegte, wurde sie zu dem, was sie wirklich war: Eine Mutter mit gebrochenem Herzen, das niemand sehen durfte.

Ein Geräusch zerschnitt den Moment der Stille – Hufe – schwer und gleichmäßig. Kein Galopp. Keine spielerische Jagd. Ein ruhiger, kontrollierter Ritt.

Gespräche verebbten. Gesang verstummte. Leyla richtete sich auf. Feuchte Erde klebte noch an ihren Knien, ein dunkler Abdruck zeichnete sich auf dem Leinen ihres Kleides ab. Die Robe in den Farben des Waldes spannte sich leicht über ihre Hüften, die Ärmel waren mit Kräuterresten bestäubt. Ihr Haar – wild gelockt und braun – hatte sich begonnen aus dem Band zu lösen, das sie am Morgen sorgsam eingeflochten hatte. Einige Strähnen fielen in ihr Gesicht.

Sie ahnte wer auf sie zu kam, noch bevor eine der jungen Heilerinnen seinen Namen flüsterte: „Es ist der Alpha.“

Das beständige Traben der Hufe verlangsamte sich, bis es verstummte. Der Reiter bewegte sich mit ihm wie eine Einheit, beherrscht, ruhig, ohne jede Hast. Sein schwarzer Hengst, hoch gewachsen, muskulös und mit vom Tau glänzenden Fell, schnaubte.

Kilian Moore, der Alpha des Dämmergrat-Rudels, war gekommen. Selten traf man ihn in den Gärten und er kam nie ohne Grund. Schon seine bloße Anwesenheit veränderte die Stimmung. Etwas wurde schwerer, dichter. Wie eine Kälte auf der Haut, die sich tief in den Körper und das Herz fraß.

Er stieg am Rand des Gartens ab, streichelte beinahe liebevoll den Hals seines Hengstes. Mit jedem Schritt zog er die Aufmerksamkeit auf sich. Sein Gang war ruhig, zielstrebig auf dem feuchten Stein.

Kilian war groß, seine Schultern breit, der Körper von der Art, die keine Zierde trug, sondern Spuren. Alte Narben zogen sich über Stirn und Wange, als habe der Krieg selbst ihn gezeichnet und doch verschont. Die Haut vom Wetter und Schlachten gegerbt, das Gesicht kantig, streng, fast grausam in seinem Ernst und dennoch faszinierend. Sein Bart war dicht, von Grau durchzogen wie sein langes, locker gebundenes Haar. Einzelne Strähnen hatten sich gelöst und fielen ihm in die Stirn wie dunkles Silber.

Doch es waren seine Augen, die sie den Atem anhalten ließen.

Bernsteinfarben. Glühend wie flüssiger Honig im Schatten und darin ein Licht, das nicht menschlich war. Kein Zorn, kein Mitgefühl, nur Wachsamkeit, Schwere, und etwas Uraltes. Etwas, das nicht nach Zustimmung fragte, sondern still entschied.

Bilder von alten Runen zogen sich über seine Unterarme – in die Haut gebrannt, Zeichen der Bindung, des Blutes, der Macht. Niemand im Garten kannte ihre volle Bedeutung. Aber jeder spürte: Sie waren ein Eid.

Sein Mantel war schlicht, aus dunkler Wolle, der Stoff schwer vom Morgentau. Nur am Kragen zeigten sich eingewebte Muster – kaum sichtbar, aber alt. Das Alpha-Zeichen war nicht nötig. Seine Präsenz war das Zeichen.

Leyla wagte kaum zu atmen. Ihre Wölfin jedoch wich nicht zurück. Sie spannte sich an, nicht aus Angst, sondern aus Achtung. Vielleicht auch aus Widerstand.

Er sprach nicht sofort. Sein Blick wanderte zu Maelin. Für einen Moment war da Stille und ein unausgesprochener Respekt, der zwischen ihnen stand. Nicht Freundschaft. Nicht Gleichheit. Aber etwas wie geteilte Verantwortung.

„Guten Morgen, Hüterin Maelin.“ Seine Stimme war ruhig, tief, klar wie ein Tropfen Harz auf kaltem Stein.

„Guten Morgen, Alpha Kilian.“ Maelins Ton war ungewohnt weich, beinahe warm – ein Schatten vergangener Vertrautheit. Leyla erinnerte sich an diese Stimme. So hatte sie früher geklungen, wenn sie ihren Vater begrüßt hatte, wenn er nach langen Jagden heimkam.

Kilian nickte nur. Ein kurzes, fast unmerkliches Zucken des Kopfes, doch es ließ Leyla das Blut in den Adern gefrieren. Sie wollte sich zurückziehen, verbeugen, sich der nächsten Aufgabe widmen. Doch seine Stimme hielt sie zurück.

„Bleib, Leyla.“

Ihr Name in seinem Mund, nicht kalt, nicht sanft. Nur gesprochen, als sei er eine unumstößliche Wahrheit.

„Heute ist der Tag deiner Segnung. Die Mondgöttin wird dir deinen Platz im Rudel offenbaren.“

Leyla hielt inne. Die Worte des Alphas hallten in ihr nach – nicht wegen ihrer Bedeutung, sondern wegen der Art, wie er sie gesprochen hatte.

Sie senkte leicht das Kinn, ein stilles Zeichen des Gehorsams, und trat wieder einen Schritt heran. Ihre Finger berührten flüchtig das raue Leinen ihres Kleides, als könne sie sich daran festhalten. Während die anderen Heilerinnen sich wortlos abwandten und weiter ihrer Arbeit nachgingen, blieb sie zurück. Allein mit Kilian und ihrer Mutter. Allein mit dem Gewicht dessen, was kommen würde.

Tief in ihrem Herzen jaulte ihre Wölfin, sie fühlte sich stets unwohl in der Nähe des Alphas. Leyla spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Ihr Instinkt versuchte sie zu warnen: Zu nah. Zu offen. Zu greifbar.

Sein Blick verriet nichts und sie wagte nicht zu fragen, was er ahnte. Aber sie wusste, welches Geheimnis sie verbarg. Und vielleicht, nur vielleicht, spürte er es längst.

Maelin sagte nichts. Auch in ihrem Blick war kein Zeichen von Überraschung. Keine Sorge. Kein Protest. Nur das angespannte Schweigen einer Frau, die gelernt hatte, Kontrolle über alles zu wahren, selbst wenn es das eigene Kind betraf.

Dann trat sie einen Schritt zur Seite, kaum merklich, aber eindeutig. Sie überließ Kilian das Wort. Und das Gewicht dieses Moments fiel mit ganzer Schwere auf Leylas Schultern.

Kilian hob den Blick. Und zum ersten Mal sah er sie wirklich an.

„Die Segnung der Mondgöttin wird jenen zuteil, die ein großes Potenzial in sich tragen und die Kunst der Heilung über Blut stellen “, begann er, ruhig, mit einer Stimme, die tief eindrang in Haut, Herz und Gedanken. „Seit Jahrhunderten ist es so, dass Frauen deines Alters ihren Segen empfangen und jedes Mal verändert sich unser Rudel.“

Er ließ eine Pause. Lang genug, dass sich das Prickeln in Leylas Nacken wieder zeigte.

„Heute bist du es die den Segen empfängt, eine Tochter alter Blutlinie.“, fuhr er fort. „Bist du bereit, deinen Platz zu finden, Leyla?“

Seine Worte blieben zwischen ihnen stehen wie Nebel – dicht, schwer, undeutbar.

Maelin verschränkte die Arme. Ihre Miene blieb reglos, doch Leyla spürte es: Etwas spannte sich zwischen den beiden. Etwas Unsichtbares, das bei der kleinsten Bewegung reißen konnte.

Ihr Name aus seinem Mund wirkte wie ein Schlüssel, der etwas in ihr aufschloss oder etwas verlor. Kein Befehl, keine Bitte. Nur die unausweichliche Wahrheit eines Schrittes, den niemand für sie gehen konnte.

Ihr Herz pochte hart gegen ihre Rippen. Für einen Moment regte sich der Drang zur Flucht, nicht körperlich, sondern in Gedanken, in Erinnerungen, in das, was einmal Sicherheit war. Doch er verging.

Sie trat vor. Langsam. Jeder Schritt bewusst. Der nasse Stein unter ihren Füßen schien den Klang ihrer Bewegung zu verschlucken, und doch fühlte sie sich plötzlich nackt, gesehen, gewogen, vielleicht schon verurteilt.

In ihrem Innersten kreiste ihre Wölfin, unruhig, mit angelegten Ohren. Wachsam. Bereit.

Wir sind nicht schwach, dachte Leyla.

Kilian beobachtete sie, nicht mit Härte, nicht mit Milde, nur mit diesem prüfenden, schwer zu deutenden Blick, der in ihr den Wunsch weckte, zu wissen, was er sah.

„Du wirst heute Nacht deinen Segen empfangen“, sagte er. „Und aus diesem Grund verlässt du nun den Garten. Geh in das Haus der Ältesten. Sie werden dich vorbereiten.“

Er sprach ruhig, ohne Eile. Aber es war kein Platz für Zweifel in seinen Worten. Kein Raum für Verweigerung.

Er sagte nichts weiter. Er sah sie nur an, sprach kein Wort und doch war alles an ihm prüfend, abschätzend und in dieser Stille brachte sie kein Wort hervor.

Mit einem stummen Nicken nahm sie seine Worte an. Sie verbeugte sich leicht vor Maelin, die sie weder berührte noch aufhielt. Dann wandte sich Leyla ab und verließ den Garten. Mit jedem Schritt entfernte sie sich von den vertrauten Stimmen, dem Duft der Kräuter, der Kühle des alten Steins unter den nackten Füßen.

Der Pfad, der zum Haus der Ältesten führte, schlängelte sich tief in den Wald hinein. Moosüberwucherte Steine säumten ihn wie stumme Wächter. Die Luft war feucht, durchzogen vom Geruch nasser Rinde und altem Laub. Nebelschwaden tasteten über den Boden wie Hände, die suchten.

Als sie hinter sich nichts mehr hörte, ließ Leyla die Schultern sinken. Ihre Haltung entspannte sich kaum merklich, aber es reichte. Der Druck der Blicke war fort. Nur noch die Bäume begleiteten sie.

Wo bist du kleine Schwester?

Fragte sie in ihrem Geist und ihre Wölfin antwortete sofort. Kein Beben. Kein Knurren. Nur voller Fragen.

Ich bin immer bei dir Leyla.

Die Stimme ihrer Wölfin war ruhig, klar. Kein Knurren. Kein Drängen. Nur Wachheit. Und Verständnis.

Leyla blieb stehen, legte eine Hand auf den Stamm einer alten Eiche. Die Rinde war kühl, ihre raue Oberfläche schien den Puls der Erde zu tragen. Sie lehnte die Stirn an das Holz, atmete tief durch die Nase ein.

Was wird heute Nacht nur aus uns?

Fragte Leyla und ihre Wölfin spürte die Angst in ihrem Herzen. Die Angst, diese Seite ihres Seins zu verlieren.

Ich weiß es nicht, sagte ihre Wölfin. Aber unser Band ist stark. Wir sind eins – auch wenn sie versuchen, es zu trennen.

Leyla schloss die Augen. Ihre Lippen formten ein schwaches Lächeln – klein, aber echt. Und kurz. Denn die Kälte kam zurück, kriechend, wie ein Schatten, der ihr zu folgen schien.

Sie wusste, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte.